HOME

Mehrere hundert Tote bei Unruhen: Amerikanischer Diplomat soll Lage in Kirgistan beurteilen

Wegen der schweren Unruhen in Kirgistan schicken die USA einen Gesandten in die ehemalige Sowjetrepublik. US-Außenministerin Hillary Clinton wies ihren Staatssekretär Robert Blake am Dienstag an, Kirgistan und Usbekistan zu besuchen, um die Situation in den zentralasiatischen Staaten zu beurteilen und kirgisische Hilfsanfragen zu prüfen.

Bei den Unruhen in Kirgistan sind nach Einschätzung des Roten Kreuzes deutlich mehr Menschen ums Leben gekommen als von den Behörden angegeben. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) ging am Dienstag von "mehreren hundert Toten" aus, während die kirgisische Regierung von 178 Toten sprach. Die Chefin der Übergangsregierung, Rosa Otunbajewa, sagte, die Gewalt im Süden des Landes nehme ab.

Die USA schicken einen hochrangigen Diplomaten nach Kirgistan, der sich dort ein Bild von der Lage machen soll. Der für Süd- und Zentralasien zuständige Abteilungsleiter im US-Außenministerium, Robert Blake, werde am Mittwoch zunächst in die usbekische Hauptstadt Taschkent reisen und von dort an die kirgisische Grenze, teilte Außenamtssprecher Philip Crowley mit. Am Freitag werde Blake im Auftrag von Außenministerin Hillary Clinton mit Vertretern der Übergangsregierung in Bischkek zu Gesprächen zusammenkommen.

Einsatzkräfte des IKRK hätten vor Ort festgestellt, dass die Opferzahl wesentlich höher sein müsse als bisher angegeben, sagte IKRK-Sprecher Christian Cardon in Genf. Nach seinen Angaben besuchten IKRK-Vertreter unter anderem die Leichenhalle in Osch, wo die blutigen Auseinandersetzungen zwischen Kirgisen und Angehörigen der usbekischen Minderheit am Freitag begonnen hatten. Das Gesundheitsministerium gab die Zahl der Toten am Dienstag mit 178 an, mehr als 1800 Menschen wurden demnach verletzt.

Am Dienstag waren in Osch erneut Schüsse und Artilleriefeuer zu hören, berichtete ein Reporter der Nachrichtenagentur AFP. Otunbajewa sagte aber bei einer Pressekonferenz in Bischkek, die Lage in der Konfliktregion habe sich verbessert. Eine Bitte um internationale Friedenstruppen nahm sie wieder zurück. "Wir hoffen, mit der Situation mit unseren eigenen Kräften fertig zu werden", sagte sie.

An der geplanten Volksabstimmung über eine neue Verfassung am 27. Juni will die Übergangsregierung den Angaben zufolge festhalten. Otunbajewa führt das Land seit dem Sturz ihres Vorgängers Kurmanbek Bakijew im April. Bakijew selbst hält sich im weißrussischen Exil auf, ihm wird der Tod von 87 Demonstranten zur Last gelegt. Weißrussland teilte am Dienstag mit, ein kirgisisches Auslieferungsgesuch abgelehnt zu haben.

Der UN-Sicherheitsrat verurteilte die Gewalt und verlangte eine Beilegung des Konflikts zwischen den Bevölkerungsgruppen. Das Gremium rief am Montag in New York zudem zu humanitärer Hilfe für das zentralasiatische Land auf. Angesichts der Flucht Zehntausender haben das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) und das IKRK die Hilfslieferungen nach Kirgistan und in das benachbarte Usbekistan ausgeweitet. Nach Schätzungen des UNHCR sind insgesamt 275.000 Menschen auf der Flucht vor der Gewalt; allein 75.000 von ihnen suchten demnach Zuflucht in Usbekistan.

Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) warnte vor einer weiteren Eskalation. Die Organisation sei "in tiefer Sorge" über die Entwicklungen in dem Konfliktgebiet, hieß es in einer in Wien veröffentlichten Erklärung. Die Europäische Union stellte fünf Millionen Euro Soforthilfe zur Verfügung. Das UN-Welternährungsprogramm (WFP) begann mit einer Notmission.

APN/AFP