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Machtübergabe im Irak: Sehnsucht nach Sicherheit

Einig sind sich die Iraker darin, dass die neuen Machthaber daran gemessen werden, in welchem Maße sie die Ordnung wiederherstellen. Ob die neu rekrutierten Sicherheitskräfte effizient durchgreifen können, bleibt fraglich.

In den Straßen von Bagdad ist bereits in diesen Tagen deutlich mehr Polizei zu sehen. Die Beamten teilen erstmals seit 15 Monaten wieder Strafzettel an Verkehrssünder aus. Psychologisch macht sich das gut, doch viele fragen sich, ob die neu rekrutierten Sicherheitskräfte überhaupt die Kapazität und das Stehvermögen haben, um effizient durchzugreifen. Aber noch will man sich die Hoffnung nicht nehmen lassen. "Wir sind müde von all den Kriegen und Katastrophen", sagt der Transportunternehmer Abdulrahman Dschalal, "und irgendwann muss es ja ein wenig aufwärts gehen".

Die durch Krieg und Terror bis ins Mark verunsicherten Iraker blicken auch nach Ende des Besatzungsregimes zum Monatswechsel in eine völlig ungewisse Zukunft. Denn ob die Demokratisierung gelingen wird, die mit der Machtübergabe an eine Übergangsregierung in Bagdad beginnen soll, steht in den Sternen. Noch gibt es eine lange Liste mit Hindernissen auf dem Weg zu einem völlig unabhängigen irakischen Staat. Es gilt vor allem, die Interessen aller ethnischen, religiösen und politischen Gruppen so zu berücksichtigen, dass niemand mehr sein Heil im bewaffneten Kampf sucht.

Irak als "Dschihad-Territorium"

In einem Punkt sind sich alle Beobachter einig: Die arabischen Selbstmordattentäter aus dem El-Kaida-Umfeld, die den Irak zum ihrem neuen "Dschihad-Territorium" auserkoren haben und nach dem Sturz des Saddam-Regimes relativ ungehindert ins Land einsickern konnten, sind unbekehrbar. Sie können nur mit Geheimdienst-Aufklärung und Gewalt gestoppt werden. Doch die unzufriedenen Iraker, die in Falludscha, Nadschaf und Bagdad mit Sprengstoff und Mörsergranaten auf jeden losgehen, der zur Besatzungsarmee gehört oder im Verdacht steht, mit dieser zu kooperieren, müssten ins Boot geholt werden.

In diese Richtung argumentiert die International Crisis Group (ICG), ein regierungsunabhängiges Politikinstitut in Brüssel. Sie meint, die Vereinten Nationen sollten dafür sorgen, dass an der im Juli geplanten nationalen Konferenz auch "Iraker teilnehmen, die sich gegen die Besatzung ausgesprochen haben" und die deshalb bisher vom politischen Prozess ausgeschlossen waren.

Dazu zählt das ICG auch "sunnitische Religions- und Stammesführer, ehemalige Mitglieder der Baath-Partei (von Saddam Hussein) und die städtische schiitische Unterschicht, die (dem radikalen jungen Prediger) Muktada el Sadr folgt". Das Institut befürchtet, ohne Beteiligung dieser Gruppen werde es im Irak langfristig keine Sicherheit geben. Und ohne Sicherheit wären auch die für Januar geplanten Wahlen in Frage gestellt.

Neue Regierung soll Ende 2005 gewählt werden

Der Plan für die Bildung einer demokratisch gewählten neuen irakischen Staatsführung ist in der UN-Resolution 1546 festgeschrieben. Danach soll aus Wahlen Anfang 2005 eine Nationalversammlung hervorgehen, die wieder eine Übergangsregierung bilden und die endgültige Verfassung ausarbeiten soll. Als letzter Schritt soll dann Ende 2005 eine neue Regierung gewählt werden. Doch dies dürfte graue Theorie bleiben, wenn es der Übergangsregierung und den ausländischen Truppen nicht gelingt, die Anschläge auf Politiker, öffentliche Gebäude und die neuen irakischen Sicherheitskräfte einzudämmen.

Denn viele Iraker würden wahrscheinlich von ihrem Wahlrecht keinen Gebrauch machen, wenn sie Angst haben müssen, eine Autobombe könnte vor dem Wahllokal explodieren. "Im besten Fall, wird es dem neuen Ministerpräsidenten Ijad Allawi gelingen, mit Methoden, die wir vielleicht nicht immer gutheißen, halbwegs für Ruhe zu sorgen", meint ein westlicher Diplomat in Bagdad. Bei andauernder Unsicherheit im Lande dürfte es auch schwierig sein, eine ausreichende Zahl ausländischer Wahlbeobachter ins Land zu holen. Ihre Anwesenheit wäre aber notwendig, um das Misstrauen der von Saddam Hussein an Wahlfälschung und Ergebnisse von 99,9 Prozent gewöhnten Iraker zu zerstreuen. Und Skeptiker gibt es weiter viele unter den Irakern. "Es wird im Januar überhaupt keine Wahlen geben, denn die USA und die Übergangsregierung werden keine freien Wahlen erlauben", meint etwa der Bagdader Politologe Wamidh Omar Nadhmi. Für ihn ist die Machtübergabe der Amerikaner an die Übergangsregierung ohnehin nichts weiter als Augenwischerei.

Nach Ansicht europäischer Diplomaten handelt es sich am 30. Juni faktisch nur um die Übertragung der Souveränität in einigen Politikbereichen. Sie verweisen darauf, dass die Übergangsregierung kein Vetorecht bei den Militäroperationen der ausländischen Truppen hat und diesen auch keine Einsatzbefehle erteilen kann. Einen Luftangriff der US-Armee etwa auf Falludscha könnte die irakische Regierung auch im Juli nicht verhindern, müsste aber dann die politischen Konsequenzen tragen.

Anschläge machen Geschäfte gefährlich und teuer

Als deutsche Firmen zur Strafe für die Antikriegshaltung Berlins zunächst von US-Regierungsaufträgen für den Wiederaufbau im Irak ausgeschlossen wurden, war die Empörung groß. Doch Unternehmer, die einst große Hoffnungen auf lukrative Geschäfte hatten, sind angesichts der prekären Sicherheitslage ernüchtert. Auch US-Firmen, die den Löwenanteil der Aufträge erhielten, sehen erhoffte Profite durch rasant steigende Versicherungsprämien in Gefahr.

Fast 40 Angestellte der Firma Halliburton sind im Irak schon ums Leben gekommen. Kürzlich starben drei Mitarbeiter von General Electric durch eine Autobombe. Im März wurden vier Mitarbeiter von Blackwater USA bei Falludscha in einen Hinterhalt gelockt und ihre Leichen geschändet. Jeden Tag werden im Schnitt 40 Anschläge auf Soldaten und Zivilisten verübt, drei Mal so viele wie Anfang des Jahres.

Der US-Kongress hat im Herbst 18,6 Milliarden Dollar für den Wiederaufbau im Irak und in Afghanistan bereitgestellt. Die Anschläge und bürokratische Hürden machen die Verteilung der Gelder aber schwierig. Bis Anfang des Monats hatte die Besatzungsbehörde erst Aufträge im Wert von 3,7 Milliarden Dollar vergeben. Bis zur Machtübergabe am 30. Juni soll diese Summe auf 10 Milliarden Dollar steigen.

95 Prozent der Aufträge an US-Firmen

Mehr als 95 Prozent der Aufträge, die die Behörde auf ihrer jüngsten Liste nennt, gingen an US-Firmen mit einigen Subunternehmern aus Großbritannien, Australien, Ägypten und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Besonders dick im Geschäft sind die Baufirma Bechtel aus Kalifornien, die ehemals von Vizepräsident Richard Cheney geleitete Ölservice-Firma Halliburton und deren Tochter KBR, sowie die Ingenieursfirmen Fluor und Parsons.

Wenn die Übergangsregierung nächste Woche im Amt ist und mit den Öleinnahmen eigene Wiederaufbau-Aufträge finanzieren kann, dürften ausländische Firmen stärker zum Zuge kommen. Doch zeigt sich, dass der anfängliche Optimismus, satte Aufträge an Land ziehen zu können, verflogen ist. Die größte kanadische Baufirma SNC-Lavalin hat von Irak-Projekten Abstand genommen. "Das Leben unserer Angestellten hat höchste Priorität", erklärt Sprecherin Gillian McCormack. Die russische Elektrofirma InterEnergoServis warf nach der Ermordung von drei Ingenieuren im Mai das Handtuch. Eine südkoreanische Firma gab auf, nachdem zwei Mitarbeiter bei einem Anschlag ums Leben kamen.

Auch für US-Firmen, die riesige Geschäfte beim Wiederaufbau des Landes erwarteten, ist die prekäre Sicherheitslage ein Albtraum. Probleme gibt es nicht, Freiwillige zu finden. Doch müssen sie mit hohen Gehältern gelockt werden. Ein Lastwagenfahrer, der 30 000 Dollar im Jahr verdient, verlangt im Irak mehr als das Dreifache. Hinzu kommen rasant steigende Versicherungsprämien, was nach Industrieschätzungen bald nicht mehr wie bislang zehn, sondern bis zu 30 Prozent der Personalausgaben ausmachen dürfte. Viele US-Firmen versuchen inzwischen, mehr Iraker und weniger Ausländer einzustellen.

Deutsche Unternehmen warten ab

Für deutsche Unternehmen kann es im Irak nur besser werden. Lagen die Exporte aus Deutschland im Rekordjahr 1982 noch bei rund acht Milliarden Mark, sind es jetzt nicht mehr als 200 Millionen Euro. "Da ist genug Entwicklungspotenzial, sagt Irak-Experte Jochen Clausnitzer vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag DIHK. Die Betonung liegt auf Potenzial. Dabei ist es nicht das oft beklagte Siegerrecht der USA, das den Deutschen die Geschäfte vermiest. Es ist die katastrophale Sicherheitslage, die alles überschattet.

Wer derzeit aus der Bundesrepublik in den Irak exportiert, schickt Spülmittel, Waschpulver, andere Haushaltswaren - und gepanzerte Fahrzeuge. Daran wird sich auch mit der Etablierung der irakischen Übergangsregierung am 30. Juni nichts ändern. Für Investitionen und Investitionsgüter gibt es derzeit wenig konkrete Hoffnung, und wenn, dann nur als Subunternehmer von US-Firmen. "Wir raten, abzuwarten", sagt Paul Dolan vom Economic Form Deutschland, das eine eigene Task Force "Wiederaufbau Irak" eingerichtet hat.

Doch immerhin: Der DIHK sieht wachsendes Interesse auch auf der irakischen Seite, mit Deutschland ins Geschäft zu kommen. Immerhin 80 Firmenvertreter waren im April zu einem ersten Treffen nach Berlin gekommen. "Der irakische Mittelstand wird immer aktiver", sagt Clausnitzer. Zudem wird die neue Übergangsregierung Verfügungsgewalt über den zehn Milliarden Dollar umfassenden Entwicklungsfonds haben, der sich aus den Öleinnahmen speist.

"Wir raten niemandem, dort hin zu gehen"

Das wird auch deutschen Firmen zu Gute kommen, meint der DIHK. "Der Irak ist sehr interessant für deutsche Unternehmen, aber vor allem für die, die schon Irak-Erfahrungen haben". Experten raten ohnehin dazu, nur in Kooperation mit Irakern tätig zu werden. Das Entsenden eigener Mitarbeiter ist riskant und teuer. 4000 Euro kostet eine Risiko-Lebensversicherung für zwei Wochen, weiß der DIHK. "Der Irak ist ein von Terroristen heimgesuchtes Land", sagt Dolan. "Wer als Ausländer gilt, ist Zielscheibe. Wir raten niemandem, dort hin zu gehen."

Paradox an der Situation: Der Irak hat viel Geld und enormen Bedarf an Investitionen: Kraftwerke, Infrastruktur, Telekommunikation, Pumpentechnik und "riesige Chancen für die deutsche Bauindustrie". Die weint allerdings zunächst ihren Außenständen in Höhe von 1,7 Milliarden Euro im Irak hinterher und mag sich auch aus diesem Grund nicht zu neuen Aktivitäten entschließen. Allerdings sind Experten sicher, dass ohne eine weit reichende Entschuldung der internationalen Verbindlichkeiten in Höhe von rund 120 Milliarden Euro gar nichts läuft. Gegenüber Deutschland steht der Irak mit 5,3 Milliarden in der Kreide. Ohne Entschuldung wird es aber keine Hermes-Bürgschaften für neue Geschäfte geben.

Die Kosten des Wiederaufbaus werden auf bis zu 150 Milliarden Dollar geschätzt. Deshalb versuchen die deutschen Firmen derzeit, "aus der zweiten Reihe zu agieren. 900 Subunternehmer suchen die großen US-Konzerne, und dabei fällt auch für die Deutschen etwas ab. So ist Siemens beim Bau von zwei Kraftwerken für den US-Konzern Halliburton beteiligt, darf zudem ein Mobilfunknetz im kurdischen Norden des Irak aufbauen. Paul Dolan setzt auf die weitere Präsenz der USA. "In zwei, drei Jahren werden wir eine stabile Regierung haben - wenn die US-Truppen nicht nach Hause geschickt werden."

Anne-Beatrice Clasmann, Christiane Ölrich, Thomas Lanig, DPA

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