HOME

Schuldenkrise: Europas Banken stehen kurz vor Milliardeninfusion

EU-Kommissionschef Barroso prescht mit Vorschlägen zur Bankenrettung vor. Die europäische Aufsichtsbehörde erarbeitet einen Blitz-Stresstest mit sehr hohen Hürden. In der Branche beginnt das große Zittern.

Von Thomas Schmoll

Europa setzt alles daran, seine Banken vor einem Lehman II zu bewahren. EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso will überraschend schon am Mittwoch einen Plan für die finanzielle Stärkung der Institute vorstellen. Notfalls droht ihnen ein staatlicher Eingriff in Form eines Zwangs, frisches Geld anzunehmen. Die Aufsichtsbehörde EBA zieht derzeit einen deutlich verschärften Blitz-Stresstest durch, um die Schwachstellen der Institute vor dem Hintergrund der Staatsschuldenkrise zu ermitteln. Die Hürden werden derartig hoch gelegt, dass ein zwei- oder gar dreistelliger Milliardenbetrag an Mehrbedarf herauskommen dürfte.

Barroso kündigte "einige Vorschläge" als "umfassende Antwort" auf die Staatsschuldenkrise an, "zum Beispiel zur Rekapitalisierung der europäischen Banken". Er reagierte damit am Dienstagabend in Den Haag auf einen dringenden Appell des Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB), Jean-Claude Trichet, der die Politik zum raschen Handeln aufgefordert hatte.

In dem Stresstest, in dem Abschreibungen auf Staatsanleihen hoch verschuldeter Länder simuliert werden, müssen nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters die Geldhäuser dieses Mal auf eine harte Kernkapitalquote von mindestens sieben Prozent kommen. "Diese Messlatte des Tests dürfte eine große Zahl von Banken in Europa und Deutschland reißen", zitierte die Agentur einen Manager. "Da wird eine ordentliche Summe an benötigtem Kapital zusammenkommen." In den Vorstandsetagen der deutschen Geldhäuser herrscht große Unruhe. "Kaum einer rechnet damit, dass er da gut durchkommt", sagte ein Spitzenbanker.

Barroso stellt härtere Anforderungen

Beim Stresstest der EBA im Sommer genügte eine Kernkapitalquote von fünf Prozent, um zu bestehen. Bei sieben Prozent als Vorgabe wären damals auch Banken durchgefallen, die vergleichsweise gut dastehen. Seither haben allerdings zahlreiche Institute ihre Eigenkapitalpolster aufgebessert und ihre Portfolios von Anleihen von Staaten in finanzieller Bredouille befreit.

Barroso will den Banken Vorgaben zur Geldbeschaffung machen. Wer die Anforderungen an die schärferen Eigenkapitalquoten nicht erreicht, soll nach Informationen der Financial Times Deutschland aufgefordert werden, sich frisches Kapital zu besorgen. Dabei wird eine Art Ranking eingeführt: Die Banken sollen es zunächst bei privaten Geldgebern versuchen, dann bei ihren Regierungen und erst - also wenn gar nichts mehr geht -, soll der Euro-Rettungsschirm EFSF einspringen. Geld aus der EFSF soll nach dem Willen Deutschlands allerdings nur den Staaten in Finanznot zukommen, denen im Gegenzug Spar- oder Privatisierungsauflagen gemacht werden können.

Anders als im Sommer wird in dem Stresstest durchgespielt, welche Folgen es für die Kapitalausstattung hätte, wenn die Bonds aus den Euro-Krisenstaaten auf den Marktwert abgeschrieben werden. Die Banken müssen demnach ihre Kapitalausstattung per Ende Juni und ihre Engagements in den Euro-Krisenländern mit Buchwert zum Ende September angeben. In dem Stress-Szenario unterstellen die Aufseher dann eine Bewertung zu Marktpreisen, sprich: sie gehen von weiteren Abschreibungen aus.

Als Resultat der Unsicherheit am Markt, der Zurückhaltung der Investoren und des Misstrauens der Banken untereinander - sie geben sich kaum noch Kredite aus Angst vor Verlusten -, werden viele Institute am Ende auf Geld vom Steuerzahler zurückgreifen müssen. Dies ist eine Parallele zur Finanzkrise 2008. Seither haben die Staaten in der EU mehr als 400 Milliarden Euro in die Geldhäuser gesteckt. Dadurch wurde die Verschuldung der einzelnen Länder in die Höhe getrieben, was wiederum die aktuelle Krise mitverursachte.

Bankenaufseher prüfen Kapitalbedarf

Bevor die Pläne Barrosos bekannt wurden, hatte der scheidende EZB-Chef Trichet der Krise eine "systemische Dimension" zugewiesen, was bedeutet, dass sie das Ausmaß der Lehman-Pleite hat. Er hatte klare Entscheidungen in puncto Rekapitalisierung der Banken gefordert. Eine entschiedene Reaktion auf die Schuldenkrise sei erforderlich, mahnte er.

Unklar ist, auf welchen Annahmen die Szenarien des neuen Stresstests beruhen, also welche Staaten als Euro-Krisenländer eingestuft worden sind. Bankenkreise gehen davon aus, dass neben Abschreibungen auf griechische, portugiesische und irische Bonds auch die Folgen einer Wertberichtigung italienischer und spanischer Papiere geprüft werden. Eine offizielle Bestätigung dafür gab es vorerst nicht. Ungewiss ist überdies, welche Definition von Kernkapital die Behörde ihren Berechnungen zugrunde lege. Darüber war schon im Sommer heftig gestritten worden.

Die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union wollen sich am 23. Oktober zu einem Sondergipfel treffen, auf dem das Thema Rekapitalisierung der Banken eine zentrale Rolle spielen wird. Die Ankündigung Barrosos, schon Mittwoch Vorschläge vorzustellen, kommt überraschend. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy hatten auf ihrem Treffen am Sonntag eine Lösung zur finanziellen Ausstattung der Banken für Ende des Monats angekündigt. Merkel plant nach eigenen Worten "ein Gesamtpaket".

Griechenland übersteht Haushaltsprüfung

Der französisch-belgische Kommunalfinanzierer Dexia musste als erstes Opfer der Schuldenkrise wegen einer Schieflage verstaatlicht werden. Deutschland und Frankreich unterstützen gemeinsam die Pläne für eine Kapitalaufstockung der größten europäischen Banken. Merkel sagte, sie werde sicherstellen, dass für alle Geldhäuser die gleichen Kriterien gelten würden.

Griechenland überstand die Haushaltsprüfung durch Experten der EU-Kommission, der EZB und des Internationalem Währungsfonds (IWF). Die Inspektoren der Troika sprachen sich indirekt für die Auszahlung von acht Milliarden Euro aus dem ersten Rettungspaket für Athen aus. Sofern die Euro-Finanzminister und die IWF-Spitze den aktuellen Prüfbericht billigten, könne das Geld Anfang November fließen, teilten die Experten in Athen mit. Eine Pleite wäre damit vorerst abgewendet.

Während Griechenland sein Sparziel für dieses Jahr verfehlen wird, hält das Inspektorenteam die für 2012 beschlossenen Kürzungen für ausreichend. Für 2013 und 2014 sei dagegen schon jetzt absehbar, dass zusätzliche Schritte nötig seien.

FTD
  • Thomas Schmoll