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Meinung

Sieg über Nazi-Deutschland : Die Parade in Moskau braucht nur ein einziger Mensch: Putin, der Verzweifelte

Auf Teufel komm raus hält Wladimir Putin in Moskau die Parade zum 75. Jahrestag des Sieges über Nazi-Deutschland ab. Doch sie ist keine Hommage an gefallene Soldaten. Es ist eine große Schau für einen Mann, der sonst keine Erfolge vorzuweisen hat. 

Putin inszeniert riesige Militärparade – trotz Corona

Das Gedenken an die vielen Millionen Opfer der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg ist in Russland heilig. Von 100 Soldaten, die 1941 an die Front geschickt wurden, erlebten nur zwei den sowjetischen Sieg im Frühling 1945. Im heutigen Russland gibt es kaum eine Familie, die keine Angehörigen in diesem schrecklichsten aller Kriege verloren hätte. Die Erinnerung an sie ist teuer.

Wladimir Putin behauptet, das Gedenken an die Gefallenen und das große Leiden der Überlebenden in Ehren halten zu wollen. Doch er pervertiert und missbraucht beides. Zum 75. Jahrestag des Sieges über Nazi-Deutschland schickt er die Urenkel der gefallenen Soldaten über den Roten Platz in Moskau - und setzt ihr Leben aufs Spiel. Denn auch wenn Putin sich zum Sieger über die Corona-Pandemie erklärt hat, das Virus lässt sich nicht per Dekret aus dem Kreml aus der Welt schaffen. Als am Morgen des 24. Juni die ersten Reihen an Putin vorbeimarschieren und die größte Militärparade in der russischen Geschichte eröffnen, werden 7176 Neuinfektionen gemeldet. Die Dunkelziffer dürfte um einiges höher liegen.

Der unbezahlbare Wert eines jeden menschlichen Lebens - das ist die wichtigste Lektion, die der Zweite Weltkrieg die Welt gelehrt hat. Offenbar aber nicht Putin. Er pfeift auf das Leben jedes einzelnen der 13.000 Soldaten, die an der Parade teilnehmen.

Zweiten Weltkrieg überlebt, aber auch Corona?

Und nicht nur sie werden bewusst der Infektionsgefahr ausgesetzt - auch die letzten Veteranen, die Putin für seine Parade zum schmückenden Beiwerk degradiert. Es sind die Frauen und Männer, die den Zweiten Weltkrieg überlebt haben. An diesem Tag sollten sie diejenigen sein, denen alle Ehre gebührt. Sie sind diejenigen, denen jeder russische Bürger sein Leben verdankt, wie Putin selbst immerzu predigt.

Leere Worthülsen. Die Scheinheiligkeit seiner Worte offenbart Putin selbst. Denn der Infektionsgefahr ist er sich mehr als bewusst. Alle Veteranen mussten vor der Parade in eine zweiwöchige Quarantäne - zu ihrem eigenen Schutz, so die offizielle Begründung. Doch tatsächlich dient die Maßnahme vor allem dem Schutz einer Person: Putin. Für die Fernsehkameras kommt er ja nicht umhin, ein paar seiner Untertanen zu umarmen. Da soll das Virus ihm ja nicht zu nahekommen.

Wladimir Putin spricht bei der Parade zum 75. Jahrestag des Sieges über Nazi-Deutschland

Wladimir Putin spricht bei der Parade zum 75. Jahrestag des Sieges über Nazi-Deutschland

Getty Images

Siegeskult soll Beliebtheitswerte retten 

Aber warum musste Putin die Parade unbedingt am 24. Juni abhalten? Ja, es ist ein symbolträchtiges Datum. An diesem Tag wurde vor 75 Jahren die erste Parade nach Kriegsende abgehalten. Doch für Putin ist ein anderes Datum von einer viel größeren Bedeutung: der 1. Juli. An diesem Tag stimmen die Russen über die historische Verfassungsänderung ab, die Putin bis an sein Lebensende die Macht sichern könnte. Was für Stalin der 9. Mai war, soll für Putin der 1. Juli werden.

Die diesjährige Parade ist keine Hommage an gefallene Soldaten. Dies ist eine Parade für einen Mann, der keine anderen Erfolge vorzuweisen hat - außer einem 75 Jahre alten Sieg, der nicht der seine ist. Der Kreml hat seinem Volk nichts außer einem Siegeskult zu bieten, der bis auf Äußerste getrieben wird. Das ganze Jahr 2020 ist zu einer unendlichen Feier des 9. Mai verkommen.

Putin scheint in seiner nationalpatriotischen Politik den einzigen Weg zu sehen, seine rapide sinkenden Beliebtheitswerte wieder etwas aufzufangen. Ob ihm die Parade dabei hilft, ist fraglich. Laut der Umfrage einer unabhängigen Forschungsgruppe halten 72 Prozent der Bevölkerung die Abhaltung der Parade in diesem Jahr für unnötig. Für 62 Prozent ist sie bloß ein "veralteter Versuch" der Regierung, die Bevölkerung hinter such zu bringen.

Der letzte Strohalm 

Auch die enormen Kosten, welche die Parade mit sich bringt, stoßen vor dem Hintergrund einer schweren Wirtschaftskrise, in der Bevölkerung auf Unverständnis. Den Berechnungen des Oppositionspolitikers Alexej Nawalny belaufen sich die Kosten auf mehr als 1,2 Milliarden Rubel, umgerechnet mehr als 15 Millionen Euro. Dieses Geld könnte man stattdessen etwa den Ärzten auszahlen, die an vorderster Front gegen das Coronavirus kämpfen und Wochen lang für ihre von Putin großspurig angekündigten versprochenen Zuschüsse kämpfen müssen. 

Putin

Die Parade wird Putins Rankings kaum retten. Seit 20 Jahren verspricht er, dass die Russen sich wieder "von ihren Knien" erheben werden. Doch die Coronakrise führt den Bürgern deutlich vor Augen: Ihr Präsident kann die Krankheit nicht von ihnen fernhalten, er kann die Wirtschaft nicht schützen. Die Gehälter sinken, die Preise steigen.  

Die Parade ist der letzte Strohhalm, nach dem Putin greift. Doch das Ganze hat etwas Künstliches, Unaufrichtiges, Falsches. Putin versucht aus allen Kräften, auf das militärisch-patriotische Pedal zu treten. Es hat ja lange genug funktioniert. Und er hat schlichtweg keine Zeit mehr, sich etwas Neues auszudenken. Der Moment aber, in dem ein Politiker bereit ist, eiskalt und ausschließlich zu seinem eigenen Nutzen Menschenleben zu opfern, zeigt allen: Er ist fehl am Platz. 

ivi