Der falsche Kandidat?

16. Januar 2013, 11:51 Uhr

Drama, Drama, baby: Die SPD leidet schwer an ihrem Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück. Kann und wird er trotzdem bleiben? Von Lutz Kinkel

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In der späten Kurt-Beck-Phase? SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück©

Enttäuschung sei nicht das richtige Wort, sagt ein Sozialdemokrat. Was die Partei vielmehr fühle, sei: Entsetzen.

Grund dazu hat sie. Seit Wochen legt Kanzlerkandidat Peer Steinbrück einen Patzer nach dem anderen hin. Größere (Bochum!). Kleinere (Koidl!). Der jüngste: Für seine Gesprächstour durch die Wohnzimmer der Republik suchte sich Steinbrück zum Auftakt ausgerechnet die Familie einer Genossin aus. Ist das noch Wahlkampf? Oder schon das Bedürfnis, sich davon zu erholen?

Es gibt Sozialdemokraten, die sagen, Steinbrück habe schon die späte Kurt-Beck-Phase erreicht. Er könne gar nichts mehr richtig machen, zumindest nicht in der öffentlichen Wahrnehmung.

Eingerahmt von politischen Bodyguards

Sicher ist: Der Kandidat ist demoliert. Er zieht die Partei nicht nach oben, er drückt sie nach unten. Die jüngsten Zahlen aus dem stern-RTL-Wahltrend beweisen das. Steinbrück hat seit seiner Nominierung im Oktober 2012 kontinuierlich Sympathien verloren. Die SPD hat seit seiner Nominierung kontinuierlich Zustimmung verloren. Sie ist jetzt wieder - Alarmstufe Rot - bei 23 Prozent, dem Katastrophenergebnis der vergangenen Bundestagswahl. Und in der sogenannten Kompetenzzumessung stürzen die Sozialdemokraten auch ab. Aktuell glauben nur noch neun Prozent der Wähler, dass die SPD die Probleme Deutschlands am besten lösen könne.

Die CDU sieht schweigend zu und genießt. Die Schlagzeile, Steinbrück sei Angela Merkels bester Wahlhelfer, ist böse. Aber sie stimmt.

Selbst seine eigene Partei hat das verstanden. Es gibt in der heißen Phase des niedersächsischen Wahlkampfs keine groß angelegten Soli des Kanzlerkandidaten. Wenn Steinbrück auftritt, dann bewachen ihn seine politischen Bodyguards Frank-Walter Steinmeier und Sigmar Gabriel. Der Kandidat wird nicht ausgestellt, er ist kein Zugpferd mehr. Er wird vorsichtig eingerahmt, ein bisschen versteckt, fast so, als schämte sich die Parteispitze für ihn. Die niedersächsische Basis, so ist zu hören, ist ohnehin schwer zu motivieren. Wer hat schon Lust, sich über Steinbrücks Nebenverdienste zu streiten, statt Menschen zu fischen?

Kandidat hinter Schrifttafeln

Geht die Landtagswahl in Niedersachsen für Rot-Grün verloren, hat der lokale Kandidat Stephan Weil das kleinere Problem. Das größere hat Peer Steinbrück. Er würde die Niederlage mit nach Hause nehmen. Zumal sich in den Zahlen für Niedersachsen der Bundestrend spiegelt. Noch vor Jahresende führte Rot-Grün mit zwölf Prozentpunkten vor Schwarz-Gelb. Inzwischen liegen die Lager beinahe gleichauf. Ministerpräsident David McAllister ist nur eine Handbreit vom Sieg entfernt. Der auch noch doppelt zählen würde, weil es ja die verbreitete Erwartung gab, dass er aus der Staatskanzlei vertrieben würde.

Offen redet bei den Sozialdemokraten niemand kritisch über Steinbrück. Die Devise heißt: Klappe halten, weiterarbeiten. Themen setzen. Mindestlohn, günstige Mieten, höhere Renten, Finanzjongleure bändigen. Soziale Gerechtigkeit. Aber es ist unmöglich, den Kandidaten hinter Schrifttafeln verschwinden zu lassen. Er muss schon mittun, irgendwie.

Kraft ist auch keine Lösung

Oder aufhören? Niemand rechnet damit. Niemand weiß Ersatz. Hannelore Kraft, Ministerpräsidentin in Nordrhein-Westfalen, ist in den Umfragen die Kandidatin der Herzen. Doch ganz abgesehen davon, dass sie nicht will: Was hätte sie in Berlin zu erwarten? Einige unsanfte Erinnerungen daran, dass sie sich von den Grünen zur Macht treiben lassen musste. Dass sie sich von den Linken tolerieren ließ. Dass sie einen nicht verfassungsgemäßen Haushalt vorgelegt hat. Dass Nordrhein-Westfalen ein erhebliches Schuldenproblem hat. Nach vier Wochen wäre sie da, wo Steinbrück jetzt schon ist - im nervenzerfetzenden politischen Straßenkampf.

Steinbrück wird, Stand Mittwoch, 16. Januar 2012, weitermachen. Und die SPD mit ihm. Noch sind neun Monate Zeit bis zur Bundestagswahl. Aber es braucht schon ein kleines Wunder, damit er sie mit Anstand verliert.

 
 
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