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Stimmungen: Europa und der Krieg

Welche Telefonnummer hat Europa, fragte Henry Kissinger, als er noch US-Außenminister war. Er wusste: Europa ist zersplittert, Amerika die Macht. Vom Schulterschluss Deutschlands mit Frankreich ging jetzt eine neue Botschaft in die Welt: Europa einig - kein Krieg im Irak! Spricht der Kontinent mit einer Stimme?

Ist der Kontinent nach dem Schulterschluss Deutschlands mit Frankreich einig? Stimmen und Stimmungen auf dem Kontinent:

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Irak ist nur ein Thema unter anderen. Der polnische Außenminister hat vor dem Parlament erklärt, dass Polen den USA auch ohne UN-Resolution folgen wird. Keine scharfen Debatten, kein Aufschrei gegen den Schulterschluss mit Amerika.

"Wenn ich Chirac im Fernsehen über den Frieden quasseln höre, könnte ich kotzen", poltert der scharfzüngige Kolumnist Witold Beres. Die Franzosen hatten 1939 Polen im Stich gelassen. "Das sitzt tief in unserer Mentalität. Wir glauben nicht an Europa, wir glauben an Amerika." Und er erzählt noch einmal den Witz vom ältesten Mann Polens, der weltweit live übertragen die Segnungen des Sozialismus preisen soll. "Hört mich wirklich die ganze Welt?", fragt der Alte, und dann ruft er: "Amerika, hilf uns!"

Die gestern gegen den Sozialismus stritten, sind heute Politiker, Wirtschaftslenker, Journalisten. Und schon verläuft ein Riss zwischen ihnen und den Jungen, die in der Demokratie heranwuchsen. So auch in der Redaktion. Adam Wajrak etwa ist skeptischer. "Worte kosten wenig. Was sollten wir schon in den Krieg schicken aus unserer verrotteten Armee?" Der Öko-Redakteur lebt auf dem Land, kennt den Alltag außerhalb der großen polnischen Städte. "Die einfachen Leute haben andere Sorgen, sind arm und überleben von einem Tag auf den anderen. Und nicht wenige sind beeinflusst durch die Worte des Papstes." Er hält einen Moment inne und sagt dann: "Ich denke schon, man sollte Saddam endlich mal rausschmeißen."

"Man unkt, wir seien das trojanische Pferd der Amerikaner in Europa", sagt Piotr Pacewicz, stellvertretender Chefredakteur, "und da ist was dran. Polen steht zu Amerika, und Amerika ist im Moment Bush." Der Intellektuelle im ausgewaschenen schwarzen T-Shirt muss seiner 68er-Generation im Westen leider einen Korb geben. Einem Volk, das so lange um Freiheit rang, ist diese wertvoller als der Frieden. "Pazifismus ist bei uns eine Randerscheinung."

Geilenkirchen

Es ist bitterkalt am verschlossenen Gittertor zur Nato-Airbase in Geilenkirchen, und Magda Kaufenbach stimmt zur Erwärmung einen christlichen Friedenskanon an. Die 65-Jährige war schon bei den Ostermärschen in den sechziger Jahren dabei. Jetzt schwenkt sie ihre blaue Fahne mit der weißen Friedenstaube gegen den Irak-Krieg. Die Katholiken von "Pax Christi" haben gerufen, und etwa 300 Friedensbewegte sind am vergangenen Samstag zur einstündigen Sitzblockade an die deutsch-niederländische Grenze gekommen.

Damit alles seine Ordnung hat, ist die Aktion zuvor mit Nato und Polizei abgesprochen worden. Junge Leute aus der Umgebung sitzen vor der Airbase. Von hier starten die 17 Awacs-Flugzeuge, die über der Türkei das Nato-Gebiet schützen sollen. An einer Zielerfassung im Irak dürfen sich die deutschen Soldaten an Bord allerdings nicht beteiligen. "Kompletter Irrsinn und eine offensichtliche Lüge", sagt Anna, 20, aus Krefeld. Schon in anderen Kriegen wurden die Awacs als Gefechtsstand genutzt. Eben ist der Versuch der Demonstrationsleitung gescheitert, einigen Soldaten einen Aufruf zum Ungehorsam im Kriegsfall zu überreichen. Die Militärpolizisten sind einfach nicht herübergekommen. Als der Protest stockt, sagt ein Mann ein Gedicht von Brecht auf, weiß aber auf einmal nicht mehr weiter. Mit Megafon sucht eine Frau der Aachener Theatergruppe "Wehrt euch" nach Leuten, die demnächst kleine Rollen übernehmen sollen. Ein junger Mann verteilt HipHop-CDs mit "chartmäßigem Sound für den Frieden". Auf einmal klettern drei Aktivisten von "Attac" auf das Pförtnerhäuschen der Airbase. "Kommt da runter, ihr Pappnasen", ruft eine ältere Frau. Als die drei wieder unten sind, gehen die Blockierer heim.

London

In den Bürotürmen der Londoner City schauten in der vergangenen Woche die Händler gebannt auf die Monitore und waren fassungslos angesichts des Absturzes der britischen Börse. Eine Meile östlich, im East End, kann Ralph Silverman seine Verzückung über die Kriegsvorbereitungen am Golf kaum verbergen.

Der Laden brummt. "Silverman's", 1896 vom Urgroßvater gegründet, ist Britanniens größter Versandhandel für Militärausrüstung: Stiefel, Uniformteile, Kriegszubehör. Einen Pappbecher Milchkaffee in seiner Rechten schwingend, wuselt Ralph Silverman zwischen den deckenhohen Regalen seiner Lagerhalle. Es riecht ziemlich intensiv nach Leder, Stoff und Gummi. Den Boom verdankt er dem Zustand der britischen Armee, die bislang 30000 Soldaten Richtung Irak in Marsch gesetzt hat: Zahlreiche Ausrüstungsgegenstände der Royal Army taugen nicht für den Wüstenkrieg.

Manöver im Emirat Oman offenbarten, dass sich bei Temperaturen um 40 Grad die Sohlen der Armeestiefel auflösen. Soldaten in dicken Uniformen kollabierten mit Hitzeschocks. Jetzt ergänzt jeder zweite Golfkrieger seine Ausrüstung auf eigene Rechnung. Ein absoluter Verkaufshit ist der Artikel Nummer 70253: original US-Desertboots für rund 120 Euro. Viele Lieferungen gehen per Feldpost direkt in die Wüste. Silverman glaubt fest, "dass Saddam uns alle bedroht" und der Krieg gerechtfertigt sei. Ein Sieger steht schon fest: "Silverman's" im East End.

Rom

Der Duft nach frischem Tomatensugo zieht aus dem Hinterhof der Via Dandolo 10. Fröhliche Senegalesen und schüchterne Ukrainerinnen, lächelnde Indios und aufgedrehte Albanerinnen, undurchdringliche Chinesen und ein paar abgerissene Italiener drängen im Herzen des römischen Stadtviertels Trastevere zur "Volksküche" der katholischen "Gemeinschaft des Heiligen Ägidius". Drinnen, in zwei weiß gekachelten Sälen, ist gedeckt. Gepflegte Damen, Nonnen und Ordensbrüder servieren Pasta, gebackenen Fisch und frischen Obstsalat. "Hier drin", sagt Mohamed Belferrar, "habe ich begriffen, wie harmonisch die Menschen miteinander auskommen können."

Mohamed, gelernter Informatiker aus der algerischen Kleinstadt Lattaf, floh Anfang 1999 vor dem Bürgerkrieg. Ein illegaler Einwanderer, ohne Geld, ohne Arbeit, ohne Sprachkenntnisse, nur mit einer Wolldecke für die Straße. Heute spricht Mohamed ordentlich Italienisch und ist einer der aktivsten Mitarbeiter der "Comunità di Sant'Egidio", die weltweit rund 40000 Mitglieder zählt. Die frommen Volontaristen sind unaufhaltsam zu geheimen Friedens-diplomaten von Papst Johannes Paul II. aufgestiegen: Sie verhandeln als Vertrauenspersonen in Konflikten, bei denen der Heilige Stuhl offiziell nicht eingreifen kann, und pflegen enge Kontakte zur Arabischen Liga.

Mohamed ist tief beeindruckt vom unbeugsamen Pazifismus des alten Manns im Vatikan: "Krieg ist niemals ein unabwendbares Schicksal. Er ist immer eine Niederlage für die Menschheit." Jetzt geht der Muslim manchmal zum Friedensgebet, das seine katholischen Freunde jeden Abend in der Kirche Santa Maria in Trastevere abhalten. Und er verteidigt seine Haltung gegenüber anderen Muslimen, wenn sie argwöhnen, er habe sich von der "Christenbande" bekehren lassen. Am liebsten schleppt er sie dann in die Via Dandolo. Zeigt ihnen die Volksküche, die für Muslime an Ramadan Sondermenüs nach Sonneruntergang kocht, besucht mit ihnen die Klassenzimmer - und wenn Zeit zum Gebet ist, dann wäscht er mit ihnen die Füße auf der Schultoilette, schleppt einen Teppich heran, und sie knien nieder unter dem Dach der Christen und beten gemeinsam zu Allah.

Podujevo

Die verkohlte Leiche seiner Frau hat der 76-jährige Halit Rexhepi nie zu Gesicht bekommen. Sie wurde anhand des Eherings und der Zahnprothese identifiziert. Die pensionierte Lehrerin aus dem Dorf Podujevo war am 1. Mai 1999 in den Linienbus Belgrad - Pristina gestiegen, um ihren Sohn in der Hauptstadt des Kosovo zu besuchen. Auf einer "strategisch wichtigen Brücke", so die Nato später, zerfetzte eine ferngelenkte US-Bombe den Bus. 50 weitere Passagiere starben. Die Nato bedauerte das Versehen. "Nein, ich mache die Amerikaner nicht verantwortlich für den Tod meiner Frau", sagt der Witwer heute. "Wir waren ja froh, dass die Nato im Kosovo intervenierte. Schuld am Tod meiner Frau ist Milosevic. So wie er verantwortlich ist für das Massaker an 21 Menschen kurz zuvor in unserem Dorf. Stellen Sie sich vor: zwei alte Männer und sonst nur Frauen und Kinder von serbischen Milizen ohne Grund am hellichten Tag an die Wand gestellt und ohne Erbarmen abgeknallt."

Der ehemalige Gemeindeangestellte sitzt auf dem Sofa in der guten Stube seines Häuschens. Die Schmuckkissen sind in einen Plastiküberzug gehüllt. An der Wand hängt ein Jugendbild seiner Frau. "Genauso wie Milosevic nur militärisch zu stoppen war, ist auch Saddam nur mit Waffengewalt beizukommen. Er ist ein Krimineller, hat seine eigenen Leute umgebracht und Kuwait angegriffen. Er muss weg." Halit geht es "um die Menschen" im Irak. "Da braucht es auch keine neue UN-Resolution", sagt er und blickt auf das Foto an der Wand.

Paris

Kriege werden heutzutage genauso angekündigt wie Filme - mit Anlauf-datum und gigantischem Presserummel. Soll das Pentagon doch gleich überall Anzeigen schalten: Golfkrieg II - demnächst in einem Land ganz in Ihrer Nähe", schimpft Frédéric Beigbeder, den sein Bestseller "39,90" international berühmt gemacht hat. Junge Autorinnen und Lektoren treffen sich im Flammarion-Verlag im Pariser Quartier Latin. Der Januar geht bald zu Ende, doch auf dem Tisch stehen noch immer die Dreikönigs-Kuchen - leckere "galettes de Rois", gefüllt mit Marzipan; dazu Champagner.

"Das alles haben wir vor zwölf Jahren doch schon mal gesehen", sagt Beigbeder, neuer Literaturchef des Traditionsverlags, der seit 1875 eine Bastion der Intellektuellen ist. "Bomben auf Bagdad, Panzer in der Wüste, und Saddam schürt mit geballter Faust den Hass von Millionen frustrierten Muslimen." Er nippt am Champagner. "Mich hat die Zeremonie mit Schröder und Chirac in Versailles sehr beeindruckt. Jetzt gewinnt die deutsch-französische Freundschaft an Bedeutung für ganz Europa." Die Worte des amerikanischen Verteidigungsministers Rumsfeld vom "alten Europa" perlen von ihm ab: "Ein schönes Kompliment, wenn man bedenkt, dass es von einem Faschisten stammt." Gestern erst hat er mit seinem Freund, dem Skandal-Autor Michel Houellebecq, wegen des drohenden Krieges telefoniert: "Er hasst die Amerikaner wie die Islamisten. Er ist in Spanien, liest Schopenhauer und glaubt, das Ende der Menschheit sei nahe."

München

An der Wand im sechsten Stock der Firma Bavarian Nordic nahe München hängt ein Organigramm mit Passbildern und Funktionen der Mitarbeiter: junge Gesichter, die meisten weiblich. Nur wenige ältere Herren, Chefs aus der Kopenhagener Zentrale des dänisch-deutschen Impfstoffherstellers.

Die Stimmung ist gut, die Arbeit verspricht Zukunft, die Mitarbeiter forschen unter anderem an Biopharmazeutika gegen Krebs und potenziellen Impfstoffen gegen das Aids-Virus. "Sehr vielversprechend", sagt Andreas Hartmann, Direktor für Marketing und Geschäftsentwicklung. Vielversprechend ist auch ein Auftrag der Bundesregierung: Hartmanns Firma soll Pocken-Impfstoff für elf Millionen Menschen liefern. Laut Gesundheitsministerin Ulla Schmidt sei eine konkrete Bedrohung derzeit nicht auszuschließen. "Mir ist wichtig: Wir sind keine Kriegsgewinnler! Wir beschäftigen uns schon lange mit Viren", sagt Hartmann. "Aber noch haben wir keine Marktzulassung für den Pocken-Impfstoff. Es ist möglich, dass die Behörden Studien mit Tausenden von Probanden verlangen. Das kann pro Person bis zu 10 000 Euro kosten." In den Vertrag mit der Ministerin hat Bavarian Nordic zur Sicherheit eine Klausel einbauen lassen: Die Veranwortung bei schweren Nebenwirkungen liege nicht bei der Firma, sondern beim Staat.

Hartmann rutscht auf dem Stuhl hin und her. Eigentlich hat er nicht viel Zeit. Bayerische Landespolitiker rufen an: "Was kann ich meinen Wählern sagen?" Apotheker wollen Impfstoff ordern: "Die Nachfrage ist groß." Regierungsbeamte aus dem Ausland fragen nach Lieferzeiten. Eine Mutter ruft ins Telefon: "Ich verlange von Ihnen diesen Impfstoff! Meine beiden kleinen Töchter sind ungeschützt!" Hartmann sagt ihr das Gleiche wie den Apothekern: "Tut mir leid. Darf ich nicht. Das Medikament hat noch keine Zulassung." Die Mutter bricht in Tränen aus.

Istanbul

Der türkische Ministerpräsident Abdullah Gül braucht jetzt Hilfe. Demonstrationen, Druck von der Straße, Blockaden. Also lud der konservative Politiker Friedensaktivisten zum Tee. Für den Journalisten Aydin Engin ein denkwürdiges Treffen: Mehrmals hatte der linke Schriftsteller im Gefängnis gesessen. Er flüchtete nach Deutschland und schlug sich in Frankfurt als Taxifahrer durch. "Jetzt sollen wir den Amerikanern deutlich zeigen: Wir sind gegen einen Krieg", sagt Engin. Die Regierung steckt in einer Zwickmühle. Die Türkei, einer der weltweit am höchsten verschuldeten Staaten, ist abhängig von den Amerikanern im Internationalen Währungsfonds. "Sie können uns mit einer Fingerbewegung zu Bettlern machen."

In Istanbul trommelte Engin ein bislang einmaliges Bündnis bürgerlicher Kräfte zusammen. Tausende gingen auf die Straße. Der ehemalige Dissident fürchtet "die Rache hasserfüllter Kriegsverlierer: ein mit Sprengstoff gefüllter Lastwagen auf der Bosporus-Brücke, ein Selbstmordanschlag vor der Hagia Sophia". Der Türkei, sagt Engin, "drohen mindestens fünf Jahre individueller Terror". Und das schadet auch dem Geschäft. Schon wollten Basarhändler Schilder vor ihre Geschäfte hängen, "Savasa hayir", "Nein zum Krieg!" Zu viele Touristen haben bereits storniert. "Wer reist schon in ein Krisengebiet?", fragt Teppichverkäufer Hasan. Und dann sagt er ein Wort, das in diesen Tagen auch zurückhaltenden Istanbulern herausrutscht: "Puscht". Das heißt "Arschloch", und gemeint ist US-Präsident Bush.

Madrid

Teófilo Rey kennt nahezu alle Schlagzeilen, die die Welt in den letzten 50 Jahren bewegt haben. Schon als Elfjähriger half er seinem Vater in dem kleinen Kiosk auf Madrids Flaniermeile, der Gran Vía. Früh hat er entdeckt, dass Krisen, Katastrophen und Klatsch das Geschäft beleben - normalerweise. "Trotz der Irakkrise verkaufe ich nicht mehr. Vielleicht verdrängen die Leute ihre Angst." Die Spanier sind nicht erst seit der Ölkatastrophe vor der galicischen Küste geübt im Wegschauen.

Da muss sich Ministerpräsident José María Aznar, ohnehin mit satter Mehrheit ausgestattet, mit Erklärungen zum Krieg nicht beeilen. Bis zum Montag hatte er noch nichts über die Pläne seiner Regierung für eine Beteiligung an einem Irakkrieg verlauten lassen. Die Opposition unterstellt besiegelte Zusagen an George W. Bush. In der größten Tageszeitung "El País", die bei Rey ganz vorne liegt, spottet der Schriftsteller Manuel Vázquez Montalbán: "Es gab Zeiten, in denen Aznar schon bei seinen Versuchen, mit einem israelischen oder palästinensischen Führer fotografiert zu werden, scheiterte. Doch jedes Mal, wenn er nach Washington reist, ist Don José María seiner Enchilada sicher. Es heißt, sie wird ihm von Bush persönlich serviert. Dafür möchte uns der Regierungschef in einen Krieg gegen den Irak verwickeln, obwohl 70 Prozent der Spanier dagegen sind." Teófilo Rey hat Montalbán nicht gelesen. Wozu auch? Mit müden Augen schaut er aus dem Kiosk und zweifelt an dem, was er verkauft: "Wissen Sie, was in den Zeitungen steht, ist beeinflusst - von den Öl-Multis oder von anderen Mächten."

Brügge

Pierre aus Frankreich findet die US-Politik schlicht "moralisch absurd". Tony aus Spanien ist überzeugt, dass es im Irak vor allem um Öl geht. Juliane aus Bonn wundert sich über die Dummheit der US-Bürger: "Jeder zweite Amerikaner glaubt, Saddam Hussein steckte hinter den Anschlägen vom 11. September." Und Erja aus Finnland drängt sich sogar der Eindruck auf, die US-Regierung betreibe mit den Medien eine Art "Gehirnwäsche". Sie alle studieren am renommierten Europa-Kolleg im belgischen Brügge. Hinter einer strengen weißen Fassade wird die künftige Brüsseler Elite gedrillt - und wenn die Studenten später als Beamte, Journalisten oder Lobbyisten die gleiche Meinung vertreten wie jetzt, wird es im euro-amerikanischen Verhältnis in Zukunft öfter knirschen. "Die USA behandeln uns wie undankbare Kinder. Aber auch Kinder ziehen irgendwann zu Hause aus", schimpft Pierre. Erja wundert sich: "Die Amerikaner hatten solch eine PR-Chance nach dem 11. September. Sie hatten die Sympathien der ganzen Welt. Und jetzt haben sie es geschafft, das alles zu ruinieren."

Anti-Kriegs-Demonstrationen haben die Nachwuchseuropäer einstweilen nicht geplant. Eine Demo, hier in der verträumten Kleinstadt Brügge, 100 Kilometer von Brüssel in der flämischen Provinz? Da kann Pierre nur lachen: "Würden Sie kommen und darüber berichten?"

Leipzig

Das alte Europa ist 66 Jahre alt und heißt Klaus Kreyßig. Trotzig schultert er die blaue Fahne mit den gelben Sternen und marschiert damit vor dem amerikanischen Konsulat von Leipzig auf. "Wir müssen in die Jugend reintragen, was hier schon einmal gelang", sagt der Rentner.

Hunderte sind mit ihm am vergangenen Samstag auf der Straße. Ein paar junge "Resist"-Aktivisten äffen amerikanische GIs nach, marschieren und singen im Gleichschritt hinter einer beschmuddelten US-Fahne her. "Bush"-Trommler schlagen den Takt. Gemalte Plakate verlangen "Waffeninspekteure in die USA". Und das Wachs der Kerzen tropft wieder einmal auf das Pflaster vor der Nikolaikirche.

Alles ist ein bisschen wie vor 14 Jahren, als von den Kerzen der Funke für die friedliche Revolution in die restliche DDR übersprang. Schon seit Wochen treffen sich hier wieder die Leipziger, kommen von der Arbeit, vom Einkauf, mit Kindern und Demo-Windlichtern. Jeden Montag, Punkt 18 Uhr, ist der Platz voll, ein Ort so heilig wie der Termin: Friedensgebet, Montags-Demo, jede Woche mehr, zuletzt mehr als 4000 Menschen.

"Das Wunder nimmt seinen Lauf", sagt Nikolai-Pfarrer Christian Führer. Schon 1989 gehörte der kleine Mann mit der Igelfrisur zu den Initiatoren des Protests. Noch im alten Jahr hat er mit seinem Wittenberger Kollegen Friedrich Schorlemmer zu Mahnwachen aufgerufen. Kurz nach Weihnachten war es nur ein winziger Haufen, der im Schneetreiben aushielt, dann kamen 50, manchmal 100. Inzwischen besetzen Polizisten wie früher eine Hälfte des Kirchplatzes und filmen bei der wöchentlichen Demonstration mit Videokameras die Gesichter der Demonstranten. "Keine Gewalt" - die alten Parolen funktionieren immer noch. Nur die PDS-Rentner haben die Seiten gewechselt. "Wir brauchen eine Mobilmachung des Friedens", sagt Pfarrer Führer und dass er auf den Augenblick gespannt sei, "an dem herauskommt, dass es Bin Laden gar nicht gibt". Da lachen alle. Grablichter leuchten, Plastikbecher schmelzen - und nächsten Montag wieder.

Bernd Dörler, Teja Fiedler, Cornelia Fuchs, Bernd Hauser, Uli Hauser, Irene Hell, Daniela Horvath, Kuno Kruse, Tilman Müller, Barbara Platsch, Stefanie Rosenkranz, Detlef Schmalenberg, Hans-Martin Tillack, Holger Witzel

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