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Interview

Doku "Robin Hood Complex": "Ich schäme mich für unsere Politiker, wir haben in Syrien nur Öl ins Feuer geschüttet"

Emile Ghessens Film zeigt die Männer, die freiwillig gegen den Terror-Staat des Kalifen kämpfen. Der Ex-Royal-Marine spricht über die Rolle der kurdischen Frauen an der Front, über die Bedeutung von Social Media für den Terror und darüber, wie der IS weiter kämpfen wird.

Emile Ghessen hat die Ereignisse direkt an der Front begleitet.

Emile Ghessen hat die Ereignisse direkt an der Front begleitet.

Dies ist der zweite Teil des Interview mit Emile Ghessen, der den Krieg in Syrien und im Irak drei Jahre lang dokumentierte (Den ersten Teil des Interviews "Freiwillige gegen den IS - "Ich glaube, dass man böse Männer töten muss" lesen Sie hier). Unter anderem begleitete er die irakische Spezialeinheit Goldene Division während ihrer Kämpfe bei der Rückeroberung Mossuls. Nun wurde sein Dokumentarfilm "Robin Hood Complex" erstmals aufgeführt. Der Film zeigt das Leben und die Motivation von Freiwilligen aus dem Westen, die gegen den IS kämpfen. Der stern sprach mit dem Ex-Soldaten und Journalisten Emile Ghessen.

Emile, in Ihrem Film geht es um Männer aus dem Westen, die gegen den IS kämpfen. Warum sind den Einheimischen die Freiwilligen so wichtig?

Die Freiwilligen sind für die Kurden von großer Bedeutung. Die Kurden denken, dass wir in West-Europa ein gutes Leben führen können. Wenn jemand dieses gute Leben aufgibt, um als unbezahlter Freiwilliger zu dienen, auf dem Boden zu schlafen, nur Reis und Brot an der Front zu essen, dann respektiert man ihn. Die Kurden glauben, dass der Westen sie vergessen hat, aber diese und einige Frauen haben sie nicht vergessen.

In allen Kriegen sterben Menschen auf grausame Weise. Doch wir habe noch nie so viel entfesselte Gewalt und Sadismus wie in Syrien und dem Irak gesehen. Was macht das mit den Freiwilligen?

Der IS ist brutal. Doch alle Kriege sind auf die eine oder andere Weise brutal. Den Unterschied machen jetzt und Smartphones. So einfach ist das. Der IS hat das ausgenutzt. Al Qaida saß in Höhlen mit einem wackeligen Camcorder, der verwaschene Videos machte. IS hat Propaganda-Videos auf Hollywood-Niveau gemacht, die dann auf jedes Smartphone gesendet wurden. Deshalb konnten wir diese Schreckensherrschaft sehen. Deshalb ist die irakische Armee weggelaufen, als sie hörten, dass der IS auf sie zukommt.

Der IS hat die Social Media ausgenutzt. Diese Filmchen sind es aber auch, die diese Freiwilligen antreiben. Sie haben den Terror zu Hause gesehen und wollten etwas dagegen tun. Auch die Freiwilligen haben Facebook, um mit kurdischen Gruppen in Kontakt zu treten, und sie nutzen soziale Medien, um der Welt zu zeigen, was auf der anderen Seite vor sich geht. Die Welt kann die Schrecken des Krieges heutzutage viel einfacher sehen.
In den Medien und auch auf Facebook und Twitter gibt es eine Obsession des Sujets "Woman with Guns". Die nutzen dies für ihre PR - das ist verständlich. Welche Rolle spielen Frauen wirklich in diesem Kampf? Der erste tote deutsche Kämpfer auf kurdischer Seite war übrigens eine Frau.

Die IS-Kämpfer glauben, wenn sie von einer Frau getötet werden, kommen sie nicht ins Paradies. Für die Kurden ist die Gleichheit von Mann und Frau überhaupt eine wichtige Sache. In der PKK und YPG/YPJ sind Männer und Frauen gleichberechtigt.


Die Peshmerga benutzen Frauen für Propagandazwecke. So wie der IS soziale Medien für Propaganda nutzt, tun es auch die Kurden. Sie wissen, dass alle Medien immer an Frauen mit Waffen interessiert sind. Besonders, wenn es gut aussehende Mädchen sind. Aber das ist kein PR-Stunt. Ich habe mit eigenen Augen Frauen gesehen, die tapfer an der Front gekämpft haben. Die kurdischen Frauen wissen, was passiert, wenn ihr Dorf oder ihre Stadt vom IS eingenommen wird. Das sind leidenschaftliche Menschen, die lieber kämpfen wollen, als abzuwarten.

hat den IS für besiegt erklärt. Doch diese Erklärung meint nur das Ende der großen Militäroperationen. Das ist weder ein Frieden, wie wir ihn kennen, noch eine Demokratie. Was meinen Sie: Wird es für die Menschen dort etwas besser zum Leben? Oder gehen die Kämpfe weiter?

Wir können nicht sagen, dass der IS besiegt wurde, denn wie kann man eine Ideologie besiegen? Der IS wurde auf dem Schlachtfeld geschlagen. Sie haben kein Kalifat mehr. Ja. In der Zukunft werden wir eine massive Kampagne von ihnen im Irak und in und eine Zunahme von Selbstmordattentate gegen Zivilisten erleben. Frieden wird es sicher nicht geben. Wir werden erleben, wie sie die Sicherheitssituation in anderen Ländern ausnutzen - wie kürzlich auf den Philippinen. Wir werden auch weiterhin Terroranschläge von einheimischen Terroristen in Europa erleben. Wir müssen uns auf ISIS 2.0 vorbereiten.

Wenn der Krieg zu Ende geht, was passiert dann? In Europa befürchten die Menschen die Rückkehr von IS-Kämpfern und ihren Familien - aber was machen die Freiwilligen? Gehen sie zurück und verkaufen wieder Möbel oder reparieren Autos?
Viele der Freiwilligen, die im "Robin Hood Complex" vorkommen, sind inzwischen nach Hause gegangen. Sie sind tatsächlich ins zivile Leben zurückgekehrt. Viele, die nach Großbritannien zurückgekehrt sind, wurden von Polizei vernommen. Es gab aber noch keine Anklage. Also: Ja, die meisten schlüpfen einfach zurück in die zivile Arbeitswelt.

In Deutschland wird der Krieg in Syrien wegen des Engagements ausländischer Mächte oft mit dem 30-jährigen Krieg verglichen. Was ist Ihre persönliche Einschätzung der Rolle des Westens, der Vereinigten Staaten und Russlands?

Ich habe eine klare Meinung über die Rollen des Westens in Syrien und halte damit nicht hinter dem Berg. Das habe ich auch im britischen Parlament offen gesagt. Wir versagen im Nahen Osten immer wieder mit unserer Außenpolitik. Syrien war vor dem arabischen Frühling und dem von uns finanzierten Aufstand der Rebellen ein einigermaßen friedliches Land. Russland und der Iran sind Verbündete von Assad und werden ihn niemals fallen lassen, wenn sie es nicht selbst wollen.

Die Saudis wollten Assad loswerden und wir haben sie 2010/11 bei ihrem Plan unterstützt, Assad zu stürzen. Wir haben "gemäßigte Rebellen" – an diesen Rebellen gibt es nichts Gemäßigtes! - mit Waffen, Geld und Ausbildung unterstützt. Das alles wurde dann zur Unterstützung dschihadistischer Gruppen eingesetzt. Der gleiche Fehler wie früher: Wir finanzierten Rebellen in Afghanistan, um die Sowjets zu bekämpfen. Wir nannten diese Leute "Freiheitskämpfer", und als sie sich selbst Al Qaida nannten und uns angriffen, nannten wir die gleichen Leute ganz schnell Terroristen.

Warum scheitert der Westen?

Der Westen scheitert im Nahen Osten, weil wir die kulturellen Unterschiede nicht verstehen. Ich schäme mich für unsere Politiker, wir haben in Syrien nur Öl ins Feuer geschüttet. Meiner Meinung nach sollten sie alle für die Massenmorde von Menschen im Irak und in Syrien zur Rechenschaft gezogen werden. Mit dem Aufstand gegen Assad entstand ein Feuer, und der Westen, Russland, Saudi-Arabien und der Iran haben diese Feuer immer wieder mit Benzin begossen.

Der Krieg in Syrien dauert schon viel zu lang. Der IS hat nur das Machtvakuum ausgenutzt. In Syrien gibt es heute weitaus größere Probleme als nur den IS. Diese Probleme werden mit dem IS leider nicht verschwinden.


Im ersten Teil des Interviews  "Freiwillige gegen den IS - "Ich glaube, dass man böse Männer töten muss" sprach Ghessen über die Motivation der Freiwilligen, der Situation für ihre Familien und den unterschiedlichen Typen von Kämpfern.

Der Film auf Vimeo 

In Deutschland kann man den "Robin Hood Complex" als Stream oder Download auf der Plattform Vimeo unter diesem Link als Video on Demand ansehen.
Hier sind einige der Aussagen der Kämpfer aus der Dokumentation:

"Der Westen hat diese Leute verraten. Ich würde für die Sache der Kurden sterben. Ich wüsste keine Sache, für die es sich mehr lohnen würde."
"Als Arzt fühle ich die Pflicht, hierher zu kommen und diesen Leuten zu helfen."
"Ich glaube, dass man böse Männer töten muss. Wenn ich hier wegginge, würde mich die Schuld verfolgen. Das Töten ist meine Gabe und mein Fluch. Das kann ich am besten. Wenn ich einen von diesen Typen töte, rette ich Tausende. Was ist daran falsch?"
"Ich bin nicht hier um, Geld zu machen. Die Sache ruiniert mich. Ich musste mein Auto für das Flugticket verkaufen."