Nach einem schlimmen Sturz soll es Helmut Kohl langsam wieder besser gehen. So gut, dass der Ex-Kanzler Pläne für eine ganz private Einheitsfeier schmiedet: Er will seine Freundin Maike Richter heiraten. Sie ist sein Sprachrohr, sein Altersglück. Sie ist nun unentbehrlich. Von Ulrike Posche

Maike Richter hat Kohl schon immer bewundert. Im Januar 2007 ist sie bei einem Fest auf Schloss Charlottenburg ganz offiziell die Frau an seiner Seite© Johannes Eisele/DPA
Wenn man sich dieser Tage von Süden her dem Oggersheimer Kreuz nähert, dann spürt man das Sprießen des Frühlings ganz deutlich. In den rund gebundenen Rebstöcken staut sich der Saft, und die Obstbäume protzen mit ihren Blüten. Auf den Feldern ziehen die Bauern weiße Planen vom Pfälzer Mutterboden, unter denen junge Pflänzchen heimlich heranwuchsen. Jetzt wollen sie alle ans Licht.
Monsignore Ramstetter hat schon lange von den Hochzeitsplänen gewusst. Helmut Kohl hatte ihm vor Monaten anvertraut, dass er seine Lebensgefährtin Maike Richter heiraten wolle. "Meinen Segen hast du", sagte der 83-jährige Ramstetter. Er traue und taufe immer noch gern, weil das etwas Schönes sei, erklärte Kohls Hauspastor dem Bräutigam in spe.
Dann passierte der Unfall. Kohl stürzte nach einer gut überstandenen Knieoperation und prellte sich den Schädel schwer. "Schädel-Hirn-Trauma", diagnostizierten die Ärzte der Heidelberger Uni-Klinik. Noch in der Nacht habe der damals 77-Jährige "behandelt werden müssen", sagt Kohls zurückhaltender Büroleiter Ulrich Pohlmann. Anschließend war Helmut Kohl ein Mensch, der Zuwendung und Pflege nötig hatte. Wann immer Ramstetter seinen ungeduldigen Freund in den Wochen danach im Krankenzimmer und in der Reha besuchte, um ihn zu trösten, mit ihm zu beten, saß Maike Richter, 44, bereits da. "Ich habe große Hochachtung für diese junge Frau", sagt Kohls Pfarrer, "sie hat alles für ihn aufgegeben, sie opfert sich auf für diesen Mann. Sie liebt ihn wirklich." Vor wenigen Wochen erhielten enge Freunde und Verwandte des ungewöhnlichen Liebespaares einen Brief, in dem die Hochzeit offiziell angekündigt wurde. Man könnte auch sagen: Vor wenigen Wochen war Maike Richter endlich am Ziel ihrer Träume.
Aufgewachsen ist sie da, wo Deutschland noch so ist, wie Kohl es gern hat. Maike Richter ist das dritte von vier Kindern des Diplomingenieurs Wolfgang Richter und seiner Frau Evelyn. Richter arbeitete bei der RWE in Siegen, seine Frau bewirbt sich eines Tages mit vier kleinen Kindern im Schlepp bei der "Siegener Zeitung". Sie will Lokalreporterin werden. "Wie soll das denn gehen, mit all den Kindern?", fragt Lokalchef Friedrich Brockmeier. Dann aber schickt er sie doch auf die erste Kaninchenzüchterausstellung. Probehalber.

Ein inniges Paar beim Opernball: In Frankfurt gaben Maike und Helmut 2006 ein Debüt© Ralph Orlowski/Getty Images
Bei den Recherchen der Mutter oder ihren Aufenthalten in der Redaktion ist Maike von nun an dabei. "Wenn die mit ihrer Mutter hier ankam", erinnert sich Bildredakteur Karl-Hermann Schlabach, "dann war immer 'Hoscha' in der Bude." - "Herr Schlabach, hier haben wir noch einen ‚Blauen Wiener‘ und hier einen ‚Deutschen Riesen‘", rief Maike und hielt ihm selbst geschossene Fotos von preisgekrönten Rammlern hin. "Die erzählten von ihren Karnickeln so begeistert wie andere, wenn sie den Putin gesehen haben." Evelyn Richter selbst beschreibt ihre beiden Töchter später in einem Roman: "Anke, nur gut ein Jahr älter als ihre Schwester, mit mädchenhaft halblangen Haaren, ausdrucksstarken und weichen Gesichtszügen war ein typisches Mädchen, auf das man automatisch zuging. Maike war das krasse Gegenteil: keck und schlagfertig", schreibt Mutter Richter in "Schwarzer Tee um Mitternacht". Sie war "ein Kindergesicht wie aus dem Bilderbuch, fröhlich, unbändig und total ohne Probleme".
Sie war also genau der Typ, den Männer wie Helmut Kohl schätzen; den wohl alle Männer in der Lebensphase schätzen, in der die Macht schwindet, in der die Reihe der Bewunderer lichter wird und die Dämonen des Alterns in die Knochen kriechen. Helmut Kohl ist gerade in der allerdunkelsten Zeit seines Lebens, als ihm die lebhafte Siegerländerin aus heiterem Himmel in den Schoß fällt. Sein Ruhm ist unter den Enthüllungen der CDU-Spendenaffäre zerflossen, alles ist dahin. Im März 2002 scheint nur Maike noch ungebrochen zu Kohl zu stehen. Und ihre Mutter. Die lässt sich nach einem Wahlkampfauftritt in der Siegerlandhalle ein Autogramm von ihm geben. Und man kann nicht erkennen, welche von beiden das glühendere Polit-Groupie ist.
Maike ist schon als Heranwachsende frecher und schneller im Kopf als andere. Sie geht aufs Evangelische Gymnasium und irgendwann zur Jungen Union. Dort fällt sie Dirk Metz auf, dem Kreisvorsitzenden: "Sie war so eine Kesse, eine mit kurz geschnittenen Haaren - ein toller Typ." Maike wird zur Beisitzerin beim Kreisvorstand Siegen-Wittgenstein, ihre Schwester wird Besseres. "Es ist immer das Gleiche", habe Maike damals gejammert, schreibt Evelyn Richter in ihrem Familienroman: "Anke tritt auf, und ich laufe wie ein Kofferkuli hinter Madam her." Sie ist eine emsige Unionsbiene, keine fürs Parkett. Schon damals muss in Maike Richter der Wunsch nach dem "Momento di gloria" im eigenen Leben aufgekommen sein. Dirk Metz übrigens ist heute Roland Kochs Regierungssprecher in Hessen.
Die junge Richter geht nach München. Sie studiert Volkswirtschaftslehre. Freunde erinnern sich, dass sie "mindestens Staatssekretärin" habe werden wollen. Ihre Schwester wird Ärztin, ein Bruder ebenfalls. Die Eltern verlassen das Dorf Oberheuslingen und ziehen in ein Seebad an der Ostsee. Anrufen kann man dort jedoch allenfalls den künftigen Schwiegervater des Altkanzlers. Und das auch nur kurz. "Wenden Sie sich ans Kanzleramt!", wimmelt Wolfgang Richter neugierige Journalisten am Telefon ab. Evelyn Richter habe inzwischen, so hat es Kalle Schlabach erfahren, "eine Telefon-Phobie".
Die Tochter landet nach dem Studium im Bonner Wirtschaftsministerium und wird in die wirtschaftspolitische Abteilung des Kanzleramts entsandt. Von dort arbeitet sie dem verehrten Staatsmann Kohl anonym zu. Sie ist noch weit entfernt von jenem Perserteppich-Flügel, in dem ihr Held sitzt und der zu jener Zeit noch von einer anderen bewacht wird - von Juliane Weber.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 18/2008