VG-Wort Pixel

Flüchtlingspolitik Wo Elend und Tod als Abschreckung dienen. Wer Moria besuchte, der vergisst das nie

Flüchtlingspolitik: Wo Elend und Tod als Abschreckung dienen. Wer Moria besuchte, der vergisst das nie
© Socrates Baltagiannis/ / Picture Alliance
Unser Korrespondent recherchierte in den vergangenen Jahren mehrmals im und beim abgebrannten Flüchtlingslager Moria auf Lesbos. Er sagt: Moria ist so schrecklich, das macht etwas mit Dir.
Von Raphael Geiger

Vom Dschungel aus konnte man Europa nicht sehen. Dschungel sagten sie, die Bewohner, zu ihrem Zeltlager, zu ihrem Stück europäischen Bodens. Dem Stück, das der Kontinent ihnen zugewiesen hatte: ein Olivenhain, von Bergen umgeben, die Sicht nach vorn übers Meer. Drüben sahen sie die Küste der Türkei. Europa versteckte sich hinter ihnen, hinter den Bergen. Hinter einem weiteren Meer und einem Gebirge der Abschreckung, bestehend aus Zäunen, aus Kontrollen, aus griechischen Neonazis voller Hass, aus Schmugglern voller Geldgier.

Offiziell lag Moria in Europa. Auf der Insel Lesbos, in Griechenland. Die Menschen glaubten, sie seien in Sicherheit, seien fast am Ziel, wenn sie in ihren Schlauchbooten hier anlandeten. Doch sie waren in die Falle geraten. Europa sagte: Ihr seid jetzt hier, aber glaubt nicht, dass es noch irgendwohin weitergeht. Niemand hat auf euch gewartet. Niemand will euch hier.

Binnen nur weniger Jahre war es hart geworden, dieses Europa, dieser Kontinent der Hoffnung. Vorbei die Nächte, in denen uns das Bild des kleinen Alan Kurdi heimsuchte, leblos im Sand in seiner blauen Hose und dem roten T-Shirt. Vorbei die Tage, an denen uns Mitgefühl und schlechtes Gewissen zu Zehntausenden auf die Straße und in die Bahnhöfe trieben, mit Blumen und Teddybären und guten Absichten im Gepäck.

Geflohene Gastarbeiter in Tunesien
2011
Diese Gastarbeiter flohen vor dem Bürgerkrieg in Libyen nach Tunesien. Jetzt warten sie auf Essen. Viele werden sich später auf den Weg nach ­Europa machen
© Getty Images

Das Elend entlang der Flüchtlingsrouten ging trotzdem weiter. Immer noch starben Jahr für Jahr Tausende bei der Fahrt übers Mittelmeer, wie 2013, als die Särge der Ertrunkenen im Hangar des Flughafens von Lampedusa in langen Reihen standen. Die Lager voller Verzweifelter, die nur auf ihre Chance warteten, selbst den Tod zu riskieren für ein Leben, wie wir es selbstverständlich finden: Rund um das Mittelmeer wuchsen sie weiter, so wie schon 2011 in Tunesien.

Keine Überraschung, sondern akzeptiertes Elend

So sehr uns die Brandkatastrophe von Moria erschüttert haben mag – überrascht kann Europa nicht sein. Schließlich war es unsere Politik, die Tragödien wie diese mit provoziert hatte. Der Deal, den die EU mit der Türkei ausgehandelt hatte, damals 2016, er stoppte nicht nur die Massenflucht ins Herz Europas. Er half auch, uns die Wirklichkeit vom Leib zu halten. Die Flüchtlinge kamen weiter. Nur landeten sie nicht mehr in Passau und München, sondern weit weg, an den Rändern Europas, in Lagern wie Moria, die dieser Deal erst geschaffen hatte.

Als Moria vergangene Woche brannte, dachte ich an meine Besuche im Camp als Reporter für den stern. Vom Parkplatz, wo wir unser Auto abstellten, führte die Hauptstraße den Hang hinauf, links hinter dem Zaun das eigentliche Lager, ein Containerdorf für 2000 bis 3000 Menschen, rechts der Dschungel. Erdige Pfade durch den Olivenhain, entlang derer sich Zelt an Zelt reihte. Ein verstopfter Ort. 13.000 Bewohner waren es vor dem Feuer, vor ein paar Monaten auch mal fast 20.000. Eine Masse. Für viele Europäer nichts als eine Bedrohung. Aber wenn ich den Hang hinaufging, im Sommer 2019, im Winter 2018 oder im Frühjahr 2016, wurden aus der Masse Begegnungen. Einzelschicksale. Menschen.

Aufgereihte Särge
2013
Vor der italienischen Insel Lampedusa ertrinken 368 Migranten. Italien schickt Küstenwache und Flugzeuge in die ­Operation „Mare ­Nostrum“, um weitere Tragödien zu ver­hindern. Oft gelingt es nicht
© ALBERTO PIZZOLI/AFP

An einem Abend im Lager zeigte mir Solari, ein Kameruner, Fotos aus seiner Heimat. Er war weggegangen, weil das despotische Regime ihn verfolgte. Syrer kamen hinzu, Jemeniten, Somalier, Palästinenser, Kongolesen. Ganz unterschiedliche Männer, aber alle von der anderen Seite des Mittelmeers, aus Gegenden, in denen gekämpft wurde, wo Wirtschaftskrisen Hungerkrisen sind. Die Luft im Camp wurde beißend von den vielen Feuern, aus einem der Zelte schrie ein Kind. Es stand bevor, wovor sich alle hier am meisten fürchteten: die Nacht.

Denn dass Europa sie am Leben ließ, war auch schon alles, was der Kontinent ihnen zugestand. Falls sie dennoch starben, in einem Feuer oder durch die Waffe eines griechischen Rechtsradikalen oder an der Kälte der Nacht, nahm Europa es hin. Es änderte nichts. Ein Tod in Moria war eine Nachricht, die schnell wieder verschwand.

Moria machte etwas mit einem, als Europäer

Ich hatte oft die deutsche Debatte im Ohr, wenn ich durch den Dschungel ging, die Talkshow-Sätze der vergangenen Jahre: Wir können nicht alle nehmen, sonst kommen noch viel mehr. 2015 darf sich nicht wiederholen. Und so weiter. Was mir in Moria durch den Kopf ging, war: Egal, wo man politisch steht, das hier kann niemand richtig finden. Eine Toilette auf 160 Menschen, eine Dusche auf etwa 250.

Wenn man als Besucher hierherkam, konnte man kaum neutral bleiben, also das, was man als Reporter immer sein sollte: ein Beobachter. Moria machte etwas mit einem. Als Europäer.

Moria war, schien mir, die Ausnahme, die sich Europa genehmigte: Nirgendwo sonst auf dem Kontinent hätten wir ein solches Lager akzeptiert, solche Bedingungen. Nur auf diesem Olivenhain mit Blick hinüber zur Türkei ließen wir es zu. Hier galten unsere eigenen Regeln nicht.

Moria war eine bequeme Lösung für uns alle. Wir waren ja nicht so: brutal, menschenverachtend. Wir nahmen nur hin, dass es dieses Lager gab, das in unserem Namen so war: brutal, menschenverachtend. Im Sinne des Zwecks: Abschreckung.

Laith Majid al-Amiri hält sein Kind im Arm
2015
Laith Majid al-Amiri weint vor Erleichterung: Der Iraker steht mit seinen Kindern sicher auf der Insel Kos. Auch dieses Bild verbreitet sich weltweit
© Daniel Etter/The NewYorkTimes/Redux/laif

Moria, das war ein permanenter Ausnahmezustand, ein kollektiver Nervenzusammenbruch. Eine Gemeinde der Traumatisierten. Moria brachte Menschen dazu, sich das Leben zu nehmen. Manche wurden hier zu Dieben, zu Vergewaltigern. Und die anderen, die vielen? Die versuchten, sich ein bisschen Würde zu bewahren, selbst hier. Die junge Syrerin, Maha, die ihr Zelt im Dschungel penibel sauber hielt und ihrem Mann befahl, die Schuhe auf einem Karton draußen auszuziehen. Drinnen hatte Maha einen Teppich ausgebreitet und kochte Tee.

In einem Zelt stand ein Whiteboard mit Englischvokabeln, vor einem anderen war mit Ziegeln ein Gemüsebeet abgesteckt. Die Menschen rangen mit sich. Viele blieben Monate in Moria, manche Jahre. Dabei versuchten sie, nicht so hart zu werden wie der Ort, der ihr Schicksal war. Sie versuchten, sie selbst zu bleiben.

Ein Baby wird in einem Eimer gebadet
2019
In einem Lager für Vertriebene im syrischen Idlib wird ein Baby in einem Eimer gebadet. Fast eine Million Menschen müssen vor den Bomben Assads fliehen, viele sehen keine Zukunft mehr in Syrien
© ddp images

Abschreckung ersetzt Menschenwürde

Oft hieß es, nun sei es in Moria schlimmer als je zuvor. Immer wieder hieß es das, im Winter 2018, im Sommer 2019. Im Rest Griechenlands ging der Shutdown vorbei, für Moria verlängerten ihn die Behörden immer weiter, und nach den ersten Corona-Fällen Anfang September riegelten sie das Lager ab. Viele sagen, der erneute Lockdown habe die Proteste der Flüchtlinge ausgelöst, an jenem Tag vor der Nacht des Feuers.

Eigentlich aber, dachte ich am Tag nach dem Brand, ist eines noch erschreckender: In Moria war es jahrelang schlimm, jeden Tag, jede Nacht, auch wenn die Zahl der Bewohner gerade nicht auf Rekordhoch lag, wenn keine Feuer ausbrachen, keine Pandemie grassierte.

Und wir sahen zu. Nein, taten wir nicht, wir sahen weg.

Migranten fliehen vor dem Feuer in Moria
2020
Familien flüchten vor dem Feuer im Flüchtlingscamp Moria auf der griechischen Insel Lesbos. Tausende warten hier ­vergebens darauf, ein neues Leben in Europa beginnen zu können
© dpa

So wird es weitergehen, solange wir nicht einsehen: Flüchtlinge werden immer kommen, und eine bestimmte Zahl werden wir aufnehmen müssen. Wir könnten sie in der Türkei registrieren und direkt ausfliegen, nach humanitären Kriterien, nach festgelegten Zahlen. So ähnlich sah es der EU-Türkei-Deal damals vor, aber es passierte kaum. In den vergangenen fünf Jahren durften gerade einmal 15.000 Asylbewerber aus Griechenland in andere EU-Staaten übersiedeln. Der Rest hängt hier fest. Ende vergangenen Jahres waren es rund 190.000.

Daran soll sich auch nach dem Feuer von Moria nichts Entscheidendes ändern. Zwar wollen in einer Geste „praktizierender Nächstenliebe“, wie Innenminister Horst Seehofer das nennt, zehn EU-Länder nun 400 unbegleitete Kinder und Jugendliche aus Moria aufnehmen. Aber den meisten der 13.000 anderen bietet Europa keine Perspektive. Weil Europa bis heute denkt, wir kämen so durch. Mit Abschreckung. Mit Moria.

Und war Moria nicht auch für die unter uns bequem, die sich für weltoffen, für flüchtlingsfreundlich halten? Wir konnten uns betroffen zeigen angesichts der Zustände dort und waren doch froh, dass die Zahl der neu ankommenden Migranten in Deutschland niedrig blieb und wir nicht noch eine Debatte gegen die AfD führen mussten, nicht schon wieder. Das ist das Moria in uns.

Gleich nach dem Feuer flog die griechische Regierung Zelte nach Lesbos. Auf einem ehemaligen Schießplatz der Armee soll ein neues Moria entstehen. Ein ebenso billiges Lager wie das alte. Nicht mal lange wird es dauern, das neue Moria zu bauen. Denn die Idee der Abschreckung, glaubt die Regierung in Athen, glauben viele in Europa, die müsse überleben. Und die Idee ist stärker als jedes Feuer.

Die Flüchtlinge in den griechischen Lagern brauchen dringend Unterstützung. Wir leiten Ihre Hilfe weiter.

Bitte spenden Sie an: IBAN DE90 2007 0000 0469 9500 01; Stichwort: „Lesbos“; www.stiftungstern.de

Erschienen in stern 39/2020

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker