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Interview

Über Kinder des Krieges in Syrien: "Sie wachen nachts schreiend auf"

Tausende Kinder starben in dem seit Jahren andauernden Krieg in Syrien. Wer überlebt, ist traumatisiert. Katharina Ebel von der Organisation "SOS-Kinderdörfer weltweit" erzählt im stern-Interview von Kindern, die keinen Frieden kennen. Von ihrem Leid und ihren Hoffnungen.

Der Junge wird nach einem Luft-Bombardement bei Damaskus in Syrien im Juli 2016 in einem Feldlazarett versorgt.

In Syrien sterben und leiden Kinder - immer noch. Er hat überlebt: Der Junge wird nach einem Luft-Bombardement bei Damaskus im Juli 2016 in einem Feldlazarett versorgt.

Seit rund sechs Jahren herrschen Krieg und Gewalt in Syrien. Was als Bürgerprotest begann, ist längst ein internationaler Konflikt - unter Beteiligung der Supermächte USA und Russland. Millionen Menschen mussten ihre Heimat verlassen, Hunderttausende verloren ihr Leben. Und mittendrin sind die Schwächsten, die . Sie wurden zu Waisen, sie wurden verletzt und tausendfach getötet. Wer überlebt hat, ist traumatisiert - womöglich ein Leben lang. Und ein Ende des Mordens in Syrien ist nicht absehbar.

Katharina Ebel stellt sich dem Elend entgegen. Für die Organisation "SOS-Kinderdörfer weltweit" ist die 37-Jährige in den Krisengebieten der Welt unterwegs, um Kindern zu helfen, zuletzt ist sie im Oktober aus Syrien zurückgekehrt. Dem stern schildert Katharina Ebel ihre bedrückenden Erfahrungen.

Frau Ebel, Sie betreuen in ihren verschiedenen Einrichtungen in Syrien Hunderte Kinder, Tausende Familien werden von den "SOS-Kinderdörfern weltweit" versorgt. Wie gelingt es Ihnen, den betreuten Kindern einen halbwegs normalen Alltag zu bieten?

Das ist das, worauf wir am meisten Wert legen und uns am meisten drauf konzentrieren: Wir versuchen, dass die Kinder so früh wie möglich in die Schule gehen können, dass es regelmäßige Mahlzeiten gibt, dass es einen strukturierten Alltag mit Regeln gibt. Auch wenn man sich das nicht vorstellen kann: Wir gehen mit den Kindern auch ins Kino, zum Eis essen oder zum Schwimmen, soweit das möglich ist. Das machen wir zum Beispiel in Damaskus und überall, wo es die Sicherheitslage erlaubt. Wir versuchen, viel mit den Kindern zu spielen, Therapien sind nur ein Baustein im Wochenablauf. Kinder haben ihre Eltern verloren oder ihr Zuhause, einige wurden auch selbst verletzt. Da ist es sehr wichtig, dass sie auch im Kriegsalltag Normalität erleben.


Viele Kinder haben in ihrem ganzen Leben nichts anderes als Krieg kennengelernt, können die überhaupt noch jemandem vertrauen?

Natürlich kann man das nicht verallgemeinern, es kommt immer darauf an, was ein Kind erlebt hat. Kindern, die zum Beispiel acht Jahre oder älter sind, fehlt das Urvertrauen, die kennen nur Unsicherheit. Die haben erlebt, wie ihre Eltern gestorben sind, wie Freunde verletzt oder Bekannte verschleppt wurden. Wir betreuen Kinder, die alleine auf der Straße gelebt haben, weil sie von ihren Eltern getrennt wurden, und sich monatelang alleine durchgeschlagen haben - das vergessen die nicht.

Ein Kind vergisst auch nicht, wenn es beschossen wurde oder über Monate unter konstantem nächtlichem Bombenhagel gelebt hat. Das prägt sich ein, da ist kein Vertrauen mehr da. Und dieses Vertrauen muss über sehr lange Zeit wieder aufgebaut werden. Die Kinder verstehen auch die Folgen solcher Ereignisse auf ihre Psyche häufig nicht, es geht da um Albträume oder Aggressionen. Sie können zwar erzählen "Ich habe gesehen, wie jemand gestorben ist", aber sie können häufig nicht begreifen, woher diese Gedankenschleifen oder ihre Traurigkeit kommen, woher sogar Selbstmordphantasien kommen.

Wie verhalten sich solche traumatisierten Kinder?

Einige ziehen sich komplett zurück, sind nicht mehr in der Lage, Gefühle zuzulassen oder verletzen sich teils auch selbst. Wir erklären ihnen, dass Weinen okay ist, dass Trauer okay ist. Dabei helfen zum Beispiel Entspannungsübungen oder Gespräche. Viele Kinder sprechen aber auch einfach nicht, vor allem die kleineren. Wir wissen dann nicht, wo die herkommen oder was mit den Eltern und Verwandten ist, sie reden schlicht nicht oder haben keine Erinnerungen. Unsere Psychologen versuchen dann, diesen Kindern zu vermitteln, dass sie jetzt sicher sind und dass wir sie beschützen. Oft hilft das, damit sie sich wieder erinnern und reden können. Das braucht sehr viel Zeit und Einzelbetreuung, das ist auch für unsere Organisation extrem schwierig. Je länger der Krieg dauert, desto mehr traumatisierte Kinder gibt es. Und der Krieg bringt noch mehr Leid hervor: Armut, Kinderarbeit oder Frühverheiratung zum Beispiel.

Was befürchten Sie für diese Generation, wenn irgendwann mal wieder Frieden in Syrien einkehrt?

Eine Folge von Traumata kann sein, dass Erinnerungs- und Konzentrationsvermögen eingeschränkt sind oder abhandenkommen. Was zum einen bedeutet, dass die Kinder als Erwachsene wahrscheinlich schlechter gebildet sein werden, Anderen fehlen viele Jahre in der Schule. Deshalb spricht man oft von einer verlorenen Generation. Zum anderen geht dieses Misstrauen, was einmal gesät wurde, nicht so schnell wieder weg. Dieses Misstrauen werden viele Menschen auch an die Folgegeneration weitergeben. Ich erlebe das auch im Irak: Die gesamte Gesellschaft ist durch Krieg und Gewalt traumatisiert und teil von Misstrauen und Egoismus geprägt. Die Familie ist oft der einzige verlässliche Schutz.

Können Eltern ihren Kindern denn überhaupt noch Schutz bieten oder zumindest Sicherheit simulieren, wenn die Kinder so viel Grauenvolles durchgemacht haben?

Viele Eltern sind zu sehr damit beschäftigt, selber jeden Tag zu überleben. Auch sie sind durch den Krieg traumatisiert. Sie haben Verluste hinnehmen müssen. Mütter sind teilweise extrem überfordert und können den Schutz und die Liebe gar nicht geben. Die Gewalt hat auch Auswirkungen auf Erwachsene, sie sind zum Teil depressiv oder können gar keine Gefühle mehr zulassen. Dann können sie auch keine Gefühle an ihre Kinder weitergeben. Sie sind einfach nicht mehr dazu in der Lage, für ihre Kinder zu sorgen.

Mütter in Syrien sind nicht anders als in Deutschland, sie wollen ihre Kinder oder Neugeborenen nicht weggeben, müssen es aber aus der Not heraus trotzdem tun. Und die Kinder verlieren das Gefühl von Sicherheit.

Wie spielen und lernen Kinder in Ihren Einrichtungen?

Viele sind sehr zurückgezogen, sie beteiligen sich nicht, sie hocken nur in einer Ecke oder weinen. Manche sind aggressiv. Wenn sie denn spielen, spielen sie wie jedes andere Kind auf der Welt. Bis sie sich am Spielen beteiligen, dauert es aber. Es gibt Ängste davor, mit anderen Kindern Kontakt aufzunehmen, sich mit anderen zu konfrontieren.

Auch der Schulbesuch ist schwer. Viele Kinder haben einige Schuljahre verpasst, sie haben nur lesen und schreiben gelernt und sitzen dann mit 13 Jahren in der ersten oder zweiten Klasse. Das ist kein Spaß, auch nicht fürs Selbstbewusstsein. Die Kinder haben ja ohnehin schon einen großen Rucksack zu tragen, durch Entwurzelung zum Beispiel. Unter diesen Voraussetzungen ist Lernen natürlich sehr schwer. Bei einigen Kindern ist der Schulbesuch auch gar nicht das wichtigste. Die müssen erstmal ins Leben zurückgeholt und begeistert werden, mit Dingen, die sie interessieren: Fußball spielen, malen oder Theater. Die Schule ist dann erst der nächste Schritt.

Haben die Kinder noch die gleichen Wünsche wie Kinder, die im Frieden aufwachsen?

Das ist relativ normal, die wünschen sich Spielzeug, Klamotten oder Süßigkeiten. Es sind eben Kinder. Ein Kollege hat sie in Aleppo gefragt, was sie später werden möchten. Letztendlich wollen sie all das werden, was es gerade nicht gibt: Arzt, Bäcker oder Lehrer. Viele der Kinder haben den Wunsch zu helfen. Sie wollen, dass es mal anders und besser wird.

Macht Ihnen das Hoffnung?

Bestimmt. Wenn Kinder diesen Schritt machen können und nicht mit Hass aufwachsen und sie sehen, dass man etwas Gutes tun kann, dann macht das Hoffnung. Es ist jetzt an uns, die Kinder so zu fördern, dass sie die Chance haben, ihre Ziele zu erreichen.

Wie sehen die Nächte in Ihren Einrichtungen aus? Was erleben die Kinder, wenn es dunkel wird?

Bei manchen Kindern, die traumatische Erfahrungen gemacht haben, gibt es sogenannte Trigger. Das kann ein Geräusch sein, eine Farbe oder ein Geruch, die dafür sorgen, dass Erinnerungen immer wieder kommen. Dann gibt es Albträume, manche wachen nachts schreiend auf. Wir haben auch viele Kinder, die Bettnässer sind, zum Teil im Teenager-Alter.

Unser Kinderdorf in Damaskus lag zeitweise direkt auf der Frontlinie. Die Parteien beschossen sich über das Dorf hinweg, nächtelang. Solche Nächte sind furchtbar. Sie machen einfach nur Angst. Da weiß man nicht mehr, wo man hinsoll. Sie wissen dann nicht: Kommen die Bomben näher oder nicht? Wo schlagen sie als nächstes ein? Sind wir hier noch sicher? Und die Geräusche sind ohrenbetäubend. Metallisch krachend. Solche Nächte durchleben die Kinder immer wieder - selbst wenn es ruhig ist.

Wer ist bei Ihnen vor Ort, um den Kindern dann beizustehen?

Unsere Therapeuten und Psychologen kommen zum Teil gerade von der Uni. Aber es fehlt an Personal und Fachexpertise, weil schon solange keiner mehr ins Land kommen konnte, um Leute auszubilden und weil Fachleute sich bis heute nicht ins Land trauen. Seit rund einem dreiviertel Jahr können wir auch wieder Fachkräfte von außerhalb ins Land schicken, aber leider sind viele nicht dazu bereit.

Letztendlich brauchen auch all unsere Erzieher, Sozialarbeiter und Betreuer eine Ausbildung, um zu realisieren, was ein Trauma ist und wie sie darauf reagieren können. Die Betreuer sind natürlich auch vom Krieg betroffen, sie leben ja in Syrien. Sie haben selber Familien, die teilweise geflohen sind, oder sie haben ihr Zuhause verloren. Sie haben auch Angehörige verloren. Sie beschäftigen sich selber jeden Tag mit Fragen wie "Sind wir hier noch sicher?", "Haben wir Wasser?", "Haben wir Strom", "Wo ist die Front?" Diese Fragen sind immer da, das ist jeden Tag präsent. Alle haben gepackte Koffer. So leben sie und das machen sie erstaunlich gut.

Interessieren sich die Syrer denn überhaupt noch dafür, wer in diesem Krieg für einzelne Taten verantwortlich ist oder haben die Menschen da schon resigniert?

Ein Kollege von mir in Aleppo hat nach dem Giftgasangriff von Chan Scheichun gesagt: "Uns überrascht hier nichts mehr, der Krieg hat uns sechs Jahre gekostet. Das Einzige, was er gebracht hat, war Zerstörung und Leid und Tod. Wer hier an der Macht ist, ist den meisten Syrern egal. Hauptsache jemand schafft es, langfristig Frieden zu schaffen. Die Menschen sind am Ende. Alle Entscheidungen sind politisch motiviert, und die Zivilisten zahlen den Preis. Die Intervention der USA nach dem Giftgasangriff hat zum Beispiel Panik ausgelöst. Wenn die USA jetzt Assad bekämpfen, dann werden sie Damaskus angreifen. Und das heißt: Wir bekommen ein zweites Aleppo." Das ist eine Horrorvorstellung.

Sie halten sich in potentiell sehr gefährlichen Gegenden auf, nur wenige Flugstunden von Deutschland entfernt. Wie gewöhnen Sie sich an den Kontrast zwischen der Heimat und zum Beispiel Syrien?

Es ist schwer, wieder normal in Deutschland anzukommen, vor allem wenn ich längere Zeit weg war. Vor allem ist es schwer, die Probleme der Menschen in Deutschland nicht arrogant als Nicht-Probleme zu betrachten. In Syrien sehe ich, um was die Menschen jeden Tag kämpfen müssen, teilweise ums nackte Überleben oder um eine Zukunft für ihre Kinder. Und dann komme ich nach Deutschland und hier geht es darum, in welchen Privat-Kindergarten die drei Kinder jetzt gesteckt werden oder wann man ein neues iPhone bekommt - das mag furchtbar arrogant klingen, aber wenn ich aus Syrien komme, sind das keine Probleme, die ich ernst nehmen kann. Und mit dem Kontrast muss ich immer wieder klarkommen. Das pendelt sich dann aber nach einiger Zeit auch wieder ein, weil ich dann selbst wieder die normalen deutschen Alltagsprobleme habe.

Welche Herausforderungen gibt es denn in Ihrem Alltag in Syrien?

Wir müssen Standorte finden, die so sicher sind, dass Kinder dort hinkommen können. Weil sich die Frontlinien in dem Krieg immer wieder verändern, ist das schwer. Dann haben wir einen Standort gefunden und der Krieg rückt plötzlich näher. Es fallen Bomben im selben Stadtviertel - was macht man dann?

Eine meiner ersten Entscheidungen in Syrien war, ob wir unser Übergangsheim in Aleppo evakuieren und nach Damaskus umziehen. Gehen wir also mit 30 Kindern auf die Straße oder nicht? Das war eine extrem harte Entscheidung, weil der Weg nach Damaskus zehn Stunden dauerte und nicht sicher war - eine gruselige Abwägung. Letztendlich haben wir evakuiert und das war die richtige Entscheidung: Zwei Tage später ging vor dem Übergangsheim eine Rakete nieder. Die Splitter hätten die Kinder verletzt oder Schlimmeres.

Bei all dem Leid, dass sie erleben: Haben Sie persönlich eigentlich noch Hoffnung, dass in Syrien Frieden einkehren wird?

Ehrlich gesagt: Nicht für die nahe Zukunft. Seit langer Zeit ist man in Syrien schon davon abhängig, dass sich die unterstützenden Mächte einigen. Man hätte lange schon sagen können: "Wir schicken keine Waffen, wir schicken keine Soldaten." Wenn sich die einzelnen Parteien zurückziehen und keine Seite mehr unterstützen, dann wären die Syrer unter Druck und möglicherweise eher bereit, über Frieden zu verhandeln. Solange es Unterstützung gibt, wird weitergekämpft, bis das Material ausgeht.

Wir haben einen UN-Sicherheitsrat, in dem als Vetomächte Kriegsparteien sitzen. Damit kann man keinen Frieden hervorbringen, das geht einfach nicht, weil geopolitische Interessen Priorität haben und den humanitären Interessen entgegenstehen. Letztendlich müsste man den UN-Sicherheitsrat umstrukturieren mit rotierenden Vetomächten. Es gab ja auch schon ein Waffenstillstandsabkommen für Aleppo, aber wer überwacht die Feuerpausen? Wo sind die Blauhelmsoldaten, um daraus einen dauerhaften Frieden zu machen?


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