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Condoleezza Rice: Das Hirn des Präsidenten

Sie ist die mächtigste Frau in Washington. Klug genug, im Hintergrund zu bleiben. Und geschickt darin, George W. Bush die komplizierte Welt auf schlichte Art zu erklären. Condoleezza Rice ist mehr als nur seine Sicherheitsberaterin.

Am Eingang zum Büro von Condoleezza Rice im Westflügel des Weißen Hauses hängt ein großes Farbfoto: Sie steht auf dem Podium, Hand in Hand mit dem berühmten Cellisten Yo-Yo Ma. Beide recken triumphierend ihre Arme und nehmen den Applaus der Zuschauer in der Washingtoner Constitution Hall entgegen, wo sie gemeinsam eine Brahms-Sonate vorgetragen haben.

Condoleezza Rice ist ein Show-Talent.

Mit vier Jahren trat sie zum ersten Mal vor ein Publikum. Bei einem Kaffeekränzchen zu Ehren der neuen Lehrer ihrer Heimatstadt spielte sie am Klavier Tschaikowskis "Das Begräbnis der Puppe". "Ich sehe mich noch dasitzen in einem Taftkleid mit einer wuscheligen Schottenmütze auf dem Kopf - ich weiß nicht, wie meine Mutter auf die Idee gekommen ist. Aber es war mein erster Auftritt, der erste von vielen." Am Wochenende nach den Terroranschlägen vom 11. September sang sie in Camp David den versammelten Mitgliedern des Sicherheitsrats nach den Sitzungen traditionelle amerikanische Lieder vor - am Klavier begleitet von Justizminister John Ashcroft.

Sonntags sieht man sie oft die Runde der politischen Fernseh-Talkshows absolvieren, wo sie stets in perfekt formulierten Häppchen die Außenpolitik ihres Präsidenten George W. Bush erklärt. Sie erscheint immer schick gekleidet zur Arbeit, ihre kräftig leuchtenden Kostüme mit Röcken, die knapp über dem Knie enden, gelten in Washington fast als kühn. Ab und zu lässt sie sich auch in trägerlosen Abendkleidern für Modejournale ablichten. Chevron, die kalifornische Ölgesellschaft, bei der Rice Vorstandsmitglied war, hat sogar einen Öltanker nach ihr benannt, den sie 1993 beim Stapellauf in Rio de Janeiro taufte.

Sie hinterlässt eben immer einen starken Eindruck. Es war bei einem Abendessen nach einer Fakultätskonferenz an der Stanford-Universität, als Brent Scowcroft sie 1984 traf. "Ich dachte, diese Person muss ich näher kennen lernen", erinnert er sich. "Es ging um ein einschüchterndes Thema. Und da saß dieses junge Mädchen und ließ sich durch nichts einschüchtern." Scowcroft sorgte dafür, dass sie zu Seminaren und Konferenzen eingeladen wurde und die richtigen Leute traf. 1989, als er Sicherheitsberater von Präsident Bush senior wurde, berief er sie als führende Autorität auf dem Gebiet der Sowjetunion in den Nationalen Sicherheitsrat. In den knapp zwei Jahren, die sie dort verbrachte, baute Rice eine enge persönliche Beziehung zu Präsident Bush und seiner Frau Barbara auf. Kurz bevor sie 1991 nach Stanford zurückkehrte, wurde sie im Weißen Haus sogar in den oberen Familientrakt gebeten, um sich von der Präsidentenfamilie zu verabschieden.

1998 trat der texanische Gouverneur George W. Bush bei einer Veranstaltung der Republikaner in San Francisco auf. Der ehemalige Außenminister George Shultz, der die einleitenden Worte sprach, organisierte spontan eine politische Grundsatzdiskussion für den darauf folgenden Tag. Und wieder glänzte Rice. "Condi hatte viel zu sagen", erzählte Shultz, "und Bush hörte zu." 1999 wurde Rice Leiterin in Bushs außenpolitischem Beraterstab. "The Vulcans" wurde die feurige Truppe im Wahlkampfteam genannt.

Sie ist stets bestens organisiert

und vorbereitet, hat Unmengen von Details im Kopf und reduziert sie auf einfache, klare Formeln. Sie ist kultiviert, selbstsicher und charmant, kein bisschen steif oder aufgeblasen. Ihr Lächeln ist breit und ungezwungen, ihr Auftreten angenehm. Keine Frage bringt sie jemals aus der Ruhe. Alles wird fein säuberlich zu einem Päckchen aus Gewissheit und Überzeugung verschnürt.

Justizminister Ashcroft sagt: "Sie hat begriffen, dass Amerika eine sehr, sehr wichtige Führungsmacht ist. Unser Renommee basiert nicht nur auf Stärke, sondern auch auf moralischer Autorität, durch die Grundwerte Freiheit, Chancengleichheit und Pflichterfüllung."

Präsident Bush senior, der immer großen Wert auf die Loyalität seiner Mitarbeiter legte, sagt: "Sie ist eine ehrliche Maklerin. Wie es sich gehört, behält sie ihre Privatansicht zu Streitfragen für sich. Ich kann mir gut vorstellen, dass sie dem Präsidenten ungeschminkt die Meinung sagt, aber sie stellt auch sicher, dass er ganz ohne Vorurteil oder Verzerrung die Ansichten seiner entscheidenden Außenpolitiker Powell und Rumsfeld erfährt."

In Washington zählt nichts so sehr wie die Nähe zum Präsidenten, und die hat sie. Jeden Morgen trifft sich Bush mit Rice zur Lagebesprechung. Jede Woche begleitet sie ihn zu mehreren offiziellen Terminen und spricht im Laufe eines normalen Tages mehrmals mit ihm. Zudem ist sie viele Wochenenden Gast der Familie Bush in Camp David oder auf der Präsidentenranch in Texas. Rice, die des Präsidenten Leidenschaft für Sport und Sportübertragungen im Fernsehen teilt, vor allem für American Football, verbringt auch nach Dienstschluss oft Stunden mit ihm.

Worüber reden die beiden so lange?

Wer beeinflusst hier wen? Das wird Washington von Rice niemals erfahren. Sie ist wahrscheinlich der sichtbarste Sicherheitsberater seit Henry Kissinger. Aber im Unterschied zu ihm hat sie es nicht nötig, ihre Bedeutung herauszustreichen, indem sie durchsickern lässt, dass sie in der Regierung den Ton angibt.

Im Sommer 2001 war Condoleezza Rice die erste leitende US-Beamtin, die sich privat mit Russlands Präsident Vladimir Putin in Moskau traf, sie durfte ihn sogar übers Wochenende auf seine Datscha begleiten. Sie hat Einfluss, doch sie macht niemals Andeutungen, dass dieser oder jener Erfolg eigentlich ihr Werk sei - oder gar, dass der Präsident ohne sie auf verlorenem Posten stünde. Öfter als andere Regierungsvertreter beginnt sie ihre Sätze in Talkshows mit der Standardformel: "Der Präsident glaubt, dass ..." Selbst im kleinen Kreis drückt sie sich, wenn das Gespräch auf Politik kommt, kaum anders aus als im Fernsehen. Außer dass sie Freunden gegenüber ihre Verehrung für den Präsidenten noch offener zeigt.

Condoleezza Rice wurde 1954 in Birmingham,

Alabama, geboren. Der Name war eine Idee ihrer Mutter - nach der italienischen Musiknotation "con dolcezza" (mit Süße). 1963, als ihre Heimatstadt zum Schlachtfeld der Bürgerrechtsbewegung wurde, war sie gerade acht Jahre alt.

Sie kannte zwei der vier Mädchen, die beim Bombenanschlag auf die Sixteenth Street Baptist Church im Spätsommer des Jahres ums Leben kamen. Aber sie wehrt sich mit Händen und Füßen gegen alle Versuche, sie für die liberale weiße Bürgerrechtsbewegung zu vereinnahmen. Einige Schwarze mögen zwar "unter der Hitze der Ungerechtigkeit und der Unterdrückung" geschmort haben, wie Martin Luther King jr. es in seiner "I Have a Dream"-Rede formulierte, bis sie durch ihre Massenproteste endlich Gerechtigkeit und Chancengleichheit durchsetzen konnten.

Aber nicht die Familie Rice. Das waren "sehr fähige, hoch qualifizierte Leute, die an ihre Kinder höchste Ansprüche stellten", sagt Colin Powell, der in Birmingham in eine Familie mit ähnlichen Grundsätzen einheiratete: "Rassentrennung gibt es nun mal, so ist das eben. Lass dir bloß nicht einfallen, das für ein Problem zu halten. Wir werden alles nur Erdenkliche tun, damit du die gleichen Chancen bekommst wie andere Kinder." Condoleezza nahm außer Klavier- auch Flöten- und Ballettstunden, bekam Französisch-, Eiskunstlauf- und Geigenunterricht. Sie übersprang zwei Schulklassen. Besonders streng waren ihre Eltern, wenn es um Kleidung und Manieren ging. Rice erzählt oft, dass ihre Eltern sagten, sie könne Präsidentin werden - zu einer Zeit, als die meisten Schwarzen in den Südstaaten noch nicht einmal wählen durften. In einer Variante dieser Geschichte reist der Vater mit der achtjährigen Condi nach Washington. Als sie zum Weißen Haus kommen, sagt sie: "Eines Tages werde ich in dem Haus sein." Ihre Stärken waren Disziplin, Entschlossenheit und der Glaube an sich selbst. Vorsicht, Zweifel und Zaudern sind für sie Fremdwörter. Wenn sie sich je unsicher war, dann hat sie das mit ihrem eisernen Willen weggezaubert.

Condoleezza ist Einzelkind,

beide Eltern waren über 30, als sie zur Welt kam. Sie stammt zum Teil von weißen Sklavenhaltern ab. An sich eine komplizierte Angelegenheit, aber nichts, wofür man sich schämen oder worüber man sich ärgern müsste. Oft führten Abhängigkeits- auch zu Liebesverhältnissen. Nicht ohne Stolz erwähnte Rice mir gegenüber eine längst verstorbene Verwandte, eine Sklavin, die sich selbst das Lesen beibrachte, und eine andere, die trotz ihrer Armut 90 Dollar ausgab, zu Zeiten der Depression ein Vermögen - "für sieben ledergebundene Bücher mit Goldprägung ..., die Werke von Dumas und die Werke von Shakespeare".

Es gibt einige Geschichten darüber, wie Rice auf Rassismus reagiert. Zum Beispiel, als einer ihrer Professoren andeutete, Schwarze seien genetisch bedingt weniger intelligent als Weiße. "Ich meldete mich", verriet sie in einem Interview, "und sagte: "Sie sollten das nicht als Tatsache darstellen, denn es gibt reichlich Beweise für das Gegenteil. Ich für mein Teil spreche Französisch, ich spiele Bach, ich bin besser in Ihrer Kultur als Sie selbst."" In einem Juweliergeschäft wies sie eine Verkäuferin zurecht, die ihr nur Modeschmuck zeigen wollte: "Dass das klar ist: Sie stehen hinter dem Ladentisch und arbeiten für sechs Dollar die Stunde. Ich stehe auf dieser Seite und will den guten Schmuck sehen, weil ich wesentlich mehr verdiene."

Der Zufall wollte es,

dass sie als Studentin zu Josef Korbel kam, einem tschechischen Flüchtling und Gelehrten, dessen Tochter Madeleine Albright später US-Außenministerin wurde. Korbels Seminar über internationale Beziehungen war der Dreh- und Angelpunkt in ihrem Leben. "Ich weiß noch, dass mir eine Vorlesung wie eine Erleuchtung vorkam, die Vorlesung, die jeder Sowjetexperte über Josef Stalin hält. In den 20er Jahren schwenkte er erst nach rechts und isolierte die Linke, dann nach links und isolierte die Rechte, bevor er später wieder nach rechts zurückschwenkte - und plötzlich keine Konkurrenten mehr hatte. Ich fand diese Art von Politik faszinierend. Das Verhältnis von Politik und Moral hat mich von jeher besonders interessiert."

Rice hatte sich auf der Universität schon einen Namen gemacht, als sie 1981 Mitglied im Stanford Center for International Security and Arms Control wurde. Das Zentrum hatte nie zuvor weibliche Mitglieder zugelassen, geschweige denn eine Schwarze. 1987 erhielt sie eine Dauerstellung als Professorin. 1989 wurde sie von Scowcroft in den Nationalen Sicherheitsrat geholt, genau rechtzeitig, um die Auflösung des Warschauer Paktes und den Fall der Berliner Mauer mitzuerleben.

Präsident Jimmy Carter, sagt sie, sei schuld gewesen, dass sie 1982 die Partei wechselte. Genauer: seine Bemerkung, als er sich 1980 schockiert zeigte über die sowjetische Invasion in Afghanistan. Rice, eine aufmerksame Schülerin von Josef Korbel, konnte nicht verstehen, dass irgendwer darüber schockiert sein könnte.

Als Rice 1991 nach ihren zwei ersten Jahren im Weißen Haus unter Bush senior an die Universität in Stanford zurückkehrte, fiel ihren Freunden auf, wie konservativ und standhaft republikanisch die einstige Demokratin inzwischen auftrat.Während ihrer ersten Amtszeit im Nationalen Sicherheitsrat brach der Sowjetblock auseinander. Boris Jelzin wurde immer populärer, doch in der Hoffnung, einen schnellen Untergang des sowjetischen Imperiums herbeizuführen und die deutsche Teilung zu beenden, hielten Präsident Bush und Sicherheitsberater Brent Scowcroft weiterhin eng an einer Zusammenarbeit mit Staatschef Gorbatschow fest. Die konservative Riege der Republikaner fand es höchst verdächtig, dass sie einen Kommunisten unterstützten, statt auf Jelzin zu bauen.

Es gibt eine berühmte Anekdote

über Jelzins Besuch im Weißen Haus bei Bush senior im Jahr 1989. Rice war im Sicherheitsrat zuständig für Russland und somit auch für den Ablauf des Besuches. Vorgesehen war, dass Jelzin zuerst sie und Scowcroft treffen sollte. Der Präsident sollte dann vorbeischauen, um Jelzin die Hand zu geben. Da Gorbatschow noch an der Macht war, wollte Bush Jelzin nicht im Oval Office empfangen, um keine falschen Signale zu setzen. Als die Limousine vor dem Eingang des Westflügels anhielt - die Vordertür des Weißen Hauses ist nur für gesellschaftliche Ereignisse vorgesehen -, bekam Jelzin einen Wutanfall, weil er glaubte, man habe ihn zum Dienstboteneingang gebracht.

Nachdem er endlich überredet worden war einzutreten, folgte sogleich der zweite Wutanfall, weil ihm nur Scowcroft gegenüberstand. Jelzin verlangte sofort, mit Bush zusammenzutreffen. Als Rice später darüber berichtete, war sie empört: "Er machte eine richtige Szene." So etwas gehört sich einfach nicht bei einem Besuch im Weißen Haus. Keine Manieren. Und keine Disziplin! "Ich sagte ihm: "Von mir aus können Sie genauso gut wieder in Ihr Hotel zurückkehren."

Mir kam er sehr launenhaft und schwierig vor." Dann besann sie sich und lobte Jelzin als eine mutige und historische Figur. Im Januar 2000 veröffentlichte Rice einen Artikel in "Foreign Affairs", der, in nur zwei Tagen verfasst, als Blaupause für die Außenpolitik der zukünftigen Bush-Regierung galt. Bedenkt man, wie eng ihre Beziehung zu Staatssekretär Talbott und Madeleine Albright war und welcher Ton normalerweise in außenpolitischen Gremien gepflegt wird, überrascht dieser Artikel durch seine ungewöhnlich harte Kritik an der Regierung Clinton.

Im vergangenen Herbst legte sie nach. Im Auftrag des Kongresses verfasste ihr Büro eine Denkschrift zur "Nationalen Sicherheitsstrategie". Sie beginnt mit der Behauptung, "dass es ein einziges nachhaltiges Modell für den nationalen Erfolg gibt, das für jede Person, in jeder Gesellschaft richtig und wahr" ist - das amerikanische Modell.

Sie begrüßt die beispiellose Macht

der Vereinigten Staaten, erklärt die traditionellen Doktrinen von Eindämmung und Abschreckung für überholt und versichert, dass wir "stark genug sein werden, um potenzielle Feinde davon abzubringen, aufzurüsten in der Absicht, die Macht der Vereinigten Staaten zu übertreffen oder ihr gleichzukommen". "Amerika", so steht es in dem Dokument, "wird nicht zögern, allein zu handeln, und, wenn nötig, von seinem Recht auf Selbstverteidigung Gebrauch zu machen, indem es präventiv handelt." Gegen wen? Das bleibt offen.

Schurkenstaaten, erläuterte mir Condoleezza Rice, sind jene, die Terrorismus unterstützen, internationale Vereinbarungen missachten und undemokratisch sind. (Sie erwähnte nicht das vierte Kriterium aus der Nationalen Sicherheitsstrategie, das sich liest, als stamme es vom Präsidenten selbst: Staaten, die "grundlegende Menschenrechte ablehnen und die USA hassen sowie alles, wofür das Land steht".) "Nicht jeder Schurkenstaat gibt Anlass zum Einsatz militärischer Gewalt", sagt Rice, "es kommt immer auf die Umstände an."

"Es ist wahrscheinlich besser, die Staaten nicht einzeln aufzuzählen", sagt sie. "Es gibt einige, nicht nur die drei von der Achse des Bösen. Doch es sind auch keine zehn. Kein Staat wird zum Schurkenstaat, bloß weil er den USA nicht genehm ist." Könnte es sein, dass es einen Staat gibt, auf den die Schurken-Definition zutrifft, den die USA aber nicht zu ändern versuchen, weil er keine Bedrohung darstellt? "Ich glaube nicht, dass es so ein Land gibt, bei dem man nicht versuchen würde, irgendetwas zu ändern - da gibt es eine ganze Reihe von Optionen", sagt sie. "Man kann die unglücklichen und bedauernswerten Opfer einer Diktatur nicht einfach ihrem Schicksal überlassen."

"Wir unterhalten ganz klar Beziehungen zu Staaten,

die keine Demokratien sind, und wir haben langjährige Freundschaften und Allianzen mit Staaten, die keine Demokratien sind", sagt Rice. "Aber es gibt hier eine sehr klare Aussage: Der Weg der Zukunft, der Weg in die Moderne führt über die Demokratie - das setzt kein bestimmtes Regierungssystem voraus, aber die Wahrung bestimmter Grundprinzipien im Verhältnis zwischen den Menschen und ihrer Regierung."

Ich fragte sie, wodurch der Irak für die USA zum Ziel eines Präventivkriegs geworden sei. "Es ist ein brutales Regime", sagt sie. "Zugegeben, andere sind das auch. Aber es ist ein aggressiv-brutales Regime, das bei seinen Nachbarn einmarschiert ist, in einer Region, wo die USA vitale Interessen und wichtige Alliierte haben. In dieser Kategorie gibt es schon nicht mehr so viele Regimes. Bagdad hat Terrorakte gegen unsere Freunde begangen, indem es Selbstmordattentäter bezahlt hat wie jene, die beim Angriff auf die Hebräische Universität auch fünf US-Bürger getötet haben. Der Irak hat versucht, einen amerikanischen Präsidenten zu töten - in dieser Kategorie gibt es noch weniger Regimes. Saddam hat Massenvernichtungswaffen eingesetzt - in dieser Kategorie ist er der Einzige. Und er verwendet unglaubliche Energie darauf, sich mehr solcher Waffen zu beschaffen. Wir haben es mit einem Embargo versucht, und das ist klar gescheitert."

Ich fragte Rice, warum gerade jetzt der Augenblick zum Handeln gekommen sei. "Die Leute sagen, na ja, vielleicht dauert es noch fünf Jahre, bis er über Atomwaffen verfügt", antwortete sie. "In solchen Fällen verschätzen sich Nachrichtendienste fast immer. Nach dem Zweiten Weltkrieg hieß es, die Sowjetunion könne bis 1955 eine Atombombe entwickeln; doch bereits 1949 war sie so weit. 1991 glaubten wir, es würde noch Jahre dauern, bis der Irak fähig sei, Uran anzureichern und Atombomben zu bauen; tatsächlich war er nur noch ein Jahr davon entfernt. Der zeitliche Rahmen wird immer unterschätzt.

Es kann sein, dass wir uns irren,

dann wären wir zu früh dran. Aber wenn sich diejenigen irren, die behaupten, der Irak wäre erst in fünf Jahren so weit, hätten wir am Ende zu spät reagiert. Und in diesem Fall sollten wir lieber zu früh dran sein als zu spät. Außerdem sollte man den Kampf gegen eine Bedrohung nicht erst aufnehmen, wenn sie zu groß geworden ist."

Eine Bekannte aus Stanford erzählte mir, sie habe Rice beim Abendessen gefragt, ob sie nach dem 11. September schlecht geschlafen habe. "Die erste Nacht schon", sagte Rice. "Aber danach haben wir einen Plan gemacht, und dann habe ich geschlafen wie ein Baby."

Rice ist extrem vorsichtig, wenn sie erklären soll, was ihr Boss denkt. "Er ist sehr intuitiv und einsichtig. Er geht von den Rahmenbedingungen aus, und dann arbeiten wir uns durch die Details. Aber er ist auf angenehme Weise intuitiv. Er erfasst auf sehr effiziente Weise das Wesentliche einer Frage. Am wenigsten mag er, wenn ich sage: "Dieses Problem ist sehr komplex." Ich weiß, dass der Präsident immer als Allererstes fragen wird, was prinzipiell zu tun ist und was das Richtige ist." Intuition stellt er über Intellekt, die Kategorien richtig und falsch über strategische Erwägungen, schlichte Wahrheiten sind ihm lieber als verwirrende Details. Trotz aller Vorsicht - Rice sagt doch einiges über den Präsidenten.

Für Rice - ledig, keine Geschwister und elternlos, seit ihr Vater nur wenige Wochen vor ihrem Amtsantritt starb - verkörpern Bush und ihr Job einen Großteil ihres Lebens. Sie dirigiert ihn durch die Fährnisse der für ihn fremdartigen Welt der Außenpolitik, aber gleichzeitig wächst auch sein Einfluss auf sie. Sie kann aus seinen hingestreuten Stichworten dezidierte politische Statements entwickeln. Hört man Rice reden, dann klingt es wie Bush - wenn er so wortgewandt wäre wie sie.

Das ist der Unterschied

zwischen George H. W. Bush und George W. Bush. Bush senior beschäftigte sich mit Waffenkontrolle, Entspannungspolitik, internationalen Organisationen und dem Gleichgewicht der Kräfte. George W. Bush tendiert zum Predigen, zu großen Gesten und einer simplen Weltsicht.

Für Rice - ledig, keine Geschwister und elternlos, seit ihr Vater nur wenige Wochen vor ihrem Amtsantritt starb - Im vergangenen Sommer häuften sich die Gerüchte, dass Vizepräsident Cheney 2004 zurücktreten und Bush seine Sicherheitsberaterin als Nachfolgerin nominieren würde. Käme es wirklich dazu, hätte sie beste Chancen, 2008 als Spitzenkandidatin für die Präsidentenwahl aufgestellt zu werden. Auf die Frage, ob es möglich wäre, dass sie Vizepräsidentin wird, antwortet Rice freundlich, aber bestimmt: "Wir haben bereits einen."

Extra: Condoleezza Rice privat

Das Klischee, mit dem Job verheiratet zu sein, trifft in Washington wohl auf keinen mehr zu als auf Condoleezza Rice. Mag sich "Condi", wie die meist ältlichen Familienväter ihrer Umgebung sie nennen, bisweilen am Steinway-Flügel in ihrem Appartement im Watergate- Komplex in einer Klaviersonate ihres Lieblingskomponisten Brahms verlieren. Mag sie zur Entspannung einen Krimi des Bestseller-Autors Scott Turow verschlingen. In Wahrheit lebt und atmet die erste weibliche Sicherheitsberaterin der USA nichts anderes als Politik. Selbst ihr Workout auf dem Laufband morgens um fünf dient dazu, sich für den langen Tag im Weißen Haus fit zu halten. Denn ihr Präsident ist nicht nur ein ebenso großer Fitness-Fanatiker wie die 48-Jährige. Er braucht sie auch als geduldige Helferin in den intellektuellen Marathons des Kabinetts.

Scheinbar teilnahmslos wohnt sie den Schlachten am Kabinettstisch bei, um später dem Präsidenten beim Nachsitzen die Lage zu erläutern. Dazu trägt sie gern etwas Schwarzes und prüft den korrekten Sitz des Kleides in gleich zwei Spiegeln ihres Büros von vorn wie von hinten. Rice ist meist die Erste, die der Präsident am Morgen sieht, und die Letzte, die er abends noch empfängt. George W. Bush hat ein väterlich freundschaftliches Verhältnis zu Rice. Beide genießen es, stundenlang vor dem Fernseher Football anzusehen. Gelegentlich spielen sie gegeneinander Tennis. Condi Rice verbringt so viel Zeit am Wochenende mit den Bushs in Camp David oder auf deren Ranch in Crawford, Texas, wie kein anderer.

Oberflächlich mögen die beiden verschieden sein.

Hier der reiche weiße Junge, der sich durch die Schule mogelte und dem Alkohol zusprach. Da die ehrgeizige Überfliegerin aus einer schwarzen Predigerfamilie. Was sie verbindet, ist der missionarische Ehrgeiz, für das Gute in der Welt zu sorgen, den die Presbyterianerin Rice und der Methodist Bush miteinander teilen. Schwächen zeigt Condoleezza Rice keine, seit sie zur mächtigsten Frau Amerikas aufgestiegen ist. Und ihr Privatleben, so weit es existiert, verschwindet hinter der Amtsperson. Wenn Condi des Klavierspielens und Fernsehens überdrüssig ist, geht sie leidenschaftlich gern einkaufen. Saks Fifth Avenue öffnet für sie dann außerhalb der üblichen Zeiten. Ein "personal shopper" assistiert ihr bei der Suche nach den richtigen Kleidungsstücken. Ihr Lieblings-Lippenstift Yves Saint Laurent No. 10 steht ebenso in der Kartei wie ihre Vorliebe für Schuhe. Schuhe sind die einzige Schwäche, die Condoleezza Rice sich wirklich zugesteht. "Womöglich hat sie inzwischen genauso viele wie Imelda Marcos", sagt ihr bester Freund aus Uni-Tagen in Standford, Coit Blacker.

Nicholas Lemann /Übersetzung: Annette Streck ("The New Yorker", Copyright 2002. Der Autor ist Washington-Korrespondent der Zeitschrift "The New Yorker".)

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