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Die Wikileaks-Affäre: Tausende demonstrieren für Assange

Weltweite Demonstrationen für die Freilassung von Assange, ein weiterer Hacker wird festgenommen und neue pikante Dokumente werden veröffentlicht: die Wikileaks-Affäre geht weiter. stern.de hält Sie im "Infokrieg" auf dem Laufenden.

Tausende Menschen haben am Wochenende in mehreren Ländern für die Freilassung von Wikileaks-Gründer Julian Assange demonstriert. Die Festnahme des 39-Jährigen in London sei eine Verschwörung, um die Enthüllungsplattform mundtot zu machen, erklärten die Veranstalter einer Demonstration vor der britischen Botschaft in Madrid.

Dort und in anderen spanischen Städten wie Barcelona, Valencia und Sevilla gingen am Samstagabend Hunderte Wikileaks-Unterstützer auf die Straße. Sie skandierten "Freiheit für Assange!" und forderten, das Recht auf Informationsfreiheit zu achten. Ähnliche Demonstrationen gab es in Assanges Heimat Australien sowie in mehreren Städten in Lateinamerika.

Der Kopf der Enthüllungsplattform hatte sich am vergangenen Dienstag in London der Polizei gestellt und war festgenommen worden, nachdem Schweden ihn unter dem Vorwurf sexueller Vergehen mit EU-weitem Haftbefehl gesucht hatte.

Assange-Anwalt glaubt an Verschwörung

Der Anwalt von Wikileaks-Chef Julian Assange glaubt an eine Verschwörung gegen seinen Klienten, der wegen des Verdachts der Vergewaltigung in Großbritannien festgenommen wurde. In der "Bild am Sonntag" sagte Mark Stephens: "Die Sexsache ist doch nur ein vorgeschobener Tatvorwurf wegen eines Delikts, das die Inhaftierung des Verdächtigen ermöglicht, während die Ermittlungen im Zusammenhang mit dem eigentlichen, schwereren Verbrechen andauern." Als Drahtzieher vermutet Stephens die USA, wo derzeit ein Verfahren gegen Assange wegen der Veröffentlichung der geheimen Dokumente vorbereitet werde.

Erneut Hacker in den Niederlanden gefasst

Derweil wurde in den Niederlanden ein weiterer Wikileaks- Sympathisant festgenommen. Dem 19-Jährigen mit dem Online-Spitznamen "Awinee" werde vorgeworfen, einen Angriff auf die Website der Staatsanwaltschaft in Den Haag organisiert zu haben, bestätigte die Polizei am Sonntag. Damit wollte er vermutlich Rache nehmen für die kürzliche Festnahme eines 16-jährigen Holländers, der an Cyberattacken auf Mastercard und Visa beteiligt gewesen sein soll.

Unterstützung von Zeitungen aus Frankreich und Norwegen

Überraschende Unterstützung erhielt Wikileaks am Wochenende aus Frankreich und Norwegen. Die linksliberale Pariser Zeitung "Libération" erklärte ihren Lesern, sie werde sich im Namen der Informationsfreiheit als "Internet-Spiegel" für das Wikileaks-Archiv zur Verfügung stellen. Auch die norwegische Zeitung "Dagsvisen" reihte sich in den Unterstützerkreis ein. Sie bietet ebenfalls ein Abbild der Wikileaks-Website an.

Neue Dokumente: US-Spionagezentrum in Barcelona

Die Veröffentlichung von US-Diplomatendepeschen, die Wikileaks zugespielt wurden, ging auch am Wochenende weiter. So berichtete die Zeitung "El País" unter Berufung auf diese Papiere, dass die USA die spanische Region Katalonien mit ihrer Hauptstadt Barcelona für eine der wichtigsten Operationsbasen radikaler Islamisten im Mittelmeerraum halten. In der Region lebten immerhin "über eine Million Muslime", heißt es in den Unterlagen. Demnach erwogen die USA 2007 die Einrichtung eines "Anti-Terror-, Kriminalitätsbekämpfungs- und Geheimdienstzentrums" in ihrem Konsulat in Barcelona.

Neue Dokumente: Vatikan und der Missbrauchsskandal

Weitere Dokumente deuten an, dass Irland bei den Ermittlungen im Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche offenbar dem Druck aus dem Vatikan nachgab. Kirchenvertretern sei Immunität gewährt worden. Das Pressebüro des Vatikans wollte sich am Wochenende nicht zum Inhalt der Unterlagen äußern, kritisierte die Veröffentlichung allerdings als sehr ernste Angelegenheit. Der Missbrauchsskandal hatte im einst streng katholischen Irland großes Entsetzen ausgelöst. Seit 2002 hat ein von der Regierung organisierter Entschädigungsausschuss insgesamt mehr als 800 Millionen Euro Schmerzensgeld an 13.000 Menschen ausgezahlt, die in kirchlichen Wohneinrichtungen für Kinder sexuell missbraucht wurden.

Aus den Unterlagen geht auch hervor, was die USA vom Vatikan halten: Es handele sich um ein ein konservatives und "veraltetes Machtgefüge" mit einem schlechten internen Kommunikationssystem. Kardinalstaatsekretär Tarcisio Bertone sei ein Ja-Sager und spreche "nur italienisch", Pressechef Federico Lombardi hingegen besitze zwar als einziger einen Blackberry, habe aber dafür keinen direkten Draht zu Papst Benedikt XVI., zitierte der Mailänder "Corriere della Sera" aus den US-Dokumenten.

Neue Dokumente: Kolumbien und Venezuela

Brisant ist die Veröffentlichung von Geheimdokumenten auch für die ohnehin angespannten Beziehungen zwischen Kolumbien und Venezuela. Aus ihnen geht hervor, dass der frühere kolumbianische Präsident Alvaro Uribe angeblich nicht davor zurückgeschreckte, seine Soldaten nach Venezuela einmarschieren zu lassen, um die Anführer der FARC-Rebellen festzunehmen. Uribe warf dem venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez mehrmals öffentlich vor, die linksradikalen Rebellen zu unterstützen und ihnen in Venezuela Unterschlupf zu gewähren. Chávez bestritt dies. In weiteren veröffentlichten Dokumenten, die laut Wikileaks vom US-Außenministerium stammen, bezeichnen US-Diplomaten den gestürzten Präsidenten von Honduras, Manuel Zelaya, als "rebellischen Teenager", der möglicherweise Verbindungen zum organisierten Verbrechen habe.

Reaktionen: Obama telefoniert mit türkischem Regierungschef

US-Präsident Barack Obama hat sich nach den jüngsten Wikileaks-Enthüllungen um eine Reparatur der Beziehungen zwischen Washington und Ankara bemüht. Das Büro des türkischen Ministerpräsidenten Tayyip Erdogan teilte am Sonntag mit, Obama habe dem Regierungschef am Samstag telefonisch versichert, die Depeschen spiegelten nicht die Sicht der derzeitigen US-Regierung wider. Hintergrund des Anrufs war die wütende Reaktion Erdogans auf die von Wikileaks veröffentlichte Einschätzung von US-Diplomaten, der Ministerpräsident habe Geld auf Schweizer Konten geparkt.Die Depesche stammt angeblich aus dem Jahr 2004, also der Regierungszeit von Präsident George W. Bush. Das geheime Dokument war im Zuge der Wikileaks-Enthüllungen bekannt geworden. Erdogan hatte daraufhin von Verleumdung gesprochen, er forderte die Bestrafung der verantwortlichen Diplomaten. Laut der Mitteilung seines Büros sagte der türkische Regierungschef dem US-Präsidenten nun zu, dass der Vorfall die Beziehungen beider Staaten nicht belasten werde.

ukl/DPA/DAPD / DPA