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Hilfsorganisation in Burkina-Faso "Alles, was wir mit den Kindern und Frauen aufbauen, hassen die Terroristen"

Katrin Rohde begann ihre Arbeit Ouagadougou mit kriminellen Straßenjungen.
Katrin Rohde begann ihre Arbeit Ouagadougou mit kriminellen Straßenjungen.
© Ampo / PR
In 25 Jahren schuf Katrin Rohde die Hilfsorganisation Ampo in Burkina-Faso. Mit dem stern sprach sie über die unselige Herrschaft der Potentaten, darüber wie der Krieg des IS das arme Land erschüttert und wie ein neues demokratisches Afrika entsteht
Katrin Rohde war Buchhändlerin in Schleswig-Holstein. Vor mehr als 20 Jahren änderte sie ihr Leben radikal. Sie verkaufte alles, was sie in Deutschland besaß und zog in die Hauptstadt von Burkina Faso, Ouagadougou. 1995 wollte Katrin Rohde einer Handvoll Waisenkindern helfen. Auch war sie fasziniert vom anderen Leben, von der Offenheit, der Herzlichkeit. Vielleicht auch davon, dass sie gebraucht wurde. Rohde war schon zuvor eine Frau, die immer dann zupackte, wenn etwas getan werden musste, und sich keiner zuständig fühlte. Dieser Bruch mit ihrem bisherigen Leben und ihr Engagement sind ungewöhnlich, aber das wirklich Besondere ist noch etwas anderes. Rohde hat in mehr als 20 Jahren eine funktionierende Hilfsorganisation aufgebaut und ist nicht wie so viele Idealisten nach wenigen Jahren ausgebrannt zurückgekehrt.

Aus der Handvoll Straßenjungen, um die sie sich kümmern wollte, wurde Ampo mit weit über hundert Angestellten. Immer noch stehen Waisenkinder im Zentrum, doch der Maßstab hat sich verändert. 140 Menschen beschäftigt die NGO. Alles Schwarze. Rohde hält wenig davon, die Arbeit von hoch bezahlten weißen Expats erledigen zu lassen. Sie selbst leitete die Organisation lange, ist jetzt aber nur noch als Beraterin und Spendensammlerin tätig. Das Corona-Virus ließ sie in Hamburg stranden, hier erhielt sie gerade den Bundesverdienstorden.

Bildung ermöglicht ein selbstständiges Leben

Aus dem Westen gelangt viel Geld ins Land, das lande aber in den Händen der korrupten Elite und beim Militär. "Wir brauchen hier vor allem Bildung und Gesundheit", sagt Rohde zum stern. "Du musst gesund sein, um deine Familie versorgen zu können, und du musst gebildet sein, damit das Land vorankommt." Bei Ampo dreht sich alles um Bildung und die dauert bis zu einem Beruf. "Wir bilden alle unsere Kinder bis zum Ende aus. Egal, was sie werden. Ob sie Mechaniker oder Schneider werden. Ob sie studieren oder Ingenieur werden wollen." In den zwei Waisenhäusern, Mädchen und Jungen wohnen getrennt, leben die Kinder nur, bis sie 19 sind. "Unsere Förderung muss nach der Schulbildung weitergehen und wir müssen von Anfang an weiterplanen. Sonst stehen die Kinder mit einem Abschluss da und dann? Wir beobachten unsere Kinder genau. Jedes Kind hat ein Talent, jedes Kind!"

Die Aufgabe von Ampo ist es, diese Talente zu erkennen. Das können die Mitarbeiter der Organisation weit besser als die Familien, findet Rohde. "Wie kann ein Vater von sechs Kindern, der einen Karren zieht, ahnen, dass sein Sohn ein Talent für Mathematik hat? Aber wir können das. Und wir suchen Nischenberufe, bei denen wir sicher sind, dass sie alle eine Anstellung bekommen." Diese Förderung über Schule und Kindheit hinaus ist einer der teuersten Faktoren des Projektes. Aber sie allein führt dazu, dass die ehemaligen Waisen am Ende im Leben stehen und inzwischen ein Netzwerk bilden. Und Möglichkeiten gibt es in Burkina Faso, wenn man sich auskennt. "Afrika ist kein verlorener Kontinent. Wir zeigen unseren Kindern früh, was es für Chancen gibt", so Rohde. Etwa, dass man sogar Förster in Burkina Faso werden kann. "Das ist eine Sahelzone, trotzdem gibt es Förster - jetzt gibt es sogar eine ausgebildete Försterin."

Entscheidend ist nach der Schule

Schulwissen allein hilft nicht, es geht um die Befähigung, ein Leben zu gestalten und zu führen. "Die Aussichten dieser Kinder, wenn sie zu uns kommen, sind gleich null. Die kommen mit einer Plastiktüte und einem Impfpass – oder auch nicht - und einem zerrissenen T-Shirt, aber ihre Aussichten, wenn sie gehen, sind groß." Katrin Rohde erklärt es an einem Beispiel: "Du musst nicht nur ein guter Tischler sein, du musst dazu lernen, wie man Buchhaltung macht, wie man Angebote schreibt, wie man sich bewirbt. Tischlern allein reicht nicht. Ein Brett hobeln können viele, aber man muss lernen, etwas damit anfangen zu können." Bis zum Start der Selbstständigkeit hilft Ampo. "Wir kaufen die ersten drei Maschinen, aber dann muss man selbst ran. Wir haben inzwischen Tischler ausgebildet, die fahren ihr eigenes Auto."

Und dazu übt das Projekt die Demokratie - eine afrikanische Demokratie. "Wir arbeiten nur mit Afrikanern, Afrika gehört den Afrikanern." Das war nicht leicht. Afrika ist anders als Europa. Da ist zum Beispiel das Problem mit der Verantwortung. Im Westen will immer jemand oben sein, die Kommandos geben. In Afrika will niemand Entscheidungen treffen. "Bei uns ist das erste Wort, wenn etwas schiefgeht: 'Ich war das nicht'." Daher treffen sich die sieben Direktoren der Organisation einmal in der Woche und entscheiden alles zusammen. "So tragen sie gemeinsam die Verantwortung, es gibt keine Einzelschuld."

Eine neue Gemeinschaft

Gemeinsam ist man stark, nicht einzeln, das ist das Credo von Ampo. Dort wird versucht, eine neue Gemeinschaft aufzubauen. "Bei Afrika denken alle an Gemeinschaft, als wäre es eine Idylle. Aber die alten Gemeinschaften sind immer hierarchisch", sagt Rohde. Das ganze korrupte System in Burkina Faso beruht darauf. Die neue Gemeinschaft ist Demokratie an der Basis. So wie es in einer deutschen Einrichtung undenkbar wäre. Einmal habe sie einen Jungen rausgeworfen, erläutert Rohde. Weil er die anderen immer bestohlen hat. "Am nächsten Tag standen 60 Jungs vor meiner Tür und wollten, dass er bleibt. Sie sagten 'Mama, wir haben Demokratie, wie sind 60 zu eins. Er soll bleiben und wir passen auf, dass er nicht mehr klaut.' Und so ist es geschehen."

Wichtig ist es, dass sich die Kinder nicht am Vorbild der herrschenden Eliten orientieren, die den Wohlstand des Landes und die Hilfen des Auslands auf ihre Konten umleiten und das Geld verprassen. Rohde sagt zu den Kindern: "Wenn du es geschafft hast, dann kaufst du nicht eine große Villa. Du hast ein kleines Haus, du heiratest und hast nicht mehr als zwei Kinder - höchstens drei. Und alles, was du mehr hast, gibst du weg. So, wie ich, deine Mama, das tut. Wir alle bei Ampo geben."

Aufklärung in den Dörfern ist wichtig, damit Frauen aus der Bevormundung hervortreten.
Aufklärung in den Dörfern ist wichtig, damit Frauen aus der Bevormundung hervortreten.
© Ampo / PR

Frauen, die in ein eigenes Leben treten

Neben den Waisen hilft Ampo verstoßenen Frauen. Die Lage der Frauen in Burkina Faso ist komplex, stellt Rohde klar. Es ist nicht einfach so, dass alle Frauen unterdrückt werden.

Durch die Politik eines früheren Präsidenten gibt es viele Frauen in führenden Positionen. "Normalerweise wollen Männer keine intellektuelle, starke Frau. Das ist noch so und ändert sich jetzt. Heute gibt es viele starke stolze Frauen." Die Frauen hielten die Familien zusammen und viele Männer hörten auf sie. Doch bei den Ungebildeten sähe das anders aus. Dort gibt es die Männer, die abends in den Kneipen sitzen und das Geld vertrinken, dass die Frau mühsam erwirtschaftet hat. Und es gibt Frauen, die von ihren Männern oder dem Dorf Verstoßen werden, und die dann bei Ampo vor der Tür stehen.

"Als Erstes müssen wir die Frauen davon wegbekommen, dass sie nur machen, was die Mutter sagt und später der Mann." Wenn eine Geschiedene mit fünf Kindern vor der Tür steht, könne sie keinen eigenen Entschluss treffen, weil sie das nie gemacht habe. "Wenn wir sie fragen, was sie machen will, ist die Antwort: 'Das, was du mir gibst.'". Aber es wird nichts vorgegeben. "Sie muss entscheiden, was sie tun will, dann können wir helfen." Es gibt etwas Geld für Essen und eine Unterkunft. "Und dann entscheiden sie sich. Sie machen etwas, auch über verschiedene Ethnien hinweg. Dann ziehen die Frauen zusammen, eine kümmert sich um die Kinder und die anderen gehen Geld verdienen."

Die BRD hilft nur mit Beton

Geholfen wird nur von privaten Spendern und Firmen. Ampo fällt weitgehend durch das Raster der staatlichen Hilfen. Genau genommen investiert die Bundesrepublik nur in Ehrungen und in Beton. "Wenn wir etwas bauen wollen, können wir einen Antrag stellen, dann gibt es bis zu 75 Prozent. Wir haben das zweimal gemacht. Aber es gibt nichts für Folgekosten, Personal und soziale Hilfe", klagt Rohde. "Bauen können wir selbst. Dann eben billiger. Was wir brauchen, sind Lehrergehälter. Und Geld für unsere Fahrzeuge, die Fahrer, die Buchführung, die Verwaltung – dafür gibt es nichts. Das Gebäude steht leer, wenn du nicht das Geld hast, um die Lehrer zu bezahlen. Ich habe lieber eine Schule unter einem Baum, wenn ich dafür den Lehrer bezahlen kann." Geld für Personalkosten zu bekommen sei unglaublich schwer.

Rohde glaubt an Afrika. An die Zukunft eines modernen Afrikas, nicht an eine vorkoloniale Idylle. Darüber berichte man in Deutschland nicht, doch es gebe viele Familien, denen es gut geht. "Der Vater fährt ein kleines Auto, die Mutter ein gutes Moped, morgens bringen sie ihre Kinder in den Kindergarten, verabschieden sie dort mit einem Schmatz-Kuss. Genau wie in Europa." Auch in Burkina Faso ist eine neue Schicht herangewachsen. "In der ganzen Region gibt es einen Generationswechsel. Dort gibt es gebildete Menschen. Die Abitur machen, die studieren, die Anwälte werden." Sie blicken auf die ganze Welt, entwickeln ein anderes Demokratieverständnis, und im eigenen Land sähen sie nur Potentaten, die das öffentliche Geld in ihre eigenen Taschen schaufeln.

Das große Geld aus dem Abbau von Rohstoffen fließt ins Ausland nach Kanada und Frankreich. Für die Einheimischen bleiben nur kleine illegale Minen. "Das sind Löcher, in denen die eigenen Kinder verschüttet werden, das ist grauenhaft." Das Land geht leer aus, aber die Elite werde von den westlichen Staaten gehätschelt und beschenkt. Korruption sei allgegenwärtig. "Bei uns kommen auch mal Minister ins Gefängnis, weil belegt wurde, dass sie Millionen unterschlagen haben. Die gehen mit viel Tara und begleitet von Zeitungen und Fernsehen in den Knast und - zack - nach einer Woche sind sie wieder draußen."

Das Elend des Post-Kolonialismus

"Die Menschen hier wissen alles. Jeder spricht mit jedem, alles spielt sich im Freien ab, die Leute sind gut informiert." Aber das alte Herrschaftssystem funktioniere immer weniger. "Diese Knechterei will heute keiner mehr auf sich nehmen." Daher kommen die Spannungen in der Region, das System der Herrschaft der ehemaligen Kolonialmächte mithilfe korrupter Regierungen gelangt an ein Ende. Das Schlimmste in Burkina Faso seien heute die reichen Familien, empört sich Rohde, wo jedes Kind mit einem eigenen Chauffeur zu Schule gebracht wird. "Superreiche gibt es auch. Reichlich. Neben der ganzen Armut ist die Ober-Geldschicht gut vorhanden. 'Von Beruf Sohn' - das sind furchtbare Jugendliche, die da heranwachsen. Die in Klubs auf den Tischen tanzen und das Geld verprassen, das ihre Eltern unterschlagen haben."

Katrin Rohde ließ ihr Leben in Europa zurück, um mit Straßenkindern zu arbeiten.
Katrin Rohde ließ ihr Leben in Europa zurück, um mit Straßenkindern zu arbeiten.
© Ampo / PR

Ein Krieg, der das Land überfordert

Und dazu kommt noch der Kampf gegen die Dschihadisten, größtenteils seien das Söldner, davon ist Rohde überzeugt. Sie selbst darf nur noch mit einem Bodyguard auf die Straße. Nicht weil sie Angst vom Tod habe, sagt die 71-Jährige. Ihre Direktoren bestehen darauf. "Nicht weil ich reich wäre, aber für die Dschihadisten wäre ich ein ideales Ziel. Ein Symbol - alles, was wir mit den Kindern und Frauen machen, hassen die Terroristen. Unsere Direktoren bestehen darauf, ein Attentat wäre niederschmetternd."

Trotz des internationalen Einsatzes ist kein Ende des Krieges in Sicht. Es wird eher schlimmer. "Ganze Dörfer werden abgeschlachtet. Frauen, Kinder, selbst das Vieh. Das ist fürchterlich." Auch Ampo erreicht der Krieg. "Das Schlimmste sind zutiefst traumatisierte Kinder, die ansehen mussten wie die Eltern und Geschwister ermordet wurden." Hier versucht man es mit Tiertherapie. "Wir setzten die Kinder auf Pferde, das hilft tatsächlich."

Doch der Krieg und die Flüchtlinge überfordern die finanziellen Möglichkeiten der kleinen Organisation. "Seitdem es die Terrorangriffe gibt, besuchen Hunderttausende unsere Krankenstation. Das ist die einzige Station, wo die Menschen 20 Cent zahlen und dafür auch die Medikamente für die Behandlung bekommen. 100.000 Menschen zu behandeln kostet so viel Geld, dieser Krieg sprengt einfach unsere Möglichkeiten."

Kleiner Lichtblick: Der Pharmagigant Merck unterstützt die Station. "Nicht nur mit Medikamenten, sondern auch mit Geld für das Personal. Da bin ich sehr, sehr dankbar." Weder Rohde noch die Einheimischen verstehen, warum der Krieg gegen die Dschihadisten nicht beendet werden kann. Die Gegend sei eine Sahelzone, da gäbe es keinen Urwald, wo man sich vor den Drohnen verstecken könne. "Es fließt alles Geld ins Militär. Und der Westen hat diese modernen Waffen, und es bessert sich nichts."

Die Ehre, zu helfen

Ampo unterhält die beiden Waisenhäuser, eine Einrichtung für verstoßene Frauen, eine biologische Farm, an der Landwirtschaft gelehrt wird. Dazu Beratungsstellen zu Themen wie Gesundheitsvorsorge und Verhütung. Und die große Krankenstation. All das verschlingt Geld. Geld, das Katrin Rohde unermüdlich versucht, in Europa zusammenzubringen. "Wir haben fünf- bis sechstausend regelmäßige Spender und ich freue mich über jeden einzelnen von ihnen. Wenn ich hier bin, wo es den meisten doch so gut geht, und um Geld bitte, dann sage ich auch, es ist nicht nur eine Aufgabe, es ist eine Ehre, etwas abzugeben."

Hier können sie sich über Ampo und die Möglichkeiten zu helfen informieren.


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