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Luftschlag nahe Kundus: Oberst Klein behinderte Ermittlungen

Ein drohender Taliban-Angriff auf das Bundeswehrlager in Kundus trieb Oberst Klein offenbar dazu, den Luftschlag zu befehlen. Dann hat er nach stern-Informationen die Ermittlungen behindert.

Der deutsche Oberst Georg Klein soll den Luftschlag in Kundus unter dem Eindruck befohlen haben, die Taliban wollten das Bundeswehrfeldlager erstürmen. Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur haben der Bundesnachrichtendienst (BND) und das Kommando Spezialkräfte der Bundeswehr (KSK) in den Wochen vor dem Luftangriff in Nordafghanistan einen entsprechenden Drei-Stufen-Plan der Taliban aufgedeckt. Die Recherchen sollen in der Bundesregierung bekannt gewesen sein. Zum Schutz der Aufklärungsarbeit von BND und KSK sollten die Informationen aber nicht an die Öffentlichkeit gelangen.

Der stellvertretende Vorsitzende des Kundus- Untersuchungsausschusses, der sich an diesem Mittwoch konstituiert, bestätigte, dass die Taliban einen Anschlag gegen das Feldlager geplant haben sollen. "In den Wochen zuvor gab es ja bereits Ankündigungen, dass ein solcher Anschlag stattfinden könnte", sagte der CDU-Bundestagsabgeordnete Karl Lamers dem Fernsehsender n-tv. "Es war klar, dass eine große Gefahr für das deutsche Militärlager dadurch bestand."

Taliban wollten Feldlager erstürmen

Laut Geheimdienstinformationen sei Klein davon ausgegangen, dass die radikalislamischen Taliban am Abend des 3. September ihren Plan mit der Entführung der Tanklastwagen in die Tat umsetzen wollten, berichtet die DPA. Nach Mitternacht am 4. September gab er den Befehl zum Luftangriff. Es war der folgenreichste von Deutschen verantwortete Militärschlag seit dem Zweiten Weltkrieg: Nach stern-Recherchen starben dabei 92 Menschen, darunter viele Zivilisten.

Bei der Anweisung von US-Kampfjets zur Bombardierung soll Klein gegen Regeln der internationalen Schutztruppe Isaf verstoßen haben. So soll er wahrheitswidrig angegeben haben, dass eigene Truppen Feindberührung hätten. Deutsche Soldaten waren aber nicht in der Nähe.

Nach DPA-Informationen hatten die Aufständischen mit den Tanklastwagen den ersten Ring des Feldlagers sprengen wollen. Danach hätten Selbstmordattentäter in Kleinwagen den zweiten Ring brechen sollen. Im dritten Schritt hätten viele Dutzend bewaffnete Kämpfer dann in das Feldlager eindringen sollen. Mit dem Angriff hätten die Taliban eine spektakuläre Wirkung wie mit der Erstürmung eines Gefängnisses 2008 in Südafghanistan erzielen wollen.

Klein verbot Kooperation bei Ermittlungen

Nach dem Angriff auf die Tanklaster hat Georg Klein nach stern-Informationen dann die Ermittlungen vor Ort behindert. Der Offizier ordnete nach dem Angriff an, Ermittler vom Regionalkommando aus Mazar-I-Sharif nicht mit den ersten deutschen Soldaten zum Tatort zu lassen - sie seien "vor Ort nicht erwünscht". Die von Brigadegeneral Jörg Vollmer entsandten Ermittler konnten erst später zum Tatort kommen. Leichen und Leichenteile waren da längst von Angehörigen beerdigt worden. Mithin fehlten Spuren, um zu klären, wie viele Zivilisten starben, berichtet der stern unter Berufung auf vertrauliche Unterlagen der Bundeswehr.

Zudem wies Klein Untergebene im Feldlager Kundus an, bei Ermittlungen nicht zu kooperieren. So verweigerte der am Bombardement beteiligte Luftleit-Feldwebel W. Militärpolizisten jede Zusammenarbeit - Informationen zum Sachverhalt gebe es "nur nach Freigabe" durch den Oberst.

Die Bundeswehr hatte nach dem Angriff 56 getötete Aufständische gemeldet, sich dabei aber lediglich auf Luftaufnahmen berufen. Von zivilen Opfern war anfangs nicht die Rede. Diese Darstellung bezweifelte Isaf-Oberbefehlshaber Stanley McChrystal in einer von ihm am Nachmittag des 4. September anberaumten Videokonferenz: "Das aus der Luft zu erkennen, ist unmöglich. Das kann nicht korrekt sein. Ich bin zutiefst enttäuscht", zitiert der stern den US-General aus Nato-Unterlagen. Die Bundeswehr-Meldung sei eine "Albernheit". McChrystal: "Geben Sie offen zu, dass wir nicht alles wissen. Gehen Sie nicht davon aus, dass wir richtig lagen - und später finden wir dann heraus, dass wir Zivilisten gekillt haben."

Guttenberg hält weiter zu Klein

Der ebenfalls in die Kritik geratene Verteidigungsminister Guttenberg hatte den Angriff am 6. November als militärisch angemessen bewertet und diese Haltung am 3. Dezember korrigiert. Allerdings hatte er dabei betont: "Ich darf in aller Klarheit sagen, dass Oberst Klein mein volles Verständnis dafür hat, dass er angesichts kriegsähnlicher Zustände um Kundus (...) subjektiv von der militärischen Angemessenheit seines Handelns ausgegangen ist. Dafür hat er mein Verständnis. Und ich zweifele nicht im Geringsten daran, dass er gehandelt hat, um seine Soldaten zu schützen (...)."

Nach Informationen des stern stellte sich Guttenberg am vergangenen Freitag in Kundus erneut hinter Oberst Klein. Vor deutschen Soldaten sagte er: "Ich bleibe dabei: Ich lasse Oberst Klein nicht fallen." Die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe ermittelt jedoch, ob Klein gegen das Völkerrecht verstoßen und damit ein Kriegsverbrechen begangen hat.

joe/DPA/AP / AP / DPA