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Truppenaufmarsch an Grenze Staatliche Propaganda: So hört sich der Ukraine-Konflikt in Russland an

Spaziergänger in Moskau
Spaziergänger am Moskauer Ostankinsky-Teich. Kein Zweifel, wer die Guten und wer die Bösen sind.
© Alexander Zemlianichenko/AP / DPA
Konfliktzeiten sind Propagandazeiten. In Russland lassen die staatlichen Medien keinen Zweifel daran, wer die Guten sind und wer die Bösen. CNN und Reuters haben in dem Land gelauscht, was die Russen über die Situation zu hören bekommen.

Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit, heißt es. Doch seit vielen Jahren laufen die weltweiten Propagandamaschinen auch ohne Waffengetöse. Ganz vorne mit dabei an der Desinformationsfront ist der russische Auslandssender RT, der früher unter Russia Today bekannt war. Mitte Dezember hatten die Verantwortlichen das deutschsprachige Programm RT DE gestartet, doch die Übertragung von einem Satelliten aus musste nach einigen Tagen wieder eingestellt werden. Die Chefredakteurin hatte ihren Sender einst unverhohlen eine "Waffe im Informationskrieg" genannt, und genau so sehen ihn auch deutsche Nachrichtendienste sowie die Bundesregierung. Da RT keine Sendelizenz für Deutschland hat, darf die Station nicht senden, mittlerweile klagt sie gegen die Medienanstalten.

Russland-freundliche Töne auf Fox News

In den USA findet das Programm zumindest noch teilweise Verbreitung, weil die Mediengruppe Rossija Sewodnja, zu der RT gehört, in Washington und Los Angeles Verträge mit dortigen Regionalsendern abgeschlossen hat. Dabei hören die Amerikaner russland-freundliche Töne mittlerweile auf deutlich gewichtigeren Sendern. Tucker Carlson vom rechten Fox News und Anhänger des früheren Präsidenten Donald Trump, wirkt in seinen täglichen Shows mittlerweile wie der Chefpropagandist des Kreml. Da spricht er von der Ukraine als "irgendeinem Flecken", von "Hybris und Dummheit" der US-Regierung und dass die Ukraine "nicht angegriffen worden" sei. Eiskalte Lügen in der populärsten Politsendung der USA.

Auch in Russland selbst lassen zumindest die staatlichen kontrollierten Medien keinen Zweifel daran, wer die Guten und wer die Bösen sind in dem Konflikt mit der Ukraine und dem Westen. Einige internationale Medien waren in dem Land und haben gelauscht, was die Russen über die Situation zu hören bekommen.

Zum Beispiel der US-Sender CNN:

"Wenn man das staatliche Fernsehen aus Moskau verfolgt, sieht man Videos von Soldaten und Panzern, Stacheldraht und zielenden Scharfschützen, aber es sind nicht die russischen Truppen, die für den Angriff bereit sind, sondern die der Nato.

Willkommen bei Russlands gespiegelter Darstellung des Kräftemessens um die Ukraine. In der Parallel-Medienlandschaft des Landes setzen die Nato-Streitkräfte nun einen seit Jahren vorbereiteten Plan um: Russland einkreisen, Präsident Wladimir Putin stürzen und Kontrolle über russische Energieressourcen erlangen.

Das Aushängeschild des russischen Staatsfernsehens heißt "Vesti Nedeli", also "Nachrichten der Woche". Vergangenen Sonntag begrüßte Moderator Dmitri Kisseljow die Zuschauer mit den Worten: "Anstatt auf die Friedensbemühungen des Kremls zu antworten, überschütten sie uns mit Vorwürfen und neuen Drohungen." Jede Andeutung von Misstönen zwischen Europa und der Nato, wird in Russland zur Überschrift. Einer der jüngsten Topstorys war der Rücktritt des deutschen Marinechefs Kay-Achim Schönbach, nach seinem Kommentar, dass 'Putin Respekt verdiene und die Krim russisch bleibe'. Der Beitrag endete mit dem zufriedenen Hinweis, dass der Offizier seinen Hut nehmen musste.

Putins Sprecher Dmitri Peskow wirft Washington 'Informations-Hysterie', 'Lügen' und 'Fakes' vor. (Das Wort 'fake' ist nun ein russisches Wort geworden und wird fast genauso ausgesprochen wie im Englischen.) Landkarten im russischen Staatsfernsehen zeigen Russlands Verbündeten Belarus von der Nato umringt, sie haben eine unheimliche Ähnlichkeit mit den Karten aus westlichen Medienberichten, die die Ukraine zeigen, wie sei von drei Seiten von russischen Truppen umgeben ist.

Die Ukraine mag noch nicht in einer ausgewachsenen Invasion verwickelt sein, aber es herrscht bereits ein ausgewachsener Krieg der Worte in russischen Medien."

Auch die Nachrichtenagentur Reuters beschäftigt sich mit der Berichterstattung und Stimmung in Russland.

"In ihren Beiträgen über die Ukraine behaupten russische Medien, es sei die "Panik des Westens" die die Spannungen befeuere, mit den Aufstockungen der US-Truppen und den Waffenlieferungen an Kiew – und nicht die Gegenwart von rund 100.000 russischen Soldaten an der Grenze zur Ukraine.

'Die Amerikaner machen sich mit einer russischen Invasion seit Monaten selbst Angst', sagt ein Reporter in einem 'Nachrichten der Woche'-Beitrag. 'Wichtig für den Kreml ist, dass es so aussieht, als würde der Westens die Situation anheizen', sagt Denis Wolkow, Direktor des unabhängigen Moskauer Umfrage-Institut Levada, über die Berichterstattung der Staatsmedien.

Fragt man Passanten auf den Straßen Moskaus, sagen sie, Russland würde sich defensiv verhalten. "Ich glaube nicht, dass Russland jemanden angreifen will. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass der Westen bereits am Provozieren ist. Russland wird sich verteidigen müssen', sagt eine Frau, die sich Olga nennt."

Ukraine: Videos zeigen russische Truppenbewegungen

Russlands Verschwörungstheorien über die Ukraine

Die "New York Times" blickt auf die sozialen Medien, in denen der Sender RT Verschwörungstheorien über die Ukraine verbreitet, etwa, dass das Land einen Völkermord an den Russen plane. "Es zirkuliert ein Video, in dem Wladimir Putin sagt, die Ereignisse im Osten ähneln einem Genozid. News Front, dass das Außenministerium (der USA, d.Red.) als Desinformationskanal mit Verbindungen zu russischen Sicherheitskreisen einstuft, ist am 13. Dezember einem Beitrag gefolgt, in dem behauptet wird, dass die USA die (angeblichen, d.Red.) Massaker nicht als Genozid betrachten.

Seit Monaten entsendet Russland Truppen (an die Grenze zur Ukraine, d.Red.) in dieser Zeit haben Moskau und dessen Online-Armee alte Beweise über Ukrainer herausgeholt, die mit Nazis kollaboriert haben, die USA fälschlicherweise beschuldigt, Stellvertreterkämpfer für chemische Angriffe einsetzen, und behauptet, Russland würde Militäreinsätze planen, um ethnische Russen zu schützen, um Maßnahmen der Nato zuvorzukommen.

Amerikanischen Geheimdiensten zufolge fährt Russland seit 2014 eine dauerhafte Desinformationskampagne über die Ukraine. Seit Dezember und Januar beobachten sie einen Aufwärtstrend, Moskau erhöht so den Druck auf die Regierung in Kiew".

Quellen: CNN, DPA, AFP, "New York Times", RND, Tagesschau

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