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Nervengift-Attentat: Wie der russische Botschafter in London zum Fall Skripal ein großes Illusionstheater aufführt

Was gibt es zu grinsen, wenn es um vergiftete Menschen geht? Russlands Botschafter in London, Alexander Jakowenko, findet die Entwicklung im Fall Sergej Skripal offenbar amüsant. Wie sonst ist sein Auftritt vor der internationalen Presse zu deuten?

Die russische Botschaft in London ist ein prächtiger Ort, gleich in der Nachbarschaft von Kensington Palace, neuerdings aber nicht mehr ganz so bevölkert wie vor vier Wochen noch. 23 Russen wurden nach der Nervengasattacke auf den früheren Spion Sergej Skripal und dessen Tochter Julia bekanntlich ausgewiesen. Am Donnerstag nun lud der verbliebene Botschafter in seine Residenz zu einer – so viel vorab – erstaunlichen Pressekonferenz.

Er stand am Pult auf schwerem Teppich vor alten Ölgemälden, neben ihm war ein Fernsehschirm aufgebaut, auf dem in Motion "40 von den Briten nicht beantwortete Fragen" liefen. Und in den nächsten eineinhalb Stunden führte Jakowenko ein Meisterstück darin auf, viel zu sprechen und wenig zu sagen.

Russlands Botschafter Alexander Jakowenko getikuliert während seiner Pk zum Fall Sergej Skripal in London

Russlands Botschafter in Großbritannien, Alexander Jakowenko, gestikuliert während seiner Pressekonferenz zum Fall Sergej Skripal in London.

DPA


Jakowenko und wie er die Welt sieht

Es ist nun so, dass die ohnehin schwierigen diplomatischen Beziehungen zwischen Großbritannien und Russland einen Tiefpunkt erreicht haben. Aber wer Jakowenko vor den Medienvertretern aus aller Welt erlebte, wunderte sich über dessen ständiges Grinsen und seine verblüffend gute Laune, mit der er jede, aber wirklich jede kritische Frage entweder weglächelte oder ihr auswich. Jakowenko und wie er die Welt sieht.

Nämlich so: Die Mehrheit der Weltgemeinde sei keineswegs auf Seiten der Briten, der EU und der Nato, führte er aus. Und zitierte als Referenzgrößen eine Abstimmung der "Organisation für das Verbot von Chemiewaffen", bei der ein russischer Vorstoß, die Ermittlungen im Fall Skripal gemeinsam mit den Briten durchzuführen mit 15 zu 6 Stimmen abgebügelt worden war – 17 Nationen allerdings enthielten sich. Und nach russischer Logik wäre das eine Mehrheit für ihren Vorschlag. Außerdem hatte Jakowenko tags zuvor in ansässige Botschafter eingeladen, die ihm, wie er sagte, versichert hätten, auch sie würden die "britische Version nicht kaufen". Das kann man glauben oder auch nicht.


Botschafter: Nowitschok eine US-Erfindungen aus den Neunzigern

Man muss wissen, dass sich die Briten in der ganzen Geschichte auch nicht eben geschickt verhalten. Am Dienstag hatte der Chef des Porton Down-Laboratoriums erklärt, es sei nicht hundertprozentig nachzuweisen, dass der in Salisbury verwendete Giftstoff Nowitschok aus staatlichen russischen Beständen stamme und damit blöderweise der Version von Außenminister Boris Johnson widersprochen, der in einem Rundfunk-Interview mit der "Deutschen Welle" eben das proklamiert hatte als "absolut kategorisch". Und ein Tweet ähnlichen Inhalts wurde vom britischen Außenministerium sehr zur Schadenfreude der Russen gelöscht.

Das war die Basis für Jakowenkos jovialen Auftritt, der zuweilen ins Komische abdriftete. Er verstieg sich allen Ernstes zu der Behauptung, habe niemals Nowitschok produziert, besessen oder gelagert. Es sei vielmehr eine amerikanische Erfindung aus den 1990er-Jahren und überhaupt, viele andere Staaten könnten es ebenso produziert haben. Er forderte gefühlt 30-Mal in 90 Minuten mehr Transparenz "in dieser sogenannten Untersuchung". Er redete und redete, im Hintergrund flimmerten die "unbeantworteten Fragen" über den Schirm, er grinste zufrieden und fast arrogant, und man hätte fast meinen können, es gehe hier nicht um eine internationale Krise und vergiftete Menschen. Irgendwann aber erreichte ihn aus dem Auditorium die Nachricht, dass Julia Skripal offenbar mit ihrer Kusine in Russland telefoniert habe und sie obendrein über die britischen Polizei erklären ließ, es gehe ihr zunehmend besser und sie gewinne Tag für Tag an Kraft.


Gute Besserung für Julia und Sergej Skripal

Er freue sich, sprach der Botschafter, und er grinste ausnahmsweise nicht. Nicht wahr, Julia Skripal werde eines Tages bestimmt nach Russland zurückkehren, "sie hat einen Job dort und Wohnungen, sie ist wohlhabend". Er wünschte auch ihrem Vater gute Besserung.

Ein britischer BBC-Kollege fasste das Erlebte bündig zusammen: "Wir Russen waren es nicht. Es waren vermutlich die Briten selbst. Wir haben kein Novitschok und hatten es nie. Und der Rest der Welt ist auf unserer Seite." Das alles war sorgsam orchestriert und großes Illusionstheater.

Warten auf den Bericht der OPCW-Experten

In der kommenden Woche legen die Experten vom OPCW ihren Bericht über das Nervengift und dessen potentielle Quelle vor. Der Botschafter traut dem natürlich nicht ganz. Man werde sich das anhören und prüfen. Er hätte es natürlich lieber, wenn russische Experten daran beteiligt wären. Er lächelte wieder.

Dann ging Alexander Jakowenko. Es war alles und nichts gesagt.