Braune Schande - hier wie da

22. November 2012, 14:10 Uhr

Neben Nazis und Verfassungsschützern beteiligten sich auch gute Westdeutsche am Aufbau Ost. Sie richteten überall Demokratie-Beratungsstellen ein - und fehlen nun zu Hause. Ein Appell. Von Holger Witzel

Nazi, Ossi, Wessi, Dortmund, NSU

Zu viele Nazis, zu wenig Gegenbewegung©

Seit im Zusammenhang mit der sogenannten NSU beinahe täglich über die unsichtbare Ostfront der Verfassung berichtet wird, blättere ich wieder öfter in meiner Sammlung aus Zeitungsartikeln über den rechtsextremen Westen: Hier eine Meldung aus Nordrhein-Westfalen, wo eine Jugend-Feuerwehr zum Hitlergruß antrat. Da eine Horde Rechtsradikaler, die in einem Wuppertaler Kino mit Pfefferspray auf Besucher losging.

Brandanschläge auf Synagogen in Worms oder Mainz … Ich sammle schon länger. Der Ordner quillt über: Pfui Teufel!

Ostdeutschland als Hort des Rassismus

Nicht alles davon - auch wenn es ein paar Monate so aussah - lässt sich nachträglich dem Trio aus Jena in die Springerstiefel schieben. Trotzdem gilt vor allem Ostdeutschland nach wie vor als Hort des wiedervereinigten Rassismus. Das mag an fragwürdigen Studien liegen, die damit Schlagzeilen machen, dass dort angeblich jeder Sechste ein "geschlossen rechtsextremes Weltbild" hat, aber – öffentlich eher kleinlaut – einräumen, dass diese Angaben „vor allem für Ostdeutschland“ aufgrund geringer Fallzahlen "nur sehr bedingt aussagekräftig" sind. Zum Teil vielleicht auch an Wortführern wie den Herren Pasteurs, Apfel oder Gansel (im Bild rechts), die ihre trostlose Existenz im Westen gegen Abgeordneten-Diäten in Sachsen und Mecklenburg tauschten. Möglichweise aber auch daran, dass hierzulande mehr Menschen sofort Alarm schlagen, wenn das Muster eines Jägerzauns einer SS-Rune ähnelt. Nicht selten - dieses Phänomen wird beim Schimpfen über importierte Nazi-Hetzer gern unterschlagen - ebenfalls Westdeutsche.

Selbstlos wie viele Aufbauhelfer, nur ehrenwerter, verzichteten sie für den Einsatz in Deutsch-Nordost auf glänzende Karrieren an westdeutschen Unis. Sie bauten überall Demokratieberatungsstellen auf, aber fühlten sich vor Ort dennoch oft unwohl, ja missverstanden. Quasi selbst in der Fremde reagierten sie meist sensibler auf Fremdenfeindlichkeit als die Einheimischen. Glücklicherweise ließen sie sich davon nicht entmutigen und stellen nach wie vor und Jahr für Jahr Förderanträge in Schwerin oder Magdeburg, um ihre Netzwerkstellen noch besser vernetzen zu können. Manche Projekte, etwas für Opferhilfe, leisten aber auch richtig wertvolle Arbeit.

Hessische Neonazis feiern Gaskammerpartys

Weil der "braune Osten" sogar aus Hamburger Sicht lange ein gefragtes Thema war, lernte ich neben den Bösen auch ein paar von den Guten kennen. Einmal habe ich über die symbiotische Beziehung eines Westberliner Soziologen und eines Hamburger NPD-Führers berichtet, die in Ostvorpommern wie Dschungel-Missionare um die Köpfe der Ureinwohner rangen. Hinterher musste ich mir von beiden Seiten vorwerfen lassen, beide Seiten beschrieben zu haben.

Dabei wollte ich nur darauf hinweisen, was trotz ideologischer Differenzen für Synergien möglich sind, die der Osten auch in anderen Branchen dringend bräuchte. Manchmal wehrten die Einen sogar den Anfängen der Anderen, bis die endlich anfingen. Das wiederum lockte Journalisten an, die Hotels brauchten. So trug jeder mit seinen Mitteln zum Regionalmarketing bei. In einigen Gegenden war das ein Boom, ja ein Brain-Drain, wie er sonst nur Richtung Westen beklagt wird. Und genau das ist offenbar ein Problem: Die vielen Fachkräfte gegen neue Nazis fehlen nun dort.

Hessische Neonazis feiern unterdessen ungeniert Gaskammerpartys. Im Hunsrück singen Schulabgänger zur offiziellen Abschlussfeier ein Lied der - muss man es extra erwähnen? - westdeutschen Nazi-Band "Sleipnir". Nahe München wird ein Waffenlager ausgehoben, von dem Jenaer Kameraden nicht mal träumen ...

Es ist hier wie da eine Schande

Schon 2010 - Anlass war der Verfassungsschutzbericht - kritisierte die Mobile Opferberatungsstelle Sachsen-Anhalt, dass auch in Westdeutschland wesentlich mehr rechte Gewalt existiert, "als in offiziellen Zahlen erkennbar." Weil Betroffene vor Ort keine professionelle Hilfe fänden, würden sie sich immer öfter an Beratungsstellen im Osten wenden. Und wenn mal ein bewaffneter Mann in Wehrmachtsuniform durch ein fränkisches Dorf marschiert, sind alle überrascht. Wie das - bei uns?!

Natürlich macht es das im Osten nicht besser. Es ist hier wie da eine Schande, nur eben hier öfter Thema. Man darf das - genau wie das Versagen westdeutscher Polizeichefs vor 20 Jahren in Rostock-Lichtenhagen - nicht verharmlosen. Manchmal werden zwar in einem Atemzug auch noch Mölln und Solingen genannt - aber stets in dieser Reihenfolge, wie regionale Ausrutscher. Tatsächlich gab es schon damals Unterschiede: In Rostock etwa waren Fernsehkameras vor Ort, es gab widerlichen Beifall und - anders als bei den rassistischen Brandanschlägen in Solingen (Nordrhein-Westfalen), Mölln (Schleswig Holstein), Hörstel (Nordrhein-Westfalen), Lampertheim (Hessen), Saarlouis (Saarland) oder Kandel (Rheinland-Pfalz) - keine Toten.

Dennoch kommen abgehalfterte Rockstars lieber alle zehn Jahre mal in den Osten und zeigen vor 50.000 gleichgesinnten Leuten in Jena, was "Mut gegen rechte Gewalt" ist. Einheimische Bands dagegen, die in der Zwischenzeit vor Ort den Rücken gerade machen, werden in Mecklenburg vom Verfassungsschutz beobachtet. Weil man Nazis selbst dort nicht mehr auf Anhieb an jeder Tankstelle findet, warnen Journalisten heute gern vor der "unsichtbaren Gefahr". Und wo passiert es auf offener Straße?

In Jena beobachten sie jede Schulhofschubserei

Zum Beispiel in Dortmund. Hier terrorisierten Neonazis eine Familie monatelang, schmierten Hakenkreuze und warfen Pflastersteine in Fenster. Viel zu spät reagierten Politik und Polizei - natürlich bestürzt. Die Familie wollte trotzdem nur noch weg. Einheimische Nazis höhnten per E-Mail noch, man solle doch nach "Hoyerswerda oder Rostock" ziehen. Es war zynisch gemeint, aber angesichts tausender Projekte, "lokaler Aktionspläne" und "Bündnisse gegen Rechts" gar nicht so abwegig.

Zwar rät die Polizei auch in Hoyerswerda bedrohten Leuten zum Umzug. Aber immerhin: Noch vor 20 Jahren wollte man "fremdenfeindliche Motive nicht ausschließen", wenn ein Asylbewerberheim brannte. Heute kann Ladendiebstahl beim Gemüsehändler so einen Hintergrund haben. In Jena beobachtet der Staatsschutz - zumindest seit einem Jahr - jede Schulhofschubserei. Und rotten sich doch noch mal 50 Nazis zusammen, stehen ihnen sogar in Orten wie Wittstock oder Pasewalk zehnmal mehr Gegendemonstranten im Weg.

"Bimbo" vermerkte ein Mitarbeiter der Agentur für Arbeit

Das Engagement der Demokratieberater hat sich gelohnt. Ihre Netzwerke sind so engmaschig, dass sich Aussteiger-Projekte um Mandanten zanken. Sie bekommen Verdienstorden oder wie ein furchtloses Ehepaar aus Hamburg, das nach Jamel bei Wismar übersiedelte, sogar weltweit Aufmerksamkeit für ihr "Nazi-Dorf". Solche Beispiele machen Mut. Nur - wer zieht freiwillig nach Dortmund?

Seit knapp einem Jahr gibt es dort immerhin auch eine Beratungsstelle. Die Leiterin - vorher lange in Brandenburg tätig - war kaum zurück in ihrer Heimat Nordrhein-Westfalen, als die Kameradschaft in Dortmund verboten wurde. Eine von West-Nazis geplagte Bürgermeisterin aus Mecklenburg berät Kollegen in Niedersachsen im Umgang "mit dem Problem". Einheimische Demokratie-Experten dagegen, wie Johannes Staemmler aus Dresden, der gerade über die "Zivilgesellschaft in strukturschwachen Regionen" promoviert, können manchmal kaum noch sagen, ob die Angst vor Nazis begründet ist "oder lediglich gut kommuniziert."

Im Westen ist sie erschreckend real: Eine Münchner Radiomoderatorin kündigte kürzlich einen Beitrag über Wochenendarbeit mit dem weder ganz neuen noch originellen Spruch "Arbeit macht frei" an. Bei der Agentur für Arbeit in Pfarrkirchen vermerkte ein Mitarbeiter "Bimbo" auf den Papieren eines Kunden. Und spätestens seit die NPD-Spenderdatei samt Herkunft ihrer Gönner gehackt wurde, ist klar: Dunkeldeutschland braucht weiter unsere Hilfe beim Aufbau einer antifaschistischen Gesellschaft. Schon nach dem Krieg tat man sich dort schwerer. Gebt Westdeutschen - auch diesbezüglich - eine zweite Chance!

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Schnauze, Wessi!

stern-Reporter Holger Witzel, 46, liegt die deutsch-deutsche Völkerverständigung am Herzen. Der jüngste Sammelband seiner Kolumnen heißt "Gib Wessis eine Chance"

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