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G20 und COP26 "Ernüchternd, enttäuschend, entmutigend": So kommentieren Medien die Klima-Beschlüsse

Eine Gruppe Männer n Anzügen, ein Mann in indischer Kleidung sowie Angela Merkel in einem lila Blazer stehen vor einem Brunnen
Gruppenbild am Trevi-Brunnen: auf dem G20-Gipfel in Rom haben die Staats- und Regierungschefs für den Geschmack vieler Kommentatoren zu wenig beschlossen
© Roberto Monaldo/LaPresse via ZUMA Press / DPA
In Rom haben die Staats- und Regierungschefs der G20-Staaten nur einen Minimalkonsens in Sachen Klimaschutz beschlossen. In den Augen vieler Medien ein schlechtes Signal für den Klimagipfel in Glasgow. Die Presseschau.

Mit einem Signal an die UN-Klimakonferenz in Glasgow ist in Rom der G20-Gipfel zu Ende gegangen. In ihrer Abschlusserklärung stellten sich die stärksten Wirtschaftsnationen der Welt am Sonntag hinter das 1,5-Grad-Ziel. Doch während sich Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Italiens Ministerpräsident Mario Draghi zufrieden mit den Gipfelergebnissen zeigten, äußerten sich Klimaschützer enttäuscht. Auch UN-Generalsekretär António Guterres sprach von "nicht erfüllten Hoffnungen". Die Kommentatoren internationaler Medien stellen sich zumeist auf die Seite der Kritiker:

"Guardian", Großbritannien: Glasgow muss Kluft zwischen Reden und Handeln überwinden

"Es ist unwahrscheinlich, dass COP26 einen dramatischen Durchbruch wie in Paris erzielen wird, aber die Konferenz muss den Weg für konzertierte globale Maßnahmen ebnen, um die Reduzierung der Emissionen zu beschleunigen. Konkrete Maßnahmen sind in Bereichen wie dem Ausstieg aus der Kohle, der Reduzierung von Methangasemissionen, der Erhaltung von Kohlenstoffsenken wie Wäldern und Torfmooren und der Finanzierung des Klimaschutzes in Entwicklungsländern erforderlich. Als Gastgeber von COP26 wird Großbritannien in den nächsten zwei Wochen für die Durchführung der Konferenz verantwortlich sein. Dabei ist es - gelinde gesagt - bedauerlich, dass Premierminister Boris Johnson zwar die Trommel rührt, damit die Staaten mehr Maßnahmen ergreifen, seine eigene Regierung aber unbekümmert mit der Vergabe neuer Lizenzen für Ölfelder in der Nordsee fortfährt. Genau diese Kluft zwischen Rhetorik und Handeln muss in Glasgow angesprochen werden, wenn die Konferenz ein Erfolg werden soll. Es ist kein Spielraum mehr vorhanden. Was in diesem Jahrzehnt getan oder unterlassen wird, entscheidet über das Schicksal künftiger Generationen."

"Politiken", Dänemark: Wir müssen Hoffnung in der Hoffnungslosigkeit finden

"Kalifornier flüchten vor Waldbränden, New Yorker ertrinken in überfluteten U-Bahnen und Kellern, deutsche Orte, Häuser und Autos werden über Nacht von Überschwemmungen weggespült, die arktischen Gletscher schmelzen schnell, und Dürre und unerträgliche Wärme machen große Teile des Nahen Ostens fast unbewohnbar. Vor diesem düsteren und dystopischen Hintergrund müssen die Staats- und Regierungschefs der Welt nun versuchen, zur Einigkeit über eine Schlusserklärung zu gelangen, die die Länder verpflichten kann, bei der Verringerung der globalen CO2-Emissionen ernst zu machen. Aber gerade in der Hoffnungslosigkeit müssen wir Hoffnung finden. Der große Unterschied zwischen Glasgow und allen vorherigen Klimagipfeln ist, dass es keinen Weg um radikale Lösungen herum mehr gibt, wenn wir unseren Kindern und Enkeln eine einigermaßen bewohnbare Erde hinterlassen wollen. Und das kann sich machen lassen."

"Tages-Anzeiger", Schweiz: Glasgow bietet Chance für die Zukunft

"Für viele bedeutet Glasgow die letzte Chance. Vom Standpunkt der Klimaforschung aus gilt das jedoch für jede Konferenz der letzten zwanzig Jahre. Optimistisch ausgedrückt ist die diesjährige Konferenz die Chance für die Zukunft. In Glasgow müssen die Vertragsstaaten in den nächsten zwei Wochen klarmachen, dass sie für ehrgeizigere Ziele sind, für transparente, nachvollziehbare Klimapläne für die nächsten zehn Jahre, und sie müssen garantieren, dass das versprochene Geld dorthin fließt, wo es gebraucht wird.

Die Entwicklung zum postfossilen Zeitalter ist längst eingeläutet, es gibt keinen Grund, zu bremsen, nur noch ein schnelles Vorwärts."

"NZZ", Schweiz: Transparenz ist wichtig für Klimaschutz

"Die Hauptarbeit der Konferenz wird der weiteren Ausarbeitung eines Regelwerks zur internationalen Zusammenarbeit gewidmet werden, das in Paris erst in den Grundzügen beschlossen worden war. Dabei geht es vor allem um zwei Dinge. Erstens bedarf die Uno genauer Regeln zur Messung und Darstellung von Emissionsreduktionen, damit diese international vergleichbar sind und korrekt angerechnet werden können. Zweitens braucht es Regeln, um einen grenzüberschreitenden Handel von Emissionsreduktionen zu erleichtern. Beides ist wichtig für den Klimaschutz. Vertrauenswürdige Transparenz über erzielte Emissionsreduktionen im In- und Ausland ist eine Voraussetzung dafür, dass Regierungen zur Rechenschaft gezogen werden können zu ihren Versprechungen. Auch hier haben die Verhandlungsführer der Konferenz mit mannigfachen Störmanövern zumeist großer Emittenten zu kämpfen, die wenig Interesse an Transparenz haben. Die Konferenz kann nur im Konsens Beschlüsse fassen, alles geht deshalb zäh voran. Zudem ist das Regelwerk der UN-Konferenz nicht so spektakulär und griffig zu kommunizieren wie das 1,5-Grad-Ziel. Doch es ist nicht weniger wichtig."

"Rossijskaja", Russland: Russland könnte bei Klimakonferenz hart auftreten

"Europa, das vor allem aufgrund seiner unüberlegt schnellen Abkehr von fossilen Energieträgern in diesem Jahr mit einer schweren Energiekrise konfrontiert ist, erwartet von unserem Land eine Erhöhung der Gas- und Kohlelieferungen, hat bislang aber keinerlei entgegenkommende Schritte unternommen. Russland wird sich Europas grüner Agenda wohl kaum widersetzen, insbesondere, da es selbst eine CO2-Neutralität bis 2060 plant. Aber es kann bei dem Gipfel in Glasgow durchaus hart für seine Positionen einstehen, da die Haushaltseinnahmen unseres Landes von der Öl-, Gas- und Kohleförderung abhängen - und auch von deren Export."

"La Repubblica", Italien: G20-Gipfel hat zwei grundlegende Aufgaben geschafft

"Wer eine Revolution im Kampf gegen den Klimawandel erwartet hatte, der wurde wahrscheinlich enttäuscht. Aber der G20-Gipfel unter italienischem Vorsitz hatte zwei grundlegende Aufgaben: die ganzen "Großen" auf eine gemeinsame Linie bringen gegen die Erderwärmung und damit eine Basis schaffen, damit die in Glasgow beginnende COP26 einen weiteren Schritt schaffen kann. Und diese beiden Vorhaben wurden am Ende erreicht."

"De Tijd", Belgien: Historische internationale Abkommen sind möglich

"Natürlich ist die Auseinandersetzung noch nicht ausgestanden. Dafür gibt es noch zu viele knifflige Details, zu viele Ausnahmeregelungen, zu viele Diskussionen darüber, was genau zum steuerpflichtigen Gewinn gehört und was nicht. Außerdem muss die Einigung in jedem Land noch das Parlament passieren. Aber der internationale Zug hat Fahrt aufgenommen. Die Bedeutung dieser G20-Vereinbarung liegt aber auch noch woanders. Sie zeigt, dass angesichts der wirtschaftlichen Globalisierung eine politische Gegenkraft aufgebaut werden kann. Dass sich nach all den Pandora Papers, Panama Papers und anderen Leaks ein größerer Gerechtigkeitssinn in die internationale Steuerpolitik einschleicht. Dass die internationale Diplomatie auch nach den Trump-Jahren nicht tot ist. Und dass es trotz schwieriger Fortschritte bei den Klimaschutzzielen immer noch möglich ist, wirklich historische internationale Abkommen zu schließen."

"Neue Osnabrücker Zeitung": "Die großen Industrienationen haben versagt"

"Welch herbe Enttäuschung: Beim Thema Klimaschutz haben die 20 großen Industriestaaten beim Gipfeltreffen in Rom versagt. Statt ihre Pläne nachzubessern und feste Ziele für den Ausstieg aus der Kohleverstromung zu vereinbaren, verfassten die Staats- und Regierungschefs nur ein unwirksames Dokument des Zögerns und Zauderns. Die Aussichten für die in Glasgow eröffnete Weltklimakonferenz haben sich deutlich verschlechtert. Die Analyse ist klar: Geschieht nicht sehr schnell deutlich mehr zum Schutz des Klimas, wird das Ziel, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, schon sehr bald nicht mehr zu erreichen sein. Man könnte auch sagen: Die Welt brennt. Doch statt sofort mit aller Kraft zu löschen, warten einige Länder noch mit dem Großalarm für die Feuerwehr."

"Volksstimme": "Klimaschützern ihre Ohnmacht vor Augen geführt"

"Vor allem ein Ergebnis wird vom G-20-Gipfel bleiben: Er hat Klimaschützern und Staaten mit ernsthaften Klimaschutzabsichten ihre Ohnmacht vor Augen geführt. Statt von geplanten 'Netto-Null-Emissionen' bis 2050 ist im Abschlusspapier mit Rücksicht auf China und Russland nur noch schwammig von der "Mitte des Jahrhunderts" die Rede. Das lässt zu vieles offen. Und es ist ein Schlag für das Klimatreffen in Glasgow. Wenn die G20, die für 80 Prozent der globalen Treibhausgase stehen, sich derart ihrer Verantwortung entziehen, droht das Treffen in Schottland zum Debattierclub zu verkommen. Proteste vor Ort werden daran wenig ändern. Peking etwa, das rund 30 Prozent des weltweiten CO2-Ausstoßes verantwortet, wird sich kaum beeindrucken lassen. Wichtig ist der Gipfel trotzdem, denn der Klimawandel kommt. Im besten Fall führt er dazu, dass Vorreiter wie die EU schneller handeln. Darin liegt auch technologisch eine Chance. Spätestens das würde auch China wieder auf den Plan rufen."

"Westfalen-Blatt": "Ein schlechtere Vorlage hätten die Mächtigen kaum liefern können"

"Ernüchternd, enttäuschend, entmutigend: So muss man die Ergebnisse des G20-Gipfels zum Thema Klimaschutz leider beschreiben. Das "starke Signal" in Richtung der Weltklimakonferenz hat es gegeben - aber es fiel so ganz anders aus als erhofft. China und Russland gar nicht erst erschienen, die anderen Staatenlenker in ihren Partikularinteressen gefangen: Es dürfte schwer werden, diesen Trend in den 14 Tagen von Glasgow umzudrehen. Eine schlechtere Vorlage hätten die Großen und Mächtigen dieser Welt jedenfalls kaum liefern können. So wird die Menschheitsaufgabe Klimaschutz zwar gern und wortreich beschworen, doch wenn‘s ans Eingemachte geht, sieht die Sache schnell anders aus."

tkr/nik DPA

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