Katastrophenschutz Tsunami-Frühwarnsystem auch im Mittelmeer


Führende deutsche Geowissenschaftler wollen ein Tsunami-Frühwarnsystem im Indischen Ozean aufbauen. Doch dabei soll es nicht bleiben: Auch im Mittelmeer droht nach Ansicht der Wissenschaftler Gefahr.
Von Jens Lubbadeh

Die Flutkatastrophe in Südostasien mit über 160.000 Toten hat das Bewusstsein für die Notwendigkeit von Frühwarnsystemen geschärft. Dabei warnen Wissenschaftler schon seit langem, dass untermeerische Erdbeben nicht nur im Pazifik auftreten können. Auch im Mittelmeer stoßen mehrere Kontinentalplatten aufeinander, Seebeben sind auch hier möglich.

Die Wissenschaftler empfehlen daher, dass auch in Deutschland und in Europa daher Vorkehrungen vor möglichen Flutwellen getroffen werden sollen. Die europäischen Meere würden hinsichtlich des Erdbeben- und Vulkanismusrisikos und des damit verbundenen Gefährdungspotenzials für die dicht besiedelten Küstenregionen unterschätzt, sagte der Direktor des Leibniz-Institut für Meereswissenschaften (IFM-Geomar) Professor Peter Herzig. In der Mittelmeerregion, wo mehrere Kontinentalplatten aufeinander treffen, sind Erdbeben keine Seltenheit. Neuralgische Punkte sind nach Ansicht von Herzig die Straße von Gibraltar, die griechischen Inseln und die Gegend um Istanbul.

Warnung in Echtzeit

Das deutsche Engagement beim Aufbau eines Tsunami-Frühwarnsystems im Indischen Ozean soll sich daher nicht nur auf diese Region beschränken. Der Plan für das deutsche Tsunami-Frühwarnsystem im Indischen Ozean war in Zusammenarbeit des Geoforschungszentrums Potsdam (GFZ), der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) in Hannover sowie dem Leibniz-Institut für Meereswissenschaften (IFM-Geomar) in Kiel erarbeitet worden.

Die Idee ist einfach: Messstationen im Meer registrieren Seebeben oder den erhöhten Wasserdruck, der durch die Riesenwellen entsteht. Die Daten werden via Satelliten an Alarmzentralen übertragen. Von dort können die Warnungen per Internet, Email und SMS an alle angeschlossenen Nutzer gesandt werden. Das können neben Behörden auch Hotels und Privatpersonen sein. Dies alles soll nahezu in Echtzeit geschehen, denn Zeit ist der entscheidende Faktor - Tsunamis breiten sich mit bis zu 1000 Kilometern pro Stunde aus. Je früher Alarm gegeben wird, desto mehr Zeit bleibt den Menschen zur Flucht.

25 Millionen Euro Materialkosten

Erste Teile des Systems könnten schon in diesem Jahr installiert werden. Obwohl die USA und Japan bereits seit Jahrzehnten funktionierende Warnsysteme betreiben, sind die Wissenschaftler überzeugt, dass die deutsche Technologie auf diesem Gebiet die modernste ist. Jedoch sei nach Aussagen von Forschungsministerin Bulmahn das deutsche System offen für die Kombination mit entsprechenden Systemen der USA und Japans. "Es geht nicht um Konkurrenz, sondern wir wollen eine schnelle Hilfe für die Menschen".

Das deutsche Frühwarnsystem könnte dem GFZ-Vorstandsvorsitzenden Rolf Emmermann zufolge in zwei Stufen aufgebaut werden. Binnen einem bis drei Jahren könne zunächst das eigentliche Frühwarnsystem mit neu entwickelten Drucksensoren am Meeresboden, GPS-gesteuerten Bojen und moderner Auswertungssoftware an Land errichtet werden. Dafür seien 25 Millionen Euro an reinen Materialkosten nötig. Langfristig muss dann in den betroffenen Ländern eine eigene Katastrophenvorsorge entstehen. Die seit Jahren bestehenden Kontakte vor Ort erleichterten den Aufbau nationaler Datenzentren in den betroffenen Ländern.

So funktioniert ein Tsunami-Frühwarnsystem

Europäische Initiative für Frühwarnsystem im Mittelmeer

Die Bojen seien bereits erfolgreich getestete Neuentwicklung, sagte Emmermann. Das von den Deutschen entwickelte System böte erstmals die Möglichkeit, Bewegungen der Bojen millimetergenau in Echtzeit zu erfassen. Nur Deutschland verfüge über einen entsprechend spezialisierten Satelliten mit einem GPS-Empfänger und damit über die Möglichkeiten, Meeresoberflächen stetig auszumessen.

Parallel zu der Initiative im Indischen Ozean wird ein europäischer Ansatz verfolgt. Bereits im vergangenen Jahr taten sich mehrere deutsche Forschunginstitute zu einem Konsortium Deutsche Meeresforschung (KDM) zusammen. "Das Ziel war Lobbyarbeit für die wissenschaftliche Forschung", sagt Peter Herzig. Doch die jüngste Flutkatastrophe hat seiner Meinung nach die Notwendigkeit eines Frühwarnsystems auch für Europa unterstrichen. Gemeinsam mit weiteren europäischen Meeresforschungsinstituten wollen die deutschen Wissenschaftler daher ein Beobachtungsnetzwerk in der Mittelmeerregion aufbauen. Die deutsche Technik, die im Indischen Ozean zum Einsatz kommen soll, könnte auch hier verwendet werden. "Es würde nicht nur die langfristige wissenschaftliche Forschung zum besseren Verstehen solcher Naturkatastrophen ermöglichen - es böte auch die nötige Basis für ein schnelles und effizientes Frühwarnsystem.", sagt Herzig.

Die Tsunami-Wellen von amerikanischen Satelliten aus beobachtet

Bei einer Katastrophe im Mittelmeer zählt jede Minute

Gerade in der Mittelmeerregion muss solch ein System ganz besonders schnell und effizient arbeiten. Die Distanzen dort sind andere als im Indischen Ozean. Bei der jüngsten Katastrophe in Südostasien benötigten die zerstörerischen Tsunami-Wellen mehrere Stunden von ihrem Entstehungsort Sumatra bis zu den Küsten. Im Mittelmeer hingegen würde es auf jede Minute ankommen.

"Ein Beben in der Straße von Gibraltar hätte eine Flutwelle zur Folge, die in einer Stunde Sardinien, in dreieinhalb Stunden Zypern erreichen würde", sagt Prof. Herzig. Selbst wenn es im Mittelmeer "natürliche Riegel" wie den italienischen Stiefel gibt, die die Ausbreitung der Tsunamis bremsen - die Folgen einer ausgelösten Flutwelle wären katastrophal und die bremsenden Regionen wären natürlich alle selbst betroffen. Andererseits glaubt Herzig, dass die Datenkommunikation im europäischen Raum effizienter funktionieren und lebensrettende Informationen schneller ihr Ziel erreichen würden als in Asien.

Mehrere neuralgische Punkte

Aber nicht nur Beben haben die Wissenschaftler im Blick, sondern auch Vulkane. "Es gibt im Mittelmeerraum einige friedlich schlafende Giganten mit latenter Aktivität, wie zum Beispiel den Ätna, Stromboli, die Kanaren oder Island." Diese könnten allerdings jederzeit ausbrechen. Herzig bewertet die ganz besonders in letzter Zeit für Aufruhr sorgende Theorie, dass ein Vulkanausbruch auf der Kanareninsel La Palma die gesamte Insel zerbrechen und eine riesige Flutwelle nach sich ziehen könnte, als reale Gefahr. "Allerdings kann keiner sagen kann, ob und wann sie jemals eintreten wird. Da werden gerne Horrorszenarien aufgebaut", sagt Herzig.

Solch ein europäisches System könnte nach Ansicht Herzigs in wenigen Jahren einsatzbereit sein. Kritische Faktoren wären hierbei weniger die wissenschaftliche und technische Umsetzbarkeit, als vielmehr der politische Wille und eine gesicherte Finanzierung durch die EU.

Über das deutsche Konzept für den Indischen Ozean, eine mögliche europäische Beteiligung sowie den Aufbau von Frühwarnsystemen in Europa wird Ende Januar auf der maritimen Konferenz in Bremen beraten, an der Direktoren der europäischen Meeresforschungsinstitute und auch Bundeskanzler Schröder teilnehmen werden.


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