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Tötung von Scheich Jassin: Dramatische Verschärfung der Lage in Nahost

Nach der Exekution des Hamas-Führers Jassin durch die israelische Armee gab es überall in den Palästinensergebieten Trauerkundgebungen und teilweise gewaltsame Proteste gegen Israel. Fünf Palästinenser wurden dabei getötet.

Israel ist wegen der gezielten Tötung des Gründers und geistigen Führers der radikalislamischen Hamas-Bewegung, Scheich Ahmed Jassin, international kritisiert worden. UN- Generalsekretär Kofi Annan forderte Israel auf, solche Tötungen umgehend einzustellen. "Israel hat kein Recht zu außergesetzlichen Tötungen", betonten auch die EU-Außenminister in einer gemeinsamen Erklärung. Verhaltener reagierte die US-Regierung: Man sei "tief beunruhigt", hieß es im Außenministerium in Washington. Überall in den Palästinensergebieten kam es am Montag zu Trauerkundgebungen und Protesten gegen Israel. Bei Zusammenstößen mit israelischen Soldaten wurden mindestens fünf weitere Palästinenser getötet.

Fünf Palästinenser von israelischer Armee getötet

Im Flüchtlingscamp Khan Junis im Süden des Gazastreifens schossen israelische Soldaten nach palästinensischen Angaben in die aufgebrachte Menge und töteten drei Palästinenser, darunter einen 13- Jährigen. Im Flüchtlingslager Batala in Nablus im Westjordanland erschossen israelische Soldaten nach Angaben von Ärzten einen palästinensischen Journalisten. Nach Angaben der Armee handelte es sich um einen Hamas-Aktivsten, der zuvor auf die Truppen geschossen habe. In Hebron im Westjordanland wurde nach Angaben von Augenzeugen ein 34-Jähriger Mann erschossen, der Steine auf die Soldaten geworfen hatte.

Mehrere jüdische Siedlungen und Armeeposten in den Palästinensergebieten seien mit Granaten oder Raketen beschossen worden, berichteten israelische Medien. Verletzte habe es dabei auf israelischer Seite aber nicht gegeben. Am Montagabend rückten israelische Panzer in den Norden des Gazastreifens vor. Zuvor waren von dort aus mehrere Raketen auf israelisches Gebiet abgefeuert worden.

Annan verurteilt die Tat

Jassin war am frühen Montagmorgen beim Verlassen einer Moschee in Gaza-Stadt von einem israelischen Kampfhubschrauber mit Raketen beschossen und getötet worden. Mit dem 67-Jährigen Hamas-Gründer starben acht seiner Begleiter. In einem gigantischen Trauerzug geleiteten Hunderttausende Palästinenser die Getöteten in Gaza-Stadt zu ihrer letzten Ruhestätte. Die Hamas und andere radikale Palästinenser-Organisationen kündigten umgehend Vergeltung an. Vielerorts in den Palästinensergebieten schlugen Trauerkundgebungen in gewaltsame Proteste gegen Israel um.

UN-Generalsekretär Annan verurteilte die Tötung Jassins aufs Schärfste. "Außergerichtliche Tötungen sind ein Verstoß gegen das internationale Recht", hieß es in der Erklärung Annans. US- Außenamtssprecher Richard Boucher zeigte sich besorgt, dass die Aktion die Spannungen im Nahen Osten erhöhen werde und dem Friedensprozess nicht dienlich sei. Es gebe allerdings auch "keinen Zweifel am Recht Israels, sich gegen den brutalen Gebrauch von Terror der Hamas und anderer Organisationen zu verteidigen", sagte Boucher.

Die USA sind "tief beunruhigt"

Die US-Regierung hat sich "tief beunruhigt" über die Tötung des Anführers der Hamas-Bewegung, Scheich Ahmed Jassin, durch Israel gezeigt.

Der Sprecher des Präsidialamtes Scott McClellan vermied jedoch im Gegensatz zur Europäischen Union (EU) und UN-Generalsekretär Kofi Annan eine eindeutige Verurteilung der israelischen Aktion. Zugleich bekräftigte McClellan am Montag, Israel habe das Recht auf Selbstverteidigung gegen Terror-Gruppen.

McClellan mahnte zur Ruhe in der Nahost-Region. Von der Palästinenser-Regierung forderte er, alles zu tun, um den radikalen Palästinenser-Organisationen entgegenzutreten und sie zu zerschlagen. Die Konfliktparteien sollten alle Aktionen vermeiden, die eine Wiederherstellung der Ruhe erschwerten. Der Sprecher des Außenministeriums Richard Boucher sagte: "Dieses Ereignis verschärft die Spannungen und hilft nicht, wieder zu Fortschritten in Richtung Frieden zu kommen."

USA waren vorab nicht informiert worden

Israels Außenminister Silwan Schalom unterrichtete in Washington seinen Kollegen Colin Powell, US-Vizepräsident Dick Cheney und die Nationale Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice über das israelische Vorgehen. Die US-Regierung sei an der Entscheidung über den Militärschlag nicht beteiligt gewesen, sagte Schalom. Auch Rice betonte, die US-Regierung sei nicht vorab informiert worden.

Israelische Kampfhubschrauber hatten am Morgen den gelähmten Jassin in Gaza-Stadt mit Raketen beschossen und zusammen mit sieben weiteren Menschen getötet. Jassin war der spirituelle Anführer der radikalen Hamas-Bewegung, die für die Zerstörung Israels kämpft und zahlreiche Selbstmordanschläge in Israel verübt hat. Die Hamas und andere Palästinenser-Gruppen schworen Rache.

El Kaida droht mit Vergeltung

Die Website El Ansar veröffentlichte eine Erklärung, die angeblich von der El-Kaida-nahen Gruppe Abu-Hafs-el-Masri-Brigade stammt. Diese Gruppe hat sich zu den Anschlägen in Madrid bekannt, bei denen mehr als 200 Menschen getötet wurden. "Wir sagen den Palästinensern, dass das Blut von Scheich Ahmed Jassin nicht umsonst geflossen ist", hieß es in der Erklärung, "und wir rufen alle Legionen der Abu-Hafs-el-Masri-Brigade auf, ihn zu rächen, indem sie den Tyrannen dieser Zeit, Amerika, und seine Verbündeten angreifen." Ob die Erklärung echt ist, war zunächst nicht zu klären.

Einige gepanzerte Fahrzeuge der israelischen Armee rückten nach Angaben aus Militärkreisen rund 300 Meter vom Grenzzaun zwischen Israel und dem Gaza-Streifen auf palästinensisches Gebiet vor. Israel wolle weitere Schüsse auf sein Gebiet verhindern, nachdem radikale Palästinenser-Gruppen mit Vergeltung für die Tötung Jassins gedroht hatten.

Israels Botschafter beklagt Doppelmoral

Der israelische Botschafter in Berlin, Schimon Stein, hat dem Westen Doppelmoral in seiner Verurteilung der Tötung von Hamas-Führer Scheich Ahmed Jassin durch Israel vorgeworfen.

"Ich verstehe die überzogenen Reaktionen nicht", sagte Stein. "Keiner hat je reagiert, wenn Scheich Ahmed Jassin in die Kameras gesagt hat, welch großer Erfolg die Selbstmordattentate sind, die Israelis in den Tod reißen." Sein Land sei Opfer einer Doppelmoral, sagte Stein. "Für den Westen ist es legitim (den Moslem-Extremisten Osama) bin Laden zu töten, aber Israel soll vorsichtig und rücksichtsvoll sein. Ich bin sehr traurig darüber, dass unterschiedliche Maßstäbe angelegt werden."

Die Gefahr der Eskalation der Gewalt könne er nicht erkennen, sagte Stein. "Man sollte nicht so tun, als hätte Hamas sich bisher zurückgehalten. Sie bereitet ständig Anschläge vor, nicht erst durch die heutige Aktion."

Rantisi als Nachfolger

Zum Nachfolger des Hamas-Gründers Scheich Ahmed Jassin ist nach eigenen Angaben der bisherige Sprecher der radikalislamischen Palästinenserorganisation Hamas, Abdel Asis Rantisi, aufgerückt. Der 56-jährige Kinderarzt berief sich dabei auf die internen Regeln der radikalislamischen Palästinenser-Organisation.

Nach Angaben einer anderen Hamas-Führungspersönlichkeit ist Rantisi jedoch nur neuer Hamas-Chef im Gaza-Streifen. Scheich Said Sejan sagte in Gaza-Stadt, für das Westjordanland und das Ausland würden demnächst gesonderte Führer ernannt. Er betonte jedoch, das Hamas auch nach dem Tod ihres Gründers durch einen israelischen Raketenangriff geeint und stabil sei.

Rantisi ist seit einigen Jahren Sprecher der Hamas und galt als Nummer zwei der Organisation nach Jassin. Er selbst überlebte im Juni vergangenen Jahres verletzt einen Liquidationsversuch der israelischen Armee. Der 56-Jährige saß mehrmals in israelischer Haft und galt als natürlicher Nachfolger des gelähmten 67-jährigen Jassin.

DPA, REUTERS