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Türkei: Das Wunder am Bosporus

Ausgerechnet ein gelernter Imam, Ministerpräsident Erdogan, und seine islamische Partei reformieren die Türkei seit zwei Jahren mit atemraubendem Tempo. Inzwischen liegt das Land näher an Europa, als die meisten Deutschen glauben.

"Im Galopp kommend aus dem fernen Asien/streckt es sich ins Mittelmeer wie der Kopf/einer Stute!/Das ist unser Land." (Nazim Hikmet, Der Aufruf)

Im fernen Asien, an den Ufern des Tigris, liegt hinter mächtigen, 1700 Jahre alten byzantinischen Basaltmauern die Stadt Diyarbakir. Es ist erst zwei Jahre her, da tobte in den Dörfern ringsumher und bis hin zu den Grenzen mit Syrien, dem Irak und dem Iran ein Bürgerkrieg zwischen der separatistischen und stalinistischen kurdischen Guerilla, PKK, und der türkischen Armee. Mehr als 30000 Menschen kamen in dem Krieg, der Mitte der 80er Jahre begonnen hatte, ums Leben, Hunderte von Dörfern wurden vernichtet, Zehntausende verloren ihre Heimat und flohen in die Städte.

Diyarbakir, durch den Strom der Flüchtlinge aufgequollen zu einer chaotischen Millionenstadt mit Neubauten, die schon vor ihrer Fertigstellung verslumten, war das geistige Zentrum des kurdischen Widerstandes; seine düsteren Mauern beherbergten das Entsetzen. Es gab Ausgangs- und Straßensperren, Kontrollen überall. Menschen wurden willkürlich verhaftet, manche verschwanden für immer, die zurückkehrten, waren Gezeichnete.

"An diesem Tag endete meine Kindheit"

Da ist der Dramaturg und Regisseur Mehmet Alpaslan, er ist 33 und sieht aus wie 43. "Ich war nur fünf Monate im Gefängnis, aber es hat gereicht, um alle meine oberen Zähne zu verlieren, als Folge der Elektroschocks." Da ist Mustafa Cetin, ein 46-jähriger Aga, wie die Großgrundbesitzer hier heißen. Er hat Volkswirtschaft an der Sorbonne studiert, seiner Familie gehören zwei Dutzend Dörfer und riesige Ländereien. "Ich bin reich geboren und werde vermutlich reich sterben. Aber wenn es einen Beweis für die abgegriffene Floskel gibt, dass Geld allein nicht glücklich macht, dann bin ich es", sagt er. "Ich habe drei Söhne, keinen davon habe ich bei seinem ersten Schritt gesehen.

Sie haben ihre ersten Worte gesagt, ich war nicht da, um ihnen zuzuhören. Jedes Mal saß ich im Gefängnis, insgesamt drei unendlich lange, für immer verlorene Jahre." Da ist die 24-jährige Cevahir Sadak, ihr Vater Selim war Abgeordneter der kurdischen Partei DEP, bis er 1994 zu 15 Jahren Freiheitsentzug verhaftet wurde. "An diesem Tag endete meine Kindheit, und wenn ich einen Wunsch frei hätte wie im Märchen, dann wäre ich gerne noch einmal 14 und würde die letzten zehn Jahre zusammen mit meinem Vater erleben."

Der Krieg war "eine blutige und bleierne Zeit", sagt Osman Beydemir. Der Rechtsanwalt, der zum Verteidigerteam des 1999 inhaftierten PKK-Gründers Abdullah Öcalan gehörte und aus seinen Sympathien für dessen Bewegung kein Hehl gemacht hat, entging in seiner Studienzeit nur knapp einem Mordanschlag durch paramilitärische Einheiten. Seit knapp zwei Monaten ist der 33-Jährige der Bürgermeister von Diyarbakir. Und wie er da so sitzt, jung und schmal, umgeben von schweren Möbeln in einem riesigen Büro unter einem gewaltigen Porträt des Republikgründers Mustafa Kemal, genannt Atatürk, Vater aller Türken und Feind vieler Kurden, sieht man ihm an, dass er selbst noch nicht glauben kann, was ihm, seiner Stadt und dem ganzen Land widerfahren ist. Nämlich "ein Wunder", wie der Regisseur Alpaslan findet.

Als Alpaslan ein kleiner Junge war, gab es in der Türkei offiziell keine Kurden, sondern "Bergtürken", und die kurdische Sprache war außerhalb der eigenen vier Wände überall verboten. "Einmal schob ein alter Mann einen Karren durch unsere Straße in Diyarbakir. Mehrere Polizisten schrien ihn an, er verstand sie nicht. Er wurde zusammengeschlagen. Zum Schluss lag er auf der Straße, inmitten von Hunderten von Gurken, die vom Karren heruntergefallen waren, und weinte bitterlich. Nie werde ich das vergessen."

Heute dreht er Filme auf Kurdisch, derzeit einen über einen Ehrenmord, der sich vor zwei Jahren zugetragen hat. "Es ist wichtig, dass auch wir Kurden uns einmal den Spiegel vorhalten", sagt er. "Der Krieg hat uns den Blick verstellt für unsere wahren Probleme. Wir sind das Armenhaus der Türkei, eine rückständige, feudale Gesellschaft, in der die Eliten über Noam Chomsky streiten, während die Armen über den Brautpreis ihrer Töchter feilschen." Gemeinsam mit seinem Partner Orhan Ciftci betreibt Alpaslan eine Firma, die die Istanbuler Zeitschrift "Aktüel" bereits als "kurdisches Hollywood" bezeichnet hat: Seit der Ausnahmezustand in Diyarbakir vor zwei Jahren aufgehoben wurde, haben die beiden 170 Filme produziert - davon nur zwei auf Türkisch - und auf Video und DVD vertrieben. Ihre Mittel sind so bescheiden, dass für einen special effect wie etwa einen Brand ein paar Bündel Baumwolle, getränkt mit einem Liter Benzin von der Tankstelle schräg gegenüber, herhalten müssen. "Aber vor kurzem hätten wir noch nicht einmal gewagt, davon zu träumen", sagt Alpaslan.

Momente voller Lebensfreude

Das Wunder, es ist überall zu spüren in Diyarbakir. Die Stadt ist nicht schön, aber lebendig, ihre Bewohner zelebrieren nach Jahren der allgegenwärtigen Angst mit Enthusiasmus Momente voller "Keyif", jener mitreißenden orientalischen Lebensfreude, die nur dann wirklich schön ist, wenn Fremde daran teilhaben. In einem Park am Ufer des Tigris tanzen und singen 20-jährige verschleierte Theologie-studentinnen, ein kleiner Junge schlägt die Trommel, jeden, der vorbeikommt, laden die Feiernden ein zu Fleischbällchen und gefüllten Weinblättern, die aus einer gigantischen Kühltasche hervorgeholt werden. Die jungen Frauen kichern, als sie fotografiert werden, "mit so vielen Kopftüchern auf einem Haufen wird die Türkei nie Mitglied der EU". Ein alter Mann mit einem Gebiss aus purem Gold bietet Tee, Oliven und Käse in seinem Rosengarten an, spricht von den "schlimmen Jahren", als wären sie längst Geschichte, streicht dabei zerstreut über die Haare von etlichen Kindern und Kindeskindern, die um ihn herum spielen, und sagt unvermutet: "Ich bin mehr als glücklich."

Früher sei es ihr so vorgekommen, "als hätten wir in Diyarbakir nur die Wahl zwischen Friedhof und Gefängnis", erinnert sich Cevahir Sadak. "Ständig warfen wir nervöse Blicke über unsere Schultern, es war, als ob kalte Hände uns niederdrückten."

Inzwischen leitet sie das örtliche Kulturzentrum und träumt von "einem Leben mit weniger Heldentum und Politik, dafür mit Kindern, die eine Kindheit haben". Bürgermeister Beydemir sieht seine Stadt, einst Symbol des Schreckens, bereits "als Zentrum des Friedens und der Demokratie, der Investitionen und des Handels, der Kunst und des Tourismus - und als Teil der Europäischen Union". Diese Sehnsucht teilt er mit sieben von zehn Türken. Seit vor zwei Jahren die gemäßigte islamische "Gerechtigkeits- und Entwicklungspartei" AKP die Wahlen gewann, deren Vorbild "nicht Hassan al Banna ist, der Gründer der Moslembrüder, sondern Konrad Adenauer", wie der Politologe Hamit Bozarslan urteilt, galoppiert das Land mit einer atemraubenden Geschwindigkeit gen Westen.

Für das türkische Wunder ist ausgerechnet ein gelernter Imam und einstiger Hardcore-Fundamentalist verantwortlich, der 50-jährige Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan. Er lässt ein EU-Reformgesetz nach dem anderen verabschieden, schaffte die Todesstrafe ab, entschärfte den Kurdenkonflikt, beschnitt die Macht der Generäle und zeigte sich kooperativ in der Zypernfrage, deren Lösung nicht an ihm, sondern an den Inselgriechen gescheitert ist. Zugleich sanierte er die Wirtschaft, die 2003 um sechs Prozent zulegte, und drückte die Inflation von 68 Prozent im Jahr 2001 auf derzeit 16 Prozent. "Ich bin eigentlich Kommunist, aber ich muss zugeben, dass die AKP das Beste ist, was der Türkei seit Jahrzehnten passiert ist", sagt Regisseur Alpaslan.

Boom-Stimmung im weiten Anatolien

Seit dem AKP-Wahlsieg herrscht Boom-Stimmung im weiten Anatolien, von Trabzon am Schwarzen Meer bis Antalya am Mittelmeer, von Diyarbakir im Osten bis Istanbul im Westen. Zwar ist das Pro-Kopf-Einkommen der Türken nur zwei Drittel so hoch wie das der Polen, doch die Tendenz ist steigend. In einst verschlafenen Provinzstädten wie Kayseri oder Konya donnern die Presslufthammer und Schaufelbagger; funkelnagelneue Wohnsiedlungen, Industrieparks und Wolkenkratzer zeugen von einem Wohlstand, den längst nicht mehr nur riesige Holdings wie Sabanci oder Koc erzeugen. Gediehen in den Jahrzehnten des Protektionismus, stellen diese gewaltigen Gemischtwarenläden neben Zement auch Autos, Fernseher und Waschmaschinen her - nun aber werden die so genannten anatolischen Tiger, konservative Mittelständler, zunehmend zum Motor der türkischen Wirtschaft.

Ausländische Investoren schwärmen zurzeit von der Türkei, als würden sie vom Industrieministerium in Ankara dafür bezahlt. "Der Krankenstand ist extrem niedrig, die Menschen sind hoch motiviert und flexibel. Unsere Mitarbeiter sind stolz auf ihren Job, ihre handwerkliche Fertigkeit ist immens. Von alledem kann man in Deutschland nur träumen", lobpreist der schwäbische Ingenieur Harald Eichmeier von Mercedes-Benz Türk A. S. den zentralanatolischen Standort Aksaray. Dort, am Fuße eines über 3000 Meter hohen Vulkans namens Hasan, produziert die deutsche Niederlassung jährlich 10000 Lkws für den türkischen Markt und Osteuropa. Für den schwäbischen Ingenieur steht fest: "Wenn die Türkei die Kriterien erfüllt, die Europa im letzten Jahr in Kopenhagen festgelegt hat, muss sie EU-Mitglied werden. Es wäre eine Verjüngungskur für uns alle."

Doch je näher die Tage der Wahrheit im Dezember rücken, wenn die EU darüber entscheiden wird, ob und wann mit der Türkei Beitrittsverhandlungen über eine Mitgliedschaft beginnen können, desto mehr verhärtet sich in Berlin, Paris und Brüssel die Front derer, die in dem Land nichts weiter sehen als ein "780576 Quadratkilometer großes Kopftuch", so die "Süddeutsche Zeitung". Die Frage scheint längst nicht mehr, ob die Türken bereit sind für Europa, sondern ob Europa bereit ist für die Türkei. Jetzt, wenige Tage vor den Wahlen für das Europäische Parlament am 13. Juni, hat die Debatte "ein erschütterndes Niveau erreicht", geprägt von "Wahnvorstellungen, Demagogie, Verlogenheit und Populismus", so Semih Vaner vom französischen Forschungsinstitut für internationale Beziehungen Ceri.

Bild vom schnauzbärtigen Fundamentalisten

Besonders in den Köpfen der Deutschen spukt eine gespenstische Türkei herum. "Es ist, als ob sie durch die Türken in Deutschland jedes Interesse an den Türken in der Türkei verloren haben", sagt der 52-jährige Schriftsteller Orhan Pamuk, der zuletzt im historischen Krimi "Rot ist mein Name" das Dilemma seines Landes zwischen Orient und Okzident geschildert hat. Den Blick verstellt durch die Migranten daheim, vermuten die Deutschen jenseits des Bosporus einen Staat bevölkert von schnauzbärtigen Fundamentalisten und rabenschwarzhaarigen Folterknechten, die in TV-Filmen wie "Für immer verloren" weizenblonde deutsche Frauen wie Veronica Ferres in kakerlakenverseuchten Gefängnissen martern und allesamt davon träumen, demnächst deutsche Straßen in Gestalt von noch mehr Gebetsketten schwingenden Gastarbeitern und Türken-Gangs unsicher zu machen. Einen "Fremdkörper", so Laurenz Meyer von der CDU, der kein Teil der EU werden soll, sondern allenfalls ein "privilegierter Partner", wie die Christdemokratin Angela Merkel dem türkischen Ministerpräsidenten bei ihrem Türkeibesuch im Februar anbot.

Erdogan lehnte diesen Vorschlag freundlich ab. Dies stehe nicht zur Debatte, beschied er ihr. Womit er Recht hat. Zur Debatte steht seit 1963 die Vollmitgliedschaft, die der Türkei versprochen wurde, als sie damals ein Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft EWG abschloss. 1996 ist sie überdies als einziges Nichtmitglied eine Zollunion mit der EU eingegangen - und muss dennoch bis heute am Katzentisch sitzen bleiben, während die zehn neuen Mitgliedsländer und sogar die verarmten und fragilen Halb-Demokratien Bulgarien und Rumänien als offiziell gekürte Beitrittskandidaten an ihr vorbeigezogen sind.

Die Türkei stellt Europa vor eine Identitätskrise, nicht umgekehrt. Und je mehr sie sich Europa zuwendet, desto mehr "benehmen sich die Europäer wie kleinkarierte Erbsenzähler", so Soli Özel, Professor für Politik an der Istanbuler Bilgi-Universität. "Es heißt, das Land sei zu groß, die Türken zu zahlreich, das Bruttosozialprodukt zu niedrig und daher die Kosten einer EU-Mitgliedschaft viel zu hoch. Doch in Wahrheit sind die Kosten einer Ablehnung langfristig weitaus höher als die Vorteile, die Europa daraus ziehen könnte.

Denn die Aufnahme der Türkei ist das Symbol für ein gewaltiges und spannendes Projekt: Kann hier bewiesen werden, dass der Krieg der Zivilisationen nicht stattfinden muss? Sind die Europäer und damit der Westen in der Lage, zu Muslimen eine gleichberechtigte Beziehung aufzubauen? Gerade jetzt ist es unendlich wichtig, dass Europa sich dieser Herausforderung stellt." Läuft die EU hingegen vor ihr weg, wären nicht nur die Türken, sondern über eine Milliarde Muslime weltweit davon überzeugt, dass dies hauptsächlich "religiöse Gründe" habe - "ein verheerendes Signal", so Özel.

"Ich will nur eines: Konstantinopel!"

Und es wäre vermutlich auch das Ende einer großen, jahrhundertealten und bisher unerwiderten Liebe. Denn nicht erst seit Mustafa Kemal drängt die Türkei gen Westen. Schon der osmanische Sultan Mehmet der Eroberer, Sohn einer vermutlich griechischen Sklavin, wollte nicht die heiligen Städte Mekka und Medina. "Ich will nur eines: Konstantinopel!", sprach er 1452, da war er gerade mal 20. Ein Jahr später, am Himmel stand ein abnehmender Mond, der jetzt auf der türkischen Fahne zu sehen ist, gab er das Zeichen zum Angriff. Tags darauf, am 29. Mai vor 551 Jahren, kniete er nieder vor der größten Kathedrale der Levante, streute zum Zeichen seiner Sterblichkeit Erde auf sein Haupt, ließ einen Imam in der Hagia Sophia beten: "Es gibt keinen Gott außer Gott, und Mohammed ist sein Prophet." Damit besiegelte er den Untergang von Byzanz - und katapultierte Europa aus dem Mittelalter in die Neuzeit.

Seine Nachfolger, Kalifen des Islam und Herrscher über die Gläubigen, vergrößerten das Imperium, das in seiner Blütezeit fünf Millionen Quadratkilometer umfasste und von Nordafrika über ganz Arabien bis nach Ungarn und den Balkan reichte. Das Osmanische Reich war ein gigantischer Vielvölkerstaat, in dem Muslime, Juden und Christen weitaus friedlicher zusammenlebten als damals in Europa.

Nach 36 Generationen Herrschaft mussten die Osmanen abtreten von der Weltbühne; Mustafa Kemals Stunde hatte geschlagen. Der so geniale wie brachiale Militär und Landesvater wollte sein Land herausreißen aus dessen muslimischer, orientalischer Geschichte. "Wir müssen uns in jeder Hinsicht nach dem Westen ausrichten", befahl der Raki-trinkende Revolutionär, der 1938 an einer Leberzirrhose verschied, seinem Volk. Er ersetzte die arabische durch die lateinische Schrift, verbot den Männern den Fez, gab den Frauen das Wahlrecht, schaffte das Kalifat ab, verwandelte die Hagia Sophia in ein Museum, stellte die Religion unter staatliches Kuratel und verordnete dem einst multikulturellen Staat den westlichen Import des Nationalismus und eine Glorifizierung des Türktums.

Durchwachsene Bilanz des kemalistischen Experiments

Acht Dekaden und drei Militärputsche später war die Bilanz des gewaltigen kemalistischen Experiments durchwachsen. Einerseits präsentierte sich die Türkei bereits vor dem AKP-Sieg als das mit Abstand modernste islamische Land der Welt; es erwies sich als verlässlicher Partner des Westens, trat dem Europarat und der Nato bei und nahm Beziehungen zu Israel auf. Andererseits "passten sich die Kemalisten nicht der Realität an, sondern umgekehrt", so der Unternehmer Ishak Alaton. Die Lehre des Landesvaters lag zum Schluss wie ein Leichentuch über dem Land, verkommen zu einer fundamentalistischen Ersatzreligion und ausgenutzt von der Armee, um das Volk zu entmündigen, zu gängeln und ihm ständig neue Feinde aus den eigenen Reihen zu präsentieren - die Linken, die Kurden und zuletzt die Islamisten, die zu Tausenden im Gefängnis landeten. Und das Volk, "es verbarg sein Lächeln unter dem hängenden Schnurrbart sogar vor sich selbst", wie der große Dichter und Kommunist Nazim Hikmet einmal schrieb, der nach 13 Jahren Haft nach Moskau floh und dort starb, ohne seine Heimat je wiedergesehen zu haben.

Mit der Wahl der AKP jedoch wagten die Türken den Befreiungsschlag. Und während der Kemalismus mittlerweile so ausgestopft wirkt wie Mustafa Kemals Hund Foks, der im bombastischen Atatürk-Mausoleum zu bestaunen ist, hat sich Erdogan, Erbe sowohl des Islam als auch der kemalistischen Revolution dagegen, daran gemacht, den Staat und die Gesellschaft und die Türkei und ihre Geschichte miteinander zu versöhnen - und der Welt zu beweisen, dass eine muslimische Nation sehr wohl demokratisch sein kann. Was passieren würde, wenn Europa der Türkei den Beitritt verweigert, wurde er neulich gefragt. "Wir werden unseren Weg weitergehen, die Kopenhagener Kriterien wären dann unsere Ankara-Kriterien", antwortete er. Und dann fügte er hinzu: "Aber es würde vielen das Herz brechen."

So ist es. "Wir sind arm", sagt etwa der 30-jährige Issam, der ein paar Schafe auf dem Viehmarkt von Kayseri zum Verkauf anbietet. "Aber wir sind trotzdem eine Bereicherung für Europa. Seit 40 Jahren wollen wir dazugehören, und ihr zeigt uns die kalte Schulter. Dabei versuchen wir so sehr, euch zu gefallen. Wir laden euch alle ein, hiermit, die Millionen, die ihr seid. Ihr könnt alle zu mir kommen, ich gebe euch Oliven und Brot und meinen allerbesten Käse."

600 Kilometer weiter westlich sitzt der 42-jährige Ömer Karacan, Betreiber der Mediengruppe Number One, in Istanbul unter freiem Himmel auf einem Diwan in Asien mit Blick auf die illuminierte Skyline von Europa. Mild ist die Nacht, und der Vollmond hängt rund wie eine riesige Glühbirne hoch über dem Bosporus. Ganz in der Nähe, auf der Fatih-Sultan-Mehmet-Brücke, bilden die Scheinwerfer der Autos eine schimmernde Lichterkette zwischen den Kontinenten. Fackeln erleuchten den Garten der Villa am Wasser. Und während es träge am Ufer hochschwappt, als das Schiff "Ottoman Dignity", "Osmanische Würde", mit Kurs aufs Marmarameer vorbeituckert, sagt Karacan: "Wir öffnen euch Europäern unser Herz und unser Land, das wunderschön ist. Wenn ihr es nicht wollt, dann ist das euer Verlust, nicht unser."

Allahs Allmacht, Piercings und Kopftücher

Hier, wo die türkische Stute ihren Kopf nach Europa streckt, prallen alle Widersprüche des Lebens aufeinander und lösen sich auf wundersam friedliche Weise wieder auf. Die Stadt ist ein Beweis dafür, dass auf das Schönste zusammenwachsen kann, was auf den ersten Blick keineswegs zusammengehört: "Laser Epylasion" und Allahs Allmacht, Piercings und Kopftücher, wildes Chaos und strenge Choreografie, Rock'n'Roll und der Ruf des Muezzins, "Seks" und Gottesfurcht, westlich orientierte Eliten und nach Mekka gewandte Anatolier. Die Stadt zeigt, dass es Gründe gibt für die Hoffnung, die unendlich traurige Geschichte zwischen Ost und West und Islam und Christentum könnte doch irgendwann ein glückliches Ende finden.

"Istanbul, alte Hand, mit Ringen geschmückt, ausgestreckt nach Europa", hat Jean Cocteau mal über die 2600 Jahre alte magische Metropole zwischen Abendland und Morgenland geschrieben. Vielleicht ist es an der Zeit, dass Europa sie ergreift.

Stefanie Rosenkranz / print