Berlin-Besuch Obama ist für alle da!

Barack Obama ist in Deutschland so beliebt wie kein anderer amerikanischer Politiker seit Bill Clinton. Klaus Wowereit hat das blitzschnell erkannt und will nun ein wenig Glanz von der Aura des Präsidentschaftskandidaten abbekommen. Er ist damit nicht der Einzige in der SPD.
Von Sebastian Christ

Was wären das für Bilder gewesen. Barack Obama, Hoffnungsträger der westlichen Welt, spricht vor dem Brandenburger Tor. Und gleich daneben: Klaus Wowereit. Ein Schulterschluss zwischen Sozialdemokratie und der Geschichte, schließlich wollte der amerikanische Präsidentschaftskandidat seine Ideen zur Erneuerung der transatlantischen Beziehungen verkünden. Bilder, Bilder! Wie von Willy Brandt und John F. Kennedy, damals, 1963. In der PR-Abteilung der Berliner SPD hätten sie eine Magnumflasche Moet geköpft, und in Kalifornien, Michigan, Ohio, Texas, New York oder sonstwo hätten sie alle auf Wowereit gezeigt und interessiert gefragt: "Who's that guy there?"

Die gute Nachricht für den Regierenden Bürgermeister von Berlin: Sein Traum lebt. Die Bundesregierung hat zwar Bedenken gegen den möglichen Auftritt von Obama am 24. Juli angemeldet: Einen Kandidaten dürfe man nicht so empfangen wie einen Präsidenten, so das Argument. Doch der Berliner Senat entscheidet über die Nutzung des Platzes vor dem Brandenburger Tor. Wenn Wowi also will, dann darf er auch. Gegen alle politischen Widerstände.

Der Glanz des brillanten Redners

Wowereit hat gute Gründe, warum er bislang an seinen Plänen festhält. Obama ist in Deutschland so populär wie kein US-Politiker seit Bill Clinton. Seine Reden im Vorwahlkampf waren zum Teil brillant – besonders junge Menschen sehen in ihm den Mann der Zukunft. Das hat sich mittlerweile auch bis in die SPD herumgesprochen, zumal Obama einer der wenigen übrig gebliebenen vermeintlich "linken" Politstars ist. Wowereits Versuch der gastfreundlichen Umarmung war folgerichtig nicht der erste Versuch eines Sozialdemokraten, den Geist des US-Wahlkampfs in die zum Teil staubtrockene Gegenwart der großkoalitionären Bundesrepublik zu pumpen.

Auf dem Zukunftskongress der SPD in Nürnberg unternahm Generalsekretär Hubertus Heil einen ambitionierten, wenn auch gescheiterten Anlauf. Einige Stunden zuvor hatte Kurt Beck eine eher müde Rede gehalten. Nun stand Heil am Podium und animierte das Parteipublikum zum rituellen Skandieren des Obama-Slogans "Yes, we can!". Doch statt eines befreienden, donnernden Brusttons erntete er ein leises Echo, das sich klangtechnisch irgendwo zwischen Schlafwandlerei und politischem Delirium bewegte.

Und Maget joggt

Wochen zuvor war der Spitzenkandidat der bayerischen SPD nach Washington gereist. Franz Maget zog sich ein T-Shirt mit Obama-Konterfei an und joggte – rebellisch genug – am gusseisernen Zaun des Weißen Hauses entlang. Ob George W. Bush auf den Schreck hin eine gepfefferte Protestnote an das Auswärtige Amt nach Berlin sandte, ist nicht überliefert. Aber immerhin gehörte Maget damals noch zur Avantgarde in der deutschen Politik.

Das Motiv des tapferen und durchaus aufrichtigen SPD-Mannes ist klar: Die CSU steckt in einer Krise, und Maget hofft, dass im Land so etwas wie Wechselstimmung aufkommt. Doch der faktische Unterschied zwischen den Umschwungstendenzen in den USA und dem sozialdemokratischen Revolutionspotenzial in Bayern ist derzeit ungefähr so groß wie der Unterschied zwischen einem kaputten Motorroller und einer frisch geölten Harley-Davidson.

Außerhalb der Sozialdemokratie stoßen die Positionen des US-Politikers zum Teil auf Kritik. Als Barack Obama jüngst die Einführung der Todesstrafe für Kinderschänder forderte, gab es Schelte von fast allen politischen Parteien. Die ehemalige Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) appellierte an den demokratischen Präsidentschaftskandidaten: "Herr Obama, die Todesstrafe gehört weltweit abgeschafft!" Grünen-Chefin Claudia Roth widersprach dem Amerikaner energisch, und der CSU-Vorsitzende Erwin Huber sagte: "Kinderschändung ist mit das abscheulichste Verbrechen. Aber das Verbot der Todesstrafe muss absolute Gültigkeit haben."

Kritikfreie "Obamania"?

Der außenpolitische Sprecher der Union im Bundestag, Eckart von Klaeden (CDU), beklagte gar eine weitgehend kritikfreie "Obamania" in Europa. Dabei unterstützen auch CDU-Wähler den Senator aus Illinois: Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Emnid im Auftrag von "Bild am Sonntag" wünschen fast drei Viertel der Bundesbürger, dass Barack Obama der nächste US-Präsident wird. Eine Allparteienkoalition aus Bush-müden Deutschen, die den Obama-Slogan vom Wechsel – "Change" – als Signal der Hoffnung verstehen.

Wie könnte also ein Kompromiss in der O-Frage aussehen? Etwa so: Barack Obama spricht doch vor dem Brandenburger Tor. Tausende jubeln ihm zu. Zu seiner Linken: Klaus Wowereit. Zu seiner Rechten: Angela Merkel. Hubertus Heil heizt mit einem Megaphon der Menge ein, während Franz Maget seine Joggingrunden um den Veranstaltungsplatz dreht und Eckart von Klaeden heimlich sein "Obama 08"-Fähnchen auspackt. Dann wären doch alle glücklich. Oder?


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