Luftraum überfüllt Hilfe für Haiti gerät ins Stocken


Die internationale Solidarität überfordert das vom Erdbeben verwüstete Haiti. Der Flughafen ist heillos überlastet. Dabei läuft längst der Wettlauf mit der Zeit um das Leben der Verschütteten.

Rund 48 Stunden nach dem verheerenden Erdbeben auf Haiti hat ein Wettlauf mit der Zeit um das Leben der Verschütteten begonnen. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon erinnerte daran, dass nach Ablauf von 72 Stunden die Chance, noch Überlebende zu finden, rapide abnimmt. Wieviele Menschen unter den Trümmern, der vom Beben der Stärke 7,0 zerstörten Gebäude in der Hauptstadt Port-au-Prince und den umliegenden Gemeinden liegen, ist aber weiterhin unklar. Ausgerechnet in dieser Situation gerät die internationale Hilfe ins Stocken. Der vergleichsweise leicht beschädigte Toussaint-L'Ouverture-Flughafen kann die zahllosen Hilfsflieger nicht mehr. Der Luftraum über Haiti ist überfüllt. Die US-Luftwaffe hat die Kontrolle über den Flugbetrieb übernommen.

Die haitianische Regierung habe die USA und andere Länder gebeten, vorerst keine weiteren Flüge nach Port-au-Prince zu genehmigen, teilte die US-Luftfahrtbehörde FAA am Donnerstag mit. Zeitweise kreisten ein US-Militärflugzeug und zehn zivile Flugzeuge über der Hauptstadt Haitis warteten darauf, dass andere Flugzeuge starten und die Landebahn freigeben, berichtete eine FAA-Sprecherin. Laut UN-Notehilfekoordinator John Holmes seien sehr viel Personal und Hilfsgüter unterwegs ins Krisengebiet, "aber wir müssen sie ja auch ins Land bringen. Die Flughäfen sind der Flaschenhals." Zudem sei es nicht möglich, Haiti nachts anzufliegen. Am Boden klappe die Verteilung von Hilfsgütern aber sehr gut.

Chaos in der verwüsteten Hauptstadt

Etliche Helfer haben trotz aller Schwierigkeiten und einer weitgehend zerstörten Infrastruktur ihre Arbeit in Port-au-Prince bereits aufgenommen. Zwei Tage nach dem Jahrhundertbeben mit voraussichtlich Zehntausenden Toten herrschen in Haitis Hauptstadt Chaos, Tod und Verwüstung. Zwischen Leichenbergen und Ruinen irren Tausende verletzt, hungernd und traumatisiert durch die Trümmerstadt. Erste Plünderungen wurden ebenfalls gemeldet. Luftbilder zeigen Landschaften wie nach einem Bombardement. Haitis Regierung befürchtet zwischen 50.000 und 100.000 Toten. Mit jeder Stunde sinken die Chancen, die teils schwer verletzten Menschen unter den Trümmern noch lebend zu bergen.

Die weltweite Betroffenheit hat eine gigantische Welle der Hilfsbereitschaft ausgelöst. US-Präsident Barack Obama sagte 100 Millionen US-Dollar (rund 69 Millionen Euro) zu. Haiti habe derzeit oberste Priorität für seine Regierung, sagte Obama. Auch die Weltbank und der Internationale Währungsfonds machten Zusagen in Höhe von je 100 Millionen Dollar. Das Ausmaß der Katastrophe ist auch rund zwei Tage nach dem zerstörerischen Erdstoß nicht abzusehen. Tausende Menschen werden noch unter den Trümmern vermutet. Auch die Vereinten Nationen haben Opfer zu beklagen. 22 Mitarbeiter wurden getötet, weitere 150 werden noch vermisst.

In Port-au-Prince herrschen chaotische Zustände. Überlebende versuchen weiter mit bloßen Händen, Verschüttete aus den Trümmern zu retten. Menschen campieren vor einem Krankenhaus, in der vagen Hoffnung auf Hilfe. Vor dem beschädigten Gebäude steht ein Lkw zum Abtransport der Leichen. Vielen Bewohner steht die Panik noch immer ins Gesicht geschrieben, einige wimmern leise vor sich hin. Weiterhin ist nicht einmal absehbar, wann sich die Behörden und internationalen Helfer einen Überblick über die katastrophale Lage werden verschafft haben können.

Sarkozy regt Wiederaufbau-Konferenz an

Unklar ist bisher auch das Schicksal vieler der knapp 100 Deutschen in dem Inselstaat. Am Donnerstag hieß es, einige hätten das Land nach der Katastrophe verlassen. Ein Sprecher des Auswärtigen Amtes in Berlin sagte, eine Gruppe von sechs Bundesbürgern sei zurück nach Deutschland geflogen. Andere seien über den Landweg in die benachbarte Dominikanische Republik ausgereist. Eine genaue Zahl gebe es nicht, weil die deutsche Botschaft in Haiti nicht automatisch über jeden Deutschen, der sich in Haiti aufhalte oder das Land verlasse, informiert sei. Ob unter den Todesopfern auch Deutsche sind, ist nach wie vor nicht bekannt.

Etwa drei Millionen der neun Millionen Einwohner Haitis sind nach Angaben des Roten Kreuzes durch das Beben in akute Not geraten. US-Außenministerin Hillary Clinton verglich die Katastrophe mit dem verheerenden Tsunami, der Weihnachten 2004 Asien heimgesucht hatte. Die ehemaligen US-Präsidenten George W. Bush und Bill Clinton sollen gemeinsam die Erdbeben-Hilfe für Haiti koordinieren.

Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy machte sich unterdessen für eine internationale Wiederaufbau-Konferenz für Haiti stark. Über diesen Vorschlag wolle er mit Obama sprechen, sagte er in Paris. Er werde sich außerdem mit der EU, Brasilien und Kanada abstimmen. "Wir müssen ein für alle Mal dafür sorgen, dass dieses Land seinen Fluch los wird. Haiti ist nicht dafür bestimmt, Märtyrer zu sein", betonte Sarkozy. Die spanische EU-Ratspräsidentschaft plant für kommenden Montag ein Sondertreffen der europäischen Entwicklungshilfeminister zur Erdbebenkatastrophe in Haiti.

US-Luftwaffe kontrolliert den Airport

Der Flughafen der Hauptstadt war durch das Beben in Mitleidenschaft gezogen worden, blieb nach einer vorübergehenden Schließung aber für Frachtflüge geöffnet. Rettungsexperten aus Belgien, Luxemburg, Frankreich, Großbritannien und Island werden im Krisengebiet erwartet. Auch Russland schickt vier Flugzeuge mit Rettungstruppen und humanitären Gütern nach Haiti. Inzwischen ist der wichtigste Airport des Landes aber überlastet. Auf dem Vorfeld war zeitweise kein Platz mehr für gelandete Maschinen, wie die US-Luftwaffe berichtete. Zudem gibt es kaum noch Treibstoff für die Maschinen, die wieder aus Haiti wegfliegen wollen. Der Tower wurde bei dem Beben zerstört.

Ein Offizier erklärte, eine Spezialeinheit der US-Luftwaffe habe die Rollbahnen freigeräumt, eine Flugverkehrskontrolle rund um die Uhr auf die Beine gestellt und das Beleuchtungssystem instand gesetzt. Dutzende Frachtmaschinen hätten am Donnerstag starten und landen können, sagte er. Die Schäden auf dem Vorfeld behindern aber nach seinen Worten weiter das Entladen der Flugzeuge. Die Luftwaffe will jetzt Gabelstapler und anderes schweres Gerät nach Haiti bringen, das beim Ausladen von Hilfsgütern helfen soll.

Zum Drehkreuz für viele Helfer ist Santo Domingo im vom Beben kaum betroffenen Nachbarland Dominikanische Republik geworden. Seit der Nacht zum Donnerstag treffen dort immer mehr Helfer ein, darunter ein Team der Deutschen Welthungerhilfe. Teams von "Ärzte ohne Grenzen" versorgen in Haiti Patienten mit Brüchen, Kopfverletzungen und anderen schweren Traumata. Die Kliniken sind größtenteils zerstört, es wurden Zelte aufgebaut, um die Patienten zu versorgen, teilte die Organisation mit. Mehr als 1000 Patienten seien bisher von "Ärzte ohne Grenzen" behandelt worden.

Nun drohen Hunger und Krankheiten

Das UN-Kinderhilfswerk Unicef betont, vor allem die Kinder müssen so rasch wie möglich vor Hunger und Krankheiten geschützt werden. Unicef warnt angesichts der chaotischen Zustände zudem vor dem Ausbruch von Epidemien. Viele Betroffene seien verzweifelt und stehen unter Schock. "Wir müssen jetzt alles tun, um Hunderttausende Kinder in Haiti vor einer zweiten Katastrophe durch Hunger und Krankheiten zu schützen", sagt Regine Stachelhaus, Geschäftsführerin von Unicef Deutschland. Das Gebäude des Kinderhilfswerks in Haiti sei schwer beschädigt worden.

Bereits vor der Naturkatastrophe waren rund ein Viertel der Kinder unterernährt und sind jetzt besonders gefährdet. Etwa die Hälfte der betroffenen Bevölkerung ist unter 18 Jahren; die meisten leben in extremer Armut. Zahlreiche Haitianer versuchten in der Botschaft ihres Landes in Berlin, Kontakt zu Verwandten in Haiti aufzunehmen.

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon zeigte sich beeindruckt von der internationalen Hilfsbereitschaft. Oberste Priorität müsse nun die Rettung Überlebender haben. Dabei zähle jede Stunde. Ban kündigte an, mit dem früheren US-Präsidenten und UN-Sondergesandten für Haiti, Bill Clinton, bald in das Land reisen zu wollen. Clinton sagte im amerikanischen Fernsehsender CNN, man stehe vor einer gewaltigen Herausforderung. "Wir brauchen Nahrungsmittel, mehr sauberes Trinkwasser und mehr Hubschrauber."

Trinkwasseraufbereitung ist unterwegs

Das UN-Welternährungsprogramm kündigte an, schnellstmöglich 90 Tonnen Fertignahrung nach Haiti zu schicken. Das Technische Hilfswerk schickte zwei Anlagen zur Trinkwasseraufbereitung los - sie können in einer Stunde 6000 Liter aufbereiten und so bis zu 30.000 Menschen versorgen. Das Deutsche Rote Kreuz will am Freitag ein mobiles Hospital nach Haiti fliegen.

Der US-Flugzeugträger "USS Carl Vinson" ist bereits auf dem Weg zur Karibikinsel. Er bringe weitere Hubschrauber für die Rettungsarbeiten und könne als zusätzlicher Landeplatz für Hilfsgüter-Transporte dienen. Frankreich entsandte mehrere Flugzeuge in die Region. An Bord war auch der Entwicklungsstaatssekretär Alain Joyandet, der die Hilfen koordinieren sollte.

Unter den zahlreichen Gebäuden, die bei dem Beben der Stärke 7,0 am Dienstagnachmittag in der Millionen-Stadt Port-au-Prince dem Erdboden gleichgemacht wurden, ist auch das UN-Hauptquartier. Der Präsidentenpalast und die Kathedrale wurden ebenfalls schwer beschädigt, Erzbischof Joseph Serge Miot zählt zu den Toten.

AFP/DPA/APN/Reuters/dho DPA Reuters

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