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Sexismus im US-Wahlkampf: Trumps nächster Gegner ist sicher ein Mann: Warrens Rückzug und die Frage nach dem Warum?

Elizabeth Warren, 70, räumt das Bewerberfeld. Der nächste US-Präsident wird ein Mann sein. Das rückt eine Debatte zurück in den Fokus, die schon 2016 geführt wurde.

Elizabeth Warren während einer Veranstaltung am "Super Tuesday"

Elizabeth Warren während einer Veranstaltung am "Super Tuesday". Die 70-Jährige ist aus dem Rennen um die Präsidentschaftskandidatur der US-Demokraten ausgestiegen.

DPA

Der Umstand ist bedrückend. Besonders für eine Partei, die sich als weiblicher, diverser und jünger aufgestellt versteht als die Republikaner und diese Eigenschaften im Kampf gegen die konservative Konkurrenz ins Feld führt.

Elizabeth Warren, 70, ist raus. Sie gibt das Rennen um die Präsidentschaftskandidatur der US-Demokraten auf. Und lässt ihre Partei und das Land mit der Gewissheit zurück: Der nächste US-Präsident wird ein Mann sein. Ob Trump, 73, im Amt bleibt, oder seine demokratischen Herausforderer Joe Biden, 77, und Bernie Sanders, 78, den Stich machen. Mann, Mann, Mann.

Durch ihren Rückzug ist das einst vielfältige Bewerberfeld der Demokraten auf ein einseitiges geschrumpft. Warrens Scheitern in dieser Riege lediglich auf ihr Geschlecht zu reduzieren, wäre zu einfach. Aber dass Sexismus bei ihrem Abstieg in den Meinungsumfragen und Abschneiden bei den Vorwahlen eine Rolle gespielt haben dürfte, ist mindestens denkbar.

Paradox und Dilemma

Ein Blick in die Berichterstattung. Dort las man Elegien über ihre "Unwählbarkeit" ("Boston Herald"), Charakterisierungen als "Besserwisserin" ("New York Times") oder sah Kommentare über ihr "Schulleiter-Verhalten" (MSNBC). Der "Atlantic" meint dazu, nach ihrem Rückzug: "Amerika hat Elizabeth Warren für ihre Kompetenz bestraft." Je härter sie gearbeitet habe, um der Öffentlichkeit ihre Eignung für das Amt zu beweisen, desto "herablassender" und "rechthaberischer" sei sie besonders von Männern empfunden worden. 

Warren fasst dieses Paradox, das Dilemma, so zusammen: "Wenn sie sagen: 'Ja, es gab Sexismus in diesem Wahlkampf', dann sagen alle: 'Jammerlappen!'", so die 70-Jährige am Donnerstag. "Wenn Sie sagen: 'Nein, da war kein Sexismus', dann denken Millionen von Frauen: 'Auf welchem Planeten leben Sie?'"

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"Ich denke, dass die Wahlniederlage von Hillary Clinton auch dafür sorgt, dass die Frage nach der Wählbarkeit weiter aufgeworfen wird", glaubt Betsy Fischer Martin, Geschäftsführerin des American University's Women an Politics Institutes. 2016 unterlag Clinton ihrem republikanischen Herausforderer Donald Trump. "Dieser Wahlzyklus hat sich mehr denn je darauf konzentriert, herauszufinden, wer der beste Kandidat für einen Sieg im Herbst ist, weil Präsident Trump stark abgelehnt und missbilligt wird." 

Den Demokraten gehe es im Kern also darum, Trump das Amt abzuknüpfen. Zugetraut werde das aber offenbar vor allem Männern, wie Meinungsumfragen suggerieren. Womöglich auch, weil sie nach der Wahlniederlage Clintons als erfolgsversprechender wahrgenommen werden. 

Elizabeth Warren hat die (Qual der) Wahl

Der "Abschied der Klassenbesten" ("Der Spiegel") wurde mit Frustration und Enttäuschung aufgenommen. "Die beste Kandidatin musste aufhören", schreibt etwa die frühere Tennisspielerin Martina Navratilova auf Twitter. "Sie hatte einen Plan für alles, aber eines fehlte ihr – das 'richtige' Geschlecht". Ihr Rückzug lässt die Debatte um "gläserne Decken" für Frauen in der Politik – wie es Hillary Clinton einmal beschrieb – wieder aufflammen.

"Insbesondere dieser Wahlzyklus wirft berechtigte Fragen über die Herausforderungen für Frauen im Wahlkampf um die US-Präsidentschaft auf", wird Warrens einstige Mitbewerberin Kamala Harris in Berichten zitiert. Harris' Nichte, Meena Harris, illustrierte die Lage mit einem Bild. Darauf zu sehen: die anfangs fünf Bewerberinnen. Darüber steht: "Ich erinnere mich, wie wir angefangen haben".

Nancy Pelosi, die Sprecherin des Repräsentantenhauses (und erste Frau in der US-Geschichte auf diesem Posten), bedauert den Umstand, als "mächtigste Frau" in der US-Politik bezeichnet zu werden. "Ich wünsche mir so sehr, wir hätten eine Frau als US-Präsidentin und wir waren so nah dran", wird Pelosi von "The Hill" und NBC News zitiert. 

Nun steht Warren, ausgerechnet, vor einer gewichtigen Entscheidung im nun mehr rein männlichen Zweikampf um die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten. Oder vor der Wahl der Qual: Unterstützt sie Biden oder Sanders?

Beiden Bewerbern wurde in der Vergangenheit sexistisches Verhalten gegenüber Frauen vorgeworfen. Biden, weil er Frauen unangemessen berührt habe. Sanders, weil er Warren (nach eigener Aussage) im Dezember 2018 gesagt haben soll, dass eine Frau nicht Präsidentin werden könne. Sanders streitet diese Aussage ab.

Anders als vorherige Aussteiger sprach sich Warren zunächst nicht für einen der verbleibenden Bewerber aus. "Wir müssen das nicht jetzt sofort entscheiden", sagte sie vor Journalisten. "Ich will mir ein bisschen Zeit nehmen, um ein bisschen mehr nachzudenken."

Quellen: "The Hill", "Washington Post", "The Atlantic", "Boston Herald", "New York Times", "Real Clear Politics", "Der Spiegel", "Huffington Post", "Süddeutsche Zeitung"