Kaufen Ostdeutsche regionale Lebensmittel, bezichtigt man sie gern der Nostalgie. Tatsächlich ist solche Gefühlsduselei auch nur eine Marketing-Erfindung des Westens. Ein Einkaufsbummel Von Holger Witzel

Schön wär's: Rotkäppchen-Sekt ist längst nicht ostdeutsch© Peter Endig/DPA
Von ein paar ideologischen Retardierungen einmal abgesehen ist die Zigarettenmarke "Juwel" das letztes Stück DDR-Alltag, das mich seit Jahren durch den Westen begleitet. Statt EVP 2,50 kostet das Päckchen inzwischen umgerechnet 50 Mark Ost. Dafür sind weniger drin und die Dresdner Fabrik gehört - wie sich das gehört - natürlich auch längst zu Philip Morris. Der jeweilige Bundesgesundheitsminister druckt außen seine tödlichen Binsenweisheiten drauf. Aber sonst - und nur darauf kommt es letztlich an - sieht die Verpackung immer noch genau so schäbig aus wie früher.
Von Geburt an ahnungslose Kollegen bewundern sie deshalb oft. Ob ich gerade in London war, fragen sie etwa in Hamburg und staunen - "stylish!" - über das blassgrüne Design. Ehemalige Landsleute dagegen freuen sich jedes Mal, dass es die "Alte" überhaupt noch gibt, ganz im Gegensatz zur späteren "Juwel 72", einem üblen Tabak-Mix aus Bulgarien, den nur Parteifunktionäre und LPG-Vorsitzende mochten, die sogenannte "Schweine-Camel".
Anfangs habe ich natürlich auch andere Marken probiert. Luckies, Gitanes oder was einem 1990 "den Geschmack der Freiheit" sonst noch so vorgaukelte. Doch wie bei vielen leeren Versprechen des Westens bin ich wieder bei den kurzen Filtern der "Alten" gelandet. Und das hat nichts und wieder nichts mit Nostalgie zu tun, im Gegenteil: Gerade bei Ost-Produkten, die ihre Herkunft penetrant vor sich hertragen, ist Vorsicht geboten.
Seit sie uns beibringen wollen, das Wort Konsum auf der zweiten Silbe zu betonen, unterliegen westdeutsche Werbe-Strategen und Medien auch dem Trugschluss, hier kaufe irgendwer irgendetwas, weil irgendein Westdeutscher "Kult" darauf schreibt, "von hier" oder gar "von uns". Dabei schmiert sich kein Ostdeutscher statt Nutella lieber Nudossi auf die Bemme, bloß weil das aus Radebeul kommt oder bei Ökotests besser abschneidet - sondern weil es einfach besser schmeckt als das klebrige Grundnahrungsmittel der Nationalmannschaft. Mehr Haselnüsse. Weniger Zucker. Keine zusätzlichen Aromen. Das ist schon das ganze Geheimnis.
Alles andere ist "Ostalgie" made in West. Offenbar traut man Ostdeutschen keine souveränen Kaufentscheidungen zu oder möchte mit den Märchen von den Ostprodukten verschleiern, dass natürlich auch die Firmenzentrale von Pflaumenmus aus Mühlhausen längst in Mönchengladbach steht und die Gewinne aus Thüringen bei einem spanischen Konzern abrechnet. Dass Bautzener Senf seit 1992 zu Develey in Unterhaching gehört und Spee schon lange wieder für Henkel Geld wäscht. Ob Ampelmännchen , saure Gurken oder "das Bier von hier" - es ist immer die gleiche verlogene Geschichte.
Ein Industriedesigner aus Tübingen zettelte die Ampelmann-Kampagne an, bis den selbst Westdeutsche "knuffiger" fanden als den strengen Kollegen zu Hause. Genauso gut hätte man behaupten können, er sehe fett aus, faul und trage einen Hut wie Honecker. Aber da war das Ampelmännchen schon eine Politikum - und "Eingetragenes Warenzeichen". Heute steht es für eine ebenso zweifelhafte wie verzweifelte Ost-Identität - und der clevere Schwabe kassiert für jede Ampelmann-Tasse Lizenzgebühren.
"Ich habe keine Ostalgie ... ich finde nur
den Westen Scheiße."
Christian "Flake" Lorenz,
Rammstein