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Bürgerkrieg in Syrien: Macht Wladimir Putin vielleicht doch alles richtig?

Wladimir Putin war abgemeldet, doch sein Wort findet wieder Gehör: Wer Frieden in Syrien will, muss mit Baschar al Assad kooperieren - mit dieser Maxime kocht er den Westen weich. Liegt der Kremlchef vielleicht doch richtig?

Von Niels Kruse

Putin und Obama in New York

Diese Herren haben in Sachen Syrien einiges zu bereden: Obama (r.), Putin und John Kerry (l.) am Rande der UN-Vollversammlung in New York

Im Spätsommer 2011 klagte Russlands Außenminister Sergei Lawrow öffentlich, man erwarte doch bitte mehr Respekt vor den intellektuellen Fähigkeiten der Moskauer Führung. Die Welt blickte damals gebannt auf Libyen, wo sich der arabische Frühling besonders zäh und blutig hinzog. Machthaber Muammar al Gaddafi war noch nicht gemeuchelt, aber kurz davor, und Russland wurde nicht müde vor dem militärischen Eingreifen der Nato zu warnen, das das Land ins Chaos stürzen und die Islamisten an die Macht bringen würde. Jetzt, vier Jahre später, ist Libyen längst im Chaos versunken und die Islamisten beherrschen zumindest einige Küstenregionen.

Und Putin irrte doch

 Auch 2000 Kilometer weiter östlich, in Damaskus, Aleppo und Homs hatten sich damals die Menschen gegen ihren Langzeitdespoten erhoben. Aber anders als in Ägypten und Tunesien kippten Syriens Herrscher nicht einfach um, sondern wehrten sich mit allem, was ihnen zur Verfügung stand und das war vor allem: blanke Gewalt. Wie im Fall von Libyen mahnte Russland für Syrien Zurückhaltung, Diplomatie und Dialog mit Machthaber Baschar al Assad an. Sollte der Westen mal wieder versuchen, "Demokratie exportieren" zu wollen, wie Wladimir Putin, damals russischer Ministerpräsident, sagte, dann wären den radikalen Muslimen Tür und Tor geöffnet. Doch anders als im Fall von Libyen irrte Putin. Niemand scherte sich um den aufkeimenden Bürgerkrieg in Syrien, niemand sprach mit Assad aber die Dschihadisten kamen trotzdem.

Syrien - zersplittert und unregierbar

Mittlerweile sind deutlich mehr als 300.000 Menschen in Syrien getötet worden. Der überwiegende Teil durch das unablässige und wahllose Bombardieren jeglicher Oppositionellen und Aufständischen durch das Regime. Das Land ist zerstückelt, Baschar al Assad herrscht gerade noch einmal über ein Viertel Syriens, der Rest ist in den Händen des Islamischen Staats, der al-Kaida-nahen al-Nusra-Front, den Rebellen und einiger Kurden. Dass irgendeine Gruppe in diesem Wirrwarr die Oberhand gewinnen könnte, scheint mittlerweile so gut wie aussichtslos. Stattdessen fliehen die Syrer in Scharen: die allermeisten in die Türkei und nach Jordanien, andere wollen weiter nach Europa, wo sie in Auffanglagern mehr oder weniger willkommen geheißen werden. Das Morden, so die sehr späte Erkenntnis des zu lange tatenlosen Europas und Amerikas, muss beendet werden. Und auch nur dann ließe sich der Flüchtlingsstrom beenden. Die Frage ist: wie?

 Allgemeine Ratlosigkeit ist das ideale Klima, in dem ein Waldimir Putin gut gedeiht. Während die USA und ihre Verbündeten halbherzig die Stellungen des Islamischen Staats aus der Luft bekämpfen, fährt Russland großes Geschütz auf seiner Militärbasis in Tartus an der syrischen Mittelmeerküste auf. 20 Kampfbomber wurden dort in den vergangenen Wochen stationiert, bis zu 2000 Soldaten sollen folgen. Auch Putin hat den IS im Visier. Denn sie bedrohen das Restreich seines alten Verbündeten Assad, aber, und das ist wohl entscheidender: Er fürchtet, dass die Dschihadisten ihr Einflussgebiet in den Nordkaukasus ausdehnen und sich von dort aus wiederum gegen Moskau auflehnen könnten. Der Einsatz in Syrien sei "für uns eine Frage der nationalen Sicherheit", sagte jüngst eine Sprecherin des russischen Außenministeriums. Am Mittwoch gab der russische Förderationsrat grünes Licht für Kampfeinsätze in Syrien. Russland wird ab sofort also auch in Damaskus verteidigt.

Die Anti-Assad-Front ist weichgekocht

Der russische Präsident weiß, dass sich kein Staats- und Regierungschef ernsthaft dagegen sperren kann und wird, den IS zu bekämpfen, das einzige Problem dabei: Wird Baschar al Assad tatsächlich eine Hilfe sein? Und was soll man mit ihm, den US-Präsident Barack Obama vor der UN-Vollversammlung als "Tyrannen" bezeichnet hat, tun? Putin beharrt darauf, dass der Machthaber mit im Boot bleiben muss und hat dabei offenbar gute Überzeugungsarbeit geleistet. Noch vor kurzem waren sich so gut wie alle Nato-Länder darin einig, dass Assad nicht die Lösung des Problems sondern dessen Wurzel sei, also schnellstmöglich verschwinden müsse. Doch mittlerweile scheint der Westen umzudenken. Die Amerikaner deuten an, dass Assads Abgang keine zwingende Priorität mehr habe, Australien kann sich eine Friedenslösung auch mit dem Despoten vorstellen, ebenso wie Frankreich und Großbritannien und Angela Merkel hat sogar schon Gespräche mit ihm vorgeschlagen. Moskau hat die Anti-Assad-Front weichgekocht.

Waffendepot Istamo bei Latakia

Satellitenbilder zeigen Bauarbeiten am Waffendepot Istamo in der Nähe des Flughafens von Latakia


Liegt Wladimir Putin also vielleicht doch richtig, wenn er nach dem Motto 'mache Deinen Feind zum Freund', die ganz große Anti-IS-Koalition aus USA, deren Verbündeten, sowie dem Iran und dem Irak zu beschwören? Putin jedenfalls steht nun als derjenige dar, der die Planlosigkeit durchbricht und eröffnet sich damit gleich mehrere Chancen, seinen altem Kumpel Baschar al Assad zu helfen, den Einfluss in der Region zu stärken, das Ansehen seines Landes aufzupolieren und den zudem unliebsame, weil mögliche künftige Feinde in die Knie zu zwingen. Anders gesagt: Ja, Putin macht alles richtig - zumindest alles, um die Interessen seines Landes zu wahren.