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Neuer EU-Ratspräsident: Herr Tusk hat ein Problem mit Russland

Erst hat Donald Tusk Polen auf die Beine geholfen, nun ist die EU dran. Sein erstes Projekt: Sie in Sachen Ukraine auf einen Nenner zu bringen. stern-Reporter Tilman Müller traf ihn in Sopot.

Donald Tusk mit Tochter Katharina (l.) und Ehefrau Malgorzata

Donald Tusk mit Tochter Katharina (l.) und Ehefrau Malgorzata

Der Politiker, der bisher Polen regierte und nun Europa stark machen will, ist eine Sportskanone. Drahtige Figur, kurzgeschnittene blonde Haare, flotte Windjacke und mit 57 Jahren von geradezu jugendlichem Charme. Wären nicht Bodyguards um ihn, könnte man Donald Tusk für einen Fußballtrainer halten. Unterschätzen sollte man ihn aber nicht. Mit einem sympathischen Lächeln geht er im Kurort Sopot an der Danziger Bucht schon mal zur Attacke über: Zuallererst gehe es in seinem neuen Job um die Ukraine, von Anfang sei ihm bei dem Konflikt klar gewesen, "wo schwarz und wo weiß ist. Jeder, der unter dem Kommunismus aufgewachsen ist, wusste sofort, auf welcher Seite er steht."

Tusk, ab November EU-Ratspräsident, steht für einen harten Kurs gegen Putins Russland, gilt zugleich als erfolgreichster Politiker Osteuropas seit 1989. Einstimmig haben ihn die 28 Staats- und Regierungschefs der EU gewählt. Groß ist ihre Hoffnung, dass der neue Präsident bei den immer häufigeren EU-Gipfeln eine echte Führungsrolle spielt und die krisengeschüttelte Union unbeirrt zu verteidigen weiß. "Europa", sagt Tusk, "muss endlich mit einer Stimme sprechen."

Plant Tusk härtere Sanktionen gegen Russland?

Als Ratspräsident folgt der alerte Pole auf den spröden Belgier Hermann van Rompuys, der im Stillen japanische Gedichte verfasst und vor größerem Publikum eher wie eine graue Maus wirkte. Tusk, der gut Deutsch spricht und sein Englisch noch aufpolieren muss, besitzt mehr Ausstrahlung. Die wird er auch brauchen, wenn er sämtliche EU-Staaten im Ukraine-Konflikt auf eine gemeinsame Linie bringen will. Zunächst geht es ihm um notfalls noch härtere Sanktionen. Langfristig strebt er den Aufbau einer europäischen Energie-Union an, um Brüssels Verhandlungsposition gegenüber Russland zu stärken.

Direkter Konfrontation mit dem Kreml will Tusk aus dem Wege gehen. Darin besteht Einigkeit mit einem besonders wichtigen Player in Brüssel: Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg. Die beiden Männer kennen sich gut. Bereits 2011 lud Norwegens Ex-Premier die Tusks zu sich nach Oslo ein, wo sie auch über die Krimis von Jo Nesbo diskutierten. Nach Amtsantritt im Brüsseler Nato-Hauptquartier vor zwei Monaten reiste Stoltenberg als erstes nach Polen, um dort mit seinem Freund angesichts der fortdauernden Kämpfe in der Ostukraine das weitere Vorgehen des Westens anzustimmen. Wie Stoltenberg sei Tusk "ein Atlantiker", sagt Marcin Zaborowski, Direktor des Warschauer Forschungsinstituts Pism, "wenn es hart auf hart kommt, wird er mit Sicherheit im Weißen Haus in Washington ein- und ausgehen."

Die Danzig-Connection von Merkel und Tusk

Rückhalt hat Europas neuer Chefdiplomat auch bei der deutschen Kanzlerin. "Angela Merkel", sagt Tusk mit feinem Humor, "ist die Enkelin eines Danziger Gymnasiallehrers und ich bin der Enkel eines Danziger Eisenbahners - also vor dem Krieg waren das quasi Nachbarn." Insider in Brüssel tuscheln bereits, der Pole und die Deutsche würden bald die Geschicke der EU steuern; ähnlich wie einst "Merkozy" (Merkel und Sarkozy) gelange nun ein Tandem namens "Tuskel" ans Ruder.

Bis heute prägen den Sohn eines Tischlers und einer Krankenschwester die blutigen Konflikte, die er früh erleben musste. Er war erst 13 und befand sich auf dem Schulweg, als Moskaus Vollstrecker im Winter 1970 den Danziger Arbeiteraufstand niederschlugen. Zehn Jahre später, 1980 bei der Solidarnosc-Revolte, war der Arbeiterjunge selbst unter den Demonstranten und machte bei Straßenschlachten mit. Was er damals in Danzig erlebte, sollte sich ähnlich in Kiew wiederholen. Auch dort ging es um die Befreiung aus der russischen Umklammerung. Und als sich im Februar die Ereignisse auf dem Kiewer Maidan überschlugen, erklärte Tusk, inzwischen Regierungschef, im Nachbarland Ukraine stehe auch das "Sein oder Nichtsein Polens" auf dem Spiel.

Nach der Arbeit ging er zum Steinewerfen

Beharrlich hat sich der einstige Dissident aus den Hinterhöfen Danzigs zum Warschauer Premier und nun in die Brüsseler Spitzenposition emporgearbeitet. Zunächst studierte er Geschichte und musste sich mit dem Verkauf von Butterbroten Geld verdienen. Später schloss er sich einer Anstreicher-Brigade an, die schwierige Fassadenarbeiten erledigte. Gewinne steckte die Handwerkertruppe in eine illegale Druckerei. Nach der Arbeit ging es zum Steinewerfen auf Demonstrationen. Oder auf den Fußballplatz. Tusk, damals ein gefürchteter Mittelstürmer, spielt heute noch mit der Nummer 11 auf dem Rücken im Sopoter Altherren-Team.

Beim Geschichtsstudium verliebte sich der junge Donald in die schöne Malgorzata; drei Monate später heirateten sie. In ihrem Buch "Miedzy Nami" (Unter Uns) schildert Frau Tusk, wie ihr "Donek" die Familie anfangs über Wasser hielt. Die "vielen Dollars", die er beim Bau in Norwegen verdiente, brachten ein eigenes Auto. Später wurde in Sopot eine 65-Quadratmeter-Wohnung im Erdgeschoss eines Wohnblocks erworben - heute noch lebt das Ehepaar hier.

Gleich eine Reihe von Parteien gegründet

Ende der 80er-Jahre entwickelte sich der umtriebige Tusk immer mehr zum Selfmade-Mann. Er wurde Vize-Chef der Tageszeitung "Gazeta Gdanskea", editierte nebenher Fotobücher, verließ die Solidarnosc-Bewegung und gründete in den Nachwende-Wirren eine Reihe liberaler, marktwirtschaftlich orientierter Parteien. 2007 wurde er Regierungschef. Polens Wirtschaft wuchs seither, trotz internationaler Finanzkrise, um stolze 20 Prozent.

Viel zu dem Wirtschaftswunder trug die EU bei. Gut 100 Milliarden Euro flossen zwischen 2007 und 2013 nach Warschau. Ein Verdienst auch von Tusk, dessen Wort immer mehr Gehör in Brüssel fand. Als dort im Frühjahr wegen der Ukraine-Krise große Ratlosigkeit ausbrach, galt der Erfolgspolitiker wegen seiner leidenschaftlichen Verurteilung der russischen Krim-Annexion schnell als Mann für höhere Aufgaben.

Ein weiteres Thema ist ihm in Brüssel wichtig: Die Gräben zwischen der Nicht-Eurozone und den Euro-Ländern sollen sich nicht weiter vertiefen. Stärker als zuletzt die Kanzlerin hält der Pole dem britischen Premier David Cameron die Stange. "Kein vernünftiger Mensch", erklärt Tusk, "kann sich die EU ohne Großbritannien vorstellen." Wie er mit einem der größten Probleme innerhalb der EU - der Fiskaldisziplin - umzugehen gedenkt, wird vor allem in Paris und London mit großer Spannung erwartet. Für Länder mit akuten Wachstumsproblemen hat Tusk durchaus Verständnis. Unter seiner eigenen Ägide in Polen sank das Haushaltsdefizit zwar, liegt indes - ähnlich wie in England und Frankreich - mit derzeit vier Prozent noch deutlich über den Maastricht-Kriterien.

Lampenfieber vor dem großen Auftritt

In Gedanken sind die Tusks jetzt schon in Brüssel. Die Wohnungssuche steht bevor. Aber Weihnachten soll auf jeden Fall in Sopot gefeiert werden. "Donek" büffelt noch fleißig Englisch. Sein erster großer Auftritt in Europas Hauptstadt rückt mit jedem Tag näher. Etwas "Stagefright" (Lampenfieber), gibt er zu, habe er schon.

Von seiner Altherren-Mannschaft in Sopot hat sich der Fußballer Tusk bereits verabschiedet. "Wir verlieren unseren besten Stürmer", sagt schmunzelnd Kapitän Andrzej Kowalczys, "er geht jetzt nach Brüssel zum RSC Anderlecht."

Tilman Müller