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Mord an Litwinenko: Der Agent, der nicht töten wollte

Der Fall Litwinenko ist bis heute ungeklärt. Jetzt, acht Jahre später, ermitteln die Briten erneut. Der stern erzählte 2006 Litwinenkos Geschichte.

Von Andreas Albes und Cornelia Fuchs

Tagelang rang der ehemalige russische Geheimagent Alexander Litwinenko in einem Londoner Krankenhaus mit dem Tod. Die britische Polizei ermittelt nun wieder, wer ihn mit radioaktivem Polonium vergiftete.

Tagelang rang der ehemalige russische Geheimagent Alexander Litwinenko in einem Londoner Krankenhaus mit dem Tod. Die britische Polizei ermittelt nun wieder, wer ihn mit radioaktivem Polonium vergiftete.

Am Ende war sein Gesicht so eingefallen, dass es einem Totenschädel glich. "Kurz bevor er das Bewusstsein verlor, konnte er nur noch mit Mühe seinen Mund bewegen, so schwach war er", sagt der Regisseur Andrej Nekrasow, der seinen Freund fast täglich im Krankenhaus besuchte. Am 23. November 2006 starb Litwinenko schließlich. "Es war wie in einem fürchterlichen Science-Fiction-Film. Ich konnte in seinen Augen seinen wachen Geist sehen, aber der Körper verfiel täglich mehr." Drei Wochen lang hatte da Alexander Litwinenko schon gegen das radioaktive Gift Polonium-210 in seinem Körper gekämpft.

Er muss unglaubliche Schmerzen gehabt haben. Das Polonium zerstörte zunächst das Verdauungssystem, Litwinenko musste sich ständig übergeben. Einmal im Blutkreislauf, verteilte sich das Gift im ganzen Körper, zersetzte das Knochenmark, zerstörte das Immunsystem, alle weißen Blutkörperchen verschwanden. Bevor Leber und Nieren versagten, versank Litwinenko ins Koma, aus dem er nicht wieder erwachte. Alexander Litwinenko sollte sterben, das war allen klar, lange bevor der 44-Jährige den Kampf gegen das Gift verlor. Aber den Putin-Gegner und ehemaligen russischen Geheimdienstoffizier rasch zum Schweigen zu bringen – darum ging es offensichtlich nicht. Man hätte ihn erschießen können oder ein schnell wirkendes Gift verwenden, es gibt Hunderte davon.

Warum wollte jemand dem Opfer Gelegenheit geben, seine mutmaßlichen Mörder öffentlich anzuklagen? Warum wollte jemand gar verfolgen, wie eine PR-Agentur, Bell Pottinger, mit der mediengerechten Verwertung des Todeskampfes betraut wurde? Wer das hochradioaktive Polonium in Litwinenkos Tee oder Essen mischte, der wusste, dass sich dessen Agonie hinziehen würde: Die Strahlenkrankheit tötet langsam, qualvoll und verlässlich. Sollte da ein Abtrünniger beim Verrecken über die Verwerflichkeit seines Verrats nachdenken? Oder war es ein raffiniertes Komplott, um Präsident Putin zu schaden? Das verwendete Gift und seine Eigenschaften eignen sich ideal für alle möglichen Szenarien in einem klassischen Agenten-Thriller.

Erst Suppe, dann Sushi

Am Abend des 1. November hatte sich Litwinenko plötzlich sehr schlecht gefühlt, auch konnte er seinen Urin nicht halten. Während des Tages hatte er sich mit mehreren Männern in der Londoner Innenstadt getroffen. Als Erstes aß er mit dem italienischen Geheimdienstexperten Mario Scaramella in einem Sushi-Restaurant am Piccadilly Circus. Beide kannten sich schon länger, beide arbeiteten in der Welt der Geheimdienste. Scaramellas Hinweise hatten im vergangenen Jahr zur Verhaftung von vier Männern in Rimini geführt, die Uran in einem Koffer bei sich trugen. Diesmal brachte Scaramella zwei E-Mails mit, die angeblich eine Todesliste enthielten. Er selbst stand darauf, der im Londoner Exil lebende Oligarch Boris Beresowski, die vor kurzem ermordete Journalistin Anna Politkowskaja und Alexander Litwinenko. Die Informationen stammten von einem russischen Ex-Spezialagenten, der unter falschem Namen in Frankreich lebt. Um den Mord an Scaramella vorzubereiten, war ein russischer Agent angeblich schon in Neapel eingetroffen.

Litwinenko nahm eine Suppe und etwas Sushi, erinnert sich Scaramella, und wollte die E-Mails erst nicht lesen. Doch der Italiener bestand darauf. Litwinenko erschien nicht sonderlich beunruhigt. Kurz darauf verließ er das Lokal und traf sich in der Bar des "Hotel Millennium" am Grosvenor Square nahe der amerikanischen Botschaft mit zwei Russen. Einer war der Ex-KGB-Offizier Andrej Lugowoi, tätig als Personenschützer für einen georgischen Oligarchen. Auch ihn kannte Litwinenko schon länger. Lugowoi hatte einen Kollegen mitgebracht, Dmitri Kowtun, der in Moskau mit ihm Tür an Tür arbeitet. Seine Consulting-Firma hat ihre Büros im Moskauer "Radisson Hotel". Zu einem zweiten Treffen mit den beiden am 2. November kam es nicht mehr. Litwinenko sagte ab, weil es ihm schlecht ging. Als er einen Tag später ins University College Hospital im Zentrum Londons eingeliefert wurde, hatte er alle Haare verloren und wirkte um Jahre gealtert. Binnen Tagen nahm er 18 Kilo ab. In seinem letzten Brief an die Öffentlichkeit schrieb er, er "höre den Engel des Todes seine Schwingen schlagen, aber ich kann nicht schnell genug rennen". Erst drei Stunden vor seinem Tod fanden die Ärzte die Ursache für Litwinenkos Verfall: Sein Urin strahlte milliardenfach stärker als normal. Er musste Polonium-210 geschluckt haben. Litwinenko hatte seine Freunde immer vor Attentaten gewarnt. Nicht selten war er ihnen damit auf die Nerven gegangen.

Litwinenko wird zum Kreml-Kritiker

Für ihn gab es keine Zweifel, dass Präsident Putin die lautesten Gegner seiner Politik zum Schweigen bringen wollte. "Wir haben ihn für einen netten Spinner gehalten", sagt Nekrasow. "Er konnte einfach über nichts anderes sprechen." Bevor Litwinenko zu Putins Dauer- Kritiker wurde, hatte er im russischen Militär und Geheimdienst Karriere gemacht. Mit 18 eingezogen, brachte er es in der Armee bis zum Oberstleutnant. 1988 begann er beim sowjetischen Geheimdienst, der nach Auflösung der Sowjetunion zum russischen FSB wurde. Dort versetzte man ihn als Offizier in die Siebte Abteilung, zuständig für Organisiertes Verbrechen, die als Eliteeinheit gilt. 1994 leitete Litwinenko die Ermittlungen nach einem Bombenattentat auf die damalige graue Eminenz im Kreml: Boris Beresowski, Finanzier des Präsidenten Boris Jelzin. Beresowski und Litwinenko lernten sich kennen und schätzen. Beresowski hatte während des Zusammenbruchs der Sowjetunion unglaubliche Summen angehäuft. Sein Vermögen wird auf bis zu vier Milliarden Dollar geschätzt. Der Mathematiker an einem staatlichen Institut erwarb in den wilden Jahren des neuen Russland zunächst Lizenzen für Autoimporte, unter anderem für Mercedes. Dann kaufte er die Ölfirma Sibneft für 100 Millionen Dollar. Sie war kurze Zeit später mehr als eine Milliarde wert. Auf dem Höhepunkt seiner Macht kontrollierte Beresowski unter anderem einen TV-Sender und mehrere Zeitungen. Er sorgte dafür, dass Boris Jelzin trotz seiner Wodka-Exzesse wieder zum Präsidenten gewählt wurde – und den neuen Milliardären nicht im Weg stand. Beresowski baute seinen eigenen Geheimdienst auf. Die Firma Atoll überwachte jeden, selbst Freunde wie Roman Abramowitsch und Präsident Jelzin. Der Oligarch war kein beliebter Mann in Russland. Er wurde mehrerer Morde verdächtigt, keiner konnte ihm nachgewiesen werden. Er galt als rücksichtslos, zynisch und war als Jude vielen Russen sowieso verdächtig.

Den Attentatsversuch, den Litwinenko untersuchte, hatte Beresowski nur knapp überlebt. Am 27. Dezember 1997 rief der FSBAbteilungsleiter für Organisiertes Verbrechen Litwinenko und andere Agenten zu sich: Es sei wohl am besten, Beresowski zu beseitigen. Litwinenko beschloss, seinen Freund zu warnen. Er lud seine Agentenkollegen im März 1998 zu einem Gespräch mit dem Oligarchen in dessen prunkvolle Firmenzentrale in Moskau ein. Kurz darauf wurde dem Kreml ein Tonband dieser Unterredung zugespielt. Der FSB leitete daraufhin eine interne Untersuchung gegen die Agenten wegen Geheimnisverrats ein. Litwinenko bekam Angst, und die Männer entschlossen sich, an die Öffentlichkeit zu gehen – zum Schutz des eigenen Lebens.

Exil in London

Fünf Agenten traten Ende 1998 in einer spektakulären Pressekonferenz in Moskau auf, vier in Masken, nur Litwinenko zeigte sein Gesicht. Er enthüllte den Mordauftrag gegen Beresowski und beschuldigte einige Agenten der Korruption. Zu diesem Zeitpunkt war Wladimir Putin seit vier Monaten neuer Leiter des Geheimdienstes. Vier Monate später wurde Litwinenko entlassen und vorübergehend festgenommen. Im November 2000 floh er mit seiner Familie über die Türkei nach London. Kurze Zeit später ging auch Beresowski ins Exil. Wladimir Putin, im März 2000 zum neuen russischen Präsidenten gewählt, hatte damit begonnen, den enormen Einfluss der Oligarchen einzuschränken. In London versammelte Beresowski eine Schar russischer Emigranten um sich, darunter auch Litwinenko.

Dem ging es nicht gut in seiner neuen Heimat. Er hatte alles zurücklassen müssen und arbeitete zeitweise als Postbote. Beresowski kaufte ihm ein Haus im Norden Londons und soll ihn auch sonst unterstützt haben. Litwinenko war zunehmend frustriert, dass kaum jemand an seinen Anschuldigungen gegen den russischen Präsidenten und den Geheimdienst interessiert war. In seinem Buch "Der FSB sprengt Russland" beschuldigte er Putin, im Jahr 1999 Bombenanschläge in Moskauer Hochhäusern veranlasst zu haben, um die Bevölkerung auf den zweiten Tschetschenien-Krieg einzuschwören und damit seine Wahl zu sichern. Litwinenko war ein Mann auf einem Kreuzzug: Er wollte Putin stürzen. Der Politologe James Heartfield interviewte den Ex-Spion im Mai 2006 mehrere Stunden lang für eine Studie über die Rolle des russischen Geheimdienstes in Tschetschenien. Ihm erschien Litwinenko übereifrig: "Ein bisschen wie ein Schuljunge, der bei jeder Frage dazwischenreden muss und aus Unsicherheit zu viel quatscht. Bemüht um Anerkennung." Die fand er in der Freundschaft mit einem Vertreter der tschetschenischen Exil- Regierung, Achmed Sakajew, der ebenfalls in London lebt. Boris Beresowski hatte auch Sakajew ein Haus gekauft, direkt gegenüber dem der Familie Litwinenko. Litwinenko entwickelte sich zum glühenden Verfechter der tschetschenischen Unabhängigkeitsbewegung – und das, obwohl er als FSB-Agent jahrelang gegen die Rebellen in Tschetschenien gearbeitet hatte. Doch nun ging es ihm um die Machenschaften Putins und des FSB. "Seine Verschwörungstheorien waren alles, was er noch hatte", sagt Heartfield. "Er war ein Soldat, ein guter Soldat, der mit Gehorsam sehr weit gekommen war. Als er sich entschied, gegen den FSB an die Öffentlichkeit zu gehen, gab er alles auf, was ihn ausmachte. Ich hatte den Eindruck, dass er da Dinge in Bewegung setzte, die zu groß für ihn waren."

Kurz vor seinem Tod hatte er einem ehemaligen Jukos-Manager in Israel Material über den von Putin zerschlagenen Ölkonzern übergeben. Und auch der Atom-Mafia soll er auf der Spur gewesen sein. Vielen Russen gilt Litwinenko als Lügner, der im Ausland schlechte Geschichten über seine Heimat verbreitet. Ein Kreml-Sprecher wiederum bezeichnete ihn als "zu unwichtig", als dass Putin durch seine Ermordung internationale Beziehungen aufs Spiel gesetzt hätte. Tatsache ist, dass die Ermordung der Journalistin Anna Politkowskaja im Oktober 2006 dem Kreuzzug Litwinenkos neuen Aufwind gab. Ein Gesetz, das Russlands Parlament kurz zuvor verabschiedet hatte, war für ihn der Beweis, dass eine Reihe politischer Morde vorbereitet wurde. Das Gesetz nämlich erklärt jeden, der einen russischen Staatsbeamten in Erfüllung seiner Dienstpflicht öffentlich verleumdet, zum Extremisten. Zuvor schon hatte die Duma ein Gesetz beschlossen, das es russischen Agenten erlaubt, "Terroristen" auch in anderen Staaten zu töten. Bei einer Abendveranstaltung im "Frontline", dem Londoner Club der Auslandsreporter, sagte Litwinenko vor einigen Wochen: "Ich habe Beweise, dass Putin verantwortlich ist für den Tod Politkowskajas." Sie selbst habe ihn noch in diesem Jahr gefragt, wie ernst sie die Lage nehmen müsse. Und er habe ihr geraten, das Land sofort zu verlassen. In seinem letzten Brief beschuldigt Litwinenko direkt den russischen Präsidenten: "Sie haben einen Mann zum Schweigen gebracht, aber der Protestschrei wird in der ganzen Welt widerhallen." In Russland kursierten ganz andere Theorien über Litwinenkos Tod. Die beliebteste macht den Ex-Oligarchen Beresowski für den Mord verantwortlich: Er habe seinen Freund umgebracht, um Putin zu diskreditieren. Schließlich sei es kein Zufall, dass der Mord unmittelbar vor dem EU-Gipfel ausgeführt wurde, ein guter Zeitpunkt, um Putins diplomatische Mission zu durchkreuzen. Morde gelten in Russland als politisches Instrument. Im November wurde die Journalistin Fatima Tlisowa im Nordkaukasus vergiftet und der ehemalige tschetschenische Geheimdienstchef Mowladi Baisarow in Moskau auf offener Straße erschossen.

Der Mord an Anna Politkowskaja schockierte viele im Westen. Schon im Sommer 2004 war die Journalistin auf einem Flug zum Geiseldrama in Beslan vergiftet worden, damals überlebte sie knapp. Und im Juli 2003 starb der Journalist und Menschenrechtler Juri Schtschekotschichin an einer mysteriösen "allergischen Reaktion". Viele glauben, auch er sei vergiftet worden. Insgesamt sind seit dem Jahr 2000 in Russland mehr als ein Dutzend Journalisten unter dubiosen Umständen ums Leben gekommen. Putin sagte damals auf dem EU-Gipfel 2006 im finnischen Lahti auf die Frage, weshalb sich solche Todesfälle in seinem Lande häuften, auch andere Staaten hätten unaufgeklärte Morde, und verwahrte sich dagegen, "diese Fragen zu politisieren." Wer immer für die Anschläge verantwortlich ist, einen Effekt haben sie bereits. Sie bringen Menschen zum Schweigen. Seit dem Mord an Anna Politkowskaja, schreibt der russische Kulturkritiker Artem Troitsky im „New Statesman“, stelle er keine regimekritischen Essays mehr ins Internet. Früher schon habe er "freundliche Ratschläge" bekommen, er solle doch lieber bei der Musikkritik bleiben. Als er das ignorierte, sei er als "unerwünschte Person" aus der russischen Version der Show "Wer wird Millionär?" ausgeladen worden. Dies alles führe zu einer Atmosphäre der Angst. Kaum jemand in London glaubt, dass der Mord an Litwinenko aufgeklärt wird. Der Schock sitzt tief, dass so eine Tat auf britischem Boden geschehen konnte. "Jetzt kann es jeden treffen", sagt Litwinenkos Freund Nekrasow.

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