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Alternative für Deutschland: Merkels Lederhosen-Rivalen

Deutschlandfahne, Deutschland-Schärpe, Lederhosen. Die "Alternative für Deutschland" fischt am rechten Rand. Für Kanzlerin Merkel ist die neue Partei unangenehm. Eindrücke vom Gründungsparteitag.

Von Nico Schmidt

Wollen aus dem Euro raus: Die Sprecher der Partei Alternative für Deutschland (AfD), Konrad Adam (l.) und Bernd Lucke.

Wollen aus dem Euro raus: Die Sprecher der Partei Alternative für Deutschland (AfD), Konrad Adam (l.) und Bernd Lucke.

Eine Sonderausgabe, extra für den Parteitag. Vor der Tür des Berliner Intercontinental-Hotels wird die "Junge Freiheit" verteilt. Seit Jahren vegetiert das Blatt am rechten Rand der rechten Presselandschaft. Die "Alternative für Deutschland"-Ausgabe der Wochenzeitung trägt den Titel: "Ein Hauch Vormärz".

An der Spitze der Anti-Euro-Revolte steht Bernd Lucke. Der VWL-Professor gab der Partei sein Gesicht. Egal ob "Anne Will" oder "Maybrit Illner", Lucke nahm, was er kriegen konnte. Für seine Thesen zum Deutschen Euro-Ausstieg musste er nicht selten einstecken. Edmund Stoiber kommentierte Luckes Auftreten mit den Worten, "nicht schon wieder so ein Professor". Er dachte an Paul Kirchhof, Der Heidelberger war 2005 Finanzexperte in Angela Merkels Wahlkampfteam.

Im Tagungssaal des "Interconti" ist Lucke unter gleichen. Kritik muss er während seiner Einführungsrede keine fürchten. Im Gegenteil: Die Parteimitglieder können kaum an sich halten. Nach jedem Halbsatz brandet Applaus auf. Knapp 1500 AfD-Mitglieder sind nach Berlin gekommen. Ein Tsunami von Mitgliedsanträgen habe die "Alternative für Deutschland" in den vergangenen Wochen überrollt, heißt es.

Gegen "Multikulti-Erziehung"

Wieder und wieder betont Lucke, die AfD sei eine Partei der Mitte, eine Partei neuen Typs, weder rechts noch links. Doch so einfach ist das nicht. Während Lucke spricht, demonstriert vor dem Hotel die NPD. Sie vertrete die "wahren" Interessen des "deutschen kleinen Mannes". Doch die bildungspolitischen Positionen der NPD unterscheiden sich kaum von denen der "Alternative". Die warb auf Facebook vor kurzem mit dem Spruch "Klassische Bildung statt Multikulti-Erziehung".

Auf dem Parteitag wird die Deutschtümelei offen zur Schau gestellt. Ein Mitglied trägt eine Deutschland-Schärpe, ein anderer Lederhosen. Beim Jubel wird eine Deutschlandfahne geschwenkt. Die AfD-Mitglieder sind vor allem eines: männlich. Die meisten haben die zweite Lebenshälfte längst erreicht. Wird etwas Vernünftiges gesagt, applaudieren sie. Überschreitet ein Redner seine Redezeit brüllen sie "Schluss".

Der ganze Parteitag scheint eher eine Bauch- denn Kopfsache zu sein. Da wird zwischenzeitlich abgestimmt, dass für jede Koalitionsbeteiligung ein Bundesparteitag einberufen werden muss, egal ob Bunds- oder Kommunalparlament. "Wir als Vorstand haben da nicht verstanden, was wir gerade abgestimmt haben", sagt die stellvertretende Sprecherin Frauke Petry. Sie hatte ihren Mitgliedern zuvor geraten, dem Antrag zuzustimmen.

Nur nicht so wie die Piraten

Ausufernde Diskussionen werden abgebrochen. Es scheint, als fürchte die "Alternative" den Vergleich mit den Piraten. Redezeiten und Zahl der Redner werden von vornhinein festgelegt.

Nicht lange diskutiert wird auch über das vom Vorstand entworfene Wahlkampfprogramm. Lucke gibt ein paar Auszüge zum Besten, dann wird beschlossen und zwar einstimmig. Drüber Diskutieren könne man ja später immer noch. Es gibt stehenden Applaus, rhythmisches Klatschen, Jubelrufe. Dass Lucke vor ihren Augen so eben die Demokratie beugt, scheint die Mitglieder nicht zu stören.

Das Wahlprogramm umfasst auf vier Seiten ganze acht Unterpunkte. Den größten Platz nimmt die "Währungspolitik" ein. Die "Alternative für Deutschland" trete ein, für eine "geordnete Auflösung des Euro-Währungsgebiets". Während seiner Rede ruft Lucke aus: "Wenn der Euro scheitert, dann scheitert doch nicht Europa. Dann scheitert Angela Merkel."

Dennoch eine Gefahr für die Etablierten

Tatsächlich könnte Luckes "Alternative" der Bundeskanzlerin gefährlich werden, egal ob ihnen der Einzug in den Bundestag gelingt oder nicht. Bereits in Niedersachsen konnte Lucke eine schwarz-gelbe Regierung verhindern. Mit den "Freien Wählern" holte er 1,1 Prozent der Stimmen. Genug, um für einen Regierungswechsel zu sorgen.

Nico Schmidt

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