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Russische Armee Trendumkehr durch Teilmobilmachung? Daran bestehen erhebliche Zweifel

Russische Rekruten gehen auf einem Bahnhof in der russischen Region Wolgograd zum Zug
Russland, Prudboi: Russische Rekruten gehen auf einem Bahnhof in der russischen Region Wolgograd zum Zug
© Uncredited/AP / DPA
Der Feldzug gegen die Ukraine verläuft für Russland nicht nach Plan. Auch die Teilmobilmachung Hunderttausender Reservisten ändert daran nichts. Es ist fraglich, ob die dadurch erhoffte Trendumkehr überhaupt eintreffen wird.

Dass der russische Feldzug tatsächlich alles andere als nach Plan verläuft, wie abermals vom Kreml behauptet, lässt sich mitunter an einer Zahl ablesen: 224. Mehr als sieben Monate dauert der Krieg gegen die Ukraine nun an, der in Russland noch immer als "militärische Spezialoperation" firmiert, und eigentlich in wenigen Tagen geschlagen sein sollte. Nun ja, das war jedenfalls der Plan. Die Wirklichkeit sieht am 224. Tag des Krieges anders aus.

Die ukrainischen Truppen üben mit ihrer Gegenoffensive immer mehr Druck auf die russischen Besatzer aus, erobern praktisch täglich Gebiete zurück. Es sei "nur eine Frage der Zeit", so der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj am Dienstagabend, bis die Ukrainer "den Besatzer von unserem gesamten Gebiet vertreiben". Allein in den vergangenen Tagen seien Dutzende Ortschaften aus russischer Hand befreit worden, auch in jenen Regionen, die Russland nach illegalen Referenden als sein Eigen versteht. 

Das Momentum liegt bei der Ukraine, konstatieren Beobachter. Daran konnte auch die "Teilmobilmachung" Hunderttausender russischer Reservisten, mit denen Präsident Wladimir Putin die offenbar hohen Verluste an der Front kompensieren will, bislang nichts ändern. Und es ist fraglich, ob die dadurch erhoffte Trendumkehr überhaupt eintreffen wird.   

Eine "chaotische Ansammlung erschöpfter Vertragssoldaten"

Zwar verkündete die russische Armee angebliche Erfolge bei der sogenannten Teilmobilisierung. "Bislang sind mehr als 200.000 Menschen der Armee beigetreten", sagte Verteidigungsminister Sergej Schoigu am Dienstag nach Angaben russischer Nachrichtenagenturen. Ein Blick hinter die verlautbarten Zahlen wecken jedoch Zweifel, ob für Moskau tatsächlich die Rede von einem Erfolg sein kann.

  • Die Teilmobilmachung hat eine Reihe von Protesten ausgelöst. Der Krieg, der in Russland nicht so genannt werden darf, kommt in der Gesellschaft immer deutlicher als solcher an. 
  • Zehntausende Männer im wehrfähigen Alter fliehen vor der Einberufung ins Ausland, vor allem in Nachbarländer. Kasachstan meldete am Dienstag 200.000 Einreisen aus Russland innerhalb von zwei Wochen. Insgesamt hätten seit der Mobilmachung rund 700.000 Russen das Land verlassen, berichtete "Forbes Russia" am Dienstag.
  • Die Rekrutierung läuft willkürlich und chaotisch ab. Schon eine Woche nach Start sah sich Präsident Putin gezwungen, Fehler bei der Teilmobilmachung einzuräumen

Überhaupt gilt es westlichen Militäranalysen und Beobachtern zufolge als unwahrscheinlich, dass die Teilmobilmachung – zumindest kurzfristig – die Dynamik des Kriegsgeschehens verändern wird. 

In einem am Dienstag veröffentlichten Lagebericht des renommierten Institute for the Study of War (ISW) heißt es, dass das russische Mobilisierungssystem unter "schwerwiegenden bürokratischen Herausforderungen und Einschränkungen" leide, "die Putins Bemühungen untergraben könnten, die Zahl der Truppen aufzustellen, die er für die Fortsetzung des Kampfes in der Ukraine benötigt."

Darin zitierte die Forschungsgruppe aus Washington auch Berichte russischer Männer, die sich in ihren Häusern versteckten, um die Zustellung ihrer Einberufungsbescheide zu vermeiden. Darüber hinaus bezeichnete die Organisation das russische Militär als "chaotische Ansammlung erschöpfter Vertragssoldaten, hastig mobilisierter Reservisten, Wehrpflichtiger und Söldner".

Russischer Feldzug in der Krise

Sogar russische Kriegsbefürworter – darunter Blogger und Propagandisten, die oft direkten Zugang zu den Truppen an der Front haben – wähnen den russischen Feldzug offenbar in einer personellen wie operativen Krise. 

So beschrieb ein Blogger die Lage in Cherson als "kritisch", wie die "New York Times" berichtete, ein anderer sagte, dass die russischen Streitkräfte in der Provinz zahlenmäßig weit unterlegen sein. "Wir haben einfach nicht genug Leute", zitierte unterdessen der US-Sender CNN einen russischen Korrespondenten, der für das kremltreue Boulevardblatt "Komsomolskaya Pravda" aus Lyman berichtete. Die strategisch wichtige Stadt wurde nach ukrainischen Angaben mittlerweile vollständig zurückerobert.

Den Angaben des russischen Reporters zufolge, hätten die Streitkräfte in Lyman unter Personalmangel, schlechter Kommunikation und Fehlern der befehlshabenden Offiziere gelitten. Auf der russischen Seite habe sich Müdigkeit eingeschlichen, während die Ukraine gut vorbereitetes Reservepersonal an die Front geschickt hätte. "Wir brauchten diesen unerwarteten Schlag, um zu verstehen, wie die Dinge in Wirklichkeit stehen", wurde er von CNN zitiert. 

Die Berichte von der Front decken sich mit der Einschätzung westlicher Experten, wonach die ukrainische Gegenoffensive den russischen Einheiten gleich an mehreren Fronten enorme Probleme bereitet. "Die Ukraine diktiert im Moment das Tempo", sagte ein Vertreter westlicher Sicherheitskreise in einem Briefing zu Journalisten in London. Einige russische Einheiten stünden so unter Druck, dass sie sich zum Rückzug gezwungen sähen – teilweise gegen den Willen der russischen Führung.

Moskau ist demnach nicht mehr in der Lage, ausreichend Ausrüstung und militärisches Training für eine große Zahl an Rekruten bereitzustellen. Ein Anzeichen dafür sei, dass der Einberufungszyklus in diesem Jahr einen Monat später als üblich beginnen solle, hieß es im täglichen Kurzbericht des britischen Verteidigungsministeriums am Dienstag. Die jährliche Einberufung von etwa 120.000 Wehrpflichtigen in Russland unterscheidet sich von der laufenden Teilmobilmachung von Reservisten.

Russlands Armee leidet offenbar unter Versorgungsengpässen

Doch die offenkundigen Probleme bei der Versorgung werden auch an anderer Stelle deutlich: 

  • So mangelt es offenbar auch an Verbandsmaterial und anderen medizinischen Produkten. Neu mobilisierte Reservisten seien angewiesen worden, ihren eigenen Verbandkasten mitzubringen mit dem Hinweis, dass Menstruationsartikel eine kostengünstige Lösung seien, heißt es in einem britischen Geheimdienst-Briefing von vergangener Woche. "Der Mangel an Vertrauen auf eine ausreichende medizinische Versorgung bei den russischen Truppen trägt beinahe mit Sicherheit zu einer sinkenden Moral und an einem fehlenden Willen bei, an offensiven Einsätzen teilzunehmen", hieß es weiter.
  • Darüber hinaus kursierten Social-Media-Beiträge eingezogener Reservisten, die mit verrosteten Kalaschnikow-Gewehren oder Waffen aus Sowjetzeiten ausgestattet worden seien, berichtete etwa "Foreign Policy".
  • Auf einer Militärbasis bei Moskau soll es Medienberichten zufolge zu einer Massenschlägerei zwischen den neu Einberufenen und längerdienenden Zeitsoldaten gekommen sein. "Die Neuen wurden dort nicht mit Brot und Salz empfangen – sondern im Gegenteil: Die dort dienenden Soldaten forderten von den Neuen deren Kleidung und Mobiltelefone", berichtete das Internetportal Baza am Montag. Der Konflikt eskalierte in eine Massenschlägerei – bei der die frisch Rekrutierten die Oberhand behielten.

Russlands Präsident Putin setzt das unter Druck, zumal die Kritik an seiner Kriegsführung auch im eigenen Land lauter wird. Die illegale Einverleibung vier ukrainischer Gebiete, die sogar noch umkämpft sind, dürften eine Konsequenz aus der Reihe an Rückschlägen sein: Sie sollen ihm nach russischer Rechtslage die nukleare Option eröffnen, also die größtmögliche Eskalation des Krieges (mehr dazu lesen Sie hier). 

Sowohl die Teilmobilmachung als auch die Scheinreferenden weisen auf eine "deutliche militärische Schwäche Russlands hin", sagte der Politikwissenschaftler Gerhard Mangott an der Universität Innsbruck bereits Ende September zum stern. "Putin sieht sich zu den Maßnahmen gezwungen, trotz der vielen politischen Risiken und dem wachsenden Unmut in der eigenen Bevölkerung."

Vor diesem Hintergrund hatte Kiew mit gewisser Genugtuung auf die von Putin angeordnete Mobilmachung reagiert. Schon am 210. Tag des Krieges fragte Mychajlo Podoljak, externer Berater des ukrainischen Präsidentenbüros, auf Twitter: "Läuft immer noch alles nach Plan oder doch nicht?"

Quellen:  "New York Times", CNN, Institute for the Study of War"Foreign Policy", "Ukrainska Pravda", Redaktionsnetzwerk Deutschland, ORF, mit Material der Nachrichtenagenturen DPA und AFP

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