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G8-GIPFEL: Die Gipfelstürmer

Es soll die größte Demonstration seit 20 Jahren werden. Der gewaltigste Aufmarsch einer neuen Protestbewegung. Die Globalisierungsgegner wollen das Treffen der Staats- und Regierungschefs der acht wichtigsten Länder in Genua sprengen. Aus stern Nr. 30/2001.

Die Demonstranten sind wie Ratten. Sie kriechen durch die Kanalisation. Streben an die Oberfläche, um Unheil zu verbreiten. Vielleicht gar den Tod. Das suggerieren die Bilder der amtlichen Vorbereitungsshow für den G8-Gipfel in Genua: Kanaldeckel werden zugeschweißt. Im Hintergrund munkeln Geheimdienstler, es lägen 200 Leichensäcke bereit. Für alle Fälle.

Die Mächtigen sind Schweine. Sie wollen das »Volk von Seattle« - die große Gemeinschaft der Globalisierungsgegner - niederknüppeln und vielleicht, wie vor fünf Wochen in Göteborg, scharf schießen. Das suggerieren die von der Protestbewegung inszenierten Bilder. Da dreschen Polizistendarsteller auf Radikalendarsteller ein.

Denn längst geht der Kampf nicht mehr Mann gegen Mann, Autonomer gegen Polizist, Sitzblockierer gegen Wasserwerfer. Es ist ein Kampf um die besten Bilder geworden. Um die Köpfe der Millionen Fernsehzuschauer. Mehr als 100000 Demonstranten werden erwartet. Dazu acht Staats- und Regierungschefs aus den größten westlichen Industriestaaten und aus Russland, geschützt von knapp 20000 Polizisten und Soldaten. Von Marinetauchern, von Kriegsschiffen und Hubschraubern. Beide Seiten stellen sich auf die wichtigste Kraftprobe seit dem Treffen der Welthandelsorganisation WTO in Seattle ein.

Aus dem Nichts

Damals, im Herbst 1999, tauchte aus dem Nichts eine neue Spezies auf: der »Seattle-Man«, wie der US-Ökonom Paul Krugman sie taufte. Ein MultikultiVölkchen, in dem so ziemlich jede linke Protestbewegung der vergangenen Jahrzehnte weiterlebt. Ergraute Veteranen des Kampfes gegen die Atomkraft gehören dazu, Nachrüstungsgegner, Gutmenschen mit und ohne Kirchentagshalstuch, dumpfe Autonome und intelligente Weltverbesserer. Ein französischer Schafzüchter, Jose Bove, gibt den modernen Asterix. Ein vermummter mexikanischer Subcomandante Marcos, angetan mit Maschinenpistole und Satellitentelefon, den Che Guevara unserer Tage. In Paris, am elitären College de France, munitioniert der Soziologe Pierre Bourdieu die bunte Truppe mit Argumenten gegen die »darwinistische Welt des Kampfes aller gegen alle«.

Lange konnten die Mächtigen sie abtun als Spinner, Chaoten und weltfremde Intellektuelle. Aber seit 50000 Aktivisten die Tagung in Seattle blockierten, sind die Demonstranten immer schon da, wenn sich Wirtschaftsbosse und Staatschefs irgendwo versammeln. Ob in Nizza oder in Prag, in Washington oder Göteborg.

Das ist das Neue an der Bewegung: Immer mehr Menschen wollen nicht hinnehmen, dass die Welt nun mal ungerecht und nicht zu ändern sei. Dass Entwicklung und Industrialisierung mit Leid und Elend erkauft werden müssen. So wie es Otmar

Issing, der Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank, quasi als Naturgesetz verkündet: »Fortschritt ist gerade in der Dritten Welt kaum ohne soziale Verwerfungen zu haben. Aber man stelle sich einmal vor, ein weiter entwickelter Erdteil hätte in der Vergangenheit mit ebendiesem Argument Europa belehrt - und am Fortschritt gehindert.« Die Industriesklaven im Manchester des 19. Jahrhunderts, die schlesischen Textilarbeiter in Gerhart Hauptmanns großem Drama »Die Weber« - sie alle haben nach dieser Logik zum Wohl künftiger Generationen gelitten.

Vielleicht stimmt das sogar. Aber darf die Herrschaft des Marktes das »Ende der Geschichte« sein, das die Sieger des Kalten Krieges etwas voreilig bejubelten? Nein, sagt der »Seattle-Man«. Und wendet sich gegen »Das Elend der Welt« (Bourdieu) und den »Terror der Ökonomie«, den Viviane Forrester in ihrem gleichnamigen Buch angeprangert hat. Manchmal erinnert das an den alten Slogan »Macht kaputt, was euch kaputtmacht«.

Lust auf Krawall

Lust auf Krawall ist für einen Teil der Aktivisten der Antrieb zum Protest. Aber bei den meisten ist es eher das Gegenteil: die Sehnsucht nach dem, was Linke Solidarität und Christen Nächstenliebe nennen. Ein diffuses Unbehagen am »stark veränderten

Betriebsklima unserer Gesellschaft», das der Soziologe Oskar Negt beklagt. Die Temperatur sinkt. Während der

Treibhauseffekt die Atmosphäre aufheizt, wird das Klima zwischen den Bewohnern des Raumschiffes Erde immer kälter.

Viele von denen, die sich dagegen wehren, kommen aus den warmen und manchmal muffigen Nischen, die in den siebziger und achtziger Jahren Asyl geboten hatten. »Schließt euch fest zusammen, wehrt euch, leistet Widerstand«, skandierten Hunderttausende bei den Friedensdemos vor 20 Jahren, der letzten Protestbewegung ähnlicher Größenordnung. Sie waren sich wenigstens einig, wofür sie die markierten Protestrouten ablatschten: »Pershing zwo, ab ins Klo.« Die Welt war nicht heile, aber ordentlich nach Freund und Feind sortiert. Gewalt fand man echt Mist, und Steinewerfer wurden behandelt wie Aussätzige. Heute ist alles anders.

Wenn Globalisierungsgegner über ihre Forderungen beraten, kommen meist allgemeine Kommuniques heraus: dass die Macht der Konzerne beschnitten werden müsse und der Devisenspekulation ein Riegel vorgeschoben werden solle. Aber sonst? »Ich habe kein fertiges Modell«, sagt selbst der amerikanische Linguist Noam Chomsky, einer der klügsten Vordenker der Bewegung. Niemand hat es.

Genau deshalb sind Bove und Marcos so großartige Helden. Sie zeigen die Macht des Protestes und helfen dabei, die Ratlosigkeit hinter grandiosen Bildern zu verschleiern. Ihr Widerstand ist konkret und irgendwie sympathisch. Dabei bleibt die Kritik an den Weltläufen allgemein genug, um von vielen geteilt zu werden.

Ein Bauer als Star

Bove, ein kauziger Kerl mit Pfeife und Schnurrbart, stürmte in der Kleinstadt Millau eine neue McDonald¿s-Filiale, um so gegen den »Mistfraß« zu protestieren. Als er verhaftet wurde, riss er die gefesselten Arme in die Höhe - eine der telegensten Anklagen gegen das System. Das fanden nicht nur Franzosen großartig. Der Bauer Bove ist heute ein internationaler Star mit sauberen Fingernägeln. 50000 kamen zu seinem Prozess und jubelten ihm zu. »Eine gute Protestaktion muss symbolisch sein«, weiß der Mann, der in den siebziger Jahren ein Philosophiestudium schmiss, um einen Bauernhof in der Hochebene von Larzac zu besetzen.

Marcos, dem wilden Mann aus der Provinz Chiapas, reicht schon seine Maskerade, um jeden Auftritt zum Symbol gegen das Unrecht an den Indios zu machen. Und dann sagt er Dinge, die so eingängig sind, als stammten sie von Gerhard Schröders Redenschreibern: »Die Marktkriterien eliminieren jenen Teil der Menschheit, der nicht rentabel ist.« Es tobe ein »Weltkrieg« zwischen Verfechtern und Gegnern der Globalisierung.

Das ist nicht ganz so absurd, wie die martialische Wortwahl vermuten lässt: Ein Sechstel der Erdbevölkerung vegetiert in bitterer Armut, verfügt über weniger als einen Dollar am Tag. 27 Millionen Menschen - so schätzt der Soziologe Kevin Bales in seinem neuen Buch über »Die neue Sklaverei« - leben in Leibeigenschaft. »Heute sind Regierungen und Firmen eher internationalen Strafmaßnahmen ausgesetzt, wenn sie eine Michael-Jackson-CD raubkopieren, als wenn sie Sklavenarbeit zulassen oder sogar fördern«, schreibt er. Das Schicksal der entrechteten Köhler in Brasilien oder der minderjährigen Teppichknüpfer in Asien schildert Bales mit dem gleichen Furor wie vor über 150 Jahren Friedrich Engels »Die Lage der arbeitenden Klasse in England«.

Das »R-Wort«

»Greift wieder zum R-Wort«, fordern die Aktivisten auf einer Internetseite, die Demo-Fahrgemeinschaften als Teil von Urlaubsreisen vermittelt: »Revolution«. Für ein paar Stunden will das Seattle-Völkchen in Genua so tun, als hätte das Kapital wieder einen Gegner. Starke Bilder für die Fernsehnachrichten sollen entstehen. Doch da fängt der Streit schon an: Reicht es, zu singen und zu tanzen, oder ist es nicht doch die Randale, die allein Aufmerksamkeit schafft? In quälenden Debatten haben sich viele Friedfertige dazu durchgerungen, die Gewalt zumindest zu tolerieren. Sie sind so glücklich, dass es wieder eine Massenbewegung gibt. Da wollen sie eine Spaltung um fast jeden Preis verhindern.

Die Koalition ist sowieso fragil genug. Den landlosen Bauern in Brasilien plagen ganz andere Sorgen als den westlichen Wohlstandsmenschen. Der weiß insgeheim auch, dass er sich seine Demo-Reise von Gipfel zu Gipfel nicht leisten könnte, wenn der Reichtum der Welt gerechter verteilt wäre. »Was sie für Wut halten, ist in Wahrheit ihr eigenes schlechtes Gewissen«, schleuderte Georg Diez in der »Süddeutschen Zeitung« den prominenten Globalisierungsgegnern Naomi Klein und Frederic Beigbeder entgegen. Beide sind in den Dreißigern, Kinder der Überflussgesellschaft; angewidert von einer Welt, deren Konzerne immer rationaler arbeiten - und die ihnen insgesamt doch so unvernünftig vorkommt.

Ungerechtigkeit und Ausbeutung sind dabei genauso wenig neu wie die Globalisierung. Schon vor dem Ersten Weltkrieg war der internationale Handel ebenso bedeutend wie heute. Aber im Zeitalter des Internet, in dem sich jede Information blitzschnell von Kontinent zu Kontinent verbreitet, kommen die Anhänger des entfesselten Marktes in Legitimationsnöte. Internationaler Währungsfonds und Welt-bank - die traditionellen Sündenböcke der Globalisierungsgegner - beteuern fast verzweifelt, dass doch sie es seien, denen der Kampf gegen die Armut am meisten bedeute. »Wir verfolgen ähnliche Ziele wie die Demonstranten auf der Straße«, sagte Weltbankchef James Wolfensohn bei der Jahrestagung der Washingtoner Finanzinstitutionen vergangenen Herbst in Prag. Der Sportartikelhersteller Nike, auch er ein Lieblingsgegner der Aktivisten, beschäftigt inzwischen eine Vizepräsidentin für Unternehmensethik.

»Eine neue Linke?«, fragt Chomsky. »Wahrscheinlich gehört heute eine Mehrheit der Bevölkerung dazu. Denn die Mehrheit glaubt, dass Unternehmen zu viel Macht haben.« Zumindest die schlimmsten Formen von Ausbeutung und Unterdrückung sind für die Konzerne gefährlich geworden. Allerdings auch Verstöße gegen eine manchmal obskure Political Correctness. So kursieren im Internet Listen, welche Konzerne und Marken weshalb boykottiert werden müssen: Bacardi etwa, weil die Firma mit kubanischen Wurzeln werbe und zugleich Castros Staat bekämpfe. Oder Unilever, weil das Unternehmen weiterhin Tierversuche durchführe.

Die Erde bewgt sich doch

Lange galt als weltfremd, wer an etwas anderes glaubte als an die Segnungen des freien Spiels der Kräfte. »Der Neoliberalismus«, wettert Bourdieu, »ist heute das, was für die Theologen des Mittelalters die communis doctorum opinio war.« Also die herrschende Lehrmeinung. Aber die Erde bewegt sich doch.

Experten wie Ex-Kanzler Helmut Schmidt, bislang nicht durch revolutionäre Umtriebe aufgefallen, fordern die Staatengemeinschaft mittlerweile auf, »sich zusammenzuraufen, um die Aufsicht über global agierende Finanzhäuser

wiederherzustellen». Das Unbehagen der Demonstranten ist auch den Regierenden nicht fremd. Die Macht der anarchischen Finanzmärkte, das eigentlich Neue an der Globalisierung, erschreckt nicht nur ergraute Trotzkisten. Selbst bei der Vollversammlung der Wirtschaftselite in Davos wird inzwischen ein Preis für soziales Unternehmertum vergeben.

In Genua werden noch einmal die Rituale der letzten beiden Jahrhunderte abgespult werden. Mit Brandsätzen und Barrikaden. Ein paar Hundert oder ein paar Tausend Demonstranten werden Steine werfen und Polizisten attackieren. Die Polizei wird sie niederknüppeln. Schröder und Chirac, Bush und Blair werden auf einem sicheren Kreuzfahrtschiff im Hafen wohl formulierte Erklärungen beschließen. Am Ende hat nicht der gewonnen, der die engen Altstadtgassen erobert. Sondern der, der die besseren Fernsehbilder produziert. Und so, wie die Demonstranten nicht nur als Steinewerfer ins Bild kommen wollen, entdecken auch die Mächtigen, dass mehr gefragt ist als eine Demonstration der Stärke. Deshalb halten sie für die ungebetenen Gäste nicht bloß Wasserwerfer bereit, sondern auch mobile Spaghetti-Küchen.

Stefan Schmitz