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Mindestens 83 Tote: Schwerste Ausschreitungen seit 20 Jahren in Kirgistan

In Kirgistan sind bei den schwersten Ausschreitungen zwischen rivalisierenden Volksgruppen seit zwei Jahrzehnten mindestens 83 Menschen getötet worden. Mehr als 1100 weitere wurden im Süden des armen Landes verletzt, wo die Unruhen die dritte Nacht in Folge andauerten.

In Kirgistan sind bei den schwersten Ausschreitungen zwischen rivalisierenden Volksgruppen seit zwei Jahrzehnten mindestens 83 Menschen getötet worden. Mehr als 1100 weitere wurden im Süden des armen Landes verletzt, wo die Unruhen die dritte Nacht in Folge andauerten. Tausende Usbeken flohen aus der zweitgrößten Stadt Osch, nachdem bewaffnete Banden sie angegriffen und ihre Häuser niedergebrannt hatten. Am Sonntag entsandte die Übergangsregierung Reservisten und Freiwillige in das Gebiet. Zuvor hatte die ehemalige Sowjetrepublik Russland vergeblich um Militärhilfe gebeten. Kurz nach Russlands Absage erlaubte die kirgisische Regierung den Soldaten, in den Regionen unter Ausnahmezustand scharf zu schießen. Die deutsche Bundesregierung appellierte an beide Seiten, die Gewalt einzustellen.

Das Innenministerium teilte am Sonntag mit, die Lage im Süden bleibe angespannt. Deshalb seien Einheiten in das Gebiet geschickt worden, das als Hochburg des im April entmachteten und im weißrussischen Exil lebenden Präsidenten Kurmanbek Bakijew gilt. Doch die Übergangsregierung hat nur begrenzte Macht über den Süden, der von der Hauptstadt Bischkek durch Berge getrennt ist. Regierungschefin Rosa Otunbajewa beschuldigte Anhänger des Ex-Präsidenten, die Unruhen angefacht zu haben. Sie wollten so ein Verfassungsreferendum sabotieren. Bakijew wies die Vorwürfe am Sonntag laut Interfax zurück.

Mindestens zwei Deutsche hielten sich der Bundesregierung zufolge in Osch auf. Sie riet von nicht unbedingt erforderlichen Reisen ins Land ab. Bundesaußenminister Guido Westerwelle sagte mit Blick auf die Versorgung der Bevölkerung, Deutschland werde sich bei einer möglichen Hilfe mit der EU und den Vereinten Nationen abstimmen.

In einer Wohngegend von Usbeken in Osch gab es weiter Schießereien, wie ein Reuters-Reporter berichtete. Doch inzwischen seien weniger Schüsse zu hören als noch einen Tag vorher. Auf den Straßen lägen mehrere Leichen. Tausenden Usbeken, vor allem Frauen und Kindern, gelang am Samstag die Flucht nach Usbekistan. In der Nacht schloss Usbekistan die Grenze kirgisischen Grenzposten zufolge wieder, so dass die Flüchtlinge nicht mehr weiterkamen. Die Gewalt griff auf Dschalalabad über, auch hier gilt der Ausnahmezustand.

"Gott hilf uns", flehte eine usbekische Menschenrechtsaktivistin. "Sie töten uns wie die Tiere." Fast ganz Osch stehe in Flammen. "Wir brauchen Russland. Wir brauchen Truppen. Wir brauchen Hilfe." Auch Regierungschefin Otunbajewa erklärte, ausländische Soldaten müssten die Lage in den Griff bekommen. Doch die Moskauer Regierung erklärte nur, Präsident Dmitri Medwedew werde am Montag beim Sicherheitsbündnis der ehemaligen Sowjetstaaten über gemeinsame Reaktionen beraten lassen.

In Osch drohten Lebensmittel zur Neige zu gehen, Gas und Elektrizität fielen aus. Das usbekische Außenministerium zeigte sich zutiefst besorgt über die blutigen Zusammenstöße. In der Region waren schon 1990 durch Gewalt zwischen Usbeken und Kirgisen Hunderte Menschen getötet worden. Damals hatte der frühere sowjetische Staatschef Michail Gorbatschow Soldaten nach Kirgistan entsandt. Ein Jahr später wurde Kirgistan durch den Zerfall der Sowjetunion unabhängig.

In dem Gebiet um Osch und Dschalalabad gehört etwa die Hälfte der Bevölkerung der usbekischen Volksgruppe an; im ganzen Land sind es knapp 15 Prozent der Bevölkerung. Die Kirgisen stellen mit insgesamt fast 70 Prozent der 5,3 Millionen im Land lebenden Menschen die Bevölkerungsmehrheit. Sowohl der entmachtete Präsident Bakijew als auch seine Widersacherin Otunbajewa sind Kirgisen. Seit den Protesten gegen Bakijew im April ist das verarmte Land nicht zur Ruhe gekommen, ein Bürgerkrieg wird befürchtet. In Kirgistan unterhalten sowohl Russland als auch die USA Militärstützpunkte.

Reuters / Reuters