Nach dem verheerenden Erdbeben am Wochenende hat Marokko Hilfsangebote von nur vier Ländern angenommen: von Spanien, Katar, Großbritannien und den Vereinigten Arabische Emiraten. Das marokkanische Innenministerium teilte am späten Sonntagabend mit, man habe bisher nur auf die Unterstützungsangebote dieser "befreundeten Länder reagiert."
Nach Angaben von Hilfsorganisationen hat Marokko keinen internationalen Hilfsappell veröffentlicht, so wie es in den Stunden nach dem schweren Erdbeben in der Türkei der Fall war.
Spanische und britische Such- und Rettungsteams haben ihren Einsatz in den Erdbebengebieten bereits aufgenommen. Sie unterstützen die örtlichen Einsatzkräfte in betroffenen Gebieten, berichtete die marokkanische Nachrichtenagentur MAP.
Auch ein saudisches Such- und Rettungsteam soll die Einsatzkräfte vor Ort unterstützen. Saudi-Arabien hat außerdem angeordnet, eine Luftbrücke zur Hilfslieferung nach Marokko einzurichten. Die beiden arabischen Länder verbindet eine traditionell freundschaftliche Beziehung.
Helfer aus Deutschland heimgeschickt
Mehrere andere Länder, darunter Deutschland, Frankreich, die Türkei und Israel, sowie die Afrikanische Union hatten Marokko Unterstützung zugesichert – worauf das Land jedoch nicht einging. Deutsche Hilfsorganisationen wie das Technische Hilfswerk haben ihre bereitgestellten Mitarbeiter wieder nach Hause geschickt.
Laut THW hatten seit Samstagabend Einsatzkräfte für einen möglichen Rettungseinsatz bereitgestanden. In der Nähe des Flughafens Köln/Bonn hatten sich demnach mehr als 50 Einsatzkräfte und mehrere Spürhunde versammelt.
Ausnahmezustand in Marokko – die verzweifelte Suche nach den Verschütteten geht weiter
Auf ein Hilfeersuchen von Marokko wartete man aber vergeblich. Auch die Hilfsorganisation I.S.A.R. Germany und der Bundesverband Rettungshunde haben mitgeteilt, dass sie nicht mehr mit einem Rettungseinsatz ihrer bereitstehenden Helfer in Marokko rechneten.
Warum aber lehnt Marokko die eigentlich dringend benötigte Hilfe ab?
Der FDP-Bundestagsabgeordnete und Vorsitzende der Parlamentariergruppe Maghreb, Carl-Julius Cronenberg, kritisierte Marokko dafür im "Tagesspiegel": "Dass Rabat bislang auf deutsche Hilfe verzichtet, ist unverständlich." Jetzt dürfe es nicht um falsch verstandenen Nationalstolz gehen, "sondern allein um die schnellst- und bestmögliche Hilfe für die Erdbebenopfer.”
Sind Differenzen mit Frankreich der Grund?
Insbesondere in Frankreich, dem Land, das starke historische Verbindungen zu Marokko hat, wundert man sich über die nicht angenommene Hilfe. Sind Spannungen zwischen den beiden Ländern Schuld?
Der Maghreb-Experte Pierre Vermeren äußerte im französischen Fernsehen die Vermutung, dass Marokko mit seiner Ablehnung zeigen will: Wir sind unabhängig von Frankreich. Von 1912 bis 1956 war Marokko französisches Protektorat, das Land wurde unter den Einfluss Frankreichs gestellt und den Bewohnern die französische Sprache auferlegt. Bis heute schwankt die Beziehung der beiden Länder zwischen historisch gewachsenen Differenzen und Verbundenheit.
Marokkos König Mohammed VI. hielt sich sogar während des Erdbebens in Paris auf. Er war laut der Zeitung "Le Parisien" am 1. September aus medizinischen Gründen in die französische Hauptstadt gereist, wo er ein 1.600 Quadratmeter großes Stadthaus auf dem Champ-de-Mars am Fuße des Eiffelturms besitzt.
Frankreichs Innenminister Gérald Darmanin glaubt nicht, dass politische Gründe hinter der Nichtannahme französischer Hilfe stecken. Marokko verfüge über einen guten Zivilschutz und sei in der Lage, der Situation selber Herr zu werden.
Millionen-Zahlung aus Frankreich
Außenministerin Catherine Colonna warnte davor, in einer Zeit, in der "die Menschen Hilfe brauchen", eine "falsche Kontroverse" zu erzeugen. "Marokko ist ein souveränes Land und es ist an ihm, die Hilfe zu organisieren". Rabat habe die französische Hilfe zwar nicht angenommen, sie aber auch nicht abgelehnt.

Colonna teilte am Montag im französischen Fernsehen mit, dass sie fünf Millionen Euro für helfende Nichtregierungsorganisationen freigebe. Unter den Menschen, die im Erdbeben starben, befinden sich laut dem französischen Außenministerium auch vier Franzosen.
Schlechte Erfahrungen mit internationaler Hilfe
Während Frankreich spekuliert, ob Marokko die Hilfe aufgrund politischer Differenzen ablehnt, ist das bei anderen Ländern noch unklarer.
Eine mögliche Erklärung ist, dass zu viele verschiedene Teams die Absprachen erschweren würden. Von marokkanischen Behörden hieß es, man habe sorgfältig geprüft, was gebraucht werde. Eine fehlende Koordination wäre kontraproduktiv. Das bestätigt auch die Einschätzung von Christoph Johnen vom Deutschen Roten Kreuz in der "Süddeutschen Zeitung": "Viele Länder haben schlechte Erfahrungen mit internationaler Hilfe gemacht".
Manche Länder schickten zum Beispiel Hilfsgüter, die so nicht angefordert und auch nicht gebraucht würden. Deswegen sei es denkbar, dass sich Marokko derzeit auf Hilfskräfte vor Ort verlasse, die sich in der Region schon auskennen und die Bedürfnisse besser einschätzen können. Marokko hat offen gelassen, ob es weitere Länder hinzuholt. Das Innenministerium sagte, man werde auf weitere Hilfsangebote zurückkommen, "wenn sich der Bedarf ändern sollte.”
Das Beben der Stärke 6,8 erschütterte Marokko am Freitagabend, Samstag gab es ein Nachbeben. Mindestens 2497 Menschen wurden getötet und 2476 verletzt. Noch immer werden Hunderte vermisst.
Quellen:Le Monde, Le Parisien, Le Figaro, Tagesspiegel, Süddeutsche Zeitung