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Togo: Wie eine Diktatur gegen Deutsche hetzt

Dass in Togo Goethes Werke zerstört wurden, ist Resultat der "antideutschen Hetze". Angesichts der Gewalt haben die ersten Deutschen das Land verlassen. Kaiser Wilhelm II. hatte das "Schutzgebiet" 1884 in Besitz genommen.

Die Wilhelmstraße in Lomé läuft parallel zum palmengesäumten Sandstrand. An ihrem Ende steht der Gouverneurspalast auf einem mehr als drei Meter hohen und 50 Meter breiten Sockel, damit man ihn auch von den vorbeifahrenden Schiffen aus gut sehen kann. Ende des 19. Jahrhunderts war Lomé die Hauptstadt der deutschen Kolonie Togo. Eine "Musterkolonie" an der westafrikanischen Küste sollte es werden. Aber nach Ansicht von Historikern hat die deutsche Kolonialherrschaft vor allem den Boden für eine der am längsten währenden Militärdiktaturen in Afrika bereitet.

Rassistisches Regime

"Die Deutschen haben in Lomé elf Gefängnisse und vier Schulen gebaut", sagt Peter Sebald. "Das spricht doch für sich." Vermutlich kennt sich kaum jemand in der deutschen Vergangenheit Togos so gut aus wie der Afrikaforscher aus Niesky in Sachsen. Fast 50 Jahre beschäftigt er sich schon mit der kleinsten der deutschen Afrika-Kolonien, die er nach der Wende erst zum ersten Mal besuchen konnte. Seitdem überwintert er jedes Jahr im schwülen Lomé und gräbt sich allmählich durch die 35 Aktenmeter aus der Kolonialzeit. "Insgesamt lebten nur etwa 2000 Deutsche in Togo", sagt er. "Fast alle waren aus dem gleichen Grund gekommen: Es gab eine Buschzulage, und hier konnte man sich schnell als Herrscher aufspielen", meint Sebald weiter. Es war ein rassistisches Regime: Afrikanern war der Zugang zu Restaurants verboten, sie durften weder Lehrer noch Arzt oder Offizier werden, und es wurde exzessiv geprügelt. Als "genehmigtes Züchtigungsinstrument" galt ein "Tauende von 60 Zentimeter Länge".

Zu den deutschen Hinterlassenschaften in Togo zählen einige Beamtenhäuser, die wegen des heißen Klimas umlaufende Veranden hatten, dicht bewachsene Alleen, und das frühere Verwaltungsgebäude, in dem Afrikaner im stickigen Kellergeschoss arbeiten mussten. "Der Togoneger als kaufmännischer Angestellter" lautet der Titel eines zeitgenössischen Buches. Die Straßen, durch die heute Tausende von Mofas knattern, folgen noch immer dem Muster, das die deutsche Kolonialverwaltung Ende des 19. Jahrhunderts entworfen hat. Auch Nachkommen deutscher Väter und afrikanischer Mütter leben noch in Togo. "Es gehörte in der Kolonie zum guten Ton, einen ganzen Harem einheimischer Frauen zu haben", sagt Sebald. Der Gouverneur verbot dem Nachwuchs aus diesen Beziehungen jedoch, den deutschen Namen des Vaters zu tragen.

1884 begann mit einem "Schutz-Vertrag" von Gustav Nachtigal mit König Mlapa III. die deutsche Kolonialherrschaft im "Schutzgebiet" Togo, das allerdings erst ab 1904 offiziell als Kolonie bezeichnet wurde. Mit Beginn des Ersten Weltkrieges fand die deutsche Herrschaft ein schnelles Ende. 1914 besiegten Frankreich und Großbritannien die deutschen Truppen. 1922 wurde das Land unter einem Mandat des Völkerbundes teils britischer, teils französischer Verwaltung unterstellt. Der von Großbritannien verwaltete Teil fiel später an Ghana. 1956 wurde die Autonome Republik Togo, im April 1960 die Unabhängigkeit ausgerufen.

Erst nach der Unabhängigkeit nahm Deutschland wieder engere Beziehungen zu seiner ehemaligen Kolonie auf. So wurde mit deutschem Geld in den 60er Jahren der Tiefseehafen von Lomé gebaut. Außerdem zeigten Deutsche den Togoern, wie man "Bier nach bayerischer Tradition" braut. In Lomé hängen noch immer Werbeplakate, die einen Mann in Lederhose und mit Maßkrug zeigen, auch wenn die Brauerei längst in französischer Hand ist. Franz Josef Strauß etwa verstand sich als enger Freund des Diktators, mit dem er gemeinsam auf die Jagd ging, in Bayern wie in Togo. Und wenn Strauß nach Lomé kam, wurde er als "Deutscher Präsident" willkommen geheißen.

Berlin fordert Ende der "Hetze"

Die Bundesregierung hat jetzt erneut ein Ende der "antideutschen Hetze" gefordert. Der Sprecher des Außenministeriums in Berlin, Jens Plötner, sagte am Montag, die Bundesregierung beobachte die Situation vor allem in der Hauptstadt "mit großer Aufmerksamkeit und Sorge". Nach einer Aufforderung des Auswärtigen Amtes verließen am Wochenende auch viele der etwa 300 Deutschen das Land. Eine Reisewarnung für Togo besteht seit dem 22. April. Die etwa 3000 Franzosen in Togo wurden bisher nicht aufgefordert, das Land zu verlassen. Mehr als 16.500 Einwohner Togos sind nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR inzwischen in die Nachbarländer Ghana und Benin geflohen.

Bundesaußenminister Joschka Fischer (Grüne) will nach der Verwüstung des Goethe-Instituts durch bewaffnete Jugendliche die Situation in New York mit UN-Generalsekretär Kofi Annan erörtern. Fischer appellierte an die togoische Regierung, alles dafür zu tun, die Urheber des Überfalls zu ermitteln. Bewaffnete Männer hatten am Freitag im Erdgeschoss des Gebäudes in Lomé Feuer gelegt. Der Schaden wird auf 300.000 Euro geschätzt.

Die Motive der Angreifer sind unklar. Nach Ansicht von Beobachtern könnte die weltweit erste Attacke auf ein Goethe-Institut in Zusammenhang mit den Auseinandersetzungen während des Präsidentenwahlkampfs stehen. Der kurz vor der Wahl entlassene togoische Innenminister hatte in der Deutschen Botschaft Zuflucht gefunden. Er hatte vor blutigen Ausschreitungen gewarnt und die Verlegung des Wahltermins gefordert.

"Die Regierung in Togo muss alles tun, dass deutsche Staatsbürger und deutsche Einrichtungen beschützt werden", hieß es im Auswärtigen Amt. Auch die Verleumdungen gegen den deutschen Botschafter in Lomé müssten beendet werden. Die Bundesregierung gehe davon aus, dass die kulturpolitische Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Togo wieder aufgenommen werden kann, wenn sich die Lage beruhigt habe, sagte der Sprecher des Außenministeriums.

Die Lage eskalierte nach der Präsidentenwahl vom 24. April, weil sich die Opposition weigerte, den von der Wahlkommission erklärten Sieg des Regierungskandidaten Faure Gnassingbé anzuerkennen. Der 38-Jährige, der Wirtschaft studiert hat und zuletzt Minister in der Regierung seines Vaters war, ist der Sohn des Anfang Februar an den Folgen eines Herzinfarkts verstorbenen Präsidenten Gnassingbé Eyadema, der Togo 38 Jahre lang regierte. In den Wochen vor der Wahl war die Verfassung mit Hilfe französischer Strippenzieher noch schnell zurechtgebogen worden, um den Wechsel von Vater zu Sohn nachträglich zu legitimieren. Das war der Afrikanischen Union dann doch zu viel. Sie nannte das Ganze einen Putsch und forderte unter Androhung von Sanktionen, dass es Wahlen geben müsse. Zum ersten Mal seit seiner Gründung schien es dem afrikanischen Staatenbund gelungen, einen Staatsstreich auf dem Kontinent wieder rückgängig zu machen.

Dass die Wahl kaum mehr als ein demokratisches Feigenblatt für die faktisch längst besiegelte Machtübernahme durch Gnassingbé junior geworden ist, wie Kritiker befürchteten, hat sich nun bewahrheitet.

Vuk mit Material von AP/DPA/Reuters / DPA / Reuters