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Angriff auf Gaza-Hilfsschiffe: Türkei wirft Israel Staatsterrorismus vor

Israel wollte die Gaza-"Solidaritätsflotte" stoppen - und richtete dabei ein Blutbad an. Mindestens neun Menschen starben. Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan spricht von Staatsterrorismus, Israel dagegen weist alle Schuld von sich. US-Präsident Barack Obama will den Fall offenbar genau prüfen.

Israelische Elitesoldaten haben am Montag bei der gewaltsamen Erstürmung der internationalen Gaza-"Solidaritätsflotte" mindestens neun überwiegend türkische Aktivisten getötet. Dutzende weitere wurden verletzt, als das Militär am frühen Morgen von Kommandobooten und Hubschraubern aus sechs Schiffe enterte. In Medienberichten war sogar von 16 Toten die Rede.

Anschließend brach ein Sturm der Entrüstung über die Israelis herein. Bundeskanzlerin Angela Merkel forderte eine "schnellstmögliche Aufklärung". US-Präsident Barack Obama will "alle Fakten" über den Angriff. Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan brach seine Lateinamerika-Reise ab und warf Israel Staatsterrorismus vor. Er forderte die Herausgabe der festgenonommenen Gaza-Aktivisten und ihrer Schiffe.

Nach Angaben der Organisation "Free Gaza" ereignete sich der Vorfall in internationalen Gewässern im Mittelmeer - etwa 140 Kilometer vor der israelischen Küste. Die rund 700 pro-palästinensischen Aktivisten an Bord von sechs Schiffen der "Gaza-Flotte" wollten trotz der von Israel verhängten Seeblockade Hilfsgüter in den Gazastreifen bringen. Die meisten waren mit dem türkischen Schiff "Marmara" unterwegs.

Massive internationale Kritik

Die folgenschwere Kommandoaktion löste eine Welle internationaler Kritik aus. In Istanbul, Athen und London kam es zu Protesten. Knapp fünf Monate nach der umstrittenen Geheimdienstoperation in Dubai steht der jüdische Staat damit international erneut am Pranger. Im Januar war in einem Luxus-Hotel in Dubai ein Hamas-Funktionär betäubt und erstickt worden. Die Täter hatten dafür Pässe von EU-Ländern gefälscht.

Die Türkei rief ihren Botschafter ab und bestellte den israelischen Botschafter ein. Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sagte ein für Dienstag geplantes Treffen mit Obama in Washington ab. Der Weltsicherheitsrat in New York wollte zu einer Dringlichkeitssitzung zusammenkommen. Ergebnisse lagen am späten Abend noch nicht vor.

Die israelische Armee machte gewaltbereite Aktivisten für den blutigen Zwischenfall verantwortlich. Ein Elitesoldat berichtete: "Sie haben uns mit Metallstöcken und Messern angegriffen." Auf die Soldaten sei auch geschossen worden. Etwa 30 arabisch sprechende Aktivisten hätten sich an dem Angriff beteiligt.

Aktivisten sollen abgeschoben werden

Die Organisation "Free Gaza" bestritt die Vorwürfe. "Die Soldaten haben begonnen zu schießen, sobald sie an Bord kamen", sagte Audrey Bomse von "Free Gaza" und verwies auf Videoaufnahmen von Bord der "Marmara".

Die israelische Armee sprach von neun Toten. Außerdem seien sieben israelische Soldaten verletzt worden, einer davon lebensgefährlich. Nach Angaben der israelischen Armee wurden bis zum Nachmittag vier der sechs Schiffe in den Hafen von Aschdod gebracht. Laut dem israelischen Plan sollen die Identität der Aktivisten überprüft und diese befragt werden. Danach sollen sie in ihre Heimatländer abgeschoben werden. Falls sie dem nicht zustimmen, droht ihnen Haft.

Kanzlerin Merkel warnte nach der Kommandoaktion vor einer "Eskalation" im Nahen Osten. Sie forderte sie "schnellstmögliche Aufklärung". Nach Angaben des Auswärtigen Amtes waren insgesamt zehn Deutsche an Bord der verschiedenen Schiffe, darunter auch zwei Bundestagsabgeordnete der Linkspartei, Annette Groth und Inge Höger. Beiden geht es nach Angaben des Auwärtigen Amtes gut, genau wie drei weiteren Deutschen. Nach Informationen von "Free Gaza" war auch der schwedische Erfolgsautor Henning Mankell an Bord.

Die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton forderte ebenso wie UN-Generalsekretär Ban Ki Moon Israel zu einer raschen Untersuchung des Vorfalls auf. Der britische Außenminister William Hague rief Israel zur Öffnung der Grenzen nach Gaza für Hilfslieferungen auf. Auch der Sondergesandte des Nahost-Quartetts und frühere britische Premier Tony Blair mahnte bessere Hilfe für die Menschen im Gazastreifen an.

Türkei zieht Botschafter aus Israel ab

Ankara rief aus Protest den türkischen Botschafter aus Israel ab. Außerdem annulliere die Türkei drei Militärabkommen mit Israel, sagte der türkische Vizeministerpräsident Bülent Arinc. Er warf Israel Piraterie vor. Der israelische Stab zur Terrorbekämpfung veröffentlichte aus Furcht vor Gewalt gegen Israelis eine Reisewarnung für die Türkei.

Palästinenserpräsident Mahmud Abbas sprach von einem "Massaker" und "abscheulichen Verbrechen". Der palästinensische Ministerpräsident Salam Fajad sagte, die Aktion beweise "Israels Missachtung für internationale Gesetze und Konventionen". Die Gaza-Blockade müsse beendet werden, forderte er. Die arabischen Staaten verurteilten den israelischen Militäreinsatz gegen die "Solidaritätsflotte für Gaza" als "Verbrechen". Einige von ihnen befürchten sogar, dass ein neuer Krieg drohen könnte.

Die israelische Regierung hatte bereits im Vorfeld angekündigt, die Hilfslieferungen mit allen Mitteln verhindern zu wollen. Verteidigungsminister Ehud Barak sowie Militärsprecher Avi Benajahu äußerten Bedauern über die Opfer. Man habe die Aktivisten mehrmals erfolglos aufgefordert, sich friedlich zu ergeben. Barak nannte die Fahrt der Schiffe nach Gaza eine "politische Provokation durch anti-israelische Organisationen".

Die islamisch-türkische IHH, die nach israelischen Angaben an der Organisation der Aktion beteiligt war, sei als "gewalttätige und radikale Gruppierung bekannt, die unter dem Deckmantel humanitärer Hilfe Terrorgruppen unterstützt" und der Hamas nahe stehe, sagte Barak.

DPA / DPA