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Berlin³ zur Bayern-Wahl: Verliererpartei CSU? Die acht beliebtesten Thesen – und warum sie alle falsch sind

"Krachende Niederlage", "Desaster", "Fiasko von historischem Ausmaß". Die Kommentatoren werfen angesichts der CSU-Niederlage in Bayern mit Superlativen nur so um sich. Zahlreiche steile Thesen sind im Umlauf. Ein genauer Blick in die Wahlstatistik zeigt: Die meisten sind schlicht falsch.

Berlin³ zur Bayern-Wahl - Verliererpartei CSU?

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (l.) mit Bundesinnenminister und CSU-Parteichef Horst Seehofer

AFP

These 1: Das Ergebnis der Bayern-Wahl ist für die CSU eine Katastrophe.

Auf alle Fälle war es – auf gut bayerisch – eine kräftige Watschn. 37,2 Prozent sind für eine Partei, die früher locker 50 Prozent plus x schaffte, mehr als schmerzhaft. Aber: Die CSU liegt damit immer noch mehr als zehn Prozentpunkte über dem Wert, den die Union auf Bundesebene derzeit in Umfragen erzielt. Selbst zu den Glanzzeiten von Strauß und Stoiber ist es der CSU nur höchst selten gelungen, sich mehr als zehn Prozentpunkte vom Bundestrend der Union nach oben abzusetzen.

37,2 Prozent sind ein Wert, von dem viele Landesverbände der CDU nur noch träumen können. Volker Bouffier in Hessen oder Daniel Günther in Schleswig-Holstein, die der CSU jetzt fleißig nicht erbetene Ratschläge erteilen, liegen in Umfragen weit unter dem CSU-Wert. Bouffier kommt gerade mal auf 29 Prozent. In Europa, wo eine Volkspartei nach der anderen stirbt, dürften auf das CSU-Ergebnis erst Recht viele neidisch sein. Die CSU hat auch keine "Rekord-Niederlage" erlitten, wie jetzt oft zu lesen ist. Bei der Landtagswahl 2008 verlor sie 17,3 Prozentpunkte, fast doppelt so viel wie diesmal. Auch damals verlor sie die absolute Mehrheit (und musste anschließend mit der FDP koalieren). Der zumindest vorläufige Abschied vom Alleinregieren ist für die CSU also keine neue Erfahrung. 

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These 2: Bayern hat den Aufstand gewagt gegen die einst allmächtige Staatspartei.

Welcher Aufstand? Die CSU hat von den Wählern in Bayern einen klaren Auftrag bekommen, den Freistaat auch weiterhin zu regieren. Die Wähler sicherten ihr die strategische Mehrheit, das heißt: Sie wollten, dass auch künftig in Bayern keine Regierung gegen die CSU gebildet werden kann. Die CSU hat mehr als doppelt so viele Stimmen bekommen wie die zweitstärkste Partei, die Grünen – und fast viermal so viele wie die AfD. Schaut man sich die Bayern-Landkarte mit den Direktmandaten an, wird deutlich, wie die Verhältnisse auch nach der Wahl in Bayern wirklich sind: Sie ist nach wie vor nahezu flächendeckend schwarz. Von 91 zu vergebenden Direktmandaten gewann die CSU 85.

These 3: In Bayern hat es einen politischen Erdrutsch gegeben, der die Kräfteverhältnisse nachhaltig verändert.

Welcher "Erdrutsch"? Die grundlegenden Kräfteverhältnisse im Freistaat wurden durch die Wahl eher sogar noch weiter zementiert. Der rechtsbürgerliche Block aus CSU, Freien Wählern, AfD und FDP kommt zusammen auf 64,1 Prozent. Der "linke" Block aus Grünen, SPD und Linkspartei nur auf 30,4 Prozent. Gegenüber der letzten Landtagswahl haben die Parteien rechts der Mitte sogar noch zugelegt, und rot-rot-grün hat verloren. Bayern bleibt ein Land mit (wachsender!) bürgerlich-konservativ-rechter Mehrheit, die fast zwei Drittel umfasst. Das ist umso erstaunlicher, weil ein breites linkes Bündnis in den Monaten vor der Wahl mit mehreren Großdemos in München gegen "rechts" und gegen die CSU mobilisierte. Zehntausende gingen dabei auf die Straße. Auf die politischen Mehrheitsverhältnisse in Bayern hatte das aber augenscheinlich keine Auswirkungen.

These 4: Die CSU-Strategie, mit einem konfrontativen Kurs in der Flüchtlingspolitik die AfD klein zu halten, ist gescheitert.

Gegenfrage: Wo würde die AfD heute stehen, wenn die CSU Angela Merkel nicht mit Brachialgewalt eine Abkehr von der anfänglichen "Wir schaffen das"-Politik abgetrotzt hätte? Bei 20 Prozent? Bei 25 Prozent? Bei 30 Prozent? In Bayern ist es der CSU immerhin gelungen, die AfD auf ein äußerst mäßiges Ergebnis von 10,2 Prozent zu drücken. In Ostdeutschland hat die AfD bei den letzten Landtagswahlen deutlich höhere Ergebnisse erzielt. Aber auch im Westen, so in Baden-Württemberg mit 15,1 Prozent, in Rheinland-Pfalz mit 12,6 Prozent. Im Bund liegt die AfD in aktuellen Umfragen zwischen 14 und 18 Prozent. In Hessen, wo CDU-Spitzenmann Bouiffier es mit einem Merkel-loyalen Kurs in der Flüchtlingsfrage versucht, liegt die AfD bei 13 Prozent. Nur 10,2 Prozent für die AfD in Bayern sind da durchaus als Erfolg zu verbuchen. Die CSU hat verhindert, dass Bayern zur AfD-Hochburg wurde.

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These 5: Die CSU hat ihren Status als Volkspartei verloren.

Schöne These – stimmt aber so nicht. Richtig ist, dass die CSU die Gesellschaft nicht mehr so durchdringt wie früher. Aber: Noch immer ist sie in nahezu allen Bevölkerungsgruppen und Milieus stärkste Partei. Die CSU liegt in sämtlichen Altersgruppen vorne, zum Teil mit deutlichem Abstand – auch bei den ganz jungen Wählern zwischen 18 und 24 Jahren. Nummer eins bleibt sie auch in allen Berufsgruppen, vom Selbständigen bis zum Arbeiter. Gleiches gilt für den Bildungsgrad. Sogar unter den Menschen mit hoher Bildung, wo die Grünen traditionell große Sympathien genießen, bleibt die CSU Spitzenreiter.

These 6: Die CSU hat ein Frauen-Problem.

Das Gegenteil ist richtig. Keine Partei wurde von den Frauen in Bayern so häufig gewählt wie die CSU. 37 Prozent der weiblichen Wähler machten ihr Kreuz bei der Söder-Seehofer-Partei – aber nur 20 Prozent von ihnen wählten Grün. Auch 37 Prozent der Männer wählten CSU. Die CSU kommt also bei Frauen genauso an wie bei Männern – allerdings bei beiden Geschlechtern nicht mehr so gut wie früher.  

These 7: Viele CSU-Wähler sind aus Frust über den konservativen Kurs ihrer Partei zu den Grünen übergelaufen.

Lieblingsthese auf allen deutschen Redaktionsfluren – die aber durch Zahlen aus der Wahlstatistik nur auf den ersten Blick gestützt wird. 190.000 Wähler hat die CSU an die Grünen verloren. Das sind gerade mal acht Prozent ihrer früheren Wähler. Viele mehr hat die SPD an die Grünen verloren: 230.000 Wähler, das sind 24 Prozent ihrer früheren Wähler. Die Grünen haben also vor allem das SPD-Wählerpotenzial zu sich lenken können und nicht das der CSU. An Freie Wähler und AfD hat die CSU doppelt so viele Wähler verloren wie an die Grünen. Der größte Einzelposten bei den CSU-Verlusten ist allerdings gar nicht politisch zu erklären, sondern biologisch: 240.000 Menschen, die beim letzten Mal noch CSU wählten, sind inzwischen tot.

These 8: Die CSU hat ein Großstadt-Problem. Die neue Großstadt-Partei in Bayern sind die Grünen.

Noch schönere These – stimmt aber ebenfalls nicht. Was Journalisten und auch Politiker allerdings nicht daran hindert, sie ständig wiederzukauen. So sagte Nordrhein-Westfalens CDU-Ministerpräsident Armin Laschet nach der Wahl in Bayern: "Wir müssen jetzt nach diesem Ergebnis klar erkennen, ein Rechtsruck ist falsch (…) Unser eigentlicher Wettbewerber sind jetzt die Grünen. In jeder Stadt über 100.000 Einwohner liegen die in Bayern vorne." Laschet redet Unsinn. Richtig ist vielmehr: In den meisten bayerischen Großstädten mit mehr als 100.000 Einwohnern liegen gerade nicht die Grünen vorne – sondern die CSU. Es gibt acht solcher Städte in Bayern – in sechs von ihnen ist die CSU auch weiterhin stärkste Kraft. Nur in München (dort auch "nur" in fünf von neun Stimmkreisen) und in Würzburg konnten die Grünen ein Direktmandat holen. Sogar in Uni-Städten wie Erlangen oder Regensburg liegt die CSU vor den Grünen.

Fazit also: Trotz zum Teil herber Verluste bleibt die CSU in Bayern stärkste Großstadt-Partei. Dass die CSU in den urbanen Ballungsräumen aber nicht gerade ihre Hochburgen hat, ist keine neue Erscheinung. Sie war dort immer relativ schwach. München ist eigentlich traditionell eine SPD-Hochburg. Auch hier haben die Grünen also vor allem die SPD politisch beerbt, und nicht die CSU. Stimmkreise wie Schwabing konnte die CSU dort auch früher schon, wenn überhaupt, nur mit knappem Vorsprung gewinnen. Das Gute für die CSU: Die meisten Menschen in Bayern leben ohnehin nicht in Städten über 100.000 Einwohner, sondern in der Provinz: in Kleinstädten und auf dem Land.

Gesamt-Fazit: Es hat in Bayern keinen politischen Erdrutsch gegeben

Die CSU hat eine schwere Wahlniederlage erlitten, die aber nicht so schlimm ist wie die von 2008. Es hat in Bayern keinen politischen Erdrutsch gegeben: Das Lager rechts der Mitte ist stärker, nicht schwächer geworden. Die Mehrheit will, dass die CSU weiterhin das Land regiert. Die Grünen beerben vor allem die SPD, nicht die CSU. Die CSU verliert vor allem an AfD, Freie Wähler – und weil ihr Wähler wegsterben. Die CSU hat kein ausgeprägtes Frauen-Problem. Auch wenn ihr Rückhalt spürbar abnimmt, bleibt sie stärkste Kraft in allen Schichten des Volkes. Sie bleibt auch, trotz beachtlicher grüner Erfolge, weiterhin die dominierende Großstadt-Partei. Es ist der CSU besser als vielen in der Schwesterpartei CDU gelungen, die AfD kleinzuhalten.

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fs