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Tibet-Proteste: Politiker und Sportler streiten um Olympia

Die Meinungen über einen möglichen Boykott der Olympischen Spiele in Peking gehen unter Politikern und Sportlern weit auseinander. Während viele die pauschale Boykott-Weigerung des Deutschen Olympischen Sportbundes kritisieren, schlägt ein Politiker sogar einen neuen Austragungsort vor.

Ein Boykott der Olympischen Spiele in China muss aus Sicht führender Politiker wegen der Tibet-Krise eine Option bleiben. Grünen-Chefin Claudia Roth kritisierte den Beschluss des Olympischen Sportbunds, im August das deutsche Team definitiv nach China zu schicken. Dies sei ein "Blankoscheck" Deutschlands für die Führung in Peking, denn die Unruhen in Tibet dauerten an und es drohe eine humanitäre Katastrophe, sagte sie im WDR. Ähnlich kritisch äußerten sich die CDU-Politiker Ruprecht Polenz und Eckhard von Klaeden.

Regierungssprecher Thomas Steg nannte die Forderung nach einem möglichen Boykott der Olympischen Spiele in Peking vordergründig. Es gehe der Bundesregierung darum, den Menschen zu helfen, Gewalt zu vermeiden und im Dialog politische Lösungen für Konflikte zu suchen. Boykottforderungen seien eher geeignet, von der Notwendigkeit einer politischen Lösung abzulenken. Steg teilte mit, dass der Dalai Lama bei seinem für Mai geplanten Besuch in Deutschland nicht Bundeskanzlerin Angela Merkel treffen wird. Grund sei, dass die Kanzlerin in der geplanten Zeit nicht in Deutschland sein werde. Außenminister Frank-Walter Steinmeier wollte mit seinem chinesischen Kollegen Yang Jiechi telefonieren und über die Lage in Tibet sprechen.

Frankreich erwägt wegen des chinesischen Vorgehens in Tibet einen Boykott der Eröffnungsfeier der Olympischen Sommerspiele, will aber an den Wettkämpfen teilnehmen. "Niemand fordert den Boykott der Olympischen Spiele, vor allem nicht der Dalai Lama", sagte Außenminister Bernard Kouchner am Dienstag im französischen Rundfunk. Man solle "nicht tibetanischer sein als der Dalai Lama". Präsident Nicolas Sarkozy schloss auf eine Frage aber zumindest einen Boykott der Eröffnungsfeier nicht mehr aus.

"Niemand weiß, wie sich die Lage entwickeln wird"

Polenz, Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, sagte im Südwestrundfunk, es sei klüger, aktuell zur Boykottfrage nichts zu sagen, einen solchen Schritt damit aber auch nicht auszuschließen. "Denn wir wissen ja nicht, wie sich die Dinge in China und in Tibet weiter entwickeln." Der Außenexperte der Unionsfraktion, Eckart von Klaeden, sagte im Deutschlandfunk, zurzeit sei eine Boykottdrohung falsch. "Aber niemand weiß, wie sich die Lage entwickeln wird." Deutschland müsse aber in jedem Fall die Diffamierung des Dalai Lama zurückweisen, und den "beleidigenden Nationalismus" der chinesischen Führung anprangern. In punkto Menschenrechte und kulturelle Autonomie dürfe es keinen "Werterelativismus" geben.

Der CDU-Europaparlamentarier Elmar Brok regte überdies an, die Olympischen Spiele nur noch in Griechenland stattfinden zu lassen, möglichst schon ab diesem Jahr. Kleine Länder könnten sich die Spiele ohnehin nicht mehr leisten. Zudem erneuerte er seine Forderung, dass Politiker auf Reisen zu den Sommerspielen nach China verzichten sollten.

Sportler sollen sich während der Spiele äußern

Die Grünen-Chefin Roth forderte alle Sportler auf, sich während der Spiele zu den Vorgängen in Tibet zu äußern. Zudem kritisierte sie, dass der Lauf der olympischen Flamme vom antiken Olympia nach Peking weiterhin durch Tibet führen soll. Damit solle offenbar eine "neue Provokation" ausgelöst werden. Kritik äußerte Roth auch an den deutschen Sponsoren. "Warum hört man nichts von Adidas? Warum hört man nichts von VW?", fragte sie.

Das Präsidium des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB) hatte sich trotz der Tibet-Krise gegen einen Olympia-Boykott entschieden. Generaldirektor Michael Vesper verteidigte diese Entscheidung. Ein Boykott werde den Menschen und Aktivisten in Tibet nicht helfen, sondern die Isolation Chinas verstärken und die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit von der Krisenregion ablenken, meinte er im NDR.

Athleten begrüßen DOSB-Beschluss

Deutsche Olympia-Athleten haben den DOSB-Beschluss, auf einen Olympia-Boykott zu verzichten, begrüßt, wollen sich aber in Peking nicht den Mund verbieten lassen und denken über andere Formen der Unmutsäußerungen nach. Aus der Politik kommt Kritik an der DOSB-Entscheidung, und China selbst lehnt jegliche ausländische Vermittlung im Tibet-Konflikt ab. Stattdessen wird weiter auf Verschleierungstaktik gesetzt.

"Es ist traurig, was in China passiert, ein Boykott würde daran aber nichts ändern. Sinnvoller wäre es, wenn die Athleten mit stillem Protest ihr Gesicht zeigen und bei den Spielen beispielsweise Armbänder gegen die Unruhen tragen. Da bin ich dabei", sagte Stabhochspringer Danny Ecker. Seine Kollegin Anna Battke könnte sich sogar vorstellen, dass sich bei der Eröffnungsfeier eine Athletengruppe als tibetische Mönche und eine andere sich als chinesische Regierungsbeamte verkleiden könnten. "Dann könnten wir uns symbolisch die Hände reichen", sagte Battke im "Spiegel".

"Stille Diplomatie" ist Buschschulte zu wenig

Die Verkündung von IOC-Präsident Jacques Rogge, im Machtspiel mit der chinesischen Führung auf "stille Diplomatie" zu bauen, war auch Schwimmerin Antje Buschschulte zu wenig: "In unserer Gesellschaft darf sich jeder frei äußern. Solange es nicht unfair wird und ich jemand anderem keinen Schaden zufüge, muss das auch bei Olympia möglich sein. Wenn man schon für freie Meinungsäußerung ist, dann muss man auch jede Meinung akzeptieren."

Bei aller Erleichterung über das klare DOSB-Bekenntnis "Pro Peking" wollen sich Deutschlands Elite-Athleten nicht als moralische Instanz missbrauchen lassen. "Es gibt zwischen Deutschland und China so viel wirtschaftliche Verbindungen, dass auch von dieser Seite Sanktionen kommen könnten", erklärte Radprofi Linus Gerdemann. Triathlet Jan Frodeno würde es "für wirkungsvoller halten, wenn sich Olympia-Sponsoren und die dort involvierte Wirtschaft entsprechend verhalten würden".

IOC droht Gesichtsverlust

Imke Duplitzer fährt "mit gemischten Gefühlen hin". "Bei meinen vierten Spielen könnte ich zum ersten Mal zur Eröffnungsfeier, aber ich werde da wohl nicht hingehen, um zu zeigen, ich bin hier, weil ich hier sein muss", sagte die Degenfechterin und prophezeite gleichzeitig, das Internationale Olympische Komitee (IOC) "wird ohne Gesichtsverlust da nicht herauskommen."

Die kritischen Überlegungen europäischer Politiker über einen möglichen Boykott der Olympischen Spiele gefielen China unterdessen überhaupt nicht. "Tibet ist eine innere Angelegenheit Chinas und erlaubt keine ausländische Einmischung", sagte der Sprecher des Außenministeriums, Qin Gang. Die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte forderte dazu auf, alternative Veranstaltungsorte zu prüfen, "in jedem Fall aber den Druck auf Peking zu erhöhen".

DPA/AP / AP / DPA