7. Juli 2009, 16:41 Uhr

"Die Risikobereitschaft ist gestiegen"

Kritiker planen ihre Proteste gegen die G8-Gipfel mittlerweile fast so perfekt wie die Polizei ihre Sicherheitsvorkehrungen. Im stern.de-Interview erklärt Gipfelkritiker Matthias Monroy, was das Besondere an den Protesten gegen den Gipfel in L'Aquila ist, wie die Aktionen dagegen aussehen - und welche Forderungen die Aktivisten haben.

G8 gipfel, láquila, italien, proteste, demonstrationen

Demonstranten forderten im März im sizilianischen Syracus eine neue Klimapolitik von den G8 - Umweltministern©

Wogegen richtet sich der Protest der Gipfelkritiker in diesem Jahr?

Der G8-Gipfel soll im Erdbebengebiet stattfinden und instrumentaliert das Leid der Bevölkerung der Abruzzen. Dagegen regt sich landesweiter Widerstand. Es wird Proteste in mehreren italienischen Großstädten geben, aber auch in L'Aquila, der Provinzhauptstadt des Erdbebengebiets. Es wird mehr dezentral organisiert als in vergangenen Jahren, italienische Aktivisten rufen zu "diffused actions" auf.

Welche Kritikpunkte an den G8 haben die italienischen Linken formuliert?

Verschiedene Gruppen und Spektren sind involviert, die Bandbreite der Kritik ist breit. Das Besondere beim diesjährigen G8 ist der Fokus auf Ministertreffen, die regelmäßig vor den Gipfeln stattfinden. In Italien gibt es seit Monaten Demonstrationen, Workshops, Vollversammlungen: Gegen Militarismus auf Sardinien, gegen zunehmende Umweltverschmutzung auf Sizilien, gegen elitäre Bildungspolitik in Turin, gegen neoliberale Agrarpolitik in Treviso, gegen kapitalistische Krisenbewältigung in Lecce. Zielscheibe von "direkten Aktionen" waren die Internationale Organisation für Migration (IOM) und ein Labor für Gentechnik. Ein Höhepunkt waren Proteste anläßlich des Treffens der G8-Innenminister in Rom Ende Mai, wo nach "italienischem Modell" einschneidende Verschärfungen, etwa im Bereich von Migrationspolitik, verhandelt wurden.

Globale Krisen erfordern gemeinsame Anstrengungen aller Staaten. Die jährlichen Treffen der G8 sollen zur Lösung der Probleme beitragen. Warum werden die Gipfel so heftig kritisiert?

Welcher der 34 früheren Gipfel hat denn welche Krise nachhaltig gelöst? Selbst G8-freundliche Forschungsinstitute kommen zum Ergebnis, dass die Hälfte aller verhandelten Themen "Sicherheitsfragen" sind. Globale soziale Probleme wie Armut, Migration, Landwirtschaft, Ressourcen werden als Risiko für die Industrieländer betrachtet. Der italienische Außenminister bezeichnet die G8 als "Weltleitung", die "Sicherheit produziert". Dabei sind es jene Industrieländer, die für die meisten dieser Probleme verantwortlich sind. Die G8 sorgen sich um die "Sicherung von Rohstoffketten". Darum geht es: die Aufrechterhaltung des kapitalistischen Wirtschaftssystems.

Berlusconi hat den G8-Gipfel überraschend von La Maddalena in das vom Erdbeben schwer zerstörte L´Aquila verlegt. Angeblich ein geschickter Schachzug, um Großdemonstrationen und Massenproteste gegen das Weltwirtschaftstreffen zu verhindern. Wird er mit dieser Strategie Erfolg haben?

Ironischerweise hat erst die Verlegung zu großer Aufmerksamkeit auch im Protestspektrum geführt. Auf La Maddalena wollten sich die G8 in eine militärisch gesicherte ehemalige U-Boot-Basis verkriechen. L'Aquila dürfte zwar einfacher erreichbar sein, die Zufahrtsstraßen werden aber schon jetzt kontrolliert. Die Armee setzt Predator-Drohnen ein, um Menschenansammlungen frühzeitig aufzuklären. Allerdings hat Berlusconi die Wut der Einwohner der Abruzzen auf die Regierung unterschätzt, die sich jetzt gegen das G8-Treffen kanalisiert. Die Leute sind sauer, wenn sie nicht wie versprochen entschädigt werden, stattdessen aber für Hunderte Millionen eine Prestigeveranstaltung in ihrer Stadt abgehalten wird.

Gab es im Vorfeld Kontakte mit den Einwohnern der Region um L´Aquila? Wie stehen die Menschen dort zu den Gipfelkritikern?

Bereits am ersten Tag nach dem Beben hatten linke Gruppen begonnen, Camps und Hilfslieferungen zu organisieren. Dem Zivilschutz, der die staatlichen, militarisierten Camps betreibt, ist die "Aufbauarbeit von unten" suspekt. Die Aktivisten werden schikaniert, Regierung und Polizei lancieren, die Camps seien vom "Black Block" unterwandert. Das hat dazu geführt, dass nicht alle lokalen Komitees um L'Aquila die gemeinsame Abschlußdemonstration am 10. Juli mittragen wollen.

In den vergangenen Jahren war eine Zunahme der Gewaltbereitschaft bei Demonstrationen zu beobachten. Geht es einem Teil des globalisierungskritischen Spektrums nicht mehr um politische Forderungen, sondern eher um ritualisierte Auseinandersetzungen mit der Polizei?

Ich denke eher, dass die Risikobereitschaft von Demonstranten gestiegen ist. Die Leute haben die Erfahrung gemacht, dass Großdemonstrationen, etwa gegen den Krieg in Afghanistan, von den Adressaten des Protests, also Regierungen, vereinnahmt werden. Hinzu kommt, dass politische Auseinandersetzungen in anderen Ländern traditionell durchaus militant auf der Straße ausgetragen werden - in Straßburg ging die Polizei kürzlich mit Tasern und Tränengas gegen streikende Gefängniswärter vor, die Barrikaden errichteten. Bei internationalen Gipfelprotesten werden neue Aktionsformen erprobt und voneinander abgeschaut. Das Blockadekonzept von Heiligendamm ist in anderen Ländern erfolgreich angewendet und weiterentwickelt worden. Andersherum waren viele deutsche Aktivisten beeindruckt von der militanten Bereitschaft in Griechenland, Italien und Frankreich, Demonstrationsverbote und Polizeiangriffe nicht unbeantwortet zu lassen. Ein "staatliches Gewaltmonopol" wird nicht akzeptiert.

Während des Gipfels in Genua 2001 wurde ein Demonstrant erschossen. Dutzende Gipfelkritiker wurden während eines nächtlichen Polizeiangriffes zum Teil schwer verletzt. Die späteren Gerichtsurteile gegen die Beamten fielen milde aus. Wie gehen Sie als einer der Betroffenen damit um?

Ich habe nichts anderes erwartet. In linken Bewegungen ist das Vertrauen in die Justiz gering, die Urteile in Genua bestätigen das. Die italienische Regierung weigert sich sogar, gerichtlich angeordnete Entschädigungen für Betroffene der Polizeigewalt zu zahlen. Stattdessen sind 25 italienische Aktivisten wegen des G8 in Genua in erster Instanz zu hohen Haftstrafen verurteilt worden. Hierfür organisieren wir Solidarität und Öffentlichkeit.

Seit Bestehen der G8-Gipfel gibt es Gegenproteste. Glauben Sie, dass die Kritik an den G8 irgendwann zu einem Erfolg führen wird?

Die massenhaften Proteste von Seattle, Prag, Genua, Göteborg, Heiligendamm und Straßburg sind nicht folgenlos geblieben. Die selbsternannte "Weltleitung" kann ihre Treffen nicht mehr in Metropolen abhalten und verschanzt sich in "Roten Zonen", auf Inseln oder hinter hohen Zäunen. Damit wird eine Symbolik geschaffen, die in allen Teilen der Welt verstanden wird: Polizei und Militär sichern das Fortbestehen des Kapitalismus, während draußen Tausende Wut und Widerstand zeigen. Einige Treffen, wie beispielsweise in Seattle oder Prag, mussten sogar abgebrochen werden.

Was wäre für Sie ein Erfolg?

Gipfelproteste sind ein Ort von kollektiver Politikerfahrung. Das hat nach Heiligendamm Tausende politisiert, ähnlich wie in Straßburg im Frühling. Gemeinsam erfahrene Polizeigewalt verstärkt die Solidarität. Wenn nach dem G8 dieses Jahr wieder viele Menschen in linken Bewegungen und Kampagnen aktiv bleiben, würde ich mich freuen. Auch die internationalen Kontakte, die sich aus dem Widerstand ergeben, sind wichtig.

Interview: Manuela Pfohl

Matthias Monroy Matthias Monroy (40) arbeitet für das linke Internetportal "Gipfelsoli". Als Betroffener der Polizeigewalt während des G8-Gipfels in Genua 2001 ist der Aktivist einer der Nebenkläger im Verfahren gegen italienische Polizisten. Jüngstes Projekt von "Gipfelsoli" ist die Kampagne gegen den neuen Fünfjahresplan für innere Sicherheit in der EU ("Stockholm Programm").

 
 
KOMMENTARE (10 von 22)
 
Hans_Juergen (08.07.2009, 08:41 Uhr)
empfehlung
ich kann nur jedem menschen dringendst empfehlen die Doku "Gipfelstürmer - Die blutigen Tage von Genua" sich anzuschauen. Dann kriegt man ein gefühl davon, wie es bei solchen Gipfeln mit der Sicherheit bestellt ist und speziell wie in Italien der Rechtsstaat solche Gipfel begleitet.
Angucken kann man sich diese Doku legal unter:
http:// video.google.de/videoplay?docid=-8876259762606192748
(leerzeichen zwischen http und video einfach wegmachen)
Aquarius2 (07.07.2009, 22:04 Uhr)
Gibt es auch Demonstrationen von Befürwortern?
Nein?
Woran mag das wohl liegen?!
Fraggles (07.07.2009, 20:59 Uhr)
zwiegespalten
Einerseits verstehe ich die Leute die hier schreien weil sinnlos Sachen zerstört werden und das Gewaltpotenzial von Demo zu Demo steigt. Allerdings sollte man gewisse Sachen doch im Auge behalten, z.B. das ganze Stadtteile abgeriegelt, Hundertschaften mit Knüppeln bereitgestellt werden, und die Obrigkeiten schön jegliche Kritik ignorieren. Solange unsere "Elite" weiter den "Pöbel" ignoriert wird es weiter leider steigende Gewalt geben soviel ist sicher.
Mir tun nur die Menschen leid die sich dort gegenseitig die Köpfe einschlagen wärend "die da oben" weiter ihre Feste feiern.
kabelmann (07.07.2009, 20:53 Uhr)
Interessant auch,
dass alle diejenigen, über die geredet wird, nicht eingeladen sind. Da führen sich die 8 großen Industrienationen auf, als würde ohne sie nichts gehen. Gut, das stimmt auch in Teilen, da sie immerhin Hunger, Armut und Krieg mehr oder minder allesamt eigenhändig in die Welt gesetzt haben. Aber was wollen die über die Finanzkrise sinnieren? Als ob Kenia nicht davon betroffen wäre und als ob die Leute in Kenia alle ein bisschen dümmer wären. An Arroganz hat es den Elitenationen dieser Welt noch nie gefehlt
whismerh2 (07.07.2009, 20:39 Uhr)
wie üblich übersehen
beim letzten G8 Gipfel bekannt und wissentlich in Kauf genommen
whismerh2 (07.07.2009, 20:36 Uhr)
Die Risikobereitschaft ist gestiegen
Die des Staates wohl auch, die Bereitschaft der Finanzwelt und deren Hintermänner mit allen Mitteln zu schützen und zu aklementieren, ist wohl eine in meinen Augen wohl der Auslöser für diese Ausschreitungen.
Skrupelose Finazhaie werden nicht zur Rechenschaft gezogen, obwohl zugesagt und versprochen und das Volk darf das nicht verschuldete Verbrechen auslöffeln.
Bekannterweise war schon beim letzten G8 Gipfel oder ich bezeichne das als Treffen, bei okulentem Male bekannt,was gagegen unternommen worden ist,sollte bekannt sein.
Ich finde es auch nicht gut diese sinnlose Zerstörung von Sachobjekten, die damit nichts zu tun haben, verwerflich sind,
aber die sogenannte Obrigkeit sollte mal endlich kapieren
Warum, ist das wirklich so schwer,
oder haben diese Menschen jegliches gefühl und Anteilnahme an Ihrem treuen Volke verloren.
Wenn ja traurig, aber dann darf man sich hinterher nicht mehr beschweren.
Kurzum verpennt.
confused (07.07.2009, 19:06 Uhr)
Jammern und noch mehr jammern und rummeckern TYPISCH DEUTSCH
Über alles herziehen, mit den Händen in den Taschen und rumjammern und meckern.
An alle die die hier meinen Demonstranten wären nur Linke unwürdig auf dem Planeten zu wandeln, schon gewusst --- wer veränderung will muss was dafür tun, nicht nur rumjammern wie schei..e doch alles ist.
Daher an alle die Demonstrieren und sich gegen das Globale Ausbeuter System stellen - WEITER SO ! Ihr seid nicht alleine je mehr je besser..
aber.. halt ach ja lasst uns Taschentücher verteilen an die Mehrheit in dem Land die, die nur jammern und weinen können.
.
Armes Land
kabelmann (07.07.2009, 18:53 Uhr)
oh man...
...ich bitte die vielen Fehler zu entschuldigen. Muss die Hitze sein -.-
kabelmann (07.07.2009, 18:52 Uhr)
nüchtern betrachtet...
...machen Politik und Medien dieser Welt einen gewaltigen Fehler: Anstatt sich der Proteste anzunehmen, wird zusehends gegen Links polemisiert. Der aktuelle Bildungsstreik hier in Deutschland war das perfekte Beispiel dafür.
.
Wenn man wirklich meint man könne Themen, die für die Bevölkerung so wichtig sind, zu nutzen, dass man politisches Kapital daraus schlagen kann, dann braucht man sich letztendlich nicht wundern, wenn der Ton schärfer wird. Denn Demonstranten werden nicht dümmer. Gewalttätige Ausschreitungen kommen auf jedenfall in den Nachrichten dieser Welt und sie zeigen auch deutlich, wie ernst es den Demonstrierenden ist. Und das alles ist im Prinzip nur eine Wirkung auf die Ignorantz der Politik den Demonstranten gegenüber.
JackSparrow (07.07.2009, 18:51 Uhr)
huxley
in dem moment, wo du eine demonstration meidest, die im kern eine richtige meinung vertritt, nimmst du ihr überhaupt erst die chance, zu einer friedlichen und zielgerichteten demonstration zu werden. tatsächlich vermisse ich auf solchen demos menschen, die man äußerlich da vielleicht nicht erwarten würde. die also nicht aussehen wie blumenmädchen oder 16-jährige antifakrieger. aber na gut, dann hat man uns wohl mit unseren eigenen waffen geschlagen. die g8 lachen sich ins fäustchen und wir gehen weiter arbeiten und steuern zahlen...
ein "die ziele der demonstration halte ich im kern für richtig, aber der verlauf der demo stört mich" hätte es auch getan. solidarität, weltoffenheit und intelligenz gezeigt, ohne dabei diejenigen zu verleumden, die einen längeren atem haben als man selbst...
MEHR ZUM ARTIKEL
L'Aquila vor dem G8-Treffen Auf das Beben folgt der Gipfel

Vor dem G8-Gipfel im italienischen L'Aquila beschwert sich der Bürgermeister der Stadt über den Stand der Aufbauarbeiten.

Klimaschutz contra Arbeitsplätze Umweltschützer attackieren Merkel

Kehrtwende von Angela Merkel in der Umweltpolitik: Auf dem G8-Gipfel von Heiligendamm hatte sie die Weltpolitik noch auf den Klimaschutz eingeschworen. Vor dem EU-Gipfel in Brüssel räumt Merkel nun dem Erhalt von Arbeitsplätzen in Deutschland Priorität ein – und wird dafür von Umweltschützern heftig attackiert.

Gipfeltreffen in Europa Polit-Shows mit Fragezeichen

Eines haben der Weltwirtschaftsgipfel in London, das Nato-Treffen in Straßburg und Barack Obamas Rede in Prag gemeinsam: Sie sind zunächst nur große Polit-Shows gewesen. Zwar wurden viele Vorhaben auf den Weg gebracht. Noch ist aber nicht mal ansatzweise klar, ob sie die Welt verändern werden.

G8-Urteile in Genua "Suspendierung des Rechtsstaates"

Drei Jahre dauerte der Prozess gegen 45 Polizisten, Vollzugsbeamte und Mediziner, die mehr als 90 Demonstranten beim G8-Gipfel im Juli 2001 in Genua misshandelt haben sollen. Diese Woche wurden die Urteile gefällt - und sorgen am Jahrestag des Gipfels für Enttäuschung und Proteste.

MEHR ZUM THEMA
powered by wefind WeFind
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (25/2013)
Lust auf Rezept