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AfD-Veranstaltung in Weingarten: Drohung oder Hustenanfall? Alice Weidel und die fragliche "Kopf-ab-Geste"

AfD-Fraktionschefin Alice Weidel hat bei einer Rede einen Mann aus dem Saal werfen lassen. Weil sie eine "Kopf-ab-Geste" beobachtet haben will. Augenzeugen berichten, der Mann habe nur einen Hustenanfall gehabt.

Alice Weidel, Fraktionsvorsitzende der AfD, spricht im Bundestag

Alice Weidel, Fraktionsvorsitzende der AfD, spricht im Bundestag

DPA

Alice Weidel ruft energisch: "Wir machen das nicht, wir sind anständig, wir sind ordentliche Demokraten!" Sie sagt: "Mich kotzt das an!" Der AfD-Kreisverband Ravensburg hat am 27. Oktober in das Kultur- und Kongresszentrum Weingarten eingeladen. Thema der Informationsveranstaltung: "Deutschland aus der Krise führen". Die Fraktionsvorsitzende der Partei im Bundestag bekommt bei der Veranstaltung zunächst einmal ganz offensichtlich selbst die Krise.

Sie will gesehen haben, wie ein Mann in ihre Richtung den Zeigefinger über den Hals führt. Sie wird lauter und ruft: "Sie da, mit dem Pferdeschwanz. Ich möchte, dass sie aus dem Raum verschwinden". Weidel spricht von einer "Kopf-ab"-Geste. Im Anschluss an die Veranstaltung teilt sie das Video dazu über ihre sozialen Kanäle. Ihr Verdacht: Er komme "vielleicht" von den "örtlichen Grünen". Ihr Fazit: "So ist das nämlich mit dem Demokratieverständnis unserer politischen Gegner." 

Augenzeugen: Hustenanfall statt "Kopf-ab-Geste"

Einige Tage später ist allerdings unklar, ob es sich tatsächlich um eine drohende Geste gehandelt hat. Augenzeugen wollen keine "Kopf-ab"-Geste an Weidel vernommen, sondern einen Hustenanfall des Mannes beobachtet haben – der obendrein mit der AfD sympathisieren soll. Auch der Betroffene habe im Nachgang nach Angaben eines Gemeindesrats erklärt, dass er eine Handbewegung aufgrund eines Hustenanfalls gemacht und es sich nicht um eine Drohung gehandelt habe.

Handelt es sich also um einen politischen Stunt der AfD-Fraktionschefin? Weidel reagierte erneut via Social Media. Sie nehme die Darstellung mit dem Hustenanfall zur Kenntnis, erklärte sie. Gleichzeitig nahm sie das Video offline. Was aktuell bleibt, sind Ermittlungen der Polizei.

Einen Ausschnitt aus Weidels Rede können Sie in folgendem Twitter-Video sehen. Weidel veröffentliche via Facebook zunächst die gesamte Informationsveranstaltung.

"Ich zeig' den Mann jetzt an"

Nach ihren Anschuldigungen stieg Weidel vom Podium und zeigte Sicherheitsleuten den Mann, der schließlich aus dem "Welfensaal" des Kultur- und Kongresszentrum Weingarten geführt wurde. Wieder auf der Bühne, forderte die Politikerin, dass die Personalien des Mannes festgestellt würden. "Ich zeig' den Mann jetzt an, ich stelle hiermit Strafanzeige", so Weidel. "Ich möchte wissen, ob der Mann Parteibuch hat. Ich gehe auf die Palme."

Die Polizei teilte auf stern-Anfrage mit, Weidel habe damit öffentlich und mündlich Strafanzeige erstattet. Die Personalien des Mannes seien aufgenommen worden, aber auch die Personalien einiger Zeugen. Die Polizei habe ein Ermittlungsverfahren wegen Bedrohung eingeleitet. Der Fall sei an den Staatsschutz bei der Kripo Friedrichshafen übergeben worden. Darüber hatte "t-online" zuerst berichtet.

"Auch im Gespräch mit mir hat er einen Hustenanfall bekommen"

"Tagesschau.de" sprach nach dem Vorfall einen Gemeinderat aus Weingarten. Dieser betonte, bei dem Störer handele es sich nicht, wie Weidel betonte, um einen AfD-Gegner, sondern um einen AfD-Sympathisanten. Der Gemeinderat hatte sich zunächst ebenfalls via Facebook auf "Studis für Weingarten" gemeldet. Die Seite wird nach Angaben der Beteiligten von drei jungen Menschen betrieben, die als Mitglieder der Grünen im Weingartener Gemeinderat sitzen.

In dem Facebook-Posting betonen sie, der Mann habe einen "starken Hustenanfall" gehabt, "in Folge dessen sich der Mann an den Hals und die Brust fasste". Das hätten einige Zuhörer beobachtet und der Mann, der nicht öffentlich sprechen wolle, im persönlichen Gespräch mit dem Gemeinderat bestätigt.

"Auch beim Gespräch mit mir hat er einen Hustenanfall bekommen", zitiert "t-online" den Gemeinderat. Ein Student, der auch auf der Veranstaltung gewesen sei, sagte zu dem Nachrichtenportal, dass sich der Mann Richtung Hals gefasst habe. "Das war aber keine 'Kopf ab'-Geste, wie Weidel sie dann demonstrierte."

Der Pressereferent von Weidel teilte "tagesschau.de" derweil mit, die AfD-Politikerin habe "die Handbewegung der entsprechenden Person eindeutig als 'Kopf-ab-Geste' interpretiert". Auch "t-online" zitiert einen Sprecher mit diesen Worten. "Frau Weidel hatte bei der Veröffentlichung des Videos keinen Zweifel an ihrer Wahrnehmung vor Ort", fügte er gegenüber dem Nachrichtenportal hinzu. 

AfD in Weingarten: Demonstrationen im Vorfeld der Veranstaltung

Weingarten in Baden-Württemberg ist eine Stadt, in der die AfD übersichtlichen Erfolg hat: Bei den Europawahlen 2019 holte die rechtspopulistische Partei nur 7,69 Prozent, zur Kommunalwahl dort sind sie nicht angetreten. Gegen die Veranstaltung wurde schon im Vorfeld demonstriert.

Nach Polizeiangaben waren insgesamt 350 Zuhörer im "Welfensaal" des Kulturzentrum zugegen, davon wurden 60 bis 80 Personen dem eher linken Spektrum zugerechnet, so ein Sprecher des Polizeipräsidiums Konstanz zum stern. Die AfD-Gegner klatschten demnach wohl bewusst an ungewöhnlichen Stellen, um die Redner zu stören und zu irritieren. Etwa zehn Personen seien wegen Zwischenrufen ermahnt worden, ein Ausschluss des Raumes sei aber nicht nötig gewesen.

Quellen: Facebook-Seite von Alice Weidel (Video der Veranstaltung / Statement), AfD BW / Kreisverband Ravensburg, Stadt Weingarten, "Regio TV""tagesschau.de" (ARD-faktenfinder), "t-online.de"

fs