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Reaktion auf Wut über NSA: "Eure Anfeindungen sind verlogen"

Amerika verrät unsere Freiheit - so titelt der neue stern. Der US-Politologe Jack Janes versteht die deutsche Wut, sagt aber: "Lasst uns die Schlammschlacht stoppen."

Ein Gastbeitrag von Dr. Jackson Janes, Washington

Stellen wir uns vor, Edward Snowden wäre ein Brite gewesen und hätte enthüllt, wie sammelwütig der britische Geheimdienst GCHQ ist. Wäre die Aufregung so groß gewesen? Wohl kaum! Obwohl mittlerweile bekannt ist, dass die Briten noch eifriger Daten horten als wir Amerikaner, seid ihr Deutschen nicht etwa wütend auf eure Nachbarn, sondern auf uns, eure weit entfernten Partner. Warum bringt ihr euer Verhältnis innerhalb der Europäischen Union nicht erst in Ordnung, bevor ihr auf uns Amerikaner schießt?

Natürlich, eure Enttäuschung hat etwas mit unserer besonderen Beziehung zu tun, das Verhältnis Amerikas zu den Deutschen ist aus historischen Gründen einzigartig. Sie hat auch etwas mit unserem imperialistischen Habitus zu tun: Wir sind seit 50, 60 Jahren gewohnt, Entscheidungen zu treffen, denen sich alle anderen fügen müssen. Dass wir damit zunehmend auf Widerstand stoßen, ist nicht euer Problem, sondern unseres. Wir müssen uns der neuen Weltordnung anpassen.

Unsere Geheimdienste über das Ziel hinausgeschossen

Eure Wut hat aber auch etwas damit zu tun, dass der Skandal ausgerechnet unter diesem Präsidenten öffentlich geworden ist. Ihr Deutschen projiziert auf Barack Obama noch immer vieles, was nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat. Ihr seid enttäuscht zu erkennen, dass Obama ein relativ normaler Politiker ist, jung, charismatisch und hoch intelligent, keine Frage: aber er kam unerfahren ins Amt kam und lernt bis heute immer wieder dazu. Für euch scheint Obama noch immer mehr als ein Symbol zu sein als der durchschnittliche Politiker, der er ist - mit Stärken und Schwächen.

Es gibt keinen Zweifel daran, dass unsere Geheimdienste über das Ziel hinausgeschossen sind. Ich kann eure Enttäuschung gut verstehen, denn auch wir sind über das Ausmaß entsetzt. Deswegen erleben wir auch gerade heftigen Widerstand in unserem eigenen Land, über alle Parteigrenzen hinweg. Ich finde es nur nicht angemessen, wenn in deutschen Talkshows nun Amerika als der neue Feind betitelt wird.

Und wer soll dann den Weltpolizisten spielen?

Man muss den Skandal auch in seinem historischen Kontext sehen. Deutschland war im Kalten Krieg die Frontlinie: Spione von beiden Seiten gingen hier ein und aus. Deutschland war wie ein großes Stück Schweizer Käse mit vielen Löchern drin. Deshalb betrachten heute noch viele Deutschland noch immer als europäischen Knotenpunkt für Spionage. Sie haben übersehen, dass der Kalte Krieg längst zu Ende ist.

Amerika hat einmal die Rolle des Weltpolizisten übernommen, weil es die Kapazitäten dafür hatte. Wer damit nicht einverstanden ist, muss die Frage beantworten: Wer wird es dann in Zukunft machen? Und was ist euer Beitrag dazu? Obama hat in einer Pressekonferenz zum NSA-Skandal neulich zu Recht gefragt: Haben wir euch nicht vor den Anschlägen der Sauerland-Gruppe bewahrt, dank der Erkenntnisse der NSA? Insofern halte ich eure Anfeindungen zum Teil auch für verlogen: Müsstet ihr nicht zuerst eure Regierung fragen, warum sie immer wieder so dankbar auf die Erkenntnisse unserer Geheimdienste zurückgreift? Ist der wahre Skandal nicht der, dass eure Regierung nicht ehrlich zu euch Bürgern ist?

Es gibt einen Teil der Welt, der böse ist

Wir müssen alle aus diesem Skandal lernen, auch wir Amerikaner. Die Zeiten, in denen die USA sagten "Da geht's lang" und alle folgten blind, sind längst vorbei. Und natürlich muss bei sensiblen Themen wie Überwachung und Datensammlung die Öffentlichkeit viel mehr eingebunden werden als bisher. Wir haben ja verstanden, dass ihr Deutschen besonders sensibel auf diesem Gebiet seid, auch wegen eurer Vergangenheit. Bitte versteht ihr aber auch: Da draußen gibt es einen Teil der Welt, der böse ist.

Das entschuldigt nicht, dass die NSA mit ihren Aktivitäten übertrieben hat. Es entlässt uns auch nicht aus der Verantwortung, dass wir mehr erklären müssen, was wir tun. Aber wir erwarten auch von euch Deutschen, dass ihr eure Hausaufgaben macht. Es reicht nicht aus, laut zu lamentieren und sich still und heimlich doch weiter auf die amerikanische Kompetenz zu verlassen.

Lasst uns mit dieser Schlammschlacht aufhören

Es liegt nun alleine an euch, dass ihr euch mit euren europäischen Partnern zusammensetzt, einen Plan erarbeitet und uns sagt: Hier ist unsere Strategie! Das hat gut funktioniert, als die Amerikaner die genauen Daten von Flugpassagieren einforderten. Da sagten die USA: Wir machen das jetzt so und nicht anders. Und die EU sagte: Nein, das werdet ihr nicht! Schließlich fand man einen Kompromiss. Ich denke, die europäische Stimme könnte viel stärker sein als sie es jetzt ist.

Es ist gut, dass jeder in seinem Land nun eine Debatte führt. Aber unser Ziel muss sein, diese Debatten zu verknüpfen. Denn die Frage, wie wir in Zukunft den Schutz der Privatsphäre und das Recht auf Sicherheit ausbalancieren, ist keine deutsche Frage, auch keine amerikanische, es ist eine globale. Lasst uns bitte aufhören mit dieser Schlammschlacht und den gegenseitigen Beschuldigungen, lasst uns das Thema zu einem gemeinsamen werden.

Die Beziehung der USA zu Deutschland erinnert mich an eine langjährige Ehe mit viel Auf und Ab. Wir hatten schon einige vergiftete Momente: den Vietnamkrieg, den Nato-Doppelbeschluss, die Golf-Kriege, die CIA-Geheimgefängnisse und jetzt die NSA. Es fühlt sich gerade so an, als hätten wir gestern einen großen Krach gehabt und einer ist ins Hotel gezogen. Ich bin überzeugt: Schon bald setzen wir uns zusammen und reden über alles. Dafür ist unsere Beziehung einfach zu besonders. Wenn man alle Dimensionen zusammen betrachtet, die intellektuelle, die politische, die wirtschaftliche, die historische und die kulturelle, dann ist die Beziehung zu Deutschland für die USA nach wie vor die allerwichtigste. Daran wird sich so schnell nichts ändern.