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Jassir Arafat: Terrorist und Nobelpreisträger

Jassir Arafat ist die Identifikationsfigur und gewählter Führer der Palästinenser - seit nahezu 40 Jahren. Obwohl er in den 90er Jahren immer öfter den Verhandlungstisch suchte, waren seine Person und seine Politik bis zuletzt umstritten.

Abd al-Rauf Arafat al Qudwa al Husaini wurde am 27. August 1929 geboren. Sein Geburtsort ist nicht bekannt. Er selbst gibt Jerusalem als seinen Geburtsort an. Historiker vermuten indes Kairo oder den Gazastreifen. Den Namen Yassir Arafat legte er sich mit dem Beginn seines politischen Engagements zu. Arafats Vater war ein wohlhabender Textilhändler. Sein älterer Bruder Mustafa ist Vorsitzender der Hilfsorganisation "Palästinensischer Roter Halbmond". Er und sein jüngerer Bruder Fethi gehören heute zu Arafats engstem Beraterkreis.

1992 heiratete Arafat seine Wirtschaftsberaterin Souha Tawil. Die damals 28-Jährige war griechisch-orthodoxe Christin trat vor der Trauung zum sunnitischen Islam über. Sie entstammt einer angesehenen Palästinenserfamilie aus Ramallah im Westjordanland und studierte in Paris Literatur und Politikwissenschaft. Drei Jahre nach der Hochzeit kam in Paris die gemeinsame Tochter Zahwa zur Welt.

Die Jugendjahre

Unter der 1920 beginnenden britischen Mandatsmacht aufgewachsen, beteiligte sich Arafat bereits als Jugendlicher an Anschlägen und Attentaten gegen die verhassten Fremdherrscher in Palästina und gegen militante zionistische Gruppen. Großbritannien und Frankreich hatten beiden Seiten alles versprochen: Den vor den Nazis fliehenden europäischen Juden eine "jüdische Heimstätte in Palästina" und den Arabern eine breite Unabhängigkeit, wenn sie halfen, die Osmanen aus dem Nahen Osten zu vertreiben. Die Stimmung war entsprechend aufgeheizt.

Als 19-Jähriger schmuggelte er während des ersten israelisch-arabischen Krieges 1948 Waffen für die arabischen Truppen. Nach der dramatischen Niederlage der arabischen Streitkräfte floh er 1951 nach Kairo und studierte Elektrotechnik. Er wurde Präsident der Palästinensischen Studentenvereinigung und beteiligte sich nebnbei als Spengstoffexperte am Widerstand gegen die Besetzungsmacht.

Beginn des politischen Engagements: Gründung der Fatah

Bei der so genannten Suezkrise 1956 stand er als Reserveoffizier auf Seiten der ägyptischen Armee. Zwei Jahre später verließ Arafat Ägypten und ging nach Kuwait, wo er als Ingenieur arbeitete und mit einem Freund eine florierende Baufirma gründete.

In dieser Zeit nahm seine Idee konkrete Formen an, die "Sache der Palästinenser" organisierter voran zu treiben. Sein Vorhaben diskutierte er mit Abu Jihad, einem Gesinnungsgenossen. Beide Männer gründeten am 10. Oktober 1959 die später stärkste Fraktion innerhalb der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO), die "Fatah". Übersetzt bedeutet das Wort "Sieg". "Fatah" wird jedoch gleichzeitig als Akronym gebraucht und lautet ausgesprochen "Harakat at Tahrir al Filastini" - "Bewegung zur Befreiung Palästinas". Der Grundsatz und das Ziel der "Fatah" waren die Zerstörung Israels und die Errichtung eines palästinensischen Staates. Sie sah im bewaffneten Kampf ein geeignetes Mittel, um die Unabhängigkeit der Palästinenser zu erreichen. Ab 1964, dem Gründungsjahr der PLO durch die Arabische Liga, begann die Gruppe, erste Anschläge in Israel zu verüben.

Im Sechs-Tage-Krieg von 1967, in dem Israel weite Teile arabischer Territorien besetzte und die "Fatah" hauptsächlich von Jordanien aus operierte, gewann Arafat an militärischem und politischem Gewicht bei arabischen Führern: Die "Fatah" wurde zur stärksten palästinensische Guerilla-Gruppe. Arafat konnte erste militärische Erfolge gegen Israel aufweisen. Bei der Schlacht in Karameh 1968 schaffte die Gruppe einen Sieg gegen das israelische Militär und ließ das Prestige und den Einfluss der "Fatah" stark anwachsen. Im Alter von 40 Jahren wurde Arafat schließlich Vorsitzender der PLO.

Internationale Anerkennung

Wenn die Schlacht von Karameh in Jordanien einen Meilenstein im bewaffneten Kampf der PLO und "Fatah" darstellte, so war der so genannte "Schwarze September" eine der größten Niederlagen. Die PLO, die seit Mitte der 60er Jahre Jordanien als Operations- und Rückzugsgebiet nutzte, war zu einem "Staat im Staate" geworden. König Hussein von Jordanien war sie ein Dorn im Auge. Er sah seinen politischen Status durch die palästinensische Bewegung gefährdet.

Die Konfrontation verschärfte sich so weit, dass eine Untergruppe der PLO, die "Demokratische Front zur Befreiung Palästinas" ein Attentat auf den König versuchte. In der Folge entstanden in Jordanien bürgerkriegsähnliche Zustände, weitere Organisationen der PLO verübten Anschläge in Israel und mehrere westliche Flugzeuge wurden auf dem Weg nach Amman und Kairo entführt. Mitte September ließ König Hussein palästinensische Flüchtlingslager in der Hauptstadt Amman bombardieren – Arafat konnte sich nicht mehr länger in Jordanien halten und floh zurück nach Kairo. Die PLO verlegte ihr Hauptquartier in den Libanon.

Trotz oder gerade wegen dieses Rückschlags in Jordanien begann Arafat in den 70er Jahren seine diplomatisch-politischen Bemühungen für die Unabhängigkeit des palästinensischen Volkes. Einen entscheidenden Wendepunkt in der Geschichte des Nahost-Konflikts brachte die Rede Arafats vor der Uno-Vollversammlung am 13. November 1974. Es war das erste Mal, dass ein Vertreter der PLO und der Palästinenser vor den Vereinten Nationen sprechen durfte. Arafat wurde von der Welt als Repräsentant der Palästinenser anerkannt.

Er begann seine entscheidene Rede mit den Worten: "Ich bin gekommen mit einem Ölzweig in der einen und der Waffe in der anderen Hand". Er sei zwar für Verhandlungen bereit, das palästinensische Volk werde jedoch niemals aufhören, für seine Freiheit zu kämpfen. Einige Tage später wurden zwei Uno-Resolutionen beschlossen, die das unveräußerliche Recht der Palästinenser auf Selbstbestimmung zum Gegenstand hatten.

Mit der Verschärfung des libanesischen Bürgerkriegs und dem Einmarsch der israelischen Truppen in den Südlibanon 1982 musste die PLO den Libanon verlassen. Das Ziel der israelischen Armee war die Zerschlagung der PLO. Arafat schlug sein neues Hauptquartier in Tunis auf. Die verschiedenen PLO-Zellen in Beirut verteilten sich auf acht arabische Staaten. Im gleichen Jahr stellte erstmals der amerikanische Präsident Ronald Reagan einen Friedenplan vor, der eine weitgehende Selbstverwaltung der Palästinenser vorsah.

Exil und Rückkehr

Bis zum Beginn der "Intifada" 1987, der so genannten "Erhebung" der Palästinenser in den besetzten Gebieten, wurde der Widerstand immer außerhalb Israels organisiert. Der Auslöser der Intifada war der Tod von vier Palästinensern, die bei einem Unfall mit einem israelischen Militärfahrzeug in Gaza starben. Protestkundgebungen und Demonstrationen im Gazastreifen und dem Westjordanland folgten. Die Bilder von Steine schleudernden, meist jugendlichen Demonstranten gingen um die Welt. Ihre Forderungen waren die alten: Der Abzug der Israelis aus den besetzten Gebieten und die Errichtung eines Staates Palästina.

Erst mit der Nahost-Friedenkonferenz von Madrid 1991, bei der der neue israelische Premierminister Jizhak Rabin und sein Außenminister Schimon Perez das direkte Gespräch mit Palästinenserführer Arafat suchten, kam wieder Hoffnung auf Frieden auf. Diese Gespräche mündeten 1993 in der Unterzeichnung des Autonomieabkommens, das die palästinensische Selbstverwaltung zunächst in Gaza und Jericho zum Ziel hatte. Israelis und Palästinenser erkannten einander nach Jahren der gegenseitigen Bekämpfung an. Arafat, Rabin und Perez erhielten für diese Leistung 1994 den Friedensnobelpreis.

Der Friedensprozess in Gefahr

Mit der Ermordung Rabins am 4. November 1995 geriet der Frieden nach den Fortschritten der Vorjahre ins Stocken. Der Friedensprozess konnte sich seit dem Attentat auf Rabin nicht mehr wirklich erholen. Alle weiteren Friedensverträge und -bemühungen wurden entweder nicht zu Ende geführt oder nicht umgesetzt. Eine zusätzliche Schwierigkeit stellte der Rechtsruck der Knesset dar, zunächst 1996 mit der Wahl Benjamin Netanjahus, dann 1999 mit seinem Nachfolger Ariel Scharon, der ein Jahr später mit seinem Besuch des Tempelbergs die muslimischen Palästinenser provozierte und die "al-Aqsa-Intifada" lostrat. Arafat und Scharon haben nie Gespräche miteinander geführt. Im Gegenteil: Die israelische Regierung fasste 2003 im Rahmen seiner Politik der "gezielten Tötung" von palästinensischen Aktivisten den Beschluss, dass Arafat "beseitigt" werden sollte.

Özlem Topcu