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Meinung

G20 - Ein Jahr danach: Kann es nach Hamburg noch G20-Gipfel geben? Ja, jetzt erst Recht

Keine Ergebnisse, Gewaltexzesse, absurdes Aufgebot an Sicherheitskräften: Der Hamburger G20-Gipfel ist ein Paradebeispiel für die Überflüssigkeit dieser Veranstaltungsreihe. Und doch führt kein Weg an diesen Treffen vorbei.

G20 Donald Trump Putin

Der Moment vor dem historischen Handschlag: Donald Trump und Wladimir Putin beim G20-Gipfel in Hamburg

DPA

Exakt auf den Tag ein Jahr, nachdem am Fischmarkt Steine und Wasser flogen, scheint über Hamburg wieder die Sonne. Auf St. Pauli, in der Schanze, im Karoviertel, wo exakt vor einem Jahr erst gecornert, dann randaliert wurde, stehen die Fernseher draußen, sie zeigen Brasilien gegen Belgien. Die Polizei meldet den nächsten Fahndungserfolg ihrer Soko "Schwarzer Block". Es ist der 854. von rund 3000 Fällen, in denen sie ermittelt. Die Aufarbeitung der Gipfel-Gewalt hat eine erschreckend folgenlose Routine angenommen und die Welt ist noch verrückter geworden als sie ohnehin schon war. Spitzentreffen in Hamburg hin oder her.

Diese seltsame Veranstaltung namens G20

Vor einem Jahr hat die Welt ein Wochenende lang nach Hamburg geschaut auf diese seltsame Veranstaltung namens G20. An dem Forum der 20 wirtschaftsstärksten Nationen haben noch nie 20 Staaten teilgenommen, meistens sind es deutlich mehr. Nur die Schweiz schwänzt immer, obwohl sie in der Rangliste deutlich vor Saudi-Arabien steht oder Argentinien. Dafür sitzt meist Spanien mit am Tisch, als permanentes Gastland. Und der IWF. Und die WTO. Rund 20.000 Delegierte waren damals angereist und fast genauso viele Polizisten. Rund 100 Millionen Euro hat der Gipfel gekostet - und wofür?

G20-Gipfel in Hamburg: Randalierer und Polizei

Politisch ist G20 völlig im Nebel aus Gewalt und Tränengas untergegangen. Nur wenige Fotos sind neben den brennenden Barrikaden auf dem Pferdemarkt und geplünderten Supermärkten am Schulterblatt in Erinnerung geblieben: US-Präsident Donald Trump, der erstmals Wladimir Putin die Hand geschüttelt hat. Der chinesische Staatschef Xi Jinping, der auffällig oft an der Seite von Gastgeberin Angela Merkel zu sehen war. Und vielleicht noch der beleidigte Recep Tayyip Erdogan, der schmollend in der Ecke saß, weil er hier keine großen Reden schwingen durfte. Aber sonst?

Jetzt, ein Jahr danach, ist immer deutlicher zu spüren, was sich in den Messehallen zugetragen hat. Beziehungsweise, was nicht. Zunächst waren alle Teilnehmer darüber froh, dass es zu keinem größeren Eklat gekommen war. Das Sorgenkind Nummer eins, der mächtigste Mann der Welt, hatte sich zurückgehalten, aber dennoch deutlich die Sollbruchstellen skizziert: den damals noch anvisierten Ausstieg aus dem Pariser Klimaabkommen und die Konfliktbereitschaft der USA beim Thema freien Handel.

Handelskrieg pünktlich zum Jahrestag

Am 6. Juli 2018, pünktlich um Mitternacht New Yorker Zeit, sind die jüngsten US-Zölle auf chinesische Waren in Kraft getreten. Betroffen: vor allem Produkte wie Autos, Flugzeugteile und Festplatten. China hat umgehend reagiert und Abgaben im selben Wert erhoben. Vor einem Jahr war ein Handelskrieg nur ein unheimliches aber diffuses Gespenst, nun hat er längst seinen Fuß in der Tür. All die intimen Runden, das ungezwungene Miteinander, der spontane Austausch dieser Gipfel hat nichts gebracht: zumindest der US-Präsident geht hartleibig seinen Weg, ganz gleich wie sinnvoll oder sinnlos der sein mag.

Der ergebnislose Verlauf, die Gewaltexzesse, das absurdes Aufgebot an Sicherheitsmaßnahmen - der Hamburger G20-Gipfel gilt allen Gegner als Paradebeispiel für die Überflüssigkeit dieser Veranstaltungsreihe. Und doch gibt es so gut wie keine Alternative zu diesem Gesprächsformat. In welchen anderen Forum kann sich der russische Präsident auf kurzem Dienstweg mit dem Führer Saudi-Arabiens austauschen. Wie oft treffen sich sonst die Vertreter Chinas mit Japan? Und wie oft haben Südafrika oder Indonesien die Möglichkeit, ihre Anliegen den großen Nationen der Welt vorzutragen? Es hilft nichts: Miteinander reden führt nicht immer zu Ergebnissen, aber Nicht-Reden noch weniger.

Wenn es vorbei ist, ist das Gejammer groß

Natürlich wäre es wünschenswert, wenn die ultraaufwändigen Gipfel nicht tagelang ganze Großstädte lahmlegen würden. Wenn die Proteste nicht in Gewalt ausarten würden. Wenn es unkompliziertere Mittel und Wege zur Zusammenkunft gäbe. Aber am Ende ist es mit G20-Gipfeln wie mit Familientreffen. Immer etwas aufwändig, immer von allem zu viel, aber erst, wenn es sie nicht mehr gibt, ist das Gejammer groß.