HOME

Washington Memo: Die Implosion des Fred Thompson

Mit entspanntem Südstaatencharme gegen Hillary Clinton: Der Schauspieler und Ex-Senator Fred Thompson soll die neue konservative Wahl-Wunderwaffe sein. Erste Auftritte aber enthüllen einen anderen Mann - der Retter ist vielleicht doch nur eine Knallerbse.

Von Katja Gloger, Washington

Am Dienstag, endlich, betrat er die große Bühne - ER, der weiße Ritter, lang ersehnter Retter der Republikaner. Die Wunderwaffe gegen Hillary - ein hochgewachsener Mann mit ordentlich verknittertem Gesicht und wunderbar warmer Stimme. Fred Thompson musste seine erste Fernsehdebatte als Präsidentschaftskandidat bestehen. Sie sollte zeigen, dass er die Republikaner aus dem Jammertal in eine lichte Zukunft führen kann. Es war seine erste TV-Debatte - für die acht Konkurrenten um die Präsidentschaftskandidatur allerdings schon die fünfte.

"Wäre wohl ein bisschen langweilig ohne mich geworden", sagte er, räusperte sich und steckte mal wieder die Hände in die Hosentaschen. Stand auf der Bühne in Dearborn im gebeutelten Autostaat Michigan, und während draußen, im wahren Leben, die Arbeiter mit Streik drohten, plauderte er gemütlich über Freihandel und Steuersenkungen und auch darüber, dass die Politiker in Washington endlich aufhören müssten, das Geld der Steuerzahler zu verprassen. Es war, als ob er das falsche Skript gelesen hätte. Und als ob Fred Thompson das gemerkt hätte.

Fred Thompson, 65, arbeitet seit über 20 Jahren als Schauspieler. Wird von Hollywood vorzugsweise für patriotische Rollen mit natürlicher Autorität gebucht. Spielte einen Admiral im U-Boot-Movie "Jagd auf Roter Oktober", war in "In the Line of Fire" zu sehen, im Thriller "Kap der Angst". Er war CIA-Direktor, Präsident und Stabschef im Weißen Haus. Vor allem aber ist er als leicht grummeliger Staatsanwalt Arthur Branch aus "Law and Order" bekannt. Die gehört zu den bekanntesten Serien im US-Fernsehen, keine läuft länger. Jeden Sonntag hat sie zehn Millionen Zuschauer.

Nicht fleißig, aber locker

Darüber hinaus diente der Schauspieler Fred Thompson zwei Amtszeiten lang als Senator des US-Bundesstaates Tennessee. Galt nicht als der Fleißigste, gab sich gerne südstaatenhaft locker, mokierte sich manchmal darüber, wie langweilig es sei, tagelang Gesetze zu verabschieden. Nach dem tragischen Tod seiner Tochter, die an einer Medikamentenvergiftung starb, zog er sich 2002 ins Privatleben zurück. Er heiratete noch einmal, bekam zwei Kinder und verdiente sein Geld mit "Law und Order." "Wenn die in Hollywood jemanden suchen, der durchschnittlich aussieht und für nicht allzu hohes Honorar arbeitet, dann rufen sie mich an", sagt er dazu gerne.

Dieser Mann will es nun wissen, heißt es. Soll wie einst Ronald Reagan die Republikaner zum Präsidentschafts-Sieg führen - gegen alle Wahrscheinlichkeiten. Gegen die monströse Wahlkampfmaschine einer Hillary Clinton, gegen die Erneuerungsbewegung eines Barack Obama. Und womit? Mit dem lakonischen Charme des Südens.

Noch vor wenigen Monaten hätte dies kaum jemand für möglich gehalten - doch auf einmal waren sie da, die guten Umfragewerte. Aus dem Stand kam er auf einen der vorderen Plätze in der republikanischen Wählergunst, und zwar ohne dass er nur einen Cent für Wahlkampfwerbung ausgegeben hatte. Im September betrug sein Popularitätswert 22 Prozent - Platz zwei hinter Rudy Giuliani.

Dass dieser Mann zum Hoffnungsträger der republikanischen Partei werden sollte, sagt eine Menge über den Zustand der Partei im Jahre Sieben der Bush-Revolution. Dessen machthungrige Macher wie Karl Rove hatten ihm den zweiten Wahlsieg ermöglicht, indem sie massiv konservative Wähler mobilisierten. Und sie waren so überzeugt, ihrer Partei die "strukturelle konservative Mehrheit" (Rove) zu sichern. Amerika sollte für immer rot werden. Rot, wie die Farbe der Republikaner.

Kein überzeugender Kandidat in Sicht

Und heute? Die Partei kollabiert, kein überzeugender Kandidat in Sicht. Soll ein echter Konservativer in den Vorwahlen etwa für Giuliani stimmen, einen Mann, zum dritten Mal verheiratet, der seine hyperehrgeizige Frau gleich mit an den Kabinettstisch setzen möchte? Oder für den glatten Businessmann Mitt Romney, einen Mormonen - einer von denen, die vielen gläubigen Konservativen immer noch als Sekte erscheinen? Oder für John McCain, den erfahrenen Senator und einstigen Kriegsgefangenen in Vietnam? Der ist zwar ein echter Patriot. Doch er hat einen großen Makel: er sagt und macht einfach, was er für richtig hält - auch wenn es gegen konservative Überzeugungen geht. Und da wäre auch noch Mike Huckabee, der einstige Gouverneur von Arkansas. Der hat zwar 50 eindrucksvolle Kilo abgespeckt und eine Kampagne gegen Übergewicht gestartet - "doch er hat ein echtes Problem", sagt der ehemalige Bush-Berater Dan Bartlett, "und das ist sein Nachname."

Also Fred Thompson. Seit Jahrzehnten ist der Jurist und Sohn eines Gebrauchtwagenhändlers einer der Washingtoner Strippenzieher, er gehört zum republikanischen Establishment. Saß in der Watergate- Untersuchungs-Kommission (in der auch eine junge Juristin namens Hillary Clinton erste politische Erfahrungen sammelte); später untersuchte er angebliche illegale Wahlkampffinanzierung bei Bill Clinton. Vertrat als Lobbyist Industrieinteressen, auch für den Rüstungskonzern Lockheed.

Doch dieser Fred Thompson war nie ein Eiferer, verströmte eher die Aura gelassen - männlicher Autorität. Ein bisschen à la John Wayne. Einer wie er könnte dem Wahlvolk die kollektive Flucht aus der grausamen Realität der Regierung George W. Bush ermöglichen. "Er ist wie Reagan, gebrutzelt nach Südstaaten-Art", jauchzt der einflussreiche Südstaaten-Evangelikale Richard Land. Ein Mann, wie ein kuscheliges Sofa für das erschöpfte Volk. So lautete das Kalkül des Projektes Thompson.

Nur noch die Hülle eines Kandidaten

Monate waberten die Spekulationen, vor vier Wochen erklärte er schließlich seine Kandidatur, immerhin bekam er acht Millionen Dollar in die Spendenkasse. Groß angekündigt seine Überlandtour im Reisebus mit der Aufschrift "Geeint durch unsere Grundüberzeugungen". Und was passierte, zum Erstaunen, zum Entsetzen der Strategen? Eine Implosion. Nur noch die Hülle eines Kandidaten. Mitreisende Reporter suchten verzweifelt, Schlagzeilen aus kärglichen Auftritten zu formulieren. Und das bei Sätzen wie: "Für jeden, der Präsident werden will, steht die Sicherheit unserer Nation ganz hoch oben auf der Liste." Oder: "Ich habe eine neue, kreative Herangehensweise in Bezug auf Wohlstand. Man muss tun, was funktioniert und sein lassen, was nicht funktioniert." Einmal verwechselte er das heutige Russland mit der ehemaligen Sowjetunion.

Die meiste Zeit verbrachte Thompson im klimatisierten Reisebus, und wenn er sich, wie in Florida oder Iowa, mal schwitzend vor eine Gruppe müder Rentner quälte, dann flehte er regelrecht um Anerkennung: "Könnte ich bitte eine Runde Applaus haben?", bettelte er neulich in Nevada, Iowa. Ist es eigentlich leichter, den Präsidenten zu spielen oder Präsident zu sein?, fragte ihn neulich ein Reporter in New Hampshire. Der Kandidat überlegte lange: "Well, beides ist eigentlich gar nicht so schwer", sagte er dann zum ächzenden Entsetzen der Anwesenden.

Es ist, als demontiere sich einer absichtlich selbst. Als ob er den Wählern beweisen wollte - der echte Fred Thompson ist ganz anders als der Mann aus den patriotischen Filmen.

Wer ist der beste Schauspieler hier?

Am Dienstag, während der live übertragenen TV-Debatte, flachste Kandidat Mitt Romney über den Newcomer Thompson, und es sollte ganz spontan klingen: "Es geht hier ja tatsächlich zu wie bei Law und Order. Jede Menge Darsteller, eine endlose Serienfolge - und Fred Thompson kommt immer zuletzt." Der konterte ironisch mit seinem lakonischen Lächeln: "Und Ihr dachtet wohl, ich würde glauben, dass ich auf dieser Bühne der beste Schauspieler bin." Fred Thompson weiß, das ist er nicht. Das macht ihn beinahe sympathisch.