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Reiches Nigeria und arme Nigerianer: Wachstum ohne Entwicklung?

Viele schwärmen vom "Boom-Kontinent" Afrika. Hohe Wachstumsraten signalisieren rasanten Aufschwung. Aber positive ökonomische Ziffern sagen nur wenig über das Schicksal der Bevölkerung. Nigeria ist das beste Beispiel.

Nigerias Präsident Goodluck Jonathan ist stolz auf den Wirtschaftsboom seines Landes. Wenn er allerdings in einem der Luxushotels der Hauptstadt Abuja vor Funktionären und Militärs kühne Visionen entwirft, versagt zuweilen sein Mikrofon - bis der Hotel-Generator anspringt. Ständige Stromausfälle gehören zum Alltag der Metropolen Nigerias ebenso wie die wuchernde Korruption oder die Massenarmut. Aber auch die will Jonathan bekämpfen und verspricht seinen Landsleuten "eine große Zukunft".

Die Gegenwart des von Terrorismus gebeutelten Staates sieht anders aus. Mancher Besucher wird schon am Flughafen von Beamten zum persönlichen Obulus gedrängt. Die großen, hungrigen Augen der unzähligen Kinder, die in den Straßen von Lagos oder Abuja den Passanten Erdnüsse, Orangen oder Limonade verkaufen wollen, zeugen vom täglichen Elend der Bevölkerung. 112 Millionen der 160 Millionen Nigerianer leben in absoluter Armut, von weniger als einem Dollar pro Tag.

Unter der miserablen Stromversorgung leidet sogar die Elite. Denn das an Öl und Erdgas enorm reiche Land erzeugt kaum mehr als ein Zehntel des Stroms Südafrikas (50 Millionen Einwohner). Sogar Benzin muss der größte Ölexporteur Afrikas importieren. Es fehlt an Raffinerien und Infrastruktur.

Wachstum ohne echte Entwicklung

Studien der Commerzbank und der Deutschen Bank schwärmen ebenso wie andere internationale Finanzinstitute von den "enormen Chancen" Afrikas. Goldman Sachs sprach vom "Aufbruch der Löwen" und spielte auf die Erfolgsgeschichte der asiatischen Tigerstaaten an. US-Außenministerin Hillary Clinton glaubt, dass "Afrika im 21. Jahrhundert der Kontinent der Möglichkeiten" ist, nirgendwo seien Auslandsinvestitionen profitabler als hier. Das allerdings muss noch keine gute Nachricht für die über eine Milliarde Afrikaner sein.

Nigeria, der bevölkerungsreichste Staat des Kontinents, demonstriert seit langem, wie Wachstum ohne echte Entwicklung aussieht. Wachstumsraten von etwa sieben Prozent in den vergangenen Jahren signalisieren zwar einen imponierenden Aufschwung. Aber sie sind dem Export von Öl und anderen Rohstoffen zu verdanken, die 85 Prozent der Exporterlöse ausmachen.

Von ihnen profitieren nur eine schmale Elite und eine langsam wachsende Mittelklasse. Nach wie vor fließen zudem manche Öl-Erlöse in dunkle Kanäle. Die von Präsident Jonathan versprochene Reform des Sektors kommt nicht voran. Parlament und Staatsanwaltschaft untersuchen zahlreiche Korruptionsvorwürfe.

Nigeria leidet unter Terrorwelle

Vor allem aber kurbeln die Öleinnahmen kaum eine einheimische Produktion oder den afrikanischen Binnenhandel an. Weder in Industrie noch Landwirtschaft entstehen massenhaft die dringend benötigten Arbeitsplätze. Etwa 50 Millionen junge Menschen gelten als arbeitslos. Nigeria mit riesigen fruchtbaren Ländereien, die nur unzureichend genutzt werden, muss Nahrungsmittel importieren. Auch andere Alltagsgüter werden - zunehmend aus China - importiert. Wie anderswo in Afrika bedeutete das den Niedergang der einheimischen Textilindustrie. Die hohe Geburtenrate bedroht ohnehin jeden wirtschaftlichen Fortschritt. Jährlich wächst die Bevölkerung Nigerias derzeit um mehr als drei Millionen Menschen.

Aber auch die politischen Rahmenbedingen stimmen nicht. Zwar schreibt die Commerzbank-Studie von einer wachsenden politischen Stabilität in Afrika südlich der Sahara. Aber für Nigeria gilt das kaum. Das Land leidet unter der Terrorwelle der islamistischen Boko Haram. Die Bevölkerungsexplosion lässt das Heer der Armen und Arbeitslosen weiter anschwellen und verschärft die religiösen und ethnischen Konflikte.

Auch deshalb warnt eine Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung vor Wachstums-Illusionen in Nigeria und anderen afrikanischen Saaten. Die "rasch wachsenden Volkswirtschaften leben ja bloß von ihrer Substanz", heißt es. Zudem gingen viele Erlöse ins Ausland anstatt im Land investiert zu werden. Nigeria scheint für die Zukunft schlecht gerüstet - denn auch das Bildungssystem gilt als marode. Nigerias Finanzministerin Ngozi Okonjo-Iweala beklagte, dass es eine Generation brauchen werde, das "katastrophale Ausbildungssystem" nachhaltig zu verändern.

"Die große Euphorie, mit der Jonathan 2011 begrüßt wurde, schwindet. Versprechen wurden nicht gehalten, für eine Wirtschaftsreform gibt es nur schwache Anzeichen", analysierte die südafrikanische Zeitung "Business Day". Zwar erwartet Nigeria auch 2012 ein Wirtschaftswachstum von 7,1 Prozent - aber was bedeutet das? "Wir haben viel zu viele Baustellen: Korruption, Terrorismus, Misswirtschaft, Bildungsmisere und noch vieles mehr. Es gibt kaum Grund zu großem Optimismus", sagte der renommierte Ökonom Yakubu Aliyu von Bayero Universität Kano.

von Laszlo Trankovits, DPA / DPA