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Ex-First Lady: "Wir müssen all unsere Geschichten teilen, die guten, die schlechten" - Michelle Obama im Interview

Michelle Obama will nicht als Präsidentin kandidieren. Und hat als First Lady doch bereits Geschichte geschrieben. Mit dem stern spricht sie über Tage der Sorge und des Glücks, ihre Töchter und die Liebe zu Barack.

Von Cornelia Fuchs und Meike Dinklage

Michelle Obama

Michelle Obama, die perfekte Frau? "Es gab keine Perfektion auf meinem Weg. Perfektion ist ein Mythos"

Getty Images

Sie strahlt tatsächlich, im weißen Kleid, vor der Holzvertäfelung der Hotelsuite. Mit 1,80 Meter Präsenz überragt Michelle Obama ihre Entourage, die übrigens bis auf die Bodyguards im Hintergrund lediglich aus Frauen besteht. "Hello, wie schön, dass Sie da sind", sagt sie mit der Stimme, die auch schon beim Carpool Karaoke gesungen hat. Noch balanciert die 54-Jährige auf Acht-Zentimeter-Stilettos, ebenfalls weiß. Die wird sie später von den Füßen schleudern und alle animieren, es ihr gleichzutun. Selbst so etwas Triviales wie das Ausziehen von Schuhen verwandelt sie in eine Haltung. Ja, sie tritt auf, wie das die meisten von einer prominenten Frau erwarten dürften - mit den High Heels hat sie gerade erst in einer Frühstückssendung im Fernsehen gesessen. Aber sie bleibt dabei immer Michelle Obama, die Frau, die lieber barfuß auf dem Parkett steht. Kaum hat sie sich an den großen Tisch gesetzt, ist sie vollkommen zugewandt, ganz da. Sie will von dem Buch erzählen, das sie über ihr Leben geschrieben hat. "Fangen wir an", sagt sie.

stern-Journalistin Cornelia Fuchs: Michelle Obama: Wie die ehemalige First Lady die Welt beeinflusst

Früher, als Sie noch First Lady waren, haben Sie angekündigt, dass Sie sich als Allererstes mitten in der Nacht ein Käsetoast machen würden, wenn Sie wieder in einem normalen Haus wohnen. Haben Sie das getan?

"Ja, das habe ich. Als ich später darüber nachdachte, wie sich das Leben in dem Moment angefühlt hat, als wir im Januar 2017 aus dem Weißen Haus ausgezogen sind, erinnerte ich mich zuerst an solche Momente - an das Gefühl, dass ich in meinem eigenen Haus in Washington lebe, dessen Eingangstür ich selbst öffnen kann. Dass nicht Dutzende Bedienstete da sind. Saaldiener, Haushälterinnen, das sind alles wunderbare Leute - aber wir hatten uns sehr daran gewöhnen müssen, dass ständig jemand um uns herum war. Es gibt wahrscheinlich Menschen, die immer so leben, aber wir kannten das nicht. Wir waren eine Familie aus dem Stadtteil South Side in Chicago, gehobene Mittelklasse, die ins Weiße Haus einzog."

Wie schwer war es, sich nach acht Jahren im Weißen Haus wieder an ein relativ normales Leben zu gewöhnen?

"Meine Kinder haben länger im Weißen Haus gelebt als irgendwo sonst. Wieder in eine Gegend zu ziehen, in der wir beobachten konnten, wie unsere Hunde Bo und Sunny auf die Nachbarhunde reagierten - alles war neu und befreiend. Mein Leben wird sich nie wieder anfühlen wie damals, bevor Barack Präsident wurde, und das erwarte ich auch gar nicht. Ich brauche immer noch Bodyguards, ich werde immer noch überall erkannt. Aber ich bin jetzt freier und habe mehr Kontrolle. Ich kann draußen in unserem Garten barfuß herumlaufen. Das sind Momente, in denen ich tief durchatme - und in denen ich auch begann, über den Weg nachzudenken, der mich bis hierher gebracht hat."

Als Kind, so schreibt Michelle Obama, war sie ehrgeizig, stur und pingelig. Alles musste seine Ordnung haben, sagt sie, sie wollte gefallen, durch gute Noten, durch Fleiß. Und die Eltern, der Vater angestellt bei den Wasserwerken in Chicago, die Mutter Hausfrau, förderten Michelle und ihren älteren Bruder Craig fast über ihre Kräfte hinaus. Fast das gesamte Geld floss in die Ausbildung der Kinder. Und Michelle lieferte: übersprang eine Klasse, promovierte in Harvard, um dann als Wirtschaftsanwältin in einer hoch angesehenen Kanzlei zu arbeiten. Es ist der amerikanische Traum: Harte Arbeit führt zum Erfolg. Und doch war Michelle als Karriereanwältin nicht glücklich, schreibt sie: „Ich passte nicht in diesen Job. Während ich ihn ausübte, fühlte ich mich leer, obwohl ich ziemlich gut darin war.“

Für Ihr Buch haben Sie viele Stunden mit Ihrem Bruder Craig und Ihrer Mutter Marian in der Küche gesessen und sich Geschichten von früher erzählt, aus der Zeit vor dem Weißen Haus. Fiel Ihnen die Rückschau leicht?

"Ja, es war relativ einfach, auf diesen Teil meines Lebens zurückzuschauen. Das hatte ich alles schon aufbereitet."

Gab es dafür einen Anlass?

"Ja, als ich beschloss, nicht mehr als Anwältin zu arbeiten. Damals musste ich überlegen: Warum ist das falsch für mich? Ich habe begonnen, die Gefühle zu ergründen, die mich zu dem gemacht haben, was ich damals war. Denn wenn man einen Job als Anwältin aufgibt, wollen die Leute Erklärungen. Ich musste es mir selbst erklären, meiner Familie, meinem Mann Barack."

Autobiografie "Becoming - Meine Geschichte": Michelle Obama - Bilder aus dem Leben der einstigen First Lady wider Willen
Als Michelle Robinson wurde die spätere First Lady im Januar 1964 im Süden Chicagos geboren

Als Michelle Robinson wurde die spätere First Lady im Januar 1964 im Süden Chicagos geboren

Tatsächlich war Michelle Obama in ihrer Zeit als Anwältin die Mentorin des Jurastudenten Barack, als dieser in der Kanzlei arbeitete. Er kam zu spät zu seinem ersten Termin mit ihr. "Unpünktlichkeit macht mich verrückt", schreibt sie dazu. Und dass es keine Liebe auf den ersten Blick war. Aber der drei Jahre ältere Barack beeindruckte sie. Sie diskutierten, der "Faktenmann", wie sie ihn nennt, umgarnte sie. Und nachdem sie zusammen ein Eis gekauft hatten, gab es den ersten Kuss, mitten auf der Straße: "Sobald ich mir erlaubt hatte, etwas für Barack zu empfinden, überfielen mich meine Gefühle geradezu - ein Sturm aus Verlangen, Dankbarkeit, Erfüllung und Staunen. Jegliche Sorgen, die ich mir über mein Leben, meine Karriere und sogar über Barack selbst gemacht hatte, schienen mit diesem ersten Kuss von mir abzufallen." Diese Liebe hielt es sogar aus, dass Michelle Obama die Politik hassen lernte, der sich ihr Mann schon bald verschrieb. Sie sagt von sich, sie sei nicht gemacht für diese Arena des Gruppenzwangs und der Gehässigkeit.

Haben Sie über die acht Jahre im Weißen Haus Tagebuch geführt?

"Ich hatte damals keine Zeit. Ich habe zum Glück eine Freundin, noch aus der Zeit meines Jurastudiums, Verna Williams. Sie kam etwa zweimal im Jahr ins Weiße Haus, und dann sprachen wir über die Ereignisse der vergangenen Monate. Wir haben diese Gespräche aufgezeichnet und haben jetzt Tausende Seiten von Abschriften. Es gibt beispielsweise eine Stelle im Buch, in der ich über einen Traum schreibe, in dem Löwen und Bären vorkommen, den hatte ich vollkommen vergessen."

Sie träumten, dass vor dem Weißen Haus ein Zoo aufgebaut ist und wilde Tiere über Ihren Mann und Ihre Kinder herfallen ...

"Der Traum war damals sehr prägend für mich, weil das mein Gefühlszustand war: diese Ängste am Anfang der ersten Amtszeit, wenn dein Leben sich vor dir auflöst und du die Kontrolle verlierst. Ich habe das damals immer wieder geträumt."

In den Augen von Michelle Obama war Washington "humorlos" und voller dominanter weißer Männer. In ihrem Buch schreibt sie wenig über politische Ereignisse in den acht Jahren als First Lady. Und über keine öffentliche Figur spricht sie schlecht - bis auf eine einzige: Donald Trump. Bösartig und abstrus nennt sie die von Trump befeuerte Verschwörungstheorie um die Geburtsurkunde Barack Obamas, die unterstellte, er sei kein Amerikaner - und die, so schreibt Michelle Obama, darauf abzielte, "Extremisten und Spinner" aufzustacheln. "Mit seinen bösartigen Unterstellungen gefährdete er die Sicherheit meiner Familie. Und das werde ich ihm nie verzeihen." Tatsächlich schoss in dieser Zeit ein Attentäter mit einem Gewehr auf die Fenster eines Zimmers im oberen Stockwerk des Weißen Hauses. Und Michelle Obama beschreibt, wie sie später dort stand, die Abdrücke der Kugeln im Sicherheitsglas vor ihren Augen, und Angst hatte um ihre Liebsten. Fragen zur aktuellen Politik oder zu Trump, so hat sie bereits im Vorfeld des Interviews ausrichten lassen, wolle sie nicht beantworten. Sie habe im Buch alles dazu gesagt.

Michelle als Kind und mit Mann

Michelle als Kind in Chicago und mit Gatte Barack vor dessen Amtseinführung

Ihre Mutter zog mit ins Weiße Haus - wie wichtig war Marian Robinson für Sie?

"Ich hätte ohne sie niemals all die Arbeit tun und bei Verstand bleiben können - vor allem ihre emotionale Präsenz war für die ganze Familie wichtig."

Was hat die Anwesenheit Ihrer Mutter verändert?

"Meine Kinder kamen nach Hause ins Weiße Haus, also in ein Denkmal, allein das fühlte sich für mich schon sehr seltsam an: zwei kleine Mädchen, die mit ihren Schultaschen und dem Kopf voller Abenteuer von der Schule zurückkamen und in den Aufzug in der Marmorhalle steigen mussten in einem Haus voller Diener. Und wir waren nicht da, denn Barack und ich waren über den ganzen Tag beschäftigt. Also war es wichtig für mich, dass meine Töchter eine Verwandte, eine Vertraute, hatten, die für sie da war."

Was konnte Ihre Mutter für Sasha und Malia tun?

"Im ersten Monat fuhr ich beispielsweise die Mädchen mit meiner Fahrzeugkolonne in die Schule. Dann hörten wir damit auf, weil es einfach zu viel Theater war, wenn ich mit meinen First-Lady-Limousinen durch Washington fuhr, um kleine Kinder abzuladen. Also stand meine Mutter jeden Morgen auf, bis die beiden so alt waren, dass sie nicht mehr mit ihrer Großmutter fahren wollten - das war ungefähr mit 12, 13 Jahren. Sie fuhr in einer Kolonne mit ihnen zur Schule, lud sie dort ab, dann musste sie in ein anderes Auto umsteigen, weil sie nicht allein mit der Kolonne zurückfahren durfte. Und dann holte sie die beiden am Ende des Schultages wieder ab."

Warum war Ihnen das so wichtig?

"Damit sie sich beschweren konnten, damit ... Wissen Sie, als Mutter weiß man, dass Kinder manchmal die wichtigsten Dinge des Tages während der Fahrt zur oder direkt nach der Schule erzählen. Dann sind die Dinge noch frisch. Und so wenig ich das einfangen konnte - meine Mutter konnte es. Das machte es für mich möglich zu funktionieren. Zu wissen, dass meine Töchter sicher sein würden und sich geliebt fühlten. Das war wichtig für mich und Barack."

Als Michelle Obama First Lady wurde, nannte sie sich "Mom-in-Chief". Und wurde - vor allem von politischen Aktivistinnen - harsch dafür kritisiert. Sie hat diese Kritik nicht vergessen, wie auch alle anderen, teilweise bösartigen, Unterstellungen: "Seitdem ich zögerlich in die Öffentlichkeit trat, hat man mich als mächtigste Frau der Welt hochgehalten und gleichzeitig als 'zornige schwarze Frau' niedergemacht.“ Michelle Obama fühlte sich unverstanden. Sie hatte schnell festgestellt, dass sie als First Lady auch mit ihrem privaten Leben immer eine Botschaft senden würde. Dass es eine enorme Wirkung haben würde, im Weißen Haus eine liebevolle, funktionierende schwarze Familie zu zeigen. Und weil für sie das Private das Politische war, hatten auch ihre Probleme eine politische Dimension. Sie habe auch als First Lady "kein Roboter" sein wollen, schreibt sie.

In Ihrem Buch sprechen Sie sehr offen über Ihre Fehlgeburt und die Hormonbehandlungen, denen Sie sich unterzogen haben, um schwanger zu werden - weil Sie ein Tabu brechen wollten?

"Ja, ganz sicher."

Sie beschreiben, dass selbst betroffene Frauen untereinander nicht offen darüber reden.

"Genau. Deshalb erzähle ich die Geschichte meiner Fehlgeburt und meiner Probleme mit der Schwangerschaft. Erst als ich angefangen habe, darüber zu sprechen, habe ich erfahren, dass es anderen Frauen ähnlich geht. Ich dachte: Wow, wenn das so viele mitmachen, warum fühlt es sich so einsam an? Eine Frau, die das durchmacht, fühlt sich allein, wie eine Versagerin. Diese Erfahrung isoliert dich. Daran müssen wir Frauen arbeiten - wir müssen all unsere Geschichten mit der nächsten Generation teilen, die guten, die schlechten."

Haben Sie dabei auch an Ihre Töchter gedacht?

"Ich möchte, dass meine Töchter verstehen, wie Schwangerschaft wirklich funktioniert. Dass die biologische Uhr tickt. Information ist Macht. Das Wissen über ihre Menstruation, ihre Körper, wie es ist zu gebären. Frauen sprechen nicht über die Menopause. Wie können wir also erwarten, dass diese Tabus gebrochen werden? Das ist der Kern meines Buches: Finde deine Wahrheit. Wenn du einen Teil deiner Wahrheit zurückhältst, verhinderst du, dass du dich weiterentwickelst. Wir lernen als Frauen, zu verstecken, wer wir sind. Und ich möchte ein Vorbild sein mit dieser Botschaft. Wenn Leute mich als Ikone sehen, dann möchte ich, dass sie alles von mir sehen. Nichts in diesem Buch ist neu für jemanden, der Zeit mit mir verbringt. Aber es ist nichts, worüber man ständig in Interviews oder vor der Kamera spricht" (lacht).

Michelle und Barack Obama

Michelle und Barack Obama: Als er seine Juristenkarriere begann, war sie seine Mentorin.

AFP

Michelle Obama wirkt jetzt wie die Freundin, die jede gern haben möchte. Die Frauen am Tisch nicken. Es ist kein Zufall, dass bei diesem Interview nur Frauen Fragen stellen und nur Frauen zuhören. Es war eine Bedingung: Michelle Obama wollte nur von Frauen interviewt werden. Als schwarze Frau, die sich traut, im grellen Licht der Öffentlichkeit etwas von sich preiszugeben, stellt Michelle Obama mit jedem Auftritt, mit jedem Interview Konventionen infrage. Die Schriftstellerin Muriel Rukeyser fragte einst: "Was würde passieren, wenn eine einzige Frau die Wahrheit über ihr Leben erzählte?" Ihre Antwort: "Die Welt würde endlich aufreißen."

Sie beschreiben, wie Sie in den ersten Jahren Ihrer Ehe trotz eigener Karriere erst lernen mussten, von Ihrem Mann unabhängig zu werden - Sie hielten das Essen warm und die Kinder wach, bis er nach Hause kam. Waren Sie gefangen im Ideal einer perfekten Familie?

"Ja. Egal, wie stark man ist - die gesellschaftlichen Normen formen uns. Sie formten mich. Ich habe mit diesen Normen gerungen."

Weil Ihre Mutter einen ganz anderen Weg gegangen ist?

"Meine Mutter war eine traditionelle Hausfrau. Sie hatte nicht die Ausbildung, die ich hatte. Und sie war zufrieden. Dennoch hat sie mir einmal offenbart, dass sie mit dem Gedanken gespielt hatte, meinen Dad zu verlassen. Ich glaube, meine Mutter wollte mir zu verstehen geben, dass es Teil einer Ehe und des Frauseins ist, stets alles zu hinterfragen. Auf jeden Fall war es für mich so, ich wusste nicht, wie ich mich fühlen würde in einer Ehe. Ich habe noch nicht einmal gewusst, dass ich nicht wusste, wie ich mich fühlen könnte. Als junge Frau mitten in der Karriere hast du in deinem Kopf eine Vorstellung, wie dein Leben aussehen soll. Aber du weißt nicht, wie sich die Ehe anfühlt. Und bis du Kinder hast, weißt du nicht, wie diese Kinder dein Herz in Besitz nehmen und deine Entscheidungen beeinflussen."

Im Buch offenbart Michelle Obama, dass sie und Barack in Chicago zur Eheberatung gingen. Zu oft ärgerte Michelle sich, wenn sie abends mit ihren kleinen Töchtern vergebens auf die Rückkehr ihres Mannes wartete. Der war als Senator viel unterwegs. Michelle Obama lernte: Mach dein Glück nicht vom Ehepartner abhängig. Und: Achte mehr auf dich selbst. Für sie hieß das: "Wir warteten nicht mehr auf Dad." Es lag nun in Baracks Verantwortung, abends zeitig da zu sein, wenn er seine Töchter vor dem Schlafengehen sehen wollte. Und: Michelle plante frühmorgens Zeit fürs Fitnessstudio ein, Zeit für sich selbst.

Sie haben damals in Chicago versucht, als Mutter und Karrierefrau perfekt zu sein, sind kurz nach fünf Uhr früh zum Krafttraining gefahren, danach ins Büro. Glauben Sie, dass Sie damit ein Vorbild sind?

"Nun, Sie haben das Wort "perfekt" benutzt. Wo haben Sie das von mir gelesen?"

Es ist das Bild, das viele Menschen von Ihnen haben.

"Aber wenn diese Menschen das Buch lesen, werden sie verstehen, dass es keine Perfektion auf meinem Weg gab. Perfektion ist ein Mythos und ein Wort, das Leute anderen Leuten zuschreiben."

Es ist ein Widerspruch: Vor uns sitzt eine bis auf die manikürten Fingernägel perfekte Frau. Die aber auch in Talkshows peinliche Tanzeinlagen in Jeans gegeben hat. Und die gegen jedes Protokoll die Queen umarmte, was einen weltweiten Aufschrei verursachte. "In diesem Augenblick waren wir nur zwei erschöpfte Frauen in drückenden Schuhen. Und im nächsten Augenblick tat ich das, was ich immer tue, wenn ich mich einem Menschen verbunden fühle: meine Gefühle spontan zum Ausdruck bringen. Ich legte ihr freundschaftlich den Arm um die Schulter." So spontan, wie sie Gefühle zum Ausdruck bringt, so penibel ist Michelle Obama bei der Vorbereitung ihrer Auftritte - seien es Talkshowbesuche oder Parteitagsreden.

Der schwarze Bürgerrechtler Frederick Douglass sagte bereits vor 150 Jahren, dass Amerika für Fortschritt und Gleichheit der Rassen Bilder brauche; er glaubte, es würden Generationen vergehen, bis die Macht von Bildern richtig verstanden werde. Michelle Obama hat sie verstanden. Während Trump auf dem Weg ist, das politische Erbe von Obama auszulöschen, sind es die Bilder der schwarzen Präsidentenfamilie, die aus der Geschichte nicht mehr zu tilgen sein werden. Michelles Töchter, Michelles Mann, der erste schwarze Präsident. Und sie selbst, die schwarze First Lady mit dreckigen Händen im Gemüsebeet vor dem Weißen Haus.

Sie erwähnen nur zwei öffentliche Figuren, zwei Frauen, aus Ihrer Zeit im Weißen Haus: Queen Elizabeth und Angela Merkel. Die Queen nennen Sie "unsere Freundin" - warum?

"Weil das der Kern unserer Beziehung war. Und wegen der Art, wie die Queen Menschen behandelt. Ich wollte zeigen, dass auch die öffentlichsten, die bekanntesten Personen eine menschliche Seite haben. Wir mussten bei unseren Staatsbesuchen oft nach diesen steifen Vorschriften handeln. Da gibt es all diese Protokollleute, die dir sagen: Tu dies nicht, sag dies nicht, sag das nicht. Und diese Hüter des Protokolls kommunizieren untereinander. Es sind nicht die Präsidenten und Königinnen und Kanzlerinnen, die vor den Treffen miteinander sprechen."

Was haben Sie von der Queen und Angela Merkel in dieser Frage gelernt?

"Die Regeln, die andere Leute in deinem Leben für dich machen, ziehen Mauern hoch - und diese Mauern wurden von anderen bestimmt. Die Queen und Angela Merkel sind Menschen, die wissen, wie man diese Mauern durchbricht und gegen das Protokoll ankämpft, um eine direkte Verbindung zu anderen herzustellen. Das ist wichtig."

Wie haben Sie das umgesetzt?

"Ich habe das besonders mit Kindern versucht. Es gibt eine Menge Theater rund um Leute wie uns - Bodyguards und Veranstaltungsmanager und Absperrungen. Aber dann ist da dieser Moment mit einem Kind, und du musst alles anhalten. Und es wissen lassen: Ich nehme dich wahr inmitten des Wirbels. Ich durchbreche meine Mauern. Es ist eine Kunst, wenn du die Königin von England bist und so etwas kannst. Die Queen und Kanzlerin Merkel, das waren zwei Menschen, die besonders hervorstachen durch ihre hohe Kunst des Mauerdurchbrechens."

Sie haben Ihr Buch "Becoming" genannt, Werden, und schreiben, dass niemand jemals damit fertig ist, sich zu entwickeln. Was möchten Sie noch werden?

"Nun, ich denke immer noch darüber nach. Einiges hängt von den Umständen ab, die auch noch im Schwange sind. Aber wenn ich diese Frage jetzt sofort beantworten müsste: Ich bin noch dabei, eine bessere Mutter zu werden, ein besserer Mensch. Und ich hoffe, dass ich weiter die Welt beeinflussen kann. Barack und ich haben gerade die Global Girls Alliance gegründet, diese Arbeit möchten wir mit unserer Stiftung fortführen und für die Notwendigkeit werben, alle Mädchen dieser Welt zur Schule gehen zu lassen. Ich freue mich darauf, mich weiter an junge Frauen nicht nur hier, sondern in der ganzen Welt zu wenden."

Und Michelle Obama als Präsidentschaftskandidatin?

"Ich interessiere mich nicht für Politik und würde niemals selbst antreten - aber ich weiß, dass wir in unserem Land mehr Menschen brauchen, die sich für unsere Demokratie engagieren, wenn wir wollen, dass sie funktioniert. Wir müssen vor allem junge Menschen involvieren. Das werde ich immer tun. Aber ich möchte auch jemand sein, der ausgeglichen ist. Und der sich Zeit nimmt, in der er atmen kann."

Michelle Obama und stern-Auslandschefin Cornelia Fuchs

Michelle Obama und stern-Auslandschefin Cornelia Fuchs

Aber braucht die Politik nicht Menschen wie Sie?

"Ich glaube fest daran, dass man nicht nur in politischen Ämtern die Welt verändern kann. Natürlich brauchen wir gute Leute in der Politik, aber wir brauchen auch gute Leute in unseren Schulen, in Hilfsorganisationen, in der Wirtschaft und Unterhaltung und in jedem Teil der Gesellschaft. Das ist in Amerika so und in Deutschland und überall in der Welt. Es geht darum, dass wir selbst Vorbilder sind und unsere Kinder richtig erziehen. Es geht darum, unsere Nachbarn gut zu behandeln - auch in den sozialen Medien. Es geht darum, die Menschlichkeit im anderen zu sehen, auch wenn jemand nicht unserer Meinung ist. Und sich nicht auf das niedrige Niveau von anderen herabzulassen. All das ist nicht so einfach, wie es klingt. Aber wenn wir das in unserem Leben schaffen und dann noch Politiker wählen, die diese Werte vertreten, dann, so denke ich, werden wir uns in einer besseren Welt wiederfinden."

Wie selbstverständlich umarmte Michelle Obama nach dem Interview-Cornelia Fuchs für ein Foto. Wegen des Größenunterschieds von 20 Zentimetern landete der Arm von Cornelia Fuchs unfreiwillig auf dem Po der ehemaligen First Lady. Die reagierte professionell. Mit einem Lächeln.