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Britische Regierungskrise Von Genugtuung bis Abschiedstränen: So reagiert die Presse auf Johnsons Rücktritt

Titelseiten britischer Zeitungen
Der Rücktritt des britischen Premiers hat erwartungsgemäß ein gewaltiges Medienecho zu Folge gehabt
© Carlos Jasso / AFP
Vom erleichterten "Es ist (beinahe) vorbei" bis zum wehmütigen "Danke, Boris" – die britische Presse zeigt sich gespalten über den Rücktritt von Boris Johnson. Im Ausland kommt der scheidende Premier weniger glimpflich davon. 

Boris Johnson geht – wenn auch (noch) nicht so ganz. Dass der britische Premier am Donnerstag seinen Rücktritt als Parteichef der Konservativen und damit auch (alsbald) als Regierungschef verkündet hat, hat nicht nur für Beifall gesorgt. Während die Mehrheit der britischen Medien Johnsons Abgang als längst überfällig feiern, trauern einige konservative Blätter dem umstrittenen Premier jetzt schon nach. Die ausländische Presse sieht in dessen Aus nicht zuletzt eine Gefahr für die Ukraine.

Ein Blick auf die Titelseiten der gespaltenen britischen Zeitungslandschaft und auf die internationalen Pressereaktionen.

Großbritannien

"Financial Times": "Jetzt, da Johnson überzeugt wurde zu gehen, sollte er dies schnell und unmissverständlich tun. Ein geschäftsführender Premierminister, der eine dysfunktionale Regierung bis zum Herbst durchschleppt, wäre selbst in den besten Zeiten schädlich – und dies sind nicht die besten Zeiten [...] Die Tories verfügen immer noch über eine Mehrheit im Parlament und haben mehr als zwei Jahre Zeit, bevor eine Wahl ansteht. Ein neuer Anführer kann die Partei und das Land in eine hoffnungsvollere Zukunft bringen – aber nur, wenn die Tories Kompetenz über Dogmen, Einheit über Spaltung und Verantwortung über Schlagfertigkeit stellen."

"Johnson gibt auf, trotzig bis zum Schluss", titelt die Zeitung:

"The Guardian": "Er ist auch heute noch Premierminister. Es ist außergewöhnlich, dass er am Donnerstagmorgen sein Kabinett umgebildet hat, genau zu dem Zeitpunkt, als er endlich seinen eigenen Rücktritt vorbereitete. Er beabsichtigt, noch einige Wochen zu bleiben – möglicherweise bis zum Tory-Parteitag im Oktober. Unter früheren Premierministern waren solche Übergänge relativ unumstritten. Das ist bei Johnson nicht der Fall, und zwar aus einem einfachen Grund. Den anderen konnte man trauen, ihm nicht. Zu Recht droht die Labour-Partei mit einer Vertrauensabstimmung im Unterhaus, sollte er versuchen, im Amt zu bleiben. Die Konservative Partei muss schnell und schonungslos handeln, um Johnson endgültig hinauszuwerfen."

"Es ist (beinahe) vorbei": zu diesem Schluss kommt der "Guardian" auf seiner Titelseite:

"The Telegraph": "Was auch immer die Partei als nächstes tun will, sie muss es schnell tun. Das Land wird einen langwierigen Führungsstreit inmitten einer Wirtschaftskrise und angesichts der Gefahr eines größeren Krieges in Europa weder verstehen noch verzeihen. Johnson sagte, dies seien die Gründe, warum er zögerte, zurückzutreten, und er halte es für "exzentrisch", dass er von Abgeordneten, die ihm ihre Sitze verdankten, dazu gezwungen werde. Er hat Recht, wenn er sagt, dass es dringende Probleme gibt, die die Regierung angehen muss. Deshalb muss sein Nachfolger innerhalb von Tagen, nicht Wochen – und schon gar nicht Monaten – feststehen."

Die Nachfolgerfrage beschäftigt die Zeitung auch auf der Titelseite:

"The Mirror": Der "Mirror" glaubt, Johnson wolle Premier bleiben, um in eine "üppige" Party zu feiern, die seit langem für den 30. Juli geplant ist, um seine Hochzeit im letzten Jahr nachzufeiern.  Und so lautet die Schlagzeile des Boulevard-Blatts: "Festhalten an einer letzten Party":

"The Times": Die überregionale Tageszeitung titelt "Johnson wirft das Handtuch" und schreibt, sein Rücktritt habe einen "blutigen Führungsstreit" ausgelöst. Der Kolumnist Iain Martin ist der Ansicht, Johnsons chaotische Herrschaft in der Downing Street hinterlasse seinem Nachfolger ein "Alptraum-Erbe".

"The Daily Mail: Die konservative Boulevardzeitung stellt sich hinter den scheidenden Premier. Die Tory-Abgeordneten würden "den Tag bereuen", an dem sie ihren Vorsitzenden aus dem Amt gedrängt haben, heißt es hier. Es sei der "Tag, an dem die Tories ihren Verstand verloren" hätten.

"Was zum Teufel haben sie getan?", wettert die Titelseite unter einem von der PR-Abteilung in der Downing Street veröffentlichte Foto, das Johnson mit seinem kleinen Sohn im Arm zeigt. Der Oppostionsführer Keir Starmer würde sich als "ein Hahn im Korb" entpuppen, in Brüssel und Moskau würden sicherlich die Sektkorken knallen, so die "Daily Mail" weiter. 

"The Sun": Die einflussreiche Boulevardzeitung "The Sun" setzt ebenfalls auf das Familienfoto der Johnsons. "Abschiedskuss ... und danke für den Brexit, Boris", titelt das Blatt:

"Daily Express": Ähnlich erschüttert zeigt sich die ebenfalls konservative Zeitung "Daily Express". "Danke Boris, du hast Großbritannien die Freiheit zurückgegeben", prangt es auf der Frontseite: 

So reagiert die Presse außerhalb von Großbritannien

"Irish Times" (Dublin, Irland): "In seiner Rede bekannte sich Johnson nicht zu seiner persönlichen Verantwortung für den eigenen Niedergang, kein mea culpa, keine Reue für die Lügen und Ausflüchte oder für seine Unfähigkeit, schwierige Entscheidungen zu treffen. Seine Bereitschaft, sich über Regeln und Verträge hinwegzusetzen und sein Wort zu brechen, wenn feierliche Vereinbarungen unangenehm werden, wurde nicht erwähnt. Es wurde auch nicht erwähnt, wie sehr Großbritannien seinen Ruf als ehrenwerter Partner auf der Weltbühne verloren hat. [...] Johnsons Entschlossenheit, bis zur Wahl eines neuen Regierungschefs als geschäftsführender Premierminister am Ruder zu bleiben – praktisch als "lame duck" –, wird nicht unangefochten hingenommen werden.

"Wall Street Journal" (New York, USA): "Der Sturz des britischen Premierministers Boris Johnson ist einer für die Geschichtsbücher und deckt sich in dramatischer Weise mit seinem persönlichen Charisma und dem Wagemut, den er mit seinem Eintreten für den Brexit – was ihn an die Macht brachte – gezeigt hat. Sein Scheitern im Amt ist auch eine Warnung an die regierenden Tories und an konservative Parteien auf der ganzen Welt, dass das Regieren nach links in punkto Wirtschaft eine aussichtslose Strategie ist. [...]

Die Ausnahme von dieser Bilanz ist die Außenpolitik. Johnson hat sich seit dem Einmarsch Russlands als starker und effektiver Unterstützer der Ukraine erwiesen, ein wichtiges Gegengewicht zu Olaf Scholz in Deutschland und Emmanuel Macron in Frankreich. Der Kreml bejubelt seinen Sturz."

"Le Figaro" (Paris, Frankreich): "Allein, von seinen Ministern und seiner Partei im Stich gelassen, zahlt der konservative Anführer (Boris Johnson) für die reihenweisen Krisen und Skandale, die die Aufmerksamkeit von seinen ersten Erfolgen ablenkten [...]. Zwei Drittel der Briten werfen (ihrem Premierminister) "BoJo" vor, dass es ihm an Integrität, Kompetenz und Seriosität mangelt. Das liegt daran, dass man sich im Vereinigten Königreich dummerweise an einen Grundsatz hält: Gesetzgeber müssen sich an die Gesetze halten, die von ihnen kommen. [...] Die Durchtriebenheit wurde zur Farce, die Briten sind des Schauspiels überdrüssig und Johnson verspricht zu gehen. Aber er geht nicht – nicht bevor er bis zum Herbst dem Kampf um seine Nachfolge beigewohnt hat. Setzt er auf einen Bürgerkrieg in seiner Partei, die ihn als einzigen Ausweg dastehen lässt? Das wäre der größte Zaubertrick von Taschenspieler "BoJo"."

"Neue Züricher Zeitung" (Zürich, Schweiz): "An der Spitze der Regierung braucht es eine Person, die ein hochkarätiges Team von Kabinettskollegen führen und motivieren kann. Eine Person, die Prioritäten der Regierung setzen und verfolgen kann. Und eine Person, die sich mit Einsatz, Arbeitswille und Hartnäckigkeit über die wichtigsten Regierungsgeschäfte informiert und deren Umsetzung überwacht. Nichts von alldem hat Johnson je interessiert."

"Corriere della Sera" (Mailand, Italien): " Bis zuletzt versuchte der neue Houdini – ein weiterer seiner Spitznamen – sich aus den Ketten zu befreien, doch dieses Mal gelang es ihm nicht. [...] Die konservative Partei Großbritanniens – die Tories, die Heimat von Winston Churchill und Margaret Thatcher – wird noch lange den "Boris-Wechsel" bezahlen. Vielleicht mit einer Wahlniederlage, sicherlich mit einem Makel im Ansehen. Werden Tradition und Widerstandsfähigkeit ausreichen, um Großbritannien wieder zu stärken? Wahrscheinlich ja, aber es wird Zeit brauchen. […] Wer weiß, vielleicht gibt es eines Tages sogar die Rückkehr unter die blaue Flagge der großen europäischen Familie."

"El Mundo" (Madrid, Spanien): "Da er überhaupt keine moralische Autorität mehr besitzt und seine Popularität auf einem historischen Tiefstand ist, wäre ein sofortiger Rücktritt von Johnson sowohl für seine Partei, die sich quasi neu erfinden muss, als auch für die notwendige Stabilität des Vereinigten Königreichs das Wünschenswerteste […]

Niemand weint dem in Ungnade gefallenen Premierminister eine Träne nach. Nicht im Vereinigten Königreich, das sich so sehr von einer Führungspersönlichkeit befreien will, die das Land wie kaum eine andere Person zuvor beschämt hat. Und auch nicht in der Europäischen Union, die nun hofft, dass Johnsons Nachfolger die Verhandlungen an den vielen noch offenen Fronten im Zusammenhang mit dem Brexit erleichtern wird."

"Lidove noviny" (Prag, Tschechien): "Mit Boris Johnson tritt ein Mensch ab, der das Lügen zu einem Arbeitsinstrument erhoben hat. Er log über sein Privatleben, über die Geschichte, über Politik und sogar über seine Fahrten mit dem Fahrrad. Die Briten wussten das und haben ihn dennoch gewählt, weil er unterhaltsam war. Und in der zerstrittenen Konservativen Partei versprach er allen Gruppierungen das, was sie hören wollten. Ist das nun das Ende des Clowns Johnson? Fürs Erste ja, aber es wäre verfrüht, ihn definitiv abzuschreiben. Schließlich dürfte auch für Donald Trump in den USA die verlorene Präsidentschaftswahl von 2020 noch nicht das endgültige Aus sein."

Sehen Sie im Video: Johnson will erstmal Premier bleiben: Reporterin berichtet über Stimmung in London.

"Rzeczpospolita" (Warschau, Polen): "Johnson hat das britische Volk mit dem Brexit enttäuscht […] In Bezug auf die Ukraine verfolgte er jedoch eine bemerkenswert konsequente und weitsichtige Politik, indem er Kiew erhebliche Mengen an Waffen lieferte und darauf drängte, dass der Westen harte Sanktionen gegen Russland verhängt. Anders als Emmanuel Macron oder Olaf Scholz hat er nicht das Gespräch mit Wladimir Putin gesucht. Eine Änderung dieser Londoner Politik hätte umso schwerwiegendere Folgen, als auch in Washington Zweifel aufkommen, ob man gegen Moskau derart rücksichtslos vorgehen soll. Die Fortsetzung der derzeitigen britischen Politik hängt davon ab, wer den Premierminister ablöst."

Quellen: "The Guardian"; dpa

yks

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