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"Sie war die große Schwester der 68er"

Ulrike Meinhof war Mitbegründerin der RAF und bis zu ihrem Tod einer der führenden Köpfe der Terror-Organisation. Nun enthüllt die Ex-Grüne Jutta Ditfurth in einer Biographie neue Details über das Leben von Ulrike Meinhof.

Von Arno Luik

Sechs Jahre lang hat sich die Frankfurter Publizistin Jutta Ditfurth mit einer der umstrittensten deutschen Frauen des 20. Jahrhunderts beschäftigt: mit Ulrike Meinhof, erst Starjournalistin, dann Terroristin der RAF. Ditfurth versteht ihre Meinhof-Biografie, wie sie in einem stern-Gespräch sagt, als Korrektur an Stefan Austs RAF-Klassiker "Der Bader-Meinhof-Komplex". Aust habe seit gut 20 Jahren eine "inhaltliche Hoheit, nein, ein Monopol auf Meinhof". Ditfurth zum stern: "Meinhofs Leben und Denken werden systematisch verfälscht." Geradezu "grauslig" sei es, wie die meisten Autoren aus Austs Klassiker abschrieben. Sie habe sich die Mühe gemacht, in die Archive zu gehen, die Primärquellen zu studieren, den "heute so beliebten Zeitzeugen zu misstrauen".

Ditfurth, Mitbegründerin der "Grünen", korrigiert das Meinhof-Bild in vielen Punkten: Anders als bisher dargestellt, sei etwa Ulrike Meinhofs Pflegemutter, Renate Riemeck - sie war in den 50ern des vorigen Jahrhunderts eine der wichtigsten Stimmen der Linken in der Bundesrepublik - tief in die Nazi-Zeit verstrickt gewesen. Auch Meinhofs früh verstorbenen Eltern, seien nicht die christlichen Widerstandskämpfer gewesen, wie die Meinhof-Biografen immer schreiben. Ditfurth zum stern: "Werner Meinhof, Ulrikes Vater, war eifriges Mitglied der NSDAP, als Museumsdirektor in Jena hat er 1937 über 270 Kunstwerke für die Ausstellung "Entartete Kunst" ausgeliefert, darunter fast das gesamte grafische Werk Ernst Ludwig Richters." Ein halbes Jahr danach beging Richter, einer der wichtigsten Expressionisten, Selbstmord.

Deutsche Geschichte in einem Leben verdichtet

Für Ditfurth verdichtet sich in Meinhofs Leben "deutsche Geschichte - die Zeit des Faschismus, die Adenauer-Ära, die jugendliche Subkultur der 50er und 60er Jahre".

Politisiert worden sei Meinhof in den 50er Jahren. Ditfurth: "Es heißt immer, die Adenauer-Jahre seien dumpf gewesen, so eine Art Biedermeierzeit. Unsinn. Es war eine höchst lebendige Zeit - mit Demos gegen die Einführung der Bundeswehr, gegen die atomare Bewaffnung der Bundeswehr". Und als in Essen 1952 ein junger Arbeiter bei einer Demonstration von der Polizei erschossen worden sei, habe das die junge Meinhof politisiert: "Sie war mittendrin in diesen Auseinandersetzungen", und sie war auch bald eine Wortführerin: "Auf einem Atomkongress lieferte sich die 24-jährige Meinhof mit dem 40-jährigen Helmut Schmidt eine Redeschlacht, so dass der fluchend und frustriert davonlief".

1958, so Ditfurth, sei Meinhof in die illegale KPD eingetreten, auf Wunsch der Partei habe sie ihr Studium abgebrochen, um für "Konkret" zu schreiben.

"Enormen Einfluss auf das Denken vieler Leute"

In den 60ern war Meinhof eine Starjournalistin, neben Augstein (Spiegel) und Sebastian Haffner (stern), der angesehenste Kolumnist im Land. Mit ihren Artikeln und Hörfunkfeatures, so Ditfurth, habe Meinhof "enormen Einfluss auf das Denken vieler Leute gehabt". Sie sei zur "großen Schwester der APO, der 68er" geworden.

Am 14. Mai 1970, als Meinhof an der Befreiung von Andreas Bader teilnahm, ging die Starjournalistin in den Untergrund - einen Tag später war sie Staatsfeind Nummer eins. Aber anders als bisher dargestellt, sei Meinhofs Schritt in den Untergrund und bewaffneten Kampf kein Zufall gewesen. Schon 1969 habe sie - bisher unbekannt - Geld besorgt für "Sprengstoff, um im Hamburger Hafen, wo Blohm und Voss Kriegsschiffe für Portugal baute, das einen Kolonialkrieg in Afrika führte, in die Luft zu jagen. Am 13. Oktober explodierte die Bombe".

Zwei Jahr lang war Meinhof im Untergrund, 1972 wurde sie nach Anschlägen unter anderem auf US-Militäreinrichtungen mit vier Toten und 24 Verletzten, einem Anschlag auf das Springer-Hochhaus mit 17 Verletzten geschnappt. Festgenommen wurde sie in der Wohnung eines linken Lehrers in Hannover. Der hatte die Polizei informiert - nachdem er sich von Oskar Negt hatte beraten lassen. Professor Negt - Freund und später Berater von Kanzler Gerhard Schröder - riet ihm, zur Polizei zu gehen, es gebe "keine Zwangssolidarität".

Am Sonntag den 9. Mai 1976 fand man Ulrike Meinhof tot in ihrer Zelle in Stammheim. Bei ihren Recherchen stieß Ditfurth nun auf ein verstörendes Foto der toten Meinhof, das der stern nun veröffentlicht. Bisher sah man die tote Meinhof nur bis zu den Oberschenkeln. Nun sieht man sie ganz. Am Fensterkreuz, ihr linker Fuß auf einem Stuhl.

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