
Wer Kurt Beck entspannt erleben will, muss in die Provinz fahren. Beim Rheinland-Pfalz-Tag in Bad Neuenahr wandert er die Stände ab© Michael Trippel
Man kann dazulernen, ohne sich verbiegen zu müssen. "Sicher, ich lerne ja auch dazu. Das heißt aber noch lange nicht, dass ich hier irgendeine Rolle spiele. Ich bin kein Anfänger mehr. Ich bin 59 Jahre alt und seit fast 14 Jahren Ministerpräsident. Ich habe keine Lust, mich in Schubladen stecken zu lassen."
Den Politikbetrieb in der Hauptstadt erlebt Kurt Beck als eine einzige nervöse Zone. In seinen Augen herrscht eine permanente Aufregung um Kleinkram, zu oft dreht sich zu vieles um Taktik, Personen, Intrigen. "Ich spüre an vielen Stellen zu wenig Liebe zur Sache. Das könnten Sie sich in einer Kommune nicht erlauben. Dort erwarten die Bürger von der Politik Ergebnisse, sonst nichts." Dann die permanente Nörgelei an seiner Person, die Häme schnöseliger Journalisten, das herabsetzende Gerede hinter seinem Rücken in der eigenen Partei - das verletzt ihn tief.
Wie tief, konnte man vorige Woche auf Becks Sommerreise durch Rheinland-Pfalz erleben. Da ist die ganze angestaute Wut aus ihm herausgeplatzt. Angebrüllt hat er die mitgereisten Journalisten aus Berlin, einen "Vernichtungsfeldzug" würden sie gegen ihn führen. "Ich möchte wenigstens einen Hauch ernst genommen werden", schrie er. "Da hat jeder Mensch ein Anrecht drauf." Jetzt, in seinem Büro, sagt er mit Bedacht: "Solch eine konsequente Stimmungsmache gegen eine Person gibt es selten in der Republik." Er fühlt sich behandelt wie ein Schwerverbrecher.
Diese Abgrundtiefe Kränkung - kann sie einen wundern? Bei einem Mann, der jeden Tag in der Zeitung lesen muss, er sei ein blutiger Amateur, Rudolf Scharping im Quadrat, zu dumm, einen Eimer Wasser umzustoßen? Der sich von angepassten Jungspunden seiner Partei, die noch nie eine Wahl gewonnen haben, erklären lassen muss, wie das politische Geschäft läuft im großen, gefährlichen Berlin?
Es ist mit bloßem Auge nicht zu erkennen, aber in diesem bulligen Pfälzer Kerl steckt eine große Verletzlichkeit. In seiner Kindheit stempelte ihn eine schlimme Hautkrankheit zum Außenseiter. Sein Gesicht, seine Hände, alle Körperteile waren voller Krusten und Ekzeme. So einer wurde gemieden. Er durfte nicht Messdiener werden - die anderen Kinder hatten Angst, sich bei ihm anzustecken.
Diese Empfindsamkeit schlägt heute oft in Trotz um. Kurt Beck hat seine Distanz zum Berliner Betrieb mittlerweile kultiviert. Er kann, er will nicht mehr anders. Neulich, in einer Journalistenrunde im Hinterzimmer eines Berliner Restaurants. Beck setzt gerade an, seine Großmutter zu zitieren. Deren Lebensweisheiten gibt er gemeinhin gern zum Besten. Plötzlich stockt er, schaut in die Runde und sagt: "Von meiner Großmutter darf ich nichts mehr erzählen. Das gilt bei Ihnen ja als provinziell." Daraufhin entwickelt sich ein Gespräch über Politik und Medien. Beck wird gefragt, woran es denn liege, dass dieses Verhältnis so gestört sei. "Immer an mir!", antwortet er.
Sobald Kurt Beck mit dem Flugzeug in Berlin landet, hat er das Gefühl, feindlichen Boden zu betreten. Er selbst nimmt das nicht so wahr, aber sogar seine engsten Mitarbeiter beobachten mit Entsetzen, wie aus dem Körper ihres Chefs alles Lebenslustige und Fröhliche entweicht, sich seine Miene verfinstert, er mürrisch wird. Nach den Terminen zieht er sich in die rheinland-pfälzische Landesvertretung, seine Festung, zurück.

Der SPS-Vorsitzende besucht das Evangelische Geriatriezentrum in Berlin-Wedding. Er ist gern "nah bei den Menschen", da fühlt er sich wohler als in der Parteizentrale© Michael Trippel
In der Hauptstadt hat Beck all das nicht, was ihn in Rheinland-Pfalz erfolgreich sein lässt: eine Hausmacht, natürliche Autorität, unbedingte Loyalität in seinem engen Umfeld, ein braves Pressekorps, übersichtliches Terrain. Den Zuwachs an Macht erlebt er als persönlichen Kontrollverlust. Er hat es versäumt, die ausgeblutete SPD-Zentrale mit Leuten seines Vertrauens zu besetzen. Seine Bataillone in Berlin: ein Büroleiter.
In Mainz wird der Ministerpräsident mit seinen Stärken wahrgenommen - in Berlin gieren sie alle immer nur nach den Schwächen des SPD-Vorsitzenden. Und Schwächen hat er, oh ja. Zum Beispiel seine, nun ja, Reden. Abenteuerliche Substantivkonstruktionen, die sich in steile Höhen schrauben, aber niemals zur Erde zurückkehren.
Steht Beck vor vier Wochen im Willy-Brandt-Haus und soll erklären, warum die SPD Gesine Schwan als Kandidatin fürs Bundespräsidentenamt nominiert. Er sagt nicht einfach: Frau Schwan ist eine kluge Frau, besser als Köhler, eine Bereicherung unserer demokratischen Kultur. Er fühlt sich gezwungen, nach großen, wichtigen Worten zu suchen. Er sagt: "Es ist zum Ausdruck gebracht worden, dass wir uns über ihre Bereitschaft zu kandidieren sehr freuen, weil wir überzeugt davon sind, dass gerade im kommenden Jahr, in dem wir auf 60 Jahre Bundesrepublik Deutschland zurückschauen, 20 Jahre seit dem Mauerfall miteinander in Erinnerung rufen werden, gut daran tun, die Diskussion in der Bundesrepublik Deutschland lebendig zu halten und eine Diskussion in Deutschland zu führen, die vom Zusammenhalt der Gesellschaft geprägt ist, aber auch von vielen intellektuellen Impulsen, von Liberalität und von Gerechtigkeit, und die geprägt ist von der Bereitschaft, auf europäischer Ebene und darüber hinaus international um diese Werte neu und mit neuem Schwung zu ringen."
Nein, den großen Auftritt beherrscht er nicht. Beck ist ein solider Handwerker, ein Problemlöser. Er bewegt sich nicht gern auf neuen, unbekannten Wegen. Es ist kein Zufall, dass er seinen bislang schwersten Fehler im Umgang mit der Linkspartei beging. In Rheinland-Pfalz ist die Welt ja immer noch so übersichtlich wie in der alten Bundesrepublik: vier Parteien, keine Kommunisten. Beck dachte, das bleibt überall im Westen so. Als die Rechnung nicht aufging, sagte er erst Nein zu einer Zusammenarbeit mit der Linken, dann Ja, dann Jein. Becks Glaubwürdigkeit ist schwer beschädigt.
Seine Macht erodiert. Sogar zu Hause, in Rheinland-Pfalz, hat er in Umfragen seine absolute Mehrheit verloren. Und die Genossen in Berlin überziehen ihren Parteichef aus der Provinz mit Hohn und Spott - dieselben Genossen, die stolz verkünden, die SPD sei auch die Partei der kleinen Leute. Der vielen Becks. Dabei verdient dieser Kurt Beck Mitleid. Kein billiges Mitleid, sondern eines, das den Blick aufs Wesentliche lenkt. Hans Magnus Enzensberger nannte es mal das "analytische Erbarmen", das nötig sei, um das Elend der Politiker zu begreifen.
Das Elend des Kurt Beck ist offensichtlich: Er hat vor zwei Jahren mit dem SPD-Vorsitz einen Höllenjob übernommen, und er ist damit heillos überfordert; so wie jeder andere Sozialdemokrat auch überfordert wäre.
Die SPD steckt in einer der größten Krisen ihrer Geschichte, sie hat ihren Kurs und ihre Identität verloren, sie kann nicht mehr erklären, was soziale Gerechtigkeit im Zeitalter der Globalisierung ausmachen soll, sie verliert seit Jahren Wahlen und Mitglieder, sie ist eingeklemmt zwischen CDU und Linkspartei, sie leidet an der Großen Koalition - und was macht die Partei? Sucht stets nach ihrem Retter, dem Helden, der sie von ihrem trostlosen Dasein befreit. Mit einem normalen Parteichef wie Beck, der versucht, halbwegs ordentlich seine Arbeit zu machen und die Rettung als kollektiven Prozess zu organisieren, kann sie nichts anfangen. Mitunter reicht eine einfache Erklärung: Die SPD mag sich selbst nicht - deshalb mag sie auch nicht ihre Vorsitzenden.
Kurt Beck ist der siebte Parteichef in 14 Jahren. Folgt jetzt der achte? Die Genossen wissen es selbst nicht. Sie sind kopflos, ihre Führung ist zerstritten, ihr Vorsitzender waidwund, wilde Putschgerüchte machen die Runde. Jederzeit scheint alles möglich. Aber noch ist Kurt Beck nicht erledigt. Sein Machtwille und seine Zähigkeit sind nicht zu unterschätzen. Und mit seinem Pflichtgefühl muss die SPD rechnen. Hinschmeißen wie Lafontaine? Würde Beck nie. So was verachtet er. Er will nicht weichen. Weder als Parteichef noch als potenzieller Kanzlerkandidat.
Kurt Beck sitzt in seinem Büro im Willy-Brandt-Haus. Hinter seinem Schreibtisch hängt ein Bild vom K-Frage erst nach Bayern-Wahl Brandenburger Tor. Er mag die verwischten Farben darauf. Beck ist im Gespräch bei der Machtfrage angekommen. Er will die Kanzlerkandidatur frühestens nach der Bayernwahl im September entscheiden. Alles andere ergibt für ihn keinen Sinn, eine zu frühe Nominierung eröffnet nur die Jagd des Gegners auf den SPD-Kandidaten. Den Fahrplan hat er mit seinem Rivalen Frank-Walter Steinmeier, dem Außenminister, bei einem Treffen im Mai verabredet. Beck oder Steinmeier - in seinen Augen ist das Rennen offen. Der mit den besseren Chancen soll antreten.
Es ist ein Plan aus der Beck-Welt, in der man sich an Verabredungen hält. Ein Handwerkerplan. Steinmeier plant doch längst seine eigene Kandidatur. Glauben alle. In Berlin. "Das ist Quatsch", sagt Kurt Beck. "Ich weiß es besser." Sie glauben allen Ernstes, die Entscheidung in der Hand zu haben, Herr Beck? "Ja. Ich bin der Parteivorsitzende." Noch.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 27/2008