Die rote Katja links von Oskar

19. August 2005, 00:52 Uhr

Sie ist 27 Jahre jung, trägt ihr Haar rot und ist Vize-Chefin der Linkspartei. Demnächst sitzt Katja Kipping im Bundestag. Ihrer greisen Partei verpasst sie ein Image von Jugend und Sex-Appeal. Unterschätzen sollten Gysi und Lafontaine sie dennoch nicht. Von Florian Güßgen

Vize-Chefin der Linkspartei und Spitzenkandidaten in Sachsen: Katja Kipping©

Die Männer sind erzürnt. "Lafontaine ist ein Rassist", sagt einer, "die Linkspartei ist von ihm abhängiger als die Grünen von Joschka Fischer", schimpft ein anderer. Und: "Wer Lafontaine wählt, der soll das Wort links nicht in den Mund nehmen." Drei Männer sitzen auf dem Podium, tief unten im Kellergewölbe der "Moritz Bastei" in Leipzig - und eine Frau. Die Männer sind Altlinke, Kommunisten, Anti-Faschisten, einer gehört zu den "wertkritischen Kommunisten." Und dann ist da diese Frau. Sie heißt Katja Kipping. Gegen sie richtet sich der Zorn, denn sie steht für das, auf das sich die Männer eingeschossen haben. Die "Linkspartei", jene, die sich mit Oskar Lafontaine eingelassen haben.

Die 27-Jährige hat mit den Tiraden kein Problem. Sie steht zu ihrer Rolle, denn sie steht auch zu diesem Linksbündnis. Sie ist nicht nur Abgeordnete im sächsischen Landtag und Vizechefin der Linkspartei - sie ist auch eine glühende Befürworterin der Fusion von PDS und WASG. Die hitzigen Angriffe ihrer Leipziger Mit-Diskutanten perlen an ihr ab. Sie weiß, wo sie steht. Sie weiß, was sie will. Lässig, fast aufreizend, hat sie die schwarze Sonnenbrille in das rote Haar geschoben - im farblichen Kontrast zu der türkisen Kombination aus Ohrringen und Top. Die schwarze Lederjacke, die sie auch während der Debatte anlässt, verleiht ihr etwas Hartes. Den zeternden Gegnern hält sie mit ruhiger, fester Stimme entgegen, dass sie auch Probleme mit Lafontaines Äußerung zu "Fremdarbeitern" habe. So werde sie alles tun, um zu verhindern, dass diese Ansicht in der Linkspartei mehrheitsfähig werde. Aber andererseits sei der Parlamentarismus auch eines jener demokratischen Machtinstrumente, die wohl nicht verschwinden würden - trotz aller Unzulänglichkeiten. Sie sehe keinen Sinn darin, nur auf die Macht der Straße zu setzen. Sie sei Demokratin. "Ich will diese Machtinstrumente nicht Schily und Westerwelle überlassen", sagt sie.

Jugend, Weiblichkeit, und ein Schuss Sex-Appeal

Katja Kipping weiß, was sie will, weil sie weiß, was kommt. Es sieht gut aus für sie. 1999 zog sie als damals jüngste Abgeordnete für die PDS in den sächsischen Landtag ein, nun ist sie Spitzenkandidatin der Linkspartei in Sachsen für die Bundestagswahl am 18. September. Es ist so gut wie sicher, dass sie ein Mandat für Berlin erringen wird. Nur, wenn die Linkspartei an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern sollte, muss Kipping in Dresden bleiben. Aber nicht nur für die sächsischen Genossen, auch für die Bundespartei hat Kipping, freiwillig oder nicht, eine zentrale Aufgabe. Landauf, landab soll sie verkörpern, was der Linkspartei, dieser hoffnungslos überalterten Vereinigung, in der öffentlichen Wahrnehmung, fehlt: Jugend, Weiblichkeit - und ein Schuss Sex-Appeal. Die Dresdnerin soll die Linken aufhübschen. Wer Kipping deshalb für eine naive Politik-Novizin hält, täuscht sich. Sie ist ein Profi. Die Riten der Macht beherrscht sie - selbst bei "Sabine Christiansen" hat sie sich gut geschlagen. Sie ist reif für Berlin.

Museumsshow theorie-erprobter Alt-68er

An diesem Abend in Leipzig ist das Publikumer kleiner als bei "Christiansen". Es sind vor allem Studenten, die gekommen sind, manche barfuß. Die Lafontaines, die Gysis, die Biskys sind hier fern. Nur Kipping ist da - und zeigt, dass sie ihr Handwerk beherrscht. Sie argumentiert schnell, gezielt. Wenn es sein muss, fällt sie den anderen ins Wort. Sie distanziert sich von Lafontaine, der ihrer Partei diesen Schub verliehen hat, vermeidet jedoch jede Schmähung, verteidigt die Linkspartei linientreu. Sie geht auf Distanz zu der gepflegt-akademischen Gesellschaftskritik, die in Wortwahl und Gestus wie eine Museumsshow theorie-erprobter Alt-68er wirkt. Auf dem Podium wirkt Kipping am reifsten, obwohl sie die Jüngste sein dürfte. Spontan wirkt sie dabei nicht, eher ein wenig maskenhaft. "Wir dürfen das, was hier in der Moritz-Bastei passiert, nicht als den herrschenden gesellschaftlichen Diskurs wahrnehmen", sagt sie irgendwann. Sie meint, dass das, was die Linke hier debattiert, an den Problemen der Welt außerhalb der Katakomben vorbeigeht.

Ein gutes Gespür für Macht

Der real herrschende Diskurs tobt außerhalb dieser Katakomben, es ist die Welt, in der sich Ost-PDS und West-WASG unter Führung der Ober-Männer Lafontaine und Gysi zu dieser derzeit so erfolgreichen Links-Melange vermischen. Sie habe schon früh für diese Allianz gekämpft, sagt sie – in Sachsen aber auch im Bundesvorstand, dem sie seit 2003 angehört. Lafontaine hat sie vor wenigen Wochen auf einem WASG-Parteitag in Essen getroffen. Oskar habe sich überraschend interessiert gezeigt, am linken Spektrum und an linken Themen, sagt sie. Er sei viel aufgeschlossener gewesen, als sie das erwartet habe. Kipping ist keine, die gegen die mächtigen Alpha-Tierchen zu Felde ziehen würde. Sie scheint ein gutes Gespür für Machtverhältnisse zu haben. Bei den Linken, zumindest im Bundestag, wird Lafontaine das Sagen haben, denn ohne ihn würden sie nicht in den Bundestag gelangen. Das weiß auch Kipping.

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