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Plünderungen: Saddams Regime in Auflösung

In Bagdad ist in mehreren Stadtteilen zu umfangreichen Plünderungen von öffentlichen Einrichtungen gekommen. Gruppen von Einwohnern drangen in Kasernen, Regierungsgebäude und Forschungsinstitute ein.

In der irakischen Hauptstadt Bagdad gibt es immer mehr Anzeichen für die Auflösung des Regimes von Saddam Hussein. In Bagdad ist es am Mittwoch in mehreren Stadtteilen zu umfangreichen Plünderungen von öffentlichen Einrichtungen gekommen. Gruppen von Einwohnern drangen in Kasernen, Regierungsgebäude und Forschungsinstitute ein und nahmen Computer, Möbel und andere Einrichtungsgegenstände mit, wie ein Reporter der Nachrichtenagentur AP berichtete. Der libanesische Sender LBC zeigte Bilder von Plünderungen. Der US-Nachrichtenkanal CNN berichtete, ein Depot mit Regierungsfahrzeugen sei geleert worden. Verbreitete Plünderungen gebe es in dem Armenviertel Saddam-City im Nordosten der Fünf- Millionen-Stadt.

Augenzeugen berichteten, dass es keine Zeichen von einer Präsenz von Regierungsvertretern, von Polizei oder Uniformierten mehr auf den Straßen gebe. Im Hotel Palestine, in dem fast alle ausländischen Journalisten untergebracht sind, waren die irakischen Beamten verschwunden, die sonst zur Kontrolle der Presse eingesetzt waren. Auch war der irakische Informationsminister Mohammed Sajjid el Sahhaf, der sich sonst täglich mit der Presse traf, nicht aufgetaucht. Das irakische Fernsehen sendet seit Dienstag nicht mehr.

BBC: Journalisten im Irak erstmals ohne Überwachung

Ausländische Journalisten in Bagdad können erstmals ohne jegliche Überwachung durch die irakischen Behörden berichten. BBC-Korrespondent Ragee Omar sagte am Mittwoch, das Kontrollsystem sei "völlig zusammengebrochen." BBC-Berichte brauchten deshalb künftig nicht mehr mit einem entsprechenden Zensur-Vorspann versehen werden. Die Kontrolle, so Omar, sei allerdings auch bisher nicht sehr scharf gewesen.

In der südirakischen Großstadt Basra gab es nach den massiven Plünderungen der vergangenen Tage am Mittwoch immer noch vereinzelte derartige Vorfälle. "Wir arbeiten hart daran, die öffentliche Ordung wieder herzustellen", sagte der britische Militärsprecher Al Lockwood gegenüber CNN.

US-Soldaten nehmen ohne Gegenwehr Nordosten Bagdads ein

Die Marineinfanteristen waren in der Nacht ohne Gegenwehr durch das Armenviertel Saddam-Stadt im Nordosten der Stadt gezogen, wo sie freudig begrüßt worden waren. In Saddam-Stadt leben etwa zwei bis drei Millionen Schiiten, die dem Regime von Saddam Hussein, das überwiegend sunnitisch ist, tendenziell feindlich gesonnen ist. Die irakische Polizei sei nicht zu sehen.

"Ich glaube nicht, dass ich einen einzigen Schuss gehört habe", sagte Reuters-Korrespondent Sean Maguire, der mit den Einheiten vorrückte. Im Stadtzentrum blieb es zunächst nach den Gefechten des Vortags vergleichsweise ruhig, während an der Nordfront von den USA unterstütze kurdische Kämpfer nach eigenen Angaben auf die Ölstadt Mossul vorrückten. Zeitungen zufolge herrschen in den britischen und US-Geheimdiensten unterschiedliche Ansichten darüber, ob Iraks Präsident Saddam Hussein bei einem Luftangriff getötet wurde. UNO- Generalsekretär Kofi Annan sagte Gespräche mit den Regierungen von Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Russlands zum Irak ab, will aber an einem EU-Gipfel teilnehmen. Unklar blieb, in welchem Umfang die UNO bei der Nachkriegsordnung mitwirken soll.

Einheiten der US-Marineinfanterie nahmen Saddam-Stadt Straßenzug für Straßenzug ein. Als die Soldaten am Morgen im Osten der Hauptstadt ankamen, begrüßten sie hunderte Iraker mit Jubelrufen, Liedern und Blumen. In Saddam-Stadt leben etwa zwei bis drei Millionen Schiiten, während die irakische Regierung überwiegend von Sunniten gestellt wurde.

Durch das Zentrum Bagdads hallten am Morgen vereinzelte Schüsse von Handfeuerwaffen, während US-Kampfflugzeuge die Stadt überflogen. US-Panzer seien von Irakern mit einer Werfergranate beschossen worden, sagte ein Reuters-Journalist. Diese sei offenbar von einem Ort in der Nähe des Hotels "Palestine" abgefeuert worden, in dem am Vortag zwei Journalisten getötet worden waren, als ein US-Panzer auf das Hotel feuerte. Das US-Militär hatte erklärt, der Panzer habe Feuer aus dem Hotel erwidert.

Kurden: Letzte Verteidigungslinie vor Mossul gefallen

Kurdische Kämpfer und US-Truppen nahmen einen strategisch wichtigen Berg nahe Mossul ein, die Iraks Streitkräften zur Verteidigung der Ölförderstadt diente. Damit sei die letzte Verteidigungslinie um die Stadt gefallen, sagte am Mittwoch Hoschijar Sebari, ein politischer Berater des Kurdenanführers Massud Barsani. Das Gebiet um die Stadt Mossul sei seit Ausbruch des Krieges von den Irakern heftig verteidigt worden.

Rätselraten über Saddams Überleben

Mehrere britische Zeitungen meldeten am Mittwoch unter Berufung auf britische Geheimdienstkreise, Saddam habe wohl kurz vor dem Luftangriff am Montag das Gebäude verlassen. "Wir glauben, dass wir ihn (Saddam) knapp verfehlt haben", zitierte der "Daily Telegraph" Geheimdienstkreise. Die "Times" berichtete ebenfalls unter Berufung auf die Geheimdienste, Saddam habe vermutlich kurz vor dem Bombenangriff den Ort in einem Bagdader Wohngebiet verlassen, möglicherweise durch ein Tunnelsystem.

Dagegen berichtete die "Washington Times" unter Berufung auf US-Geheimdienstkreise, mehrere Augenzeugen hätten Saddam in das Gebäude hineingehen, aber nicht herauskommen sehen. Der US- Geheimdienst CIA sei "in einem euphorischen Zustand", hieß es. "Es gibt keinen Zweifel, dass er tot ist", hieß es zudem unter Berufung auf US-Militärkreise. Etwa 30 Personen, darunter Saddam, seine beiden Söhne Kusai und Udai, Geheimdienstchefs und hochrangige Mitglieder der regierenden Baath-Partei seien in dem Gebäude vermutet worden. Bei der Bombardierung in einem Wohnviertels waren Augenzeugen zufolge mindestens neun Menschen getötet worden.

Bush: UN spielt eine wichtige Rolle beim Wiederaufbau

US-Präsident George W. Bush hatte am Dienstag nach einem Treffen mit dem britischen Premierminister und Kriegsverbündeten Tony Blair gesagt, er wisse nicht, ob Saddam überlebt habe. Klar sei aber, dass seine Macht schwinde. Bush sprach bei dieser Gelegenheit auch von einer "wichtigen Rolle" für die UNO im Nachkriegsirak. Auf Reporter-Nachfragen erwähnte er in diesem Zusammenhang konkret jedoch nur humanitäre Hilfe, die die UNO im Rahmen einer Übergangsverwaltung leisten könne. In der Hafenstadt Umm Kasr nahm am selben Tag eine US-geführte Zivilverwaltung die Arbeit auf.

Ein Sprecher der Vereinten Nationen (UNO) sagte am Dienstag, Annan werde nach der Absage seiner Europareise nun am 17. April während des EU-Treffens in Athen mit Staats- und Regierungschefs beraten. Frankreich, Deutschland und Russland fordern eine Führungsrolle für die UNO im Nachkriegsirak, während Großbritannien von einer bedeutenden Rolle gesprochen hat. US-Regierungsvertreter bestehen dagegen auf eine Führungsrolle der Alliierten.